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SWR3 Gedanken

Du sollst dir kein Bild von Gott machen. Diesen Satz haben schon ganze Generationen im Religionsunterricht gelernt, denn so heißt das erste und vielleicht auch das wichtigste der Zehn Gebote in unserer Bibel. Ein Gebot allerdings, dass bei näherem Hinsehen fast unhaltbar erscheint. Denn auch wer sich unter Gott längst nicht mehr den alten Mann mit weißem Rauschebart vorstellt, macht sich trotzdem eine Vorstellung von ihm. Davon nämlich, was sich Gott so denkt, was er will oder auch nicht will und welche Meinung er zu diesem oder jenem ganz sicher hat. So musste Gott schon oft als Erziehungshelfer herhalten. Wenn man uns erzählte, dass Gott unser Verhalten nun ganz und gar nicht gefällt und dass wir uns alle ganz doll lieben müssen, weil Gott das schließlich so von uns verlangt. Natürlich will Gott auch, dass die Frauen ihren Männern untertan und stets zu Diensten sind, weil es ja so in den heiligen Schriften steht. Die so was fordern, wissen halt ganz genau was Gott will. Nicht zuletzt wollte er auch, dass in den christlichen Kreuzzügen des Mittelalters Menschen mit Mord und Terror überzogen wurden. So wie es heute die Dschihadisten tun, weil sie das als Gottes angeblichen Willen ausgemacht haben. Kein Wunder, wenn aufgeklärte Geister sich da angewidert abwenden und diesen angeblich so inhumanen Gott lieber gleich für tot erklären – und sich dabei kurioserweise auch nur wieder ihr eigenes Bild von Gott machen.
Was das alles nun mit Gott selbst zu tun hat? Vermutlich eher wenig. Es macht nur deutlich, dass jede Vorstellung von Gott letztlich menschengemacht ist, ein Bild von ihm. Nicht mehr. Wenn es aber zur Rechtfertigung von Einengung, Unterdrückung oder gar von Mord und Totschlag herhalten muss, dann wird es letztlich zur Vergötzung der eigenen Beschränktheiten. Eine Gotteslästerung und ein Verstoß gegen das erste Gebot: Du sollst dir kein Bild von Gott machen. Der uralte Satz hat es wahrlich in sich!

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Freie Fahrt für freie Bürger. In den siebziger Jahren war das mal der Kampfspruch gegen ein allgemeines Tempolimit. Mit der Freiheit ist das allerdings so eine Sache. Die Partei, die sich in Deutschland die Freiheit besonders auf die Fahnen geschrieben hat, versteht darunter ja meistens die Freiheit von staatlichen Regelungen. Wenn man die Menschen also nur möglichst wenig durch Gesetze und Regelungen einschränke, werde sich am Ende für alle das Beste daraus entwickeln. Wirklich?
Wie frei ist eigentlich der einzelne Manager in seinen Entscheidungen, dem sein Vorstand mit den Quartalszahlen im Nacken sitzt? Wie frei ist der Mitarbeiter, der keine Konflikte ertragen kann und es deshalb jedem Recht machen will? Und wie frei ist die Kirchenbesucherin, die in persönlichen Niederlagen, die ihr widerfahren, gleich den Teufel am Werk sieht.
Freiheit ist eben mehr, als nicht von Außen gegängelt zu werden. Sie entsteht im Kopf des Menschen. Genau darum berichten manche Mönche, dass sie wirkliche Freiheit erst hinter Klostermauern erfahren haben. Genau darum konnte eine Ikone wie Nelson Mandela seine jahrelange Haft und Folter ertragen, ohne daran zu zerbrechen.
Menschen Freiheit zu geben, war eines der Hauptanliegen Jesu. Freiheit von Krankheiten, von persönlichen Behinderungen, von Ängsten. Manche haben das auch damals missverstanden, als sie glaubten, gerade er werde sie mit äußerer Gewalt von der römischen Besatzung befreien. Ein fataler Irrtum. Das Leben in Fülle, von dem die Bibel dagegen hoffnungsvoll erzählt, meint vor allem: Ganz und gar bei sich selbst zu sein. Frei von der Sorge um das alltägliche Leben. Frei von irrationalen Ängsten. Frei zu sein zur Liebe zu sich selbst und zu anderen.

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Dass stattliche Gebäude mitten in unserer Stadt war einmal so etwas wie eine Institution. 73 Jahre lang beherbergte es eine renommierte Frauenklinik. Unzählige Menschen hier geben diese Adresse noch heute als ihren Geburtsort an. Vor sechs Jahren schließlich lohnte es nicht mehr. Die Klinik wurde geschlossen, das nun überflüssige Gebäude in ein Seniorenheim umgewandelt. Heute verbringen dort alte Menschen ihren Lebensabend und manch einer mag sogar schon dort geboren worden sein.
Anschaulicher lässt sich kaum beschreiben, was unter der Rubrik demographischer Wandel herumgeistert. Schon bald, so heißt es, werden nicht mehr genug kluge Köpfe da sein, um Spitzenforschung und Wirtschaft weiter voranzubringen. Der demographische Wandel wird zum so genannten Standortnachteil. Was wir demnach also brauchen, sind junge qualifizierte Menschen, egal woher, die hier mit uns zusammen arbeiten und auf Dauer hier leben wollen. Wie das praktisch zu steuern ist, ist Sache der Politik. Ob Fremde sich aber auch willkommen fühlen, und einen Fuß in unsere Gesellschaft bekommen, das geht uns alle an. Wie schwer das manchmal ist, erleben junge Studenten und Wissenschaftler an unserer Hochschule. Mit speziellen Einrichtungen und Programmen soll ihnen der Start in der neuen Heimat so leicht wie möglich gemacht werden. Trotzdem ist man als Einheimischer manchmal überrascht welche Hürden da auftreten, mit der Sprache, den kulturellen Unterschieden oder auch Behörden. Einige von ihnen kommen auch in unserer Hochschulgemeinde. Sie lernen dort von uns, aber wir auch von ihnen. Bereicherndes, das sie mitbringen aus Südamerika, Afrika oder Asien. Was dabei oft hilft, ist der gemeinsame Glaube. Er ist eine Grundlage, auf der Begegnung möglich wird. Da stört es dann auch nicht mehr, wenn wir gelegentlich doch mal in unterschiedlichen Sprachen beten.

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Falls sie gerade im Auto unterwegs sind, werden sie wohl kaum darüber nachdenken, ob sie sich im Moment vielleicht versündigen. Doch Vorsicht, eine Arbeitsgruppe im Vatikan hegt diese Befürchtung. Sündigen im Straßenverkehr durch Rasen, riskantes Überholen oder zu dichtes Auffahren zum Beispiel. Die Kommentare zu dieser Meldung fielen entsprechend aus: Lachnummer. Anmaßung. Die Kirche mal wieder, hat zu allem was zu sagen - und so weiter.
Nun heißt Sündigen im weitesten Sinne, sich ganz bewusst gegen Gott zu stellen, seine Gebote zu missachten. Klar: In der Bibel findet sich nichts über Vorfahrtsregeln, Geschwindigkeitsbegrenzungen oder Sicherheitsabstände. Doch die alten Texte können uns etwas anderes deutlich machen: In Gottes Sinne leben heißt, rücksichtsvoll mit meinen Mitmenschen umzugehen. So also, dass jeder und jedem genug Platz zur Entfaltung und persönlichen Freiheit bleibt. So, dass niemand durch mein Verhalten unnötig bedrängt, gefährdet oder eingeschüchtert wird. Nun richten sich die Mahnungen aus Rom freilich ausschließlich an Gläubige. Als ein Denkanstoß, wie christlicher Glaube auch im banalen Alltag gelebt werden kann.
Schade eigentlich, denn Bedrängen, Gefährden oder Einschüchtern sind im Straßenverkehr eigentlich fast normal. Etwa, wenn der Fahrer des tonnenschweren Geländewagens den Kleinwagen vor sich eher als Behinderung seiner Freiheitsentfaltung ansieht. Oder wenn der adrette Geschäftsmann mit Lichthupe und Auffahren auf die Stoßstange jedem Anderen die ungeheuere Wichtigkeit seiner Termine klar machen muß. Oder wenn der Youngster sein aufgemotztes Auto ohne Rücksicht auf Andere zum Beweis seiner wilden Männlichkeit missbraucht.
Kurios mögen sie ja klingen, die Mahnungen aus dem Vatikan. An eines jedoch erinnern sie mal wieder: Dass auch die Straße kein moralfreier Raum ist, ganz gleich, ob man nun an Gott glaubt oder nicht.

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Es war die Sensation vor ziemlich genau neun Jahren im Zeltlager in Südfrankreich. Genau in jener Woche fuhr eine Etappe der Tour des France nur wenige Kilometer entfernt vorbei. Die Kinder waren elektrisiert, wollten unbedingt dabei sein, am Straßenrand stehen. Für jene, die dann auch noch ein Werbegeschenk vom Team Telekom ergattern konnten, war dieser Tag der Höhepunkt der ganzen Freizeit. Vorbei! Heute wäre es vermutlich anders.
Profisport sei nämlich so etwas wie eine Spielart des Krieges, meinte mal der Soziologe Jean-Marie Brohm und beides könne nun mal nicht sauber sein. Die Geständnisse der Radprofis im Dopingskandalscheinen ihm Recht zu geben. Die Begründungen für systematischen Betrug und die Ruinierung der eigenen Gesundheit sind fast immer gleich: Ich musste es tun, weil die andern es auch gemacht haben. Haben wir alles schon mal gehört. Beim Wettrüsten im Kalten Krieg zum Beispiel. Man ist halt immer irgendwie Opfer und die Anderen die eigentlich Schlimmen.
Doch auch wenn Profisport zum Glück kein kalter Krieg ist, ein edler Wettkampf der Jugend der Welt, wie es pathetisch noch immer vor jeden olympischen Spielen heißt, ist er auch nicht. Nüchtern betrachtet ist er ein knallhartes Geschäft der Unterhaltungsbranche mit gewaltigen Umsätzen, in dem es viel zu verdienen oder eben zu verlieren gibt. Kein Wunder, wenn die Akteure schon deshalb unter einem enormen Druck stehen. Für Einige ist er freilich auch mehr als das: Profisport kann zu etwas wie einer Ersatzreligion werden, mit Helden, die wie Götter verehrt werden, mit Sportevents, deren Inszenierung Ähnlichkeiten mit einem Papsthochamt hat, mit Berichterstattern, die sich freiwillig zu Priestern einer Pseudoreligion machen.
Die wirkliche Religion muss sich schon lange im scharfen Wind der Aufklärung behaupten, sich kritischen Nachfragen stellen. Das tut ihr alles in allem gut. In Teilen des Profisports scheint die Aufklärung gerade erst begonnen zu haben.

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Kann der Tod unterhaltsam sein? Nicht der inszenierte Tod im Fernsehkrimi oder der virtuelle Tod im Computerspiel. Der ganz reale Tod, der gelegentlich mal mitten unter uns ist. Der Bundesverband der deutschen Bestatter scheint davon überzeugt zu sein. Er geht mit einem eigenen Trauerkanal im Satellitenfernsehen bald auf Sendung. Bei EosTV, so heißt der Sender, soll sich alles um Tod, Trauer und Friedhof drehen. Filmische Nachrufe auf Verstorbene wird es dann geben. Daneben Reportagen über fremde Bestattungskulturen und Friedhofsgestaltung. Garniert mit jeder Menge Werbung für Gehhilfen, Treppenlifte, Altenheime und so fort. Ob die Idee tatsächlich funktioniert?
Im Alltag stört der Tod nur, verunsichert, stellt schlimmstenfalls das Lebenskonzept in Frage. Man hält ihn sich lieber vom Leib. In Schulen steigen Eltern schon mal auf die Barrikaden, wenn er im Religionsunterricht thematisiert wird. Parallel dazu steigen die Zahlen so genannter anonymer Bestattungen stark an. Anonym deshalb, weil nicht mal mehr eine Grabstelle übrig bleibt. Der Mensch verschwindet einfach, dezent und unauffällig und nichts stört mehr den geschäftigen Tagesablauf.
Dabei könnte ein gelegentliches Memento mori, eine Erinnerung daran, dass dieses kurze Leben quasi nur ausgeliehen ist, durchaus ein Lebensgewinn sein. Es kann mich zum Beispiel daran erinnern, dass jede Stunde des heutigen Tages unwiederholbar ist. Es kann mich erinnern, dass es vielleicht doch Wichtigeres gibt, als die ständige Jagd nach optimaler Produktivität. Oder es könnte mich daran denken lassen, meine Lebensträume nicht immer wieder aufzuschieben, bis ich irgendwann vielleicht mal Zeit dazu habe. Vielleicht werde ich nämlich genau die nicht mehr bekommen. Das Paradoxe am Tod ist gerade, dass er uns zum Leben animieren kann - auch ohne einen eigenen Trauerkanal.
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Zu Beginn des letzten Jahrhunderts hielt der Maler Marc Chagall den wöchentlichen Ruhetag der Juden, den Sabbath, in einem Bild fest. Es zeigt eine kleine Gruppe von Menschen, die bei Kerzenschein in einem Zimmer sitzen. Zwei Figuren haben den Kopf an die Sessellehne gelehnt und schlafen, ein dritter sitzt zusammengesunken auf seinem Stuhl und scheint vor sich hin zu dösen. Von Aktivität jedenfalls keine Spur. Für den heutigen Betrachter strahlt das Bild eine geradezu verstörende Ruhe, ja ein Gefühl von Langeweile aus. Für nicht Wenige wohl eine Horrorszene, denn so wie auf diesem Bild soll unser freier Tag ja auf gar keinen Fall ablaufen. Darum wohl platzt unsere Stadt vier mal im Jahr aus allen Nähten, wenn mal wieder verkaufsoffener Sonntag ist. Bummeln und Shoppen ist eben Freizeitspaß, warum nicht auch am Sonntag? Da ist es schon fast ärgerlich, wenn sich die großen christlichen Kirchen nun noch als Spaßbremser betätigen. Gegen die weitere Ausweitung der Ladenöffnung am Sonntag wollen sie nämlich vor das Bundesverfassungsgericht ziehen. Sie berufen sich dabei auf den Artikel 140 unseres Grundgesetzes. Dort heißt es: Der Sonntag ist als Tag der Arbeitsruhe und der ‚seelischen Erbauung’ gesetzlich schützt. Doch was ist eigentlich, wenn die Mehrheit unter Arbeitsruhe und seelischer Erbauung eben nicht mehr eine Szene wie bei Marc Chagall versteht? Wenn Einkaufen für viele zu einer Form von seelischer Erbauung geworden ist? Vielleicht macht so ein Streit vor dem Verfassungsgericht ja deutlich, dass es eben nicht primär um kirchliche Privilegien geht, sondern um ein Stück gemeinsamer Kultur. In der Bibel wurde die Arbeitsruhe vor fast 3000 Jahren einmal als lebensnotwendige Wohltat für den Menschen festgeschrieben. Von Gott selbst legitimiert. Ob wir heute überhaupt noch etwas damit anfangen können, ob wir einen allen gemeinsamen Ruhetag überhaupt noch wollen, das allerdings kann auch kein Verfassungsgericht klären.

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