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SWR3 Gedanken

Meine Jugendgruppe hat mich zu einem Konzert überredet. 70.000 Leute und wir mittendrin. Geschiebe, Ellebogenchecks. Ich bin knapp 1.70 m groß. Keine Chance, irgendwas anderes zu sehen als Köpfe und klatschende Hände. Zum Glück gibt’s da die riesige Leinwand, die auch für Leute wie mich, die Stars ganz groß macht und zum Greifen nah! Ein paar aus meiner Gruppe drängen sich mit viel Einsatz weiter nach vorne. Ich bleibe, wo ich bin, mir ist der Act dazu einfach zu groß. Plötzlich ein Kreischen links und rechts neben mir. „Tiiiine!!“ Erst denke ich, mir fallen die Ohren ab und dann die Augen aus dem Kopf. Da ist doch tatsächlich ein Mädel aus meiner Gruppe auf dieser Leinwand zu sehen! Riesengroß und super zu erkennen! Und Tine, die das mitkriegt – strahlt und winkt. Dann ist der Moment auch schon wieder vorbei. Einen winzigen Moment war Tine was Besonderes, einen Moment lang aus der Menge herausgehoben.
Mich erinnert das an die Geschichte vom Zöllner Zachäus in der Bibel. Der war klein, wollte gern Jesus sehen und konnte es doch nicht. Da macht Zachäus es wie Tine: Er arbeitet sich nach vorne, klettert sogar auf einen Baum und kriegt tatsächlich Jesus zu sehen und: Jesus sieht ihn auch! Ein einzigartiger Moment. Und Jesus spricht ihn an, holt Zachäus von seinem Baum herunter und macht ihn für einen Moment vor allen Anderen zu etwas Besonderem. Er lädt sich sogar bei ihm zum Essen ein. Ein einziger Abend - und dann ist Jesus wieder weg.
Vielleicht ist das genau so mit dem Glauben: Vielleicht sind es wirklich nur winzige kostbare Momente, in denen du dich Gott ganz nahe fühlst, Momente, in denen du spürst, dass du vor ihm etwas ganz Besonderes bist – und dann sind diese Momente auch schon wieder vorbei.
Aber selbst solche winzigen Momente in Gottes Nähe können dich verändern.
Bei Zachäus war das so. Er hat sein Leben radikal zum Besseren umgekrempelt. Na ja, und da kippt dann auch mein Vergleich mit Tine, denn: Tine ist immer noch Tine. Aber schließlich war die Band ja auch nicht Jesus.
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„Meine Frau sagt auch immer, ich wäre so sensibel“. schreibt Hanns Dieter Hüsch in einem Gedicht und erzählt, wie er eine Biene aus dem Swimmingpool rettet oder einen Käfer über die Straße bringt.
Seit ich das Gedicht gelesen habe, bin ich vorsichtiger beim Kehren und beim Staubsaugen. Selbst die riesige Spinne mit Stoßzähnen und Haaren an den Beinen findet jetzt bei mir Gnade. Statt sie wegzusaugen, hole ich jetzt ein großes Glas, stülpe es todesmutig über die Spinne und trage sie raus... besonders angenehm ist mir das nicht wirklich – aber irgendwie tut mir die Spinne leid und ich denke: Ich habe nicht das Recht, sie einfach totzutreten oder aufzusaugen, nur weil mir nicht gefällt, dass sie sich gerade einen Weg quer durch mein Wohnzimmer bahnt.
Übertrieben? Sensibel? Ja, vielleicht. Aber irgendwo muss man doch anfangen, meine ich. Ob das nun beim Klimaschutz mit Energiesparlampen ist, oder bei der Rettungsaktion meiner haariger Mitbewohnerin, der Spinne. Auf meine Weise versuche ich damit, ein bisschen ernst zu machen mit dem, was die Bibel in der Schöpfungsgeschichte beschreibt. Da bekommt der Mensch nämlich von Gott den Auftrag, diese Welt zu bebauen und zu bewahren. Und ich denke, damit sind wohl wir gemeint. Und nicht nur die hoch bezahlten Politikerinnen und Politiker, die über Klima und Artenschutz diskutieren: Denn wir sind es doch, die sich morgens ins Auto setzen, nur um gerade beim Bäcker die Brötchen zu holen. Wenn wir das mit dem Energiesparen nicht angehen, können die Politiker reden wie sie wollen. Dann wird das nichts mit dem Klimawandel.
„Meine Frau sagt auch immer, ich wäre so sensibel!“ schreibt Hanns Dieter Hüsch. Ich meine, es wäre nicht schlecht, wenn es mehr von solchen Sensibelchen unter uns gäbe. Leute, die nicht nur gerne Knut im Berliner Zoo besuchen, sondern auch einiges dafür tun, dass seinen Artgenossen der Lebensraum in der Arktis erhalten bleibt, auch wenn sie nicht so knuddelig sind. Sensibel? Ja! Hoffentlich!
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„Ich bin dann mal weg“. Seit Wochen ist der Bestseller von Hape Kerkeling auf einem der ersten Plätze der Bestsellerlisten. Eine amüsant besinnliche Pilgerreise auf dem Jakobsweg als Quotenrenner. Erstaunlich. Womit hat Hape Kerkeling in seinem Buch nur den Nerv der Zeit getroffen?
„Ich bin dann mal weg...“ hat er seinen Freunden gesagt – ohne genau zu wissen, was er eigentlich will! Er, als Komiker auf dem Pilgerweg! Schon komisch und ihm wohl auch ein bisschen peinlich. Diese Frage, was er eigentlich will, die hat er sich auch unterwegs so manches Mal gestellt. Wenn ihm die Füße wehtaten, wenn er die Knie nicht mehr spürte, wenn der Regen seine angeblich wasserdichte Regenjacke durchnässte und er am Ende seiner Etappe in einer bescheidenen Pilgerherberge schlafen sollte.
„Was tue ich überhaupt hier?“ Vielleicht hat genau diese Frage seinem Buch den ersten Platz gebracht. Diese Frage, die sich wohl die meisten von uns irgendwann stellen – gerade wenn sie an schwierigen Punkten in ihrem Leben ankommen: „Was tue ich überhaupt hier? Wo gehe ich jetzt hin? Was macht hier noch Sinn?“
Sich diese Frage erst mal zu erlauben, braucht schon Mut. Sich dann auch tatsächlich auf den Weg, auf die Suche zu begeben nach dem eigenen Ich, nach den eigenen Wurzeln, das braucht dann zusätzlich Energie und Kondition und letztendlich ein gutes Stück Gottvertrauen. Es ist ja nicht selbstverständlich, dass ich dort ankomme, wo ich gerne hin will! In der Bibel gibt es eine Geschichte, in der sagt Gott zu einem Menschen in so einer Situation einen ganz einfachen Satz: „Lass dich durch nichts erschrecken und verliere nie den Mut, denn ich, der Herr, dein Gott, bin bei dir, wohin du auch gehst.“
Ob’s das war, was Hape Kerkeling auf seiner Reise entdeckt hat? Dass man nicht allein ist, wenn man sich auf den Weg macht. Dass Gott mitgeht? Schön, oder?
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„Ehrenamt? Was ist denn das altmodisches? Wer macht denn so was heute noch? Und wieso? Was bringt das denn“ So fragte die Tage ein Arbeitskollege meinen Mann. Der hat nämlich eine Jugendgruppe auf dem Kirchentag begleitet hat. Ehrenamtlich. Also ohne Geld dafür zu bekommen.
Ehrenamt- das war wohl für den Kollegen etwas völlig Abstruses. Ich habe mich gefragt, warum? Ist eine Arbeit nur dann was wert, wenn sie Geld einbringt? Ist sie nur dann wertvoll, wenn sie auf der Karriereleiter nach oben führt?
Im Ehrenamt bringen Menschen ihre Zeit und ihre Fähigkeiten ein. Und damit bereichern sie das Leben in ihrem Dorf oder ihrer Stadt. Als Vorstand im Sportverein, als Presbyterin in der Kirche. Viele, die ehrenamtlich arbeiten, tun das nach der Arbeit, in der sie oft ganz schön eingespannt sind. Die Chancen auf das große Geld oder auf Karriere sind bei so einem Ehrenamt nicht wirklich toll. Es muss also etwas anderes sein als Geld oder Karriere, das sie das machen lässt. Aber was? Vor kurzem haben wir in einem Kreis Ehrenamtlicher darüber gesprochen, warum sie sich engagieren: Da war ein leitender Angestellter, einige Hausfrauen und Arbeiter, ein Konfirmand. Die Hausfrau, die sich um die Nachbarin kümmerte, sagte, sie mache es aus Nächstenliebe. Der Konfirmand, der für den Opa einkaufte sagte: „die Tüte ist dem Opa zu schwer.“ Der leitende Angestellte, der einmal in der Woche für zwei Stunden im Hospiz Menschen etwas Gutes tut, sagte: „Es muss noch etwas anderes geben, als nur das Geld am Monatsende auf dem Konto!“ Und- wollte ich wissen: was ist dieses Andere? So richtig ausdrücken konnten das alle nicht. Ich glaube, es ist wohl dieser eine Moment, wenn der Opa strahlt, weil der Konfirmand nicht nur einkaufen geht, sondern noch fünf Minuten mit ihm redet und ihm die Langeweile vertreibt. Es ist dieser eine Moment, wenn der Sterbende im Hospiz dem Angestellten die Hand drückt und „Danke!“ murmelt.
Ich glaube dieser Lohn, diese Ehre ist noch befriedigender als das Geld auf dem Konto.
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„Ich kann das einfach nicht verstehen! Meine Tochter wird doch so dringend gebraucht! Die Kinder, ihr Mann – was soll aus denen werden? Warum macht Gott so was?“ Eine Frau aus meiner Nachbargemeinde – ich nenne sie mal Frau Müller - sagte das zu mir. Ihre Tochter lag im Sterben– 33 Jahre jung, zwei Kinder. Frau Müller ist eine tiefgläubige Frau, und sie hat sich immer und in allen Dingen an Gott gehalten hat. Und auch jetzt rang sie in unserem Gespräch darum, den Glauben an diesen Gott, der sie ihr Leben lang getragen hat, nicht zu verlieren. „Ich weiß“, sagte sie, „eigentlich dürfte ich nicht so fragen. Ich kann ja nicht nur das Gute aus Gottes Hand nehmen – ich muss wohl auch das Schwere hinnehmen. Aber es fällt mir so schwer!“
Schweigend habe ich ihre Hand gehalten. Wie konnte ich ihr sagen, dass sie natürlich jedes Recht der Welt hatte, zu klagen. Was wäre sie für ein Übermensch, wenn sie in einer solchen Situation nicht bis in die Grundfesten ihres Lebens und ihres Glaubens erschüttert wäre.
Aber Frau Müller konnte das nicht gut hören, denn dieser Satz „Das tut man nicht“ saß einfach zu tief. Warum eigentlich? Warum fällt es ihr und so vielen anderen Menschen so schwer, Gott anzuklagen, mit ihm zu ringen, ihm die geballte Wut und das Nichtverstehen entgegenzuschleudern? Sogar Jesus hat doch mit Gott gehadert. Auch Jesus sollte viel zu früh sterben. Auch Jesus hatte noch viel vor. Auch Jesus hatte Angst und verstand Gott und die Welt nicht mehr. Und kurz bevor er hingerichtet werden sollte, lag er im Gebet vor Gott und hat ihn gebeten: „Lass doch das alles an mir vorübergehen. Ich hab Angst.“
Doch es ging auch an Jesus nicht vorüber. Und noch im Sterben rief er: Mein Gott, warum hast du mich verlassen! Das waren seine letzten Worte. Kein Einverständnis sondern der verzweifelte Schrei nach dem Warum.
Vielleicht ist genau das die höchste Form zu glauben, das Äußerste, was uns Menschen in einer solchen Situation überhaupt möglich ist. Dass wir mit Gott ringen und gerade so an ihm festhalten.
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„Frank, willst du Sabine, die Gott dir anvertraut hat, zu deiner Ehefrau nehmen, willst du sie lieben und ehren und achten in guten wie in schweren Tagen bis dass der Tod euch scheiden wird?“ „Ja, mit Gottes Hilfe.“
So ein Gottesdienst zu einer Trauung ist für mich ist immer wieder was Besonderes! Als Pfarrerin habe ich da vorne ja so etwas wie einen Logenplatz. Wenn die beiden sich ihr Ja-Wort geben und die Ringe tauschen. Das ist immer ein ganz intimer und aufregender Moment! Ich darf Anteil haben, an dem Blick, den die beiden sich zuwerfen. Ich darf die Liebe sehen, die aus ihren Augen spricht. Und manchmal muss ich fast selber ein bisschen schlucken, wenn ihnen Tränen über die Wangen laufen. Und dann wünsche ich den beiden von Herzen, dass ihre Ehe gelingt! Und genau dazu kommen wir im Gottesdienst zusammen! Genau das machen wir gemeinsam in diesem „Gottesdienst anlässlich einer Eheschließung“ - so heißt das nämlich im Amtsdeutsch!
Wir bitten Gott, dass er die beiden segnet mit ihren Wünschen und Hoffnungen und ihrer Freude. Wir beten miteinander, dass ihre Träume vom gemeinsamen Altwerden wahr werden. Wir bitten Gott, dass er ihnen Menschen schenkt, die ihnen gut tun, als Berater und Freundinnen. Wir bitten, dass Gott ihnen in Krisen neue Kraft gibt und sie an ihre Liebe erinnert.
Klar, das ist keine Garantie dafür, dass das auch funktioniert – bis dass der Tod euch scheidet. Aber ich denke schon, dass ein Brautpaar Kraft bekommt von den Gebeten und Liedern, die die ganze Hochzeitsgesellschaft nur für sie betet und singt. Ich hoffe jedenfalls, dass sich Sabine und Frank, die ich getraut habe, an diesen einen ganz besonderen Moment vor dem Altar erinnern. Und dass ihnen, wenn’s mal ganz schlecht läuft, wieder einfällt, was sie damals so glücklich gemacht hat. Ich hoffe, dass ihnen ihr Versprechen wieder einfällt, das sie sich gegeben haben und Gottes Zusage, dass er ihnen helfen will damit sie beieinander bleiben können in guten wie in schlechten Tagen.
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Sonntag morgen , die Glocken läuten, der Gottesdienst fängt an, andächtige Stille, dann die Predigt, 10 Minuten, ich will gerade mit dem obligatorischen „Amen“ schließen, da ertönt ein langes, durchdringendes „Miau“ aus einer der vorderen Ecken unserer Kirche. Mir wird heiß und kalt: Es wird doch nicht? Doch. Es ist. Mein Kater Fips sitzt auf einer der Regentonnen unter einem der Kirchenfenster und will sich nicht mehr beruhigen, weil er halt drinnen meine Stimme hört. Wir singen. Fips sitzt immer noch da und es hört sich fast so an, als ob er mitsingen will! Einige der Gottesdienstbesucher brechen in unterdrücktes Gelächter aus und unsere Küsterin versucht, den Kater wegzulocken.... Ohne wirklichen Erfolg. Schließlich opfert sich mein Mann und befördert den Kater zurück in unser Haus.
Im Nachhinein habe ich mich gefragt: Warum denn eigentlich? Ist das nicht genau das, was wir immer mit der Schöpfung tun – sie außen vor lassen? Vielleicht wäre Fips Gesang zum Gotteslob ja sogar viel schöner gewesen als unser Gesang?! Biblisch gesehen stehen wir alle gemeinsam vor Gott: Mensch und Tier. Es heißt eben nicht nur bei der Erschaffung des Menschen: “Gott segnete sie“ – sondern eben auch bei den Tieren. Sogar in die Arche hat Gott nicht nur die Menschen geschickt sondern auch die Tiere. Biblisch gesehen heißt es, dass die Schöpfung mit uns Menschen zusammen auf Erlösung hofft – und dazu hat sie wohl allen Grund. Sorry wenn das moralisch klingt, aber für mich ist tatsächlich ein Ausdruck meines Christseins, dass ich eben auch Achtung vor den Mitgeschöpfen habe. und die kommt nun mal oft zu kurz: Angefangen bei der industriellen Tierhaltung bis hin zu übertriebener Verhätschelung.
Ob nun zur Tierliebe dazu gehört, dass mein Kater in die Kirche kann, ist ja diskutabel. Ob der wirklich was vom Gottesdienst gehabt hätte, ist die zweite Frage - Vielleicht hieß sein Miau ja einfach: „Nun hör schon auf zu predigen?!“
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