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SWR3 Gedanken

Nach 84 Tagen Pause startet heute wieder die Bundesliga. Für die einen Grund zum Stöhnen, für die anderen das langersehnte Ende der fußballlosen Zeit. Stefan Markolf von Mainz 05 dürfte dem Anpfiff entgegenfiebern. Er steht wahrscheinlich morgen erstmalig in der Startelf der Mainzer, weil sich der eigentliche Linksverteidiger Marco Rose in einem Testspiel verletzt hat.
Stefan Markolf ist einzigartig im deutschen Profi-Fußball: seit seiner Geburt ist er zu 90% gehörlos. Für viele Fachleute ist er und sein Profivertrag eine kleine Sensation. Denn auf dem Spielfeld kommt es auf gute Kommunikation an. Stefan Markolf findet es dagegen selbstverständlich. Er sagt: „Von klein auf habe ich die Konzentration mehr auf das Sehen ausgerichtet. Ich bin nicht so sehr auf Zurufe angewiesen, ich kann das Spiel lesen.“
Und tatsächlich: Die Sinnesorgane von Gehörlosen gleichen meist das fehlende Gehör aus. Sie fühlen Erschütterungen und Luftbewegungen, die wir gar nicht wahrnehmen. Ihre Augen sind konzentrierter und können Wörter von den Lippen ablesen. Sie haben viel mehr Möglichkeiten, sich zu verständigen als Menschen ohne Handicap.
Auch der Mainzer Trainer Jürgen Klopp bestätigt das: „Im Spiel sucht Stefan oft den Blickkontakt zu mir und seinen Mitspielern. Er orientiert sich an Gesten und ganz anderen Dingen als wir.“
Am Beispiel von Stefan Markolf wird es mir mal wieder ganz besonders bewusst: in vielen Bereichen sind Gehörlose weit weniger gehandicapt als wir. Das Gehör fehlt ihnen zwar, aber sonst haben sie uns einiges voraus.
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Die Chance, heute Nacht eine Sternschnuppe zu sehen, ist besonders groß. Denn jedes Jahr um diese Zeit kreuzen sich die Bahnen der Erde und der „Perseiden“. Das ist ein „Meteorstrom aus Auflösungsmaterial des Kometen Swift-Tuttle“. Wem das zu kompliziert klingt: im Volksmund heißen diese Sternschnuppen einfach „Laurentiustränen“.
Die „Laurentiustränen“ sollen vom Hl. Laurentius stammen. Er wurde am 10. August im Jahr 258 von den Römern zu Tode gefoltert.
Der Legende nach wurde der damalige Papst Sixtus von den Römern festgenommen. Vor seiner Enthauptung beauftragt er Laurentius, den Kirchenschatz an die Armen von Rom zu verteilen. Kaiser Valerian bekommt Wind von der Sache und lässt ihn unter Folter nach dem Versteck des Schatzes fragen. Laurentius sagt: „Lasst mir drei Tage Zeit, dann will ich euch den Schatz der Christen herbei schaffen.“ Die Frist läuft ab und Laurentius präsentiert den Römern eine Schar zerlumpter und ausgehungerter Bettler. „Dies ist der Schatz der Kirche.“
Kaiser Valerian fühlt sich verschaukelt und lässt Laurentius auf einem glühenden Eisenrost langsam zu Tode martern. Aber selbst unter diesen Qualen bewahrt Laurentius seinen Humor und soll zum Foltermeister gesagt haben: „Jetzt kannst du meinen Leib wenden, auf dieser Seite ist er gut gebraten.“
Das mag nun lustig klingen, aber mich machen solche Berichte nachdenklich: und dann wünsche ich mir, ab und zu auch etwas überzeugender für meine Meinung eintreten zu können. Vielleicht ist das ein Wunsch für heute Nacht, wenn ich eine der Laurentiustränen am Sternenhimmel sehe.
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Second Life, die virtuelle Welt im Internet, bietet eine ganze Menge. Fast wie im richtigen Leben kann man umherlaufen, Shoppen oder mit Immobilien handeln. Bald kann sogar der Kölner Dom besucht werden. Die Dombauverwaltung tüftelt gerade an einer virtuellen 3-D-Kathedrale, die ab Mitte August online sein soll.
Letztes Jahr wurden die Mitgliedsbeiträge bei Second Life abgeschafft. Seitdem boomt dort auch das religiöse Leben. Das hat mich neugierig gemacht. Ich habe also einen virtuellen Charakter erschaffen und mich mal umgesehen im Second Life.
Es ist 11 Uhr Second Life Zeit. Ich betrete mit meinem Charakter die Jesus-House-Kirche. Mit mir sind noch ca. zehn andere Figuren da. Sie chatten miteinander. Ich will mir das ganze erst mal von der Empore aus anschauen. Etwas verspätet tritt der Pfarrer ans Lesepult. Erst informiert er uns darüber, dass wir per Mausklick den Ton anschalten können. Dann hören wir Kirchenmusik, ein Gebet und die Predigt.
Am Eingang habe ich ein Paket mit Gebetshaltungen für meine Figur aufgenommen. Ich kann wählen zwischen Tanzen, Arme heben oder der klassischen Gebetshaltung mit gefalteten Händen. Nach dem Gottesdienst chatte ich noch etwas und erfahre viel über die anderen Besucher aus aller Welt. Inzwischen soll es sogar schon Beerdigungen und Eheschließungen in Second Life geben, aber auch Bibelkreise, Meditationsgärten und bald eben auch den Kölner Dom.
Ich finde, das äußere Gesicht der Religion ähnelt schon sehr dem aus der echten Welt: Gebäude, verschiedene Angebote und Rituale. Und für den ein oder anderen mag die Anonymität des Internets vielleicht sogar inspirierend sein.
Mir ist es allerdings nicht gelungen, Gott ein Stück näher zu kommen. Und das ist schließlich der Kern einer Religion. Ich glaube, dafür braucht es immer noch Begegnung mit echten Menschen aus Fleisch und Blut. Aber die treffe ich nicht im Second Life, sondern nur ersten Leben.
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Helga Luther ist 83 Jahre alt. Sie ist eine der Frauen, die das Konzentrationslager Ravensbrück überlebt haben. Anfang des Jahres wurde sie von Horst Köhler für ihr vorbildliches Engagement geehrt.
Helga Luther erinnert sich an ihre Ankunft im KZ: „Es roch nach Feuer und verbranntem Fleisch, Hunde bellten und es lag Angst in der Luft.“ Die Aufseherinnen nannten die Gefangenen „Dreckstücke“ und schikanierten sie. Sie mussten Kot rühren und stundenlang in der Kälte stehen.
Nach dem KZ kam es aber noch schlimmer: 1981 wurde einer ihrer beiden Söhne von Rechtsradikalen auf offener Straße erschossen. Doch Helga Luther muss ein sehr großes Herz haben. Für mich ist es zwar unvorstellbar, aber sie hat es offenbar geschafft, den KZ-Aufseherinnen und selbst den Mördern ihres Sohnes zu verzeihen. Heute engagiert sie sich sogar für kriminell auffällige Jugendliche aus der rechten Szene. Sie geht in Schulen und Jugendtreffs und erzählt vom eigenen Elend mit den Nazis. Über die rechten Jugendlichen sagt sie: „Diese Menschen sollen erfahren, dass auch sie liebenswert sind.“
Vor einiger Zeit hat ein Fernsehsender ein Wiedersehen arrangiert mit einer der ehemaligen KZ-Aufseherinnen. In einem Berliner Café trifft Helga Luther auf eine blasse und magere Frau. Sie erkennen sich sofort. Bei einem gemeinsamen Besuch in Ravensbrück leben die schlimmen Erinnerungen wieder auf. Plötzlich fragt die ehemalige Aufseherin: „Wird Gott mir jemals verzeihen?“
Wir Christen glauben, dass Gott immer auf der Seite der Opfer steht. Den Tätern kann er aber trotzdem vergeben. Im Alten Testament steht: „Herr, du bist gütig und bereit zu verzeihen. Für alle, die zu dir rufen, reich an Gnade.“ Und manchmal können wir etwas von dieser unvorstellbaren Gnade sogar spüren. Dann nämlich, wenn wir Menschen wie Helga Luther begegnen.
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Früh morgens um 3.45 Uhr setzt sich Dietmar Kattinger auf den Beifahrersitz eines 40-Tonners. Eigentlich ist er Theologe im Bistum Münster. Aber heute will er den Arbeitstag eines Fernfahrers kennen lernen. Abends um 18 Uhr ist er sich dann sicher: „Dieser Beruf zählt für mich zu den härtesten und gefährlichsten, die es gibt.“ Ja, der Beruf des Fernfahrers ist kein Zuckerschlecken: Jeden Tag allein unterwegs, getrennt von der Familie, unter enormem Zeitdruck und ständig den Gefahren des Verkehrs ausgesetzt.
Dieses Einzelkämpfer-Dasein hat Dietmar Kattinger auf die Idee gebracht, ein Gebetbuch von und für Fernfahrer zu machen. Das Büchlein soll im September erscheinen. Es wird rund 200 Gebete enthalten. Von den Fahrern selbst, aber auch von ihren Familien und Arbeitgebern.
Einige Gebete sind schon beim Bistum Münster eingegangen. Und die Themen sind ganz unterschiedlich: die Sorge um eine gute Fahrt, um die strapazierte Ehe, um den Erhalt des Arbeitsplatzes. Oder der Dank dafür, gerade einem Unfall entronnen zu sein oder für das freundliche Wort der Bedienung an der Raststätte.
Klemens Tabke ist Fernfahrer. Sein Führerhaus ist gut ausgestattet: Telefon, Kühlbox, Standheizung. Ein Gebetbuch gehört bisher noch nicht dazu. „Eine tolle Idee“, meint er. „Wenn abends nach dem Essen Ruhe ist oder wenn ich mal wieder auf´s Entladen warte, dann wäre das eine tolle Sache.“
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„The Zimmers“ – das ist eine gecastete Band aus England. Ihre erste Single steigt Anfang Juni auf Platz 26 der britischen Charts ein. Soweit nichts Ungewöhnliches.
Aber jetzt wird’s kurios: Das Durchschnittsalter der „Zimmers“ beträgt 79 Jahre. Der Band-Senior Buster Martin ist sogar schon hundert. Und Leadsänger Alf Carretta hat kaum noch Zähne im Mund.
Die Geschichte von der Rentnerband, die die Charts stürmt, fängt damit an, dass eine Bingo-Halle in London geschlossen werden soll. Die Rentnergruppe um Alf Carretta leistet Widerstand. Doch wer hört schon auf eine Gruppe Senioren.
Irgendwie bekommt der Dokumentarfilmer Tim Samuels von der BBC Wind von der Sache. Er sagt: „Wenn man eine Gesellschaft danach bewerten kann, wie sie mit ihren alten Menschen umgeht, dann haben wir ein Problem. Ich will ihnen dabei helfen, sich zu wehren.“
Tim Samuels bringt die Bingo-Kämpfer mit anderen schlecht versorgten oder vereinsamten Alten zusammen. Er will einen Dokumentarfilm drehen über die Probleme der Alten in der Gesellschaft. Neben dem Dreh hat er die Idee zu einem Protestsong. Er geht mit der Rentnertruppe in ein Tonstudio. Dort entsteht eine Cover-Version - ausgerechnet vom „The Who“ - Hit „My Generation“.
Das Video zum Song hat inzwischen Kultstatus erreicht. Es wurde über dreieinhalb Millionen Mal bei YouTube aufgerufen. Ich finde, das Video wirklich gut gemacht. Es spart nicht mit Gesellschaftskritik: Immer wieder halten Senioren Protestplakaten in die Kamera. Und man sieht endlich mal ungeschminkte Menschen, wie sie wirklich sind. Viele Falten, wenig Zähne und dicke Brillen. Dafür jede Menge Senioren-Power und ehrlichen Spaß an Bewegung und Musik. Die Einnahmen aus dem Song kommen übrigens einem Alten-Hilfswerk zu Gute.
Ob bewusst oder unbewusst: Tim Samuels hat hier im ursprünglichen Sinn christlich gehandelt. Er hat das Anliegen Jesu in unsere Zeit gebracht. Er hat einer gesellschaftlichen Randgruppe Gehör verschafft, und ihr neues Leben eingehaucht.
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Es gibt einen Haufen Möglichkeiten, Gutes zu tun. Ob Testamentspende, Patenschaft, Zeitspende, Sponsoring oder Know-How-Spende: die klassische Geldspende hat inzwischen ganz schön Konkurrenz bekommen.
Und jetzt gibt´s noch was Neues: die sogenannte Pfand-Spende. Bei der Leergut-Rückgabe im Supermarkt kann ich am Automaten einen Zusatzkopf drücken. Und schon gehen meine 25 Cent statt in den eigenen Geldbeutel an eine Hilfsorganisation. Natürlich ist die Spende freiwillig, denn den normalen Bon-Knopf gibt es weiterhin. Ich kann also auch nur einen Teil meines Leerguts spenden.
In Skandinavien, Holland und der Schweiz gibt es das Pfand-Spenden schon länger. Tausende von Leergutautomaten sind dort bereits mit dem Spendenknopf ausgestattet. In Deutschland stehen die ersten Automaten jetzt in einer Supermarktkette in Oldenburg. Sie wurden dort vom Malteser-Hilfsdienst aufgestellt.
Diese Hilfsorganisation ist aus dem Malteser-Orden entstanden. Ein Ritterorden, der sich im Mittelalter auf Malta angesiedelt hat, um Durchreisende vor Piraten zu schützen. Heute machen die Malteser durch andere ritterliche Taten auf sich aufmerksam. Die ersten Pfand-Spenden gehen nämlich an den Malteser Einkaufsdienst in Oldenburg. Der bringt alten oder behinderten Menschen ihre Einkäufe nach Hause.
Und ich darf mich demnächst vielleicht auch als kleiner Ritter fühlen, wenn ich am Leergutautomaten stehe und statt der Bon-Taste den Pfand-Spende-Knopf des Malteser-Einkaufsdienstes drücke.

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