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SWR3 Gedanken

„Warum will der das verbieten?“ –
Frau M. am Telefon klang verletzt und wütend.
Beim Sterbegottesdienst für die verstorbene Mutter wollte die Familie gern,
dass der Sarg in der Kirche aufgestellt wird.
„Kirche und Messe war für sie unheimlich wichtig in ihrem Leben –
und da finden wir es ganz selbstverständlich,
dass sie auch bei ihrem letzten Gottesdienst noch mal dabei ist.“
Ich konnte ihr nur zustimmen; ich freute mich sogar,
weil Frau M. zwischendurch hatte durchblicken lassen,
dass sie es mit der Kirche nicht so hat.
Aber diesen Dienst wollte sie der Mutter noch tun –
und jetzt verweigerte sich die Kirche.
Und der Pfarrer berief sich auch noch auf den Bischof; der hätte es verboten.
Das war natürlich Quatsch – umso schlimmerer Quatsch,
als Frau M. und ihre Familie ja besonders verletzlich waren,
so kurz nach dem Tod der Mutter. Mit all den Sachen am Hals,
die dann in kurzer Zeit getan sein wollen.
Ich habe ihr trotzdem nicht helfen können – leider.
Und so wird die Mutter nicht körperlich
an ihrer Totenmesse teilgenommen haben. Wie schade.
Inzwischen gibt es im Bistum Trier was offizielles zu dem Thema:
In einem Brief zur österlichen Bußzeit und in einer eigenen Drucksache
hat Bischof Reinhard Marx für das Bistum Trier sogar vorgeschlagen,
dass der Sarg in der Kirche aufgestellt wird -
mit genau den gleichen Gründen,
die Frau M. und ihre Familie sich für die Mutter überlegt hatten:
zu zeigen, dass auch die Verstorbenen mitten unter uns sind,
wenn die christliche Gemeinde Gottesdienst feiert.
Und dass Christen den Tod eben nicht verdrängen
aus ihrem Leben und aus ihrem Bewusstsein.
Die Toten und den Tod aus dem Leben der Lebenden zu verdrängen:
das geht nicht wirklich. Auch nicht mit Konsum und Hektik,
wie sie heute, trotz Karsamstag, wieder ausbrechen werden.
Zwei Feiertage zu versorgen…
Aber damit die Menschen wissen, was wir an Ostern feiern –
nämlich dass es Leben geben wird, Leben vor und nach dem Tod,
dafür muss auch der Tod sein dürfen – mitten unter den Lebenden.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=1048

Mittags in der Uni-Mensa. Gedränge, Warteschlangen, Hektik;
endlich hat er mit dem Menü auf dem Tablett einen Platz gefunden.
Andreas K. setzt sich – und macht erst mal eine Pause;
kriegt ein gesammeltes, etwas entferntes Gesicht –
aber nur kurz; dann greift er sich mit der rechten Hand
an die Stirn – dann auf die Brust, auf die linke
und schließlich an die rechte Schulter: Er macht ein Kreuzzeichen.
Offenbar hat er gebetet, vor dem Essen.
Gott gedankt für seine Gaben, um Segen gebetet für das Essen,
für ihn selbst – und wahrscheinlich auch für die vielen hier in der Mensa,
die nicht beten vor dem Essen.
Haben das noch nie getan; haben es abgelegt,
als sie aus dem Elternhaus gegangen sind.
Oder finden es peinlich: in der Öffentlichkeit beten!!?
Dass sie es peinlich finden, zeigen manche auch.
Die gucken gezielt weg; die gucken demonstrativ und grinsend hin.
Tuscheln irgendwie…
Ausgerechnet ein muslimischer Student hat ihn mal angesprochen:
hat sich gewundert, dass es so was auch in Deutschland gibt,
dass einer ein Tischgebet spricht, bevor er reinhaut.
Andreas fällt das auch nicht unbedingt leicht.
Und wäre es nur eine kindische Gewohnheit, so ein Rest aus dem Elternhaus:
Er hätte es vermutlich längst abgelegt.
Oder würde vielleicht noch beten – aber lieber ohne Kreuzzeichen.
Aber er tut es bewusst und macht deutlich sein Kreuzzeichen.
„Mach das Kreuz nicht zu klein“, hat mal ein Theologe gesagt.
Denn als Christ stehst du unter dem Kreuz –
und das sollst und darfst du auch zeigen.
Es ist das Zeichen deiner Befreiung, deines Segens, deiner Hoffnung.
Heute ist Karfreitag,
und in den Kirchen steht der Gekreuzigte im Mittelpunkt;
Jesus, den sie grausam gefoltert und hingerichtet haben
an diesen gekreuzten Balken.
Aber dann kommt Ostern – der Anfang unserer Hoffnung
auf wirkliches Leben – vor und nach dem Tod.
Das Kreuz ist das Zeichen unserer Hoffnung, das leere Kreuz.
Und deswegen ist es richtig: mach das Kreuz nicht zu klein!
Mehr hast du nicht zu sagen, und an nichts anderem hältst du dich fest.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=1047
Ein paar Schrauben an meinem Fahrrad, die kriege ich einfach nicht gelöst.
Und bevor ich sie kaputt mache,
sollen lieber die Fachleute Hand anlegen.
Ich steh noch in der Werkstatt, als der Monteur den Schlüssel ansetzt;
und rufe entsetzt: halt, falsch rum; nicht festdrehen – nach links!…
Er lächelt über meine Ahnungslosigkeit -
und erklärt mir, was er tut:
Oft geht die Schraube viel leichter los, wenn ich sie erst
vorsichtig noch ein bisschen fester gedreht habe.
Paradox – aber wahr. Die hier am Lenker lässt sich jetzt
im Handumdrehen losmachen – ich hab’s selber ausprobiert.
Wie oft versuchen Menschen, Festgedrehtes oder Festgefahrenes
mit Gewalt zu lösen. Und scheitern.
Der neue Abteilungsleiter erleidet Schiffbruch mit dem Versuch,
gleich in den ersten Tagen alles anders zu machen als es bisher war.
Der Eheberater hat schon verloren, der dem Paar die Einsicht aufdrückt,
dass sie bis jetzt eigentlich alles falsch gemacht haben.
Erst noch ein paar Schritte mitgehen auf dem bisherigen Weg -
das ist so wie Schraube rechtsrum anziehen, um sie dann zu lösen.
Jesus von Nazaret ist mehr als ein paar Schritte mitgegangen.
Von heute bis Ostern feiern die Christen,
dass Gott die Menschheit vom Tod befreit.
Aber eben auf einem paradoxen Weg –
auf dem Weg des Jesus von Nazaret.
„Gott will, dass die Menschen Leben in Fülle haben“, hat der gesagt.
Aber statt den Tod einfach abzuschaffen oder zu verbieten,
ist Jesus in den Tod hineingegangen. Bis zum Ende, nicht nur paar Schritte.
Ohne sich zu wehren oder sich zu entziehen.
Oder – das glauben wir Christen: er ist hindurch gegangen
durch Gefängnis und Folter und Tod;
hat das Menschen-Todes-Schicksal in seiner extremsten Form erlitten.
Aber Gott hat ihn aus diesem Tod in ein neues Leben geholt -
und deswegen hat der Tod die endgültige Macht
über das Menschenleben verloren.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=1046
Der alte König war am Ende.
Saul hatte die Stämme zum Volk Israel vereinigt;
aber inzwischen war er als König untragbar geworden.
So erzählt es die Bibel:
Gott will einen anderen König;
und so geht der Profet Samuel nach Betlehem zur Familie Isai;
einer der Söhne des Hauses soll König werden –
aber sie müssen ausgerechnet den Jüngsten herbeirufen,
David, der auf dem Feld die Schafe hütet.
Als der ankommt, schüttet der Profet ihm das heilige Öl über den Kopf,
das er mitgebracht hat. David ist zum König gesalbt.
Und obwohl es noch mehrere Jahre gedauert hat,
mit Intrigen und Bürgerkrieg: David war gesalbt
und wurde dann ja wirklich einer der größten Könige seines Volkes.
Gesalbt werden seitdem alle Könige;
als Zeichen, dass Gott den Menschen auch in Besitz nimmt,
dem er dieses Amt verleiht. Und dass alle menschliche Macht relativ ist
und abhängig von Gott.
Gesalbt wird aber auch jeder Mensch bei der Taufe –
bei der katholischen jedenfalls.
Und da bedeutet es:
Du bist ein Gesalbter, du gehörst zu Christus, dem Gesalbten.
„Christus“ – das ist nämlich das griechische Wort für „der Gesalbte“…
Das Öl für diese Salbung ist Olivenöl mit einer Beimischung aus Balsam.
Es duftet angenehm. Aber natürlich nur, wenn es relativ frisch ist.
Deswegen wird dieses Öl, auch Chrisam genannt,
jedes Jahr neu gemischt und gesegnet und geweiht.
Heute, am Mittwoch der Karwoche, in den Bischofskirchen,
in feierlichen Gottesdiensten.
Und dann werden gleich noch andere ÖlSorten gesegnet:
darunter das Kranken-Öl, mit dem wir die Kranken salben;
das Öl und das Gebet soll sie stärken in ihrer Krankheit
und es wird sie begleiten, wenn sie sterben.
Natürlich: Es ist immer nur ein symbolisches Zeichen, das Öl.
Aber es lässt den Menschen eben auch spüren:
Gott ist dir nah und hält dich fest –
ob du König wirst oder dein Weg zu Ende geht.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=1045
„Ich hab meinen Sohn verhauen, den Max.
Vor sechs Jahren; da war er fast schon erwachsen.
Ich habe ihn erniedrigt – und mich selbst auch.
Immer wenn ich an der Stelle vorbeikomme, wo es passiert ist:
dann ist sie wieder da, diese Szene – … Ich werde es nicht los.“
Im Beichtzimmer sitzt der Pater einem Baum von Kerl gegenüber.
Aber jetzt, unter Tränen, ist da nur noch ein verwaister Vater;
Max ist vor ein paar Jahren gestorben …
Der Priester versteht, warum Max’ Vater gekommen ist.
„Sie haben Ihren Sohn verletzt;
der war ja auch ein Kind Gottes, wie sie selbst.
So was kann man nicht mehr gut machen -
und nachdem er gestorben ist, schon gar nicht mehr.
Und jetzt kommen sie zur Beichte,
damit ich ihnen Gottes Vergebung zusagen soll…“
Ja – darum geht es wohl:
Die Verbindung zwischen zwei Menschen ist abgebrochen -
Versöhnung auf Augenhöhe unmöglich zwischen Vater und Sohn;
Die Schuld belastet.
Sie sprechen über das, was geschehen ist. Über seine Schuldgefühle.
Darüber, dass er seine Impulse jetzt besser im Griff hat.
Wie er die Beziehung zu seinem Sohn heute pflegt.
Und zu seiner Frau, Max’ Mutter. Und zu Gott.
Und dann spricht der Priester nicht mehr im eigenen Namen, wenn er sagt:
„Gott, … hat in Christus die Welt mit sich versöhnt
und den Heiligen Geist gesandt zur Vergebung der Sünden.
Durch meinen und den Dienst der Kirche
schenke er dir Verzeihung und Frieden.
So spreche ich dich los von deinen Sünden…“
Eltern dürfen ihre Kinder nicht schlagen – das bleibt, unaufgelöst.
Was hilft dann diese Beichte?
Der Vater hat sich endlich zu seiner Schuld bekannt. Das hilft schon mal.
Gottes Vergebung stellt eine Gemeinschaft wieder her
zwischen Sohn Max und ihm – auf einer anderen, höheren Ebene.
Wir alle schließlich haben davon die Hoffnung,
dass Gottes Liebe eine neue Welt erschaffen wird –
trotz aller Schuld unter Menschen.


https://www.kirche-im-swr.de/?m=1044
Heute vor zwei Jahren ist Karol Wojtyla gestorben -
Papst Johannes Paul der Zweite.
„Lasst mich zum Haus des Vaters gehen.“ waren seine letzten Worte.
Dass er bei Gott lebt, davon sind wir Christen natürlich überzeugt.
Weil wir an Auferstehung und ewiges Leben bei Gott glauben.
Johannes Paul der Zweite ist zu Hause angekommen.
Aber vielleicht ist es gut, das noch mal ausdrücklich zu formulieren.
Nicht dass er es bräuchte.
Aber die, die er zurückgelassen hat
und die um ihn trauern und ihn verehren:
die wollen doch gern so etwas wie eine kirchenamtliche Bestätigung haben.
Deswegen hat der Nachfolger Benedikt der Sechzehnte
ein paar Regeln des Verfahrens außer Kraft
und den Heiligsprechungs-Prozess in Gang gesetzt -
schon wenige Wochen nach der feierlichen Bestattung im Petersdom.
Wobei er offensichtlich auch auf Volkes Stimme gehört hat -
Santo – Subito; Heiligsprechen – aber flott:
das waren so Sprechchöre auf dem Petersplatz,
schon beim Requiem.
Das ist nun nicht unumstritten; viele werfen diesem Papst
unerträgliche Rückschritte oder Stillstand in der Kirche vor.
In Deutschland denken viele zornig daran,
dass er die Bischöfe gezwungen hat, ihre Beratungsstellen
aus dem staatlichen System der Schwangerenberatung herauszunehmen.
Andererseits: Johannes Paul hat mit am Lautesten
gegen Bushs Irak-Krieg protestiert, vorher und als die Bomber schon flogen.
Und ausgerechnet dieser Papst aus dem kommunistisch beherrschten Polen
hat den Kapitalismus und dessen globale Unmenschlichkeit
so deutlich kritisiert wie noch keiner seiner Vorgänger.
Trotz manchem Stillstand in der Kirche, der mich auch stört -
den Protest gegen den Krieg und die päpstliche Globalisierungs-Kritik:
auch die wird die Kirche heilig sprechen und feiern,
wenn sie Johannes Paul den Zweiten für heilig erklärt.
Sie lassen sich dann nicht mehr verschweigen.
Und das versöhnt mich dann auch wieder damit - also meinetwegen:
Santo, Carol, subito!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=1043
In Trier weiß man das: Wer ein Loch in den Boden macht,
muss mit Problemen rechnen.
Schließlich steht man in Trier auf römischem Boden.
Zweitausend Jahre Stadt-Geschichte haben ihre Spuren hinterlassen.
Und wer gräbt, hat bald die Aus-Gräber auf dem Grundstück –
die Archäologen, die mindestens nachschauen wollen,
was da an altem Gemäuer vorkommt, an Münzen oder anderen Sachen.
Wie gesagt: damit rechnet man ja nun.
Letzte Woche gab’s ein richtig großes Problem:
Der Bagger auf einer Krankenhaus-Baustelle hatte ein Bombe angegraben.
Amerikanisches Fünf-Zentner-Ding aus dem Zweiten Weltkrieg.
Die Geschichte hat uns eben nicht nur steinerne Spuren hinterlassen.
Und Bauarbeiten-einstellen und Funde-sichern
ist natürlich zu wenig bei einer so explosiven Geschichts-Spur.
Das Ding gehört entschärft und weggebracht und sicher entsorgt.
Im 500-Meter-Umkreis um die Bombe müssen alle aus den Wohnungen raus;
drei Alten- und Pflegeheime und das Krankenhaus sind zu evakuieren.
Schließlich darf niemand zu Schaden kommen, wenn was schief geht -
so unwahrscheinlich das auch ist…
„Wir hatten sowieso mal so eine Übung geplant,“ scherzte der Feuerwehrchef.
Na gut – man kann das ganze auch als ein großes Geländespiel auffassen.
Man kann es auch so sehen: Plötzlich wirkt der deutsche Nazi-Krieg
ganz handfest in die Gegenwart herein.
Im tiefsten Frieden müssen über 5000 Leute
sich in Sicherheit bringen vor diesem Krieg und seinen Hinterlassenschaften.
Die ganz Alten werden sich an die Bombennächte erinnert haben.
Die anderen haben vielleicht an die Menschen in Bagdad gedacht;
die mussten vor vier Jahren in die Bunker,
als die US-Bomber Bushs Krieg gegen das Böse im Irak eröffneten.
Vielleicht denkt man aber auch an Ex-Jugoslawien oder an Afrika,
wo auch Jahre nach Krieg und Bürgerkrieg noch
Millionen Landminen Kinder und Erwachsene verstümmeln oder töten.
Die Trierer Bombe im März hat eben auch eine Botschaft:
Nie wieder Krieg! Die Folgen wären unabsehbar und nachhaltig.
In Trier ist es übrigens gut gegangen – nach 15 Minuten war alles vorbei.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=1042