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SWR3 Gedanken

In unserem Stadtteil gibt es eine besondere Schule. Hier werden Kinder unterrichtet, die es woanders nicht schaffen. Nicht weil diese Kinder viel dümmer sind als andere, sondern weil sie es viel schwerer haben. Da gibt es Kinder, denen es unendlich schwer fällt sich nur ein paar Minuten zu konzentrieren. Andere haben so genannte Teilleistungsschwächen, etwa in Mathematik oder Deutsch. Wieder andere ecken mit ihrem problematischen Sozialverhalten überall an. Verlässlichkeit, feste Formen oder Regeln, die dem Leben Orientierung geben, haben etliche von ihnen zu Hause nie erlebt. Die Lehrer an dieser Schule mühen sich ab, geben ihr Bestes. Trotzdem wissen alle, dass es diese Schüler nicht leicht haben werden. Das Zeugnis ihrer Schule öffnet ihnen nicht unbedingt Türen ins Berufsleben.
Zur gleichen Zeit werben die Hochschullehrer unserer Universität um die begabtesten Studenten. Mich interessieren nur die Allerbesten, sagte einer von ihnen einmal entwaffnend offen. Elite ist angesagt und Elite ist gefragt. Der Blick geht vor allem nach oben. Die weiter unten sind nicht wirklich interessant, so wie jene Schüler in unserem Stadtteil. Welche Chance werden sie wohl in der prophezeiten Wissensgesellschaft der Zukunft haben?
Es waren übrigens gerade diese Menschen, die es schwer hatten in der Gesellschaft, die Jesus besonders im Blick hatte. Sie hat er eingeladen mit Sätzen wie: Kommt zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Die äußeren Umstände haben sich grundlegend verändert seitdem, die Beladenen aber, die es schwer haben, die gibt es immer noch. Sie sind der Grund, warum Christen nicht um sich selber kreisen sollten, sondern sich deutlich einmischen müssen für eine Gesellschaft, in der alle einen Platz und eine Chance haben.

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Hoffnung heißt die kleine Firma oder genauer gesagt: Elpis, das griechische Wort für Hoffnung. Sie bietet Ingenieur- und Handwerksleistungen rund um Haus und Grundstück an. Von außen betrachtet ein kleiner Dienstleistungsbetrieb wie viele andere auch. Ein Unternehmen, das sich am Markt behaupten und Gewinn erwirtschaften muss. Trotzdem ist Elpis irgendwie anders, denn es versucht, sich am Evangelium zu orientieren. Wer schnell Karriere und viel Geld machen will oder Wert auf Statussymbole legt, der ist hier als Mitarbeiter fehl am Platz. Bezahlt wird nämlich nicht nach Ausbildung und Leistung, sondern nach Bedürftigkeit. Wer das meiste benötigt, zum Beispiel, weil er viele Kinder hat, bekommt auch das meiste. So simpel ist das und doch so ungewohnt, wenn etwa der junge Mitarbeiter deutlich mehr verdient als der Chef. Darum verstehen sich die Leute von Elpis nicht nur als Wirtschaftsbetrieb, sondern zugleich als Sozialeinrichtung nach christlichem Vorbild. Jedes Mitglied des Teams darf hier eigenverantwortlich Projekte betreuen. Grundlage ist das Vertrauen in die individuellen Fähigkeiten und Gaben, die Gott jedem einzelnen gegeben hat. Fehler sind dabei ausdrücklich erlaubt. Sie werden als Chance betrachtet, an der jeder persönlich wachsen und sich weiterentwickeln kann und wenn es gerade passt und den Mitarbeitern gut tut, dann wird auch mal gemeinsam gebetet. Ein Unternehmen im Geist des Evangeliums führen. Für Elpis heißt das vor allem, dass jeder Mitarbeiter als ganzer Mensch mit Leib und Seele wichtig ist und nicht nur als möglichst reibungslos funktionierende Arbeitskraft. Entsprechend dem Unternehmensmotto: Die Menschen lieben und die Dinge gebrauchen und nicht die Dinge lieben und die Menschen gebrauchen! Elpis zumindest hat damit durchaus Erfolg.


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Werbung diene der gezielten und bewussten Beeinflussung des Menschen, heißt es in einem Lexikon. Das mag sein, aber Werbung transportiert eben auch Wunschbilder. Solche etwa, wie wir uns selber sehen oder gerne sehen möchten. In aller Regel sehen die so aus: Wir sind jung, attraktiv, sportlich, leistungsfähig und immer gut drauf. Umso erstaunlicher kommt nun die Werbekampagne einer Kosmetikfirma daher. Sie spricht gezielt Frauen im fortgeschrittenen Alter an und zeigt sie auch. Großformatige Plakate und Fernsehspots mit Frauen zwischen Mitte 50 und Mitte 60 – nackt. Ein Hingucker, weil ungewohnt und einer, der nachdenklich macht, weil er irgendwie quer zu unseren eingefahrenen Sehgewohnheiten steht. Dabei sind die abgebildeten Frauen durchaus attraktiv und sichtlich gut drauf. Trotzdem entsprechen sie einfach nicht dem immer wieder eingeprägten Bild des typischen Werbemodels und allein das macht stutzig.
Klar, das Unternehmen will seine Produktlinie an die Frau bekommen, und zwar an die ältere. Eine immer größer werdende, zahlungskräftige Zielgruppe. Aber es transportiert damit gewollt oder ungewollt auch eine Botschaft, auf die nicht nur die Kirchen schon seit Jahren hinweisen. Dass jeder von uns viel mehr ist als die äußerlich möglichst glatte, nett anzusehende Fassade. Dass jede und jeder eine eigene, unverwechselbare Geschichte mitbringt, die uns als Menschen erst wirklich interessant macht. Geschichten, wie sie die älteren Frauen auf den Werbeplakaten wortlos ausstrahlen.
Werbung dient der gezielten und bewussten Beeinflussung des Menschen? Warum nicht, wenn sie uns dann und wann auch mal zu einen anderen Blickwinkel verhilft.
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Eine uralte Legende erzählt von einer Zeit, als alle Menschen noch dieselbe Sprache hatten. Sie verstanden sich und konnten so fast alles erreichen. Mit dem Bau eines gewaltigen Turms wollten sie sich schließlich bis in den Himmel vorarbeiten. Gott aber, entsetzt über diesen Größenwahn, verwirrte ihre Sprache. Die Verständigung klappte plötzlich nicht mehr und die Menschen zerstreuten sich von da an über die ganze Erde. Eine Geschichte aus der Bibel. Leider eine aktuelle Geschichte, denn an mangelnder Verständigung leiden wir auch heute. So wie jener Student aus Schwarzafrika, der nur einkaufen gehen wollte. Mit einem Stipendium seines Heimatlandes ist er hier, möchte Ingenieur zu werden. An jenem Nachmittag aber war er zur falschen Zeit am falschen Ort. Eine Polizeikontrolle in seinem Wohnheim, Drogenfahndung. Als sie auch ihn kontrollieren wollen, flieht er und wird von den Beamten überwältigt. Er wehrt sich, hat Todesangst. Sie legen ihm Fesseln an, bringen ihn aufs Revier. Erst langsam klärt sich auf, dass er unschuldig und aus Panik über den Anblick des Polizeiaufgebots weggelaufen ist. In seinem Heimatland hat die Polizei einen üblen Ruf. Man geht ihr besser aus dem Weg, doch davon können die deutschen Beamten natürlich nichts wissen. Er war eben nur zur falschen Zeit am falschen Ort.
Mit dem Sprechen einer gemeinsamen Sprache ist es heute nicht mehr getan. Zum Verstehen gehört eben viel mehr. Die Fähigkeit zum geduldigen Zuhören zum Beispiel und die Bereitschaft, voneinander zu lernen. Damit lassen sich zwar keine Türme in den Himmel bauen, aber ein besseres Verständnis füreinander wäre ja auch schon eine Menge.

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Was würdest du heute noch machen, wenn morgen die Welt unterginge? Eine Frage, die einen erst mal ins Grübeln bringt. In der Berichterstattung über den neuen Klimabericht der UNO kommt sie freilich etwas anders daher: Was tust du heute, damit morgen die Welt nicht untergeht? Dabei ist das Thema durchaus nicht neu. Die Bewahrung der Schöpfung sei eine der wichtigsten Aufgaben neben Frieden und Gerechtigkeit. So haben die christlichen Kirchen auf einer großen Weltversammlung in Kanada schon vor 24 Jahren formuliert. Ernsthafte Konsequenzen hatte das bisher leider nicht, doch das liegt nicht allein an Bequemlichkeit und Ignoranz in Umweltfragen.
Wer bettelarm ist und keine andere Wahl zum Überleben hat, den interessieren intakte Regenwälder in Brasilien oder Indonesien nun mal herzlich wenig. Wer keine andere Arbeit findet, der holzt eben die Pinienwälder Andalusiens ab und züchtet dort jene Erdbeeren, die sich auch bei uns im Februar blendend verkaufen. Wer kaum Geld hat, wird sich kein modernes Hybridauto für mehr als 20000 Euro leisten. Er fährt eben seine alte Dreckschleuder, um mobil zu bleiben. Und wer nie die Chance zu qualifizierter Bildung bekommt, der wird alles Gerede von kippenden Ökosystemen sowieso kaum nachvollziehen können.
Kurzum: Die Bewahrung der Schöpfung ist nicht zu trennen von der Forderung nach Gerechtigkeit und Frieden für alle Menschen. Die allerdings schon haben die Propheten der Bibel vor fast 3000 Jahren mehr oder weniger erfolglos eingeklagt.
Der Reformator Martin Luther soll einmal gesagt haben: Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen. Nur zu, Bäume sind schließlich gut für unser Klima.
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Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ein Satz aus der Bibel. Oft benutzt als Beispiel für unbarmherzige Brutalität. Dabei meint er genau das Gegenteil. Nicht durch blindwütige Rache soll erlittenes Unrecht gesühnt werden, sondern ausschließlich durch eine der Tat entsprechende Strafe. Ein Auge eben für ein verletztes Auge, ein Zahn für einen ausgeschlagenen Zahn. Der Satz ist also nicht mehr als der Versuch einer frühen Rechtsordnung. Darin aber liegt ein Problem, das uns bis heute umtreibt: Wie kann ein Verbrechen angemessen gesühnt werden? Wann ist eine Schuld beglichen?
Kein Wunder eigentlich, dass sich diese Frage ausgerechnet an der Freilassung ehemaliger Terroristen entzündet hat. Menschen also, die aus wirren Motiven und in voller Absicht das Leben Anderer zerstört haben. Wann auch so ein Verbrechen hinreichend gesühnt ist, legt unser Strafrecht unmissverständlich fest. Doch warum dann die Diskussion, die unsäglichen Talkshowdebatten? Warum das Beharren auf einem Wort des Bedauerns, der Entschuldigung vor den Opfern? Vielleicht, weil viele von uns nicht glauben können, dass mit dem Ende der Strafe auch die Schuld vergeben ist? Vergebung aber ist ein Geschenk, auf das ein Täter nur hoffen, um das er bitten kann. Vor allem eines, das ihm ausschließlich das Opfer gewähren kann - und Gott. Ein Anrecht darauf gibt es nicht. Gott zumindest ist nach dem Wortlaut der Bibel zur Vergebung selbst der größten Schuld bereit. Vorausgesetzt freilich, dass der Betreffende dieses Geschenk überhaupt annehmen will. Als Christen nennen wir das dann: Umkehr. Das aber ist etwas, das der Täter tatsächlich allein mit Gott ausmachen muss.

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