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SWR3 Gedanken

Der arme Mensch liegt in seinem Bett im Krankenhaus, da rauscht eine Frau herein, aufgedonnert mit der neuesten Kollektion aus Paris, braungebrannt vom letzten Urlaub, und erzählt wie gut es ihr doch geht. Ein Krankenbesuch, wie er nicht sein sollte.
Besuche im Krankenhaus sind oft gar nicht so einfach. Deshalb und weil er schon unglaubliche Sachen erlebt haben muss, hat ein Krankenseelsorger Tipps für den Patientenbesuch zusammengestellt.
Zum Beispiel zur Besuchszeit und zur Besuchsdauer. Häufigkeit und Länge der Besuche sollten sich nach dem Grad der Beziehung zum Kranken richten. Bei einem Arbeitskollegen oder einem entfernten Bekannten genügen zehn Minuten. Kurz, aber herzlich. Denn Krankenbesuch so schön und gut er auch sein mag, ist auch anstrengend. Für den Patienten. Nicht nur wegen seiner Krankheit, sondern wegen seiner passiven Situation im Bett.
Die günstigste Besuchszeit liegt werktags zwischen 18 und 20 Uhr, also direkt nach dem Abendessen, weil dann der medizinische Alltag zu Ende ist, es also keine Visiten oder Behandlungen mehr gibt.
Auch die Gesprächsthemen beim Krankenbesuch wollen bedacht sein. Grundsätzlich gilt, über die Krankheit wird nur in dem Maß gesprochen, wie der Patient selbst es tut. Vor allem nach schweren Operationen sollten alle belastenden Themen vermieden werden. Auf keinen Fall sollten Besucher ähnliche Krankengeschichten mit schlechtem Ausgang erwähnen.
Mit Familiensorgen soll der im Bett Liegende nur soweit konfrontiert werden, wie er sie auch verkraften kann. Gespräche mit dem Arzt über Diagnose und Behandlung gehören ins Arztzimmer. Flüstern ist unbedingt zu vermeiden.
Und schließlich: die Geschenke. Auch hier gilt: mit Bedacht auswählen! Eine Flasche Kognak für einen Patienten, der vielleicht auch wegen eines Alkoholproblems behandelt wird, ist so fehl am Platz wie ein Buch nach der Augenoperation.
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Meine Eltern haben mir einen Namen gegeben, der eigentlich schön, heute aber eher selten ist: Peter. Er klingt auch ganz gut in anderen Sprachen: Pieter, Piedro, Pierre, Pedro, Piotr oder Petros. Da kommt er auch her, aus dem Griechischen und bedeutet: Fels!
Jesus von Nazareth hat Simon, einem seiner engsten Vertrauten diesen Namen gegeben: „ Du bist Petrus, der Fels, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen.“ Das ist schon eine Knaller-Formulierung und sie muss wohl auch eine Last auf den Schultern des Petrus gewesen sein. Denn er war, so wie er in der Bibel beschrieben ist, ein Mann mit 2 Gesichtern.
Das eine zeigt einen impulsiven, großspurigen Mann der Jesus das Blaue vom Himmel verspricht und schon auch mal einem Soldaten das Ohr abhackt.
Das andere Gesicht des Petrus ist kleingeistig und ängstlich. Als es gefährlich wird, ja lebensgefährlich wird ein Anhänger Jesu zu sein, da lügt Petrus, gibt vor Jesus nicht zu kennen und haut ab. Der engste Vertraute Jesu macht sich aus dem Staub.
Und trotzdem mag ich diesen impulsiven Angsthasen. Oder vielleicht gerade deswegen: weil mein Namenspatron so ganz menschlich ist. Keine eindimensionale, geschlechtslose Heiligenfigur ohne Makel, sondern ein Mann mit Ecken und Kanten, mit deutlichen menschlichen Schwächen, aber auch mit großer innerer Kraft und Begeisterungsfähigkeit.
Und genau diesem Mann, keinem anderen, vertraut Jesus seine Kirche an.
Also, Kirche: menschlich bist Du, ganz menschlich! Vergiss das nie, wenn Du über andere Menschen redest oder gar über sie urteilst. Und all Ihr Peters da draußen, ob in der Kirche oder nicht: Herzlichen Glückwunsch zum Namenstag!
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Good news from Africa. Ja, das gibt es auch: gute Nachrichten aus Afrika! Zum Beispiel diese: Egide, Augustin, Ismail, Jacques und Matthée, 5 junge Männer aus Bujumbura, der Hauptstadt Burundis. Sie sind Freunde. Das ist nicht selbstverständlich, denn sie sind Hutu, Tutsi, Kongolese und Moslem. Völkergruppen die sich in Burundi gegenseitig abgeschlachtet haben. Die 5 Freunde haben sich 1992 im Jugendzentrum von Pater Claudio, im Zentrum von Bujumbura getroffen. Und selbst als der Bürgerkrieg dort am schlimmsten getobt hat, haben sie sich – oft unter Lebensgefahr – zum Jugendzentrum durchgeschlagen. Weil sie dort zusammen sein konnten und ein paar Stunden ohne Krieg und Hass erlebt haben. Obwohl sie immer wieder von Ihren Familien und vom Militär zum Kämpfen aufgefordert wurden, ihre Freundschaft hat sie davon abgehalten. Sie hatten sich geschworen: „Uns bringt kein Krieg auseinander“! Wie haben sie das nur geschafft? Natürlich durch die Kraft der Freundschaft, durch viel Mut und Standfestigkeit, zu der sie im Jugendzentrum befähigt wurden. Denn Frieden und Versöhnung gehören zu den Prinzipien des Zentrums das mit 300 Jugendlichen begonnen hat und heute von 27.000 jungen Leuten besucht wird. Sie lernen dort auch Lesen und Schreiben, werden über Aids aufgeklärt, in Grundlagen der Demokratie eingeführt, helfen beim Wiederaufbau zerstörter Stadtteile und natürlich: sie spielen miteinander! Basketball und Fußball. Was oft mehr bewirkt als Predigten und Vorträge.
Das passt auch gut zu ihrem Motto: Wir reden nicht über den Frieden, wir leben ihn. Dazu brauchen sie aber immer wieder neue Bälle. 1 Ball kostet sie 9 Euro.
Viel Geld. In Afrika.

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Straßenkinder. Millionen von Kindern leben auf der Straße. Vor allem in der so genannten Dritten Welt. In Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, habe ich ein Plakat gesehen. Auf diesem 2mal 1 Meter 50 großen Plakat steht handgeschrieben das Gebet eines Straßenkindes. Und dieses Gebet geht so:
„Hallo, Herr, ich bin es, das Straßenkind. Erinnerst du dich an mich? Ich bin mir da nicht so sicher. Ich suche nach dir, jeden Tag, aber du verbirgst dein Gesicht vor mir.
Herr, du sagtest, ich bin kostbarer als die Raben, denen du Nahrung gibst. Aber hier bin ich, hungrig. Du sagtest, du würdest mich kleiden wie die Lilien auf dem Felde, aber hier sitze ich und mir ist kalt und ich bin nackt.
Du sagtest, bittet und euch wird gegeben, klopft an und es wird euch geöffnet. Ich bitte die Menschen, aber sie drehen sich weg. Ich klopfe an, aber die Tür öffnet sich nicht. Wenn ich nachts auf meinem Asphaltbett liege und mich nach tiefem Schlaf sehne, klingen deine Worte in meinen Ohren: Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid und ich werde euch erquicken. Aber ich werde nicht erquickt.
Du gabst Versprechen Herr und ich dachte, du würdest sie halten. Warum antwortest du nicht auf meine Gebete? Warum lässt du mich leiden? Wenn irgendeine meiner Sünden mein Elend verursacht hat, dann bitte ich dich hier und jetzt um Vergebung: Vergib mir, dass ich nicht gebe, denn ich habe nichts. Vergib mir, dass ich nicht liebe, denn ich kenne keine Liebe. Vergib mir meinen Zweifel daran, dass du mein Leben wirklich willst.
Vergib’ denen, die zulassen, dass ich hungrig, frierend, krank und nackt bleibe.
Vergib ihnen, Vater, denn sie wissen nicht, was sie tun. Herr gib mir Geduld, aber bitte beeile dich!“
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Mahatma Ghandi, die große indische Seele, hat immer wieder einen Tag der Stille eingelegt. Ein Tag, an dem er nichts geredet hat. Sein Leben und seinen Glauben meditiert hat. Damit er bei sich bleiben konnte bei all seinen Beschäftigungen und Begegnungen.
An einem solchen Tag der Stille fuhr Ghandi mit dem Zug aus einem Bahnhof heraus. Ein europäischer Journalist hatte schon längere Zeit versucht an ihn heranzukommen und entdeckte ihn durch das geöffnete Fenster. Der Journalist lief neben dem langsam anfahrenden Zug her und rief zu Ghandi ins Abteil: „Haben sie eine Botschaft, die ich für mein Volk mit nach Hause nehmen kann?“ Ghandi wollte seinen Tag der Stille nicht unterbrechen und schrieb auf ein Blatt Papier: „Mein Leben ist meine Botschaft“.
Ein Lehrstück dafür wie konsequent und einfallsreich Ghandi sein konnte. „Mein Leben ist meine Botschaft“, diesen Satz, mag ich auch, weil ich in meinem Leben schon immer mehr beeindruckt von Leuten war, die nicht nur geredet, sondern auch gehandelt haben. Und ich mag diesen Satz, weil er weg vom überlebensgroßen Ghandi auch auf mich selbst zeigt. Welche Botschaft hat denn mein Leben? Was strahle ich aus, was gebe ich weiter? Was ist die Botschaft, die ich mir selbst gebe? Bewusst oder unbewusst? Was gebe ich den anderen? Mit Worten oder ohne.
Mein Leben ist meine Botschaft – das ist in all seiner Schlichtheit ein großer Satz. Ein Satz der aber nicht nur von großen, weisen Menschen oder am Ende eines Lebens gesagt werden kann, sondern immer wieder. Kritisch. Selbstkritisch. Aber auch mit Wohlwollen. Wohlwollen mir selbst gegenüber, weil alles zu meinem Leben gehört. Das Gute wie das Schlechte. Das Starke wie auch das Schwache.
Und alles zusammen ergibt eben eine Botschaft. Meine Botschaft.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=1594
„Ich kann nicht mehr – ich will nicht mehr“. Was sagst Du einem Menschen, der vor Deinen Augen zusammenbricht, seelisch zusammenbricht? Klopfst Du ihm auf die Schulter und sagst: „Na, komm, das wird schon wieder“? Versuchst Du Zeit zu gewinnen und sagst: „Das ist nur vorübergehend, morgen sieht die Welt schon wieder anders aus“? Oder sagst Du „Ja. Ja, Du kannst jetzt nicht mehr, Du willst jetzt nicht mehr. Das ist jetzt so. Und Du brauchst Dich nicht zu schämen und auch nicht schuldig fühlen. Jeder Mensch hat das Recht einmal fertig zu sein, fix und fertig zu sein. Das fühlt sich weiß Gott nicht gut an. Aber so verrückt es auch klingen mag es ist auch gut so. Was auch immer zu einem seelischen Zusammenbruch geführt haben mag, wenn er dran ist dann ist er dran. Der Zusammenbruch eines Menschen, sei es ein BurnOut, eine Depression oder ein Nervenzusammenbruch, ist auch ein Schutzmechanismus. Ein Schutz vor weiteren Überbelastungen von Außen. Und ein Schutz für die Seele. Damit sie nicht noch weiter zerfetzt wird, wenn es zu lange zu viel gewesen ist.
„Ich kann nicht mehr – ich will nicht mehr“. Das ist ein Satz, der aus dem tiefsten Inneren des Menschen kommt. Und der den höchsten Respekt verdient.
Weil ein Mensch an seine absolute Grenze gekommen ist. Weil da, gerade da sichtbar und spürbar wird, worum es geht im Leben. Nicht ums Funktionieren, nicht um Leistung und nicht um Erfolg, sondern um das Leben. Das gute, gesunde und sinnerfüllte Leben. Und das hat jeder Mensch verdient. Darum muss ein Mensch, der zusammengebrochen ist Zeit bekommen und Zuwendung. So viel Zuwendung wie er zulässt. Und soviel Zeit wie er braucht. Zum heil werden. Bis der Riss in seiner Seele wieder gut verheilt ist. Bis er dann irgendwann ganz aus sich selbst heraus sagen kann:
„Jetzt kann ich wieder und jetzt will ich wieder: leben!“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=1593
Vielleicht. Es ist eines meiner Lieblingsworte – das „vielleicht“. Ein schweres Leichtgewicht unter den Worten. In dem „viel“ steckt die Fülle, das Ganze, der Überfluss. Und in dem „leicht“ die luftige Möglichkeit. Vielleicht stammt vom mittelhochdeutschen: Villichte und bedeutet vermutlich, möglicherweise und eben vielleicht.
Vielleicht kommt es ja doch nicht so schlimm. Vielleicht findet sich ja noch eine Lösung. Kommst du morgen? Vielleicht! Dieses kleine Wörtchen lässt Offenheit zu. Bringt Freiheit ins Leben. Wenn ich auf eine etwas freundlichere Art noch keine Ablehnung ausdrücken möchte. Das vielleicht ist der Lichtstrahl, der durch die halbgeöffnete Jalousie fällt, der Weg bis zur nächsten Abzweigung.
Das „vielleicht „ ist die Verlängerung im Spiel der Hoffnungen. Darum ist es auch kein Wort für Ungeduldige. Und auch keines für nüchterne Rechner oder
sogenannte Realisten. Im grellen Licht der Wahrheit zerschmilzt das federleichte „vielleicht“ wie eine Schneeflocke in der Sonne. Dieses kleine große Wort „vielleicht“ ist etwas für Blauaugen, für Idealisten. Für Menschen, die die Hoffnung einfach nicht aufgeben können oder wollen. Und das Leben in einer zauberhaften Schwebe halten. Zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit, zwischen Ja und Nein.
Vielleicht ist ja doch wahr, woran so viele Menschen glauben: an Gerechtigkeit und ein Leben nach dem Tod. Und vielleicht wird am Ende doch noch alles gut, schön oder wahr. Vielleicht...
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