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SWR3 Gedanken

Inge geht es nicht gut. Inge geht es nie gut. Deshalb sitzt sie mindestens dreimal die Woche beim Arzt. Der hört ihr aufmerksam zu, untersucht sie ein bisschen und schickt sie wieder nach Hause. Ach, ich werde wohl nie gesund werden, sagt Inge. Ach, sagt da ihre Tochter. Du willst das ja auch gar nicht. Du willst eigentlich gar nicht gesund werden. Wie kannst du nur so etwas sagen, sagt Inge. Wo gibt es denn so etwas? Jeder Mensch will doch gesund werden. Oder?
In der Bibel gibt es dazu eine interessante Geschichte: Einmal, da geht Jesus nach Jerusalem und kommt zum Teich Betesda. Der war damals so eine Art Sanatorium für hoffnungslose Krankheitsfälle. Und tatsächlich ist da auch einer, der ist schon achtunddreißig Jahre krank. Achtunddreißig Jahre. Und Jesus fragt ihn, ob er gesund werden will.
Was für eine blöde Frage, würde Inge da wohl sagen. Das versteht sich ja wohl von selbst. Da sitzt dieser kranke Mensch seit achtunddreißig Jahren am Rande dieses Teiches. Und das sicher nicht zu seinem Vergnügen. Natürlich wird der gesund werden wollen. Statt überflüssige Fragen zu stellen, soll Jesus ihn mal besser heilen. Würde Inge vielleicht sagen.
Und würde gar nicht begreifen, dass man keinen Menschen heilen kann, wenn der nicht heil werden will. Und das gibt es. Dass Menschen sich so in ihrer Krankheit einrichten, dass sie innerlich gar nicht bereit sind, gesund zu werden. Bei Inge hat das etwas damit zu tun, dass ihr die Krankheit Aufmerksamkeit bringt. Und sei es nur die ihres Arztes. Andere wollen einfach nicht mehr enttäuscht werden wollen, wenn sie auf Heilung hoffen. Und dann gibt es noch die, die sich einfach schon so sehr an ihre Krankheit gewöhnt haben, dass sie ein Teil von ihnen ist. Ohne den sie sich das Leben gar nicht vorstellen können.
So blöd ist die Frage von Jesus also gar nicht: Willst du gesund werden? Der Kranke am Teich Betesda jedenfalls will es. Und tut damit den ersten Schritt zum Heilwerden. Und wenn ich selbst gesund werden will, dann hat die Krankheit zumindest nicht mehr ganz so leichtes Spiel.
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Renate liebt ihre Enkel. Über alles. Und kümmert sich rührend um sie. Jeden Tag von Montag bis Freitag. Weil Sohn und Schwiegertochter berufstätig sind. Und natürlich wollen die auch ab und zu abends ausgehen. Und manchmal übers Wochenende wegfahren. Und im Sommer drei Wochen nach Australien in Urlaub. Geht auch nicht so gut mit Kindern. Ob die Oma wohl...? Renate kocht innerlich schon ein bisschen. Schließlich hat sie ja auch noch ein Leben. Aber etwas zu sagen, das traut sie sich nicht. Wer A sagt, muss wohl auch B sagen, denkt sie seufzend und räumt das Kinderzimmer auf.
Wer A sagt, muss auch B sagen. Dazu erzählt die Bibel folgende Geschichte: Einmal, da wird ein Israelit auf einem einsamen Weg überfallen und schwer verletzt. Zwei andere Israeliten kommen vorbei, sehen ihn liegen und gehen weiter. Der dritte schließlich ist ein Samariter. Samariter können eigentlich Israeliten nicht ausstehen. Aber dieser eine kümmert sich trotzdem um den Verletzten. Er verbindet seine Wunden, bringt ihn in eine Herberge und sorgt noch dafür, dass man sich dort weiter um ihn kümmert. Dann zieht er weiter.
Die Bibel erzählt die Geschichte als Antwort auf die Frage, wer denn mein Nächster ist. Und dass das eben nicht unbedingt jemand sein muss, der mir gebacken ist. Aber in Hinblick auf Renate und all die anderen hilfreichen Menschen ist mir ein anderer Aspekt dieser Geschichte wichtig. Und das ist der Schluss. Der Samariter bringt den Verwundeten in die Herberge, sorgt für die weitere Betreuung – und geht. Und damit tut er etwas, was viele Menschen nicht fertig bringen, wenn sie helfen, nämlich ein Ende finden. Viele wissen vor lauter Hilfsbereitschaft nicht, wie sie aus der Nummer wieder heraus kommen. Und das tut manchen Menschen gar nicht gut. Weil die Hilfe längst über ihre Kräfte geht.
Und da meint Jesus, das muss nicht sein. Ich soll schon helfen, wo ich kann. Und vor allen Dingen, wem ich kann. Ohne Ansehen der Person. Aber dann ist es auch mal wieder gut. Dann darf auch mal Schluss sein. Spätestens, wenn es über meine Kräfte geht.
Wenn ich an meine Grenzen komme. Denn Barmherzigkeit, die gilt nicht nur für die anderen. Die gilt eben auch für mich. https://www.kirche-im-swr.de/?m=1155
Das noch erledigen. Den noch anrufen. Und bevor ich ins Bett gehe, muss ich daran noch denken. Und wenn ich morgen aufstehe, mache ich als erstes..., aber halt, hat nicht die Lotte heute Geburtstag gehabt? Das habe ich ja glatt vergessen. Oh je, die wird ganz schön enttäuscht sein. Es ist aber auch immer alles viel zu viel. Und an manchen Tagen weiß ich gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht.
Dazu erzählt die Bibel folgende Geschichte: Einmal, da kommt einer zu Jesus und will mit ihm gehen. Weil er ihn toll findet. Aber erst, sagt er, erst will er sich von seiner Familie verabschieden. Was ja verständlich ist. Jesus aber versteht das nicht. Der sagt: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ Mit anderen Worten: Entweder du kommst jetzt mit oder du lässt es bleiben.
Ob der andere mitgekommen ist oder zurück zu seiner Familie ging, erzählt die Bibel nicht. Aber ich überlege mir, was ich getan hätte. Ob ich so einfach mitgegangen wäre. Sang- und klanglos. Ohne Abschied von all den Menschen, die mir etwas bedeuten. Vermutlich nicht. Und eigentlich ist das auch ziemlich viel verlangt. Alles im Stich zu lassen, was mir wichtig ist.
Aber vielleicht soll ich gar nicht alles im Stich lassen, was mir wichtig ist. Vielleicht soll ich einfach einmal überprüfen, was wirklich wichtig ist. Und wenn ich damit anfange, fallen mir recht schnell eine Menge Dinge ein, an denen ich klebe, ohne dass sie wirklich wichtig sind. Passiert so unter der Hand. Ohne dass man es richtig merkt. Dass man sich Sachen aufhalst, die eigentlich gar nicht sein müssen. Dass man viel zu viel Zeit und Energie in Dinge hängt, die eigentlich völlig unwichtig sind.
Und ich denke mal, dass Jesus das meint. Dass Leben nicht gelingt, wenn man sich verzettelt, sich aufreibt, sich verliert. Deswegen werde ich nun nicht gleich meine Familie im Stich lassen. Aber mein Leben sortieren und das Unwichtige hinter mir lassen, das wäre schon ein erster guter Schritt.
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Eines Tages, da geht Jesus mit seinen Jüngern auf einen Berg. Und viele Menschen folgen ihm, um ihn zu hören. Fünftausend, sagt die Bibel. Und als die Zeit so vergeht, kriegen die Fünftausend Hunger. Und die Jünger kriegen Angst. Weil gar nichts zu essen da ist. Nur fünf Brote und zwei Fische. Nicht gerade viel für fünftausend Menschen.
Aber Jesus lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Er heißt seine Jünger, die fünf Brote und zwei Fische unter die Menschen zu bringen. Die zweifeln schon ein bsschen, was das werden soll. Aber sie tun, was er ihnen sagt. Und siehe da, irgendwie reicht es. Und alle sind satt. Und am Ende bleibt sogar noch etwas übrig. Wie hat er das nur gemacht?
Keine Ahnung. Schließlich ist es ein Wunder. Und kein Zaubertrick. Deswegen werden wir wohl auch nie herausfinden, wie das damals zuging. Auf jenem Berg. Aber das finde ich auch gar nicht so wichtig. Wichtig finde ich, dass Jesus mit dieser Geschichte gezeigt hat, dass mit dem, was da ist, alle satt werden können. Und das gilt auch heute noch.
In dieser Welt gibt es weit mehr als fünftausend Menschen, die Hunger haben. Aber es gibt auch weit mehr als fünf Brote und zwei Fische. Im Gegenteil. Es gibt so viel zu essen in dieser Welt, dass eigentlich gar niemand Hunger haben müsste. Wir verteilen es nur so schlecht. Und nennen das dann Weltwirtschaftsordnung. Obwohl eigentlich auf dieser Welt so gut wie nichts in Ordnung ist. Und schon gar nicht die Weltwirtschaft.
Mittlerweile grenzt es jedoch an ein Wunder, wenn sich daran noch etwas ändert. Weil einige Menschen gar nicht wollen, dass sich daran etwas ändert. Und weil viel zu viele Menschen sich nicht wirklich dafür interessieren, dass sich etwas ändert. Ja, vielleicht wäre ein Wunder gar nicht schlecht.
Aber ein Wunder, für das wir Gott eigentlich gar nicht brauchen. Sondern nur unsere Hände, unsere Füße, unseren Verstand und unser Herz. Und siehe da, vielleicht würden dann auch wir die Erfahrung machen, dass es für alle reicht. Dass alle satt werden. Oh Wunder.
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Georg ist zufrieden. Mit sich, mit seiner Familie, mit seinem Leben. Alles läuft rund. Aus seiner Sicht. Bis eines Tages die Polizei vor seiner Tür steht mit seinem halbwüchsigen Sohn im Schlepptau. Ladendiebstahl. Man geht zu einer Psychologin. Der Junge schweigt. Eine ganze Weile. Bis es aus ihm heraus bricht. Dass er sich in der Schule völlig überfordert fühlt. Dass sein Vater nie Zeit für ihn hat. Dass er gar nicht weiß, ob seine Eltern ihn überhaupt wollen. So wie er ist. Und Georg sitzt da. Völlig erschlagen. Das hat er ja alles gar nicht gewusst. Ja, war er denn blind?
Dazu erzählt die Bibel folgende Geschichte: Einmal, da ist Jesus in einem Ort namens Betsaida. Sie bringen einen Blinden zu ihm. Er soll ihn berühren, damit er gesund wird. Das macht Jesus auch. Allerdings berührt er ihn nicht nur, er spuckt sich in die Hände und schmiert ihm seine Spucke in die Augen. Bäh. Reichlich eklig. Aber wirkungsvoll. Der Blinde kann nach einer Weile wieder sehen.
Eklig hin oder her. Aber es hat geholfen. So wie es manchmal hilft, wenn jemand einem Anderen die Wahrheit sozusagen ins Gesicht spuckt. Weil man es auf die sanfte Tour einfach nicht kapiert. Oder nicht kapieren will.
Der halbwüchsige Sohn von Georg hatte schon längst seine Signale gesetzt. Erst hat er mit seinem Vater reden wollen. Dann ist er in der Schule abgerutscht. Dann hat er sich fast nur noch auf seinem Zimmer verkrochen. Aber keiner hat’s gemerkt. Als wären alle blind für seine Situation. Für seine Not. Und erst, als es fast zu spät ist, da gehen allen die Augen auf.
Das ist nun alles andere als ein Plädoyer für Ladendiebstahl. Aber soweit muss es ja nicht kommen. Vielleicht kann man die biblische Geschichte von Jesus, dem Blinden und der Spucke ja einmal zum Anlass nehmen, sich die Augen zu reiben und die eigene Sichtweise zu überprüfen.
Sehe ich die Dinge und die Menschen um mich herum mit klarem Blick? Oder bin ich blind auf beiden Augen? Laufe ich mit Scheuklappen durch die Welt oder lasse ich das Leben an mich heran, wie es ist? Und vielleicht kann ich dann vermeiden, dass mir jemand die Wahrheit ins Gesicht spucken muss, damit mir endlich die Augen aufgehen.
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Seit ihr Mann gegangen ist, bekommt Sabine keinen Fuß mehr auf den Boden. Zwanzig Jahre Ehe. Einfach zu Ende. Und nun sitzt sie da. Allein. Und wenn sie über die Zukunft nachdenkt, merkt sie, wie Panik in ihr hochsteigt. Wie soll ich das nur schaffen? Wie soll es weitergehen? Und dann ist da in ihrer Seele ein großes schwarzes Loch. Und Sabine fühlt sich von allen guten Geistern verlassen.
Dazu erzählt die Bibel eine Geschichte: Einmal, da fahren die Jünger Jesu über den See Genezareth. Jesus ist auch an Bord. Es war ein anstrengender Tag und Jesus liegt hinten im Boot und schläft. Plötzlich zieht ein Sturm auf. So ein richtig wilder Sturm. Der so bedrohlich wird, dass die Jünger um ihr Leben fürchten. Irgend etwas muss passieren. Aber wo ist Jesus? Der schläft einfach weiter.
Irgendwann kämpft sich einer der Jünger zu Jesus durch und rüttelt ihn an der Schulter. Meister, es geht uns an den Kragen. Interessiert dich das nicht? Jesus steht auf und befiehlt dem Sturm, sich zu legen. Was der Sturm auch macht. Die Jünger sind entgeistert. Und Jesus ist ein wenig verwundert. Warum regen die sich eigentlich so auf?
Weil sie solche Angst hatten. Abgrundtiefe, bodenlose Angst. Dass sie untergehen werden mit Mann und Maus. Und dass Jesus das völlig kalt läßt. Dass er ihre Angst einfach verschläft und genau dann nicht da ist, wenn man ihn braucht.
Dieses Gefühl kennen Menschen. Auch heute. Wie eben Sabine. Von allen guten Geistern verlassen. Kein Gott in Sicht, wenn man ihn braucht. Keine Antwort vom Himmel auf all die vielen Fragen. Und da macht die biblische Geschichte Mut.
Mut, sich trotz und alledem auf Gott zu verlassen. Darauf zu vertrauen, dass er eben doch da ist. Auch wenn ich ihn nicht sehe. Dass Gott mich nicht im Stich läßt. Ganz gleich, in welchen Lebenssturm ich gerate. Mag mich das Leben auch schütteln und beuteln. Gott ist da. Ich werde nicht untergehen. https://www.kirche-im-swr.de/?m=1151
Anna ist krank. Schon seit vielen Jahren. Sie kann sich nicht mehr selbst versorgen. Und darunter leidet sie. Dass sie so hilflos ist. Ihre Enkelin leidet auch. Denn auch die fühlt sich hilflos. Sie kauft ein, sie wechselt die Verbände, sie sitzt stundenlang bei ihrer Oma. Aber was ist das schon?
Die Bibel erzählt eine Geschichte: Einmal, da ist Jesus in einem Haus in Kapernaum. Viele Leute kommen, um ihn zu sehen und zu hören. Jetzt gibt es da einen Mann, der hat die Gicht. Und zwar so sehr, dass er sich nicht mehr bewegen kann. Deswegen packen ihn seine Freunde auf eine Trage und bringen ihn zu dem Haus, in dem Jesus ist. Weil sie hoffen, dass der dem Kranken helfen kann.
Um das Haus herum herrscht mittlerweile ein Riesengedränge. So viele Menschen, dass die Freunde mit ihrer Trage gar nicht durchkommen. Kurz entschlossen steigen sie auf das Dach, machen ein Loch in die Decke und seilen ihren kranken Freund auf seiner Trage einfach ab. Direkt vor die Füße von Jesus. Und Jesus sorgt schließlich dafür, dass ein geheilter Mensch mit der Trage unter dem Arm das Haus verlässt.
Die Bibel erzählt diese Geschichte wegen Jesus. Weil der einen Menschen heilt. Aber dazu wäre es niemals gekommen, wenn der Kranke keine Freunde gehabt hätte. Die mit Geduld und Phantasie für ihn da sind. Und alles unternehmen, was ihnen möglich ist, um ihrem Freund das Leben leichter zu machen. In der biblischen Geschichte sind sie nur Randfiguren, aber in unseren Alltagsgeschichten spielen solche Freunde oft die Hauptrolle. Auch wenn sie selber das gar nicht so sehen und erleben.
Für Anna ist ihre Enkelin der wichtigste Mensch auf der Welt. Und es hilft ihr ganz enorm, dass sie sich auf sie verlassen kann. Und von ihr so viel menschliche Wärme erfährt. Bei Anna wird es deswegen noch lange kein Heilungswunder geben. Aber heilsame Hilfe von Mensch zu Mensch, das finde ich auch schon etwas ganz Wunderbares. Und wenn Menschen einander mit Geduld und Phantasie beistehen, dann ist das schon was, sogar eine ganze Menge.
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