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SWR3 Gedanken

Heilige Momente- ja, es gibt sie. Momente in denen man denkt: Für diesen einen kurzen Moment ist einfach alles gut. Man ist ganz bei sich. Man ist ganz und gar zufrieden. Solche Momente sind selten und kostbar und meistens kommen sie ganz von selbst. Das heißt, man kann sie selten selber machen.
Heilige Momente – ich glaube, das sind kleine Gottesgeschenke an uns in unserem alltäglichen Einerlei. Wenn wir zum Beispiel erleben dürfen, wie wir in einer ganz gefährlichen Situation bewahrt bleiben. Oder als sie nach einer bestandenen Prüfung irgendwann begriffen haben, dass sie es wirklich geschafft haben. Oder wenn der Arzt nach einer Untersuchung sagte, dass der Befund doch negativ ist.
Ein solcher Heiliger Moment war es für mich, als mir gesagt wurde, dass ich zur Pfarrerin gewählt wurde in der Gemeinde, in der ich jetzt arbeite. In diesem Moment gab es kein großes Gerede. Es gab auch zuerst keinen großen Jubel.
Es gab nur ein überwältigendes Gefühl von ungetrübter Dankbarkeit und Freude, die mich erfüllte: „Danke, Gott.“
In der Bibel sind es solche Momente, die einen Menschen verändern, ihn zu einem anderen machen als er vorher war. Sie schenken einen neuen Blick auf die Dinge des Lebens, zeigen einem neu, was wirklich wichtig ist.
Ich nenne sie ein Geschenk Gottes. Goethe nennt sie ein Geschenk eines liebenden Geschicks, wenn er schreibt.
Ich weiß, dass mir nichts angehört
als der Gedanke, der ungestört
aus meiner Seele will fließen,
und jener günstige Augenblick,
den mich ein liebendes Geschick
von Grund auf lässt genießen. https://www.kirche-im-swr.de/?m=2198
Trinität
Trinität? Wie war das noch mal mit der Trinität? Es wäre spannend, wenn wir mit der Frage mal die Pisa-Polizei losschicken würden. Alle Jahre wieder frage ich mich jedenfalls: wie erkläre ich das meinen Konfis. Dass wir an nur einen Gott glauben, aber Ihm trotzdem verschiedene Namen geben? Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist? Also sozusagen drei in einem?
Gar nicht mehr langweilig ist das mit der Trinität zum Beispiel im Dialog mit den Muslimen. Die können Jesus zwar als Propheten anerkennen, nicht aber als Gottes Sohn und vermuten deshalb, wir hätten mehrere Götter.
Nur: Wie erkläre ich das meinen Konfirmanden?
Irgendwann fiel mir ein Bild ein: „Also, stellt euch mal vor“, sagte ich, „ihr steht unten am Fuß eines Berges. Dieser Berg hat drei Seiten und je nachdem, wo ihr gerade steht, nehmt ihr eben nur diese eine ganz bestimmte Seite des Berges wahr. Und natürlich eben auch deren Besonderheiten. Und auch, wenn ihr drei ganz verschiedene Seiten des Berges wahrnehmen könnt, ist es doch immer noch nur ein und derselbe Berg und nicht drei verschiedene Berge. Wenn ihr euch in einen Hubschrauber setzen würdet und darüber hinweg fliegen würdet, dann könntet ihr das sehen.“ Ich denke, so ist es auch mit dem dreieinigen Gott: Je nachdem in welcher Lebenssituation ich mich befinde, erlebe ich von Gott ganz unterschiedlichen Seiten: Einige Frauen, die ein Baby zur Welt gebracht haben, erzählen mir z. B., dass sie ein ganz intensives Verhältnis zum Schöpfergott bekommen hätten. Jesus Christus kann man begegnen, wenn man Vergebung von Schuld erfährt. Und den Heiligen Geist spürt man vielleicht, wenn man erlebt, dass einem Kräfte zufliegen, um etwas durchzustehen. Kräfte, von denen man nie gedacht hätten, dass man sie haben könnte. Mag sein, dass das mit der Trinität manchmal schwer zu denken ist. Aber ehrlich: ich mag auf keine dieser Formen verzichten. https://www.kirche-im-swr.de/?m=2197
„Ist nicht Platz der wahre Luxus?“ Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Werbung einer großen Autofirma. Platz ist sicher Luxus, aber wenn es schon um Luxus geht, dann würde ich lieber fragen: „Ist nicht Zeit der wahre Luxus?“
Das fängt doch schon morgens an. Der Wecker klingelt zu einer Unzeit. Sie stehen auf, springen unter die Dusche, machen Frühstück, fahren die Kids in die Schule oder in den Kindergarten. Danach gehen sie entweder selbst zur Arbeit oder einkaufen, Haus sauber machen, beim Arzt die Überweisung abholen, zur Apotheke, ach genau ins Einwohnermeldeamt müssen sie ja auch noch – also schnell, bevor das Amt zumacht! Hektik pur – also da frage ich doch wirklich eher: „Ist nicht Zeit der wahre Luxus?“
Stellen sie sich mal vor, sie könnten einfach mal ausschlafen, aufstehen, wann immer sie wollten und dann – ganz relaxed – eine Sache nach der anderen angehen. Wäre das nicht genial? Aber nein: Man springt und springt. Und so wird Zeit tatsächlich etwas außergewöhnlich Wertvolles, – nämlich zu Luxus.
Bernhard von Clairveaux – ein großer Kirchenmann – hat übrigens diese Geschäftigkeit schon im 12. Jahrhundert erlebt und drüber nachgedacht. Er meint: „Wie lange noch schenkst du allen andern Deine Aufmerksamkeit, nur nicht dir selber? Denk also daran: Gönne dich dir selbst. Ich sage nicht: Tu das immer. Ich sage nicht: Tu das oft. Aber ich sage: Tu es immer wieder einmal!“
Ich versuche daraus zu lernen: Genau dann – wenn eigentlich der größte Stress ist – dann nehme ich mir ein paar Minuten Auszeit und schalte den Anrufbeantworter ein. Keine halbe Stunde – das klappt eh nicht. Aber ein paar Minuten – um mal tief Luft zu holen, gar nichts zu hören – oder vielleicht mein Lieblingslied in SWR 3. Eine Tasse Tee trinken, ins Leere starren oder die Rosen im Garten genießen. Meine Erfahrung ist: ich kann die Hektik danach besser angehen. Ist nicht Zeit der wahre Luxus? Ja, ist sie. Und was Luxus ist, das pflegt man doch, oder?
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„Frau Pfarrerin, können sie mir eine Bestätigung schreiben?“ Ich stand am Grill mit den Steaks für die Jugendgruppe und drehte mich zu Benjamin um. „Was brauchst du denn? Was für die Schule?“ „Ne!“, kam grinsend die Antwort, „für meine Mama.“ -„Worum geht’s denn?“ wollte ich wissen. Und Benjamin erklärte: „Also ich will mir ein T-Shirt kaufen und das will meine Mama nur bezahlen, wenn sie bestätigen, dass das, was da drauf steht keine Gotteslästerung ist!“ „Was steht denn drauf“ fragte ich zurück. „Auf dem T-Shirt steht: Auch als Gott hat man’s nicht leicht.“ Das war typisch Benjamin. Der war einfach clever. Klar, dass er mit dem T-Shirt kein Glaubensbekenntnis abgeben wollte, dass Gott es mit uns unvernünftigen und ungläubigen Menschen ja ach so schwer hat.
Benjamin wollte sagen: „Ich bin Gott und ich hab’s mit euch normalem Fußvolk ganz schön schwer!“ Und das war echt eine Entdeckung für ihn. Denn Benjamin war nämlich der Ansicht, dass Gott, wenn er wirklich alles kann, ja gar keinen Stress haben kann und einen leichten Job hat! Und dann hat er versucht, ganz cool zu sein und sich ein bisschen wie Gott zu fühlen. Und hat dabei gemerkt: auch als Gott hat man’s nicht leicht.
Und da konnte ich ihn nur bestätigen. Nach allem, was man aus der Bibel erfährt, hat Gott einen ganz schön schweren Job mit uns: Kaum hat er den Menschen geschaffen, beschließt der, dass er doch eigentlich alles viel besser kann als Gott. Und das hat sich bis heute nicht verändert. Noch immer glauben wir Menschen doch wohl, die besseren Götter zu sein und die Welt nach eigenen Maßstäben verändern und lenken zu können.
Benjamin hat von mir seine Bestätigung bekommen. Wo er Recht hat, hat er nun mal Recht.
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Maulend stand meine kleine Freundin Jana vor mir: „Wenn meiner Mama kalt ist, muss ich die Jacke anziehen...!“ Widerstrebend zog sie die Jacke dann doch über und ich muss mich sehr zusammen nehmen, um nicht zu lachen.
Mittlerweile ist das in unserem Freundeskreis ein geflügeltes Wort geworden.
„Wenn meiner Mama kalt ist, muss ich die Jacke anziehen...!“... und jeder weiß sofort, wenn der Spruch kommt: „Ok, du bist mal wieder übers Ziel hinaus geschossen, du hast wieder versucht, jemandem was überzustülpen, was er gar nicht will!“ Und das ist so ein blödes Gefühl! Weil man ja eigentlich Recht hat, und weil man’s ja eigentlich nur gut meint.
Immer wieder ertappe ich mich dabei. Z.B. in meiner Jugendgruppe, wenn’s ums Lernen für die Schule geht oder um Lehrstellen. Ich versuche mich dann daran zu orientieren, wie Jesus das gemacht hat. Es gibt eine Geschichte, da wird er nämlich von einem Mann gefragt: Sag mir, was soll ich machen, um in den Himmel zu kommen. Nun sollte man meinen, dass Jesus das wohl besser weiß, als jeder andere. Also zählt er ihm auf, welche Gebote er einhalten soll. Aber das weiß der junge Mann schon. Schließlich fordert Jesus ihn auf, auch noch sein Hab und Gut zu verkaufen und ihm nachzufolgen. Und da kapituliert der Mann. Das schafft er nicht. Er geht.
Und Jesus lässt ihn ziehen. Obwohl er weiß, dass der Mann damit eine riesige Chance verpasst. Jesus versucht nicht ihn, mit allen möglichen Argumenten – und natürlich mit den besten Absichten - von seinem Heil zu überzeugen. Er nimmt dessen Entscheidung ernst. Ob ihm das schwer gefallen ist? Keine Ahnung. Meistens schreibt die Bibel ja nicht viel über Gefühle. Wie auch immer: Er lässt ihn gehen. Ganz schön stark.
Ich weiß nicht, ob ich mein Gegenüber in seinen Entscheidungen immer so ernst nehmen kann. Ich befürchte ich muss mir bestimmt noch oft anhören, dass ich mal wieder jemandem eine Jacke übergestülpt habe, die der gar nicht wollte.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2194
Heute vor zwei Jahren raste der Hurrican Rita über Amerika. Es gab dabei Schäden in Millionenhöhe. Und während wir das an den Fernsehgeräten gebannt verfolgten, kämpften Mensch und Tier in Amerika ums Überleben
Wie immer bei solchen Katastrophen fragen Menschen: Wie kann Gott das zulassen? Wie kann man von Gottes Liebe sprechen, wenn sogar Kinder getötet werden? Dieser Zweifel an Gott scheint so alt zu sein wie der Glaube an ihn. Hiob zum Beispiel im Alten Testament: Er verliert durch einen Überfall sein ganzes Hab und Gut. Und: Durch einen furchtbaren Sturm- vielleicht ähnlich dem Hurrican Rita - kommen seine Söhne und Töchter ums Leben. Und immer noch hält Hiob an Gott fest: „Haben wir Gutes von Gott empfangen, sollten wir dann das Böse nicht auch annehmen?“ Über so viel Glauben kann ich nur staunen! Sich in der Katastrophe an das Gute erinnern, neben der Klage auch Raum geben für Dankbarkeit- wer kann das schon? Schließlich wird Hiob auch noch mit einer furchtbaren Krankheit geschlagen, so dass er sich nur noch wünscht, sterben zu dürfen. Er fordert Gott heraus. „Warum?“ fragt er. „Was willst du von mir?“ Aber Gott gibt Hiob nicht die Antwort, die der gerne gehört hätte. Aber immerhin: Er nimmt ihn ernst und redet zu ihm. Er führt ihn hinaus aus seiner menschlich begrenzten Sicht. „Wo warst du, Hiob“, fragt Gott, „als ich die Erde gründete?“
Hiob ist mir mit seinem Glauben wirklich fast zu übermenschlich, aber eines möchte ich mir doch von ihm sagen lassen, wenn ich mal wieder mit Gott hadere: Dass ich neben meiner Klage und meinem Schmerz eine Ahnung davon bekomme: dass das, was mich gerade jetzt umtreibt, nicht alles ist. Ich kann immer nur einen winzigen Ausschnitt sehen und verstehen – nie das Ganze.
„Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild“, sagt die Bibel. Aber sie weiß auch: „Irgendwann werde ich erkennen, wie ich schon längst erkannt bin.“
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„Gibt es Gott?“ fragte mich der skeptische Vater eines Konfirmanden, der mich aus der Reserve locken wollte. Ich antwortete, wie man das von mir als anständiger Pfarrerin erwartet: „Klar gibt es Gott. Davon bin ich überzeugt“.
Ein ungläubiges, fast mitleidiges Lächeln war die Reaktion und die sinngemäße Wiedergabe eines Zitates des Kosmonauten Juri Gagarin, dass er auf seinem Flug ins All Gott nicht gesehen habe. Ich gebe zu: Wir haben es mit dem Glauben an Gott wirklich nicht leicht. Schließlich haben wir seit der Aufklärung vor über 300 Jahren gelernt: nur die Dinge sind real und wirklich, die man messen, wiegen und zählen kann – kurz: Nur was man beweisen kann, ist auch wirklich. Deshalb meint der Vater meines Konfirmanden wohl auch, der Glaube an Gott sei nichts als ein eklatanter Rückfall ins Mittelalter. Das finde ich allerdings zu kurz gedacht. Denn wenn wir nur das ernst nehmen, was man beweisen, messen, zählen kann: Was würde uns da alles entgehen? Die Liebe z.B.: Sorry, aber die kann man nicht messen oder wiegen! Oder Trauer – oder Vertrauen. Klar, der skeptische Konfirmandenvater hat in einem Punkt Recht: Es gibt nicht einen handfesten wissenschaftlich Beweis dafür, dass es Gott gibt. Aber ich frage zurück: Gibt es einen Beweis, dass es Gott nicht gibt?
Als ich Kind war, hat mir mein Vater vor dem Schlafengehen schon mal das Lied „Der Mond ist aufgegangen“ gesungen. Da heißt es: „Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen – und ist doch rund und schön. So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn!“ Danke, Matthias Claudius. Schöner kann man das kaum beschreiben, warum man auch nach der Aufklärung weiterhin glauben darf, dass es Gott gibt.
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