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SWR3 Gedanken

Preisfrage: Wieviel Spielfilme werden pro Jahr im deutschen Fernsehen gezeigt ? 1000, 5000, 10.000 ? Nein, 12.000 ! Rund 12.000 Spielfilmausstrahlungen gab es im letzten Jahr im deutschen Fernsehen. Das heißt rund 33 Filme täglich. Es ist schon erstaunlich, welche Flut an Geschichten sich täglich per Spielfilm in die deutschen Wohnzimmer ergießt. Und dabei sind die Geschichten der zahllosen Fernsehspiele und Serien noch nicht einmal mitgerechnet. Warum das alles? Wie kommt es, dass wir nicht müde werden diese unzähligen Geschichten zu schauen? Natürlich ist es auch ganz banales Business. Die vielen Fernsehsender brauchen einfach viel Programm. Aber wir müssen uns das alles ja nicht anschauen. Aber wir tun es massenhaft und stundenlang. Also warum?
Vielleicht, weil wir die Geschichten brauchen. Weil die Geschichte hinter der Geschichte auch immer sagt. « Komm, ich erzähl dir was. Ich nehm’ mir Zeit für dich, ich will dir gut. » Und weil es bei einer gut erzählten und wichtigen Geschichte immer auch ums Eingemachte geht: um Liebe und Leidenschaft, Herz und Schmerz, um Leben und Tod.
Und das gibt’s im Alltag halt nicht so oft und schon gar nicht auf Knopfdruck.
Wir Spielfilm und Serienschauer schauen uns die zahllosen Geschichten im Fernsehen auch an, weil wir dabei sehen wollen, was geht und was nicht geht im Leben. Und das mit unserem wirklich gelebten Leben vergleichen wollen. Und zu guter Letzt schauen wir so viel Spielfilme und Serien, weil die Geschichten fast immer gut ausgehen. Weil wir das Gute wollen, so gern und heftig das Happy end wollen – im Spielfilm wie im richtigen Leben. https://www.kirche-im-swr.de/?m=665
Winston Churchill nannte es „die Perle Afrikas“: Uganda, dieses an fruchtbaren Böden reiche Land im Osten Afrikas. 20 Jahre war Krieg in Uganda. Der längste ununterbrochene Bürgerkrieg auf diesem von Kriegen so geplagtem Kontinent.
Und nun ist endlich Waffenstillstand. Ein so stabiler Waffenstillstand, dass sich die 2 Millionen Menschen, die durch den Krieg aus ihren Dörfern vertrieben wurden, wieder zurück wagen. Sie waren auf der Flucht vor einer menschenverachtenden Rebellengruppe, die sich zynischerweise Lord’s resistence Army nennt. Die Widerstandsarmee des Herrn. Diese Killertruppe, berühmt-berüchtigt, weil sie systematisch Kinder entführt und zu Soldaten macht. Deshalb flüchteten ganze Heerscharen von Kindern und ihren Eltern von den Dörfern in die Städte, weil sie dort sicherer waren. Und nun, da die Menschen auf einen dauerhaften Frieden hoffen können, kehren sie wieder in ihre Dörfer zurück. In Dörfer, wo das Land brach liegt, wo Felder unbestellt sind, die Böden vertrocknet oder verwildert. Aber sie sind fruchtbar diese Böden und damit der Urgrund für das Leben der zurückgekehrten Flüchtlinge.
Damit der Friede in Uganda gefestigt werden kann, braucht es Hilfe. Natürlich so banal wie brutal auch militärische Hilfe. Durch Friedenstruppen der UN. Aber auch Versöhnungsarbeit zwischen Opfern und Tätern. Hier kann viel geholfen werden. Aber ohne Nahrung, ohne Wasser und Brot hilft das alles nichts. Deshalb rufen Hilfswerke wie Caritas, Misereor oder Brot für die Welt zu Spenden für Uganda auf. Spenden, die zu ganz konkreten, handfesten Zwecken verwendet werden: Für eine Hacke zur Feldarbeit, für Samen zum Säen, einen Topf zum Kochen, Teller und Tassen, aus denen eine Familie dann auch essen kann. Diese Basisausstattung bekommt eine Familie in Uganda wenn ich 9 Euro dafür spende. 9 Euro für einen neuen Anfang.
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Es ist schon eine Weile her, aber es war eine Offenbarung:
Ein Mann sitzt in der Talkshow « Nachtcafé » und er sieht entsetzlich aus, einfach entsetzlich. Durch ein Flugzeugunglück wurden
85 % seiner Haut verbrannt. Sein Kopf sieht aus wie der eines vergreisten Vogelbabys: Keine Haare, verschrumpelte Ohren, das Gesicht faltig, verzerrt und maskenhaft. Es ging um Anderssein in dieser Sendung des Südwestfernsehens und wie die Menschen mit ihrem Anderssein umgehen. Und dieser Mann macht das unwahrscheinlich gut, bewundernswert gut. Er versteht das Erschrecken, die Verlegenheit seiner Gesprächspartner und nimmt ihnen ihr Erschrecken und ihre Verlegenheit. Er ist so ruhig und nachdenklich mit seinen Gesprächspartnern, so konzentriert und wohlwollend, dass man nach und nach seine Unansehnlichkeit vergisst. Man hört seine sympathische Stimme, freut sich an seinem Humor, genießt seine Gelassenheit und sieht mehr seine warmherzigen Augen als die entstellte Haut drum herum. Man bekommt ein Gespür für die innere Gestalt dieses Menschen. Und durch diesen Blick in seine Seele wird dieser äußerlich hässliche Mensch schön. Wieland Backes, dem Moderator des Nachtcafés ist es auch so ergangen und er hat sich für diese Erfahrung bedankt. Eine Sternstunde des Fernsehens.
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„Das Beste in meinem Leben war wohl, dass ich Mönch wurde“ – das sagt Pater Theodor, ein deutschstämmiger Mönch in einem der größten Klöster Amerikas. Vor kurzem wurde er 106 Jahre alt. Er gilt als der älteste Benediktinermönch der Welt. Ein Titel, der ihm wohl ziemlich egal ist. Denn es ging ihm trotz seiner Bodenständigkeit als Priester und Pädagoge immer auch um den Himmel. Wenn er danach gefragt wird, warum er denn Mönch geworden ist, sagt er: “Ich dachte das Kloster sei der beste Platz um sich auf den Himmel vorzubereiten. Und wenn man ihn, den 106 Jährigen fragt, ob er noch Wünsche habe, dann antwortet er: “Ja, ich habe den Wunsch nach dem Himmel“ und lacht „wissen Sie, ich lebe ja schon so lange, jetzt freue ich mich auf die Ewigkeit.“
Da stehe ich staunend vis á vis und frage mich, was kann ich lernen von solch einem Menschen? Einem Menschen, der das ganze letzte Jahrhundert miterlebt hat. Der mit 17 in das Kloster kommt, das er später auch leiten wird und in dem er jetzt bald 90 Jahre lebt. Ein Mönch, der 2000 Bücher gelesen und über 4000 junge Menschen ausgebildet hat.
Ein offener, wissensdurstiger und weiser alter Mann. Der mit 99 Jahren Spanisch gelernt hat und mit 100 mit dem Computer umzugehen.
Was lerne ich aus einem solch außerordentlichen Leben, ohne nur in Ehrfurcht zu erstarren?
Ich lerne, dass zu einem geglückten Leben gehört, die Beine fest auf dem Boden zu haben und den Kopf oder besser das Herz – im Himmel. Neugierig sein, die Welt, die Menschen kennen zu lernen, immer besser verstehen zu wollen. Ich lerne, dass zu einem glücklichen Leben gehört Gott und die Menschen zu lieben. Und dadurch immer wieder Glück zu erfahren und zu innerem Frieden zu finden. Und so immer wieder schon hier (auf Erden) eine Ahnung davon zu bekommen, wonach sich der 106 Jährige Pater so herrlich gelassen sehnt: nach dem Himmel!
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Spinner, Selbstdarsteller oder Held? Brian Haw, ein 58jähriger Brite campiert seit 5 ½ Jahren vor dem Parlament in London. Tag und Nacht protestiert er dort vor dem britischen Unterhaus gegen die Beteiligung Englands im Konflikt mit dem Irak. Er verlässt seinen Protestplatz nur, wenn er Duschen geht, wenn er was zu essen braucht oder wenn er an einem Hearing im Parlament teilnimmt. Mit seinem Dauerprotest ist er zu einem lebenden Wahrzeichen Londons geworden und zu einer Art Pilgerstätte der britischen Friedensaktivisten.
Um die Kinder gehe es ihm, sagt der 7fache Familienvater. Um die Zukunft seiner eigenen Kinder, die in einer Nation leben sollen, die Frieden bringt und keinen Krieg. Und um die Kinder im Irak gehe es ihm. Mit denen er leide. Wie mit allen Kindern denen es schlecht geht.
Brian Haw’s Engagemant ist so radikal, dass darüber seine Ehe in die Brüche ging. Und er ist so strikt, dass er seinen Protestplatz nicht mal zur Hochzeit seiner Tochter verlassen hat.
Spinner, Selbstdarsteller oder Held? Vielleicht ist Brian Haw besser zu verstehen, wenn man ein wenig von seinem Leben erfährt. Sein Vater war einer der ersten britischen Soldaten, die am Ende des 2. Weltkriegs das KZ Bergen-Belsen befreit haben. 20 Jahre später nahm er sich das Leben. Sein Sohn Brian war da 16 Jahre alt. Mit 16 ging er als Zimmermann in den Schiffbau und fuhr danach zur See. Was ihn in die ärmsten Gegenden der Welt brachte. In Kambodscha half er beim Wiederaufbau des kriegszerstörten Landes und in den 70er Jahren ging er nach Nordiralnd um in dem Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten zu vermitteln.
Spinner, Selbstdarsteller oder Held? Ich denke Brian Haw ist ein Mensch wie es sie nur selten gibt: visionär bis zum Anschein der Verrücktheit und radikal bis zur Rücksichtslosigkeit. In der Bibel heißen solche Menschen Propheten.
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Gnade vor Recht. Ein alter, großzügiger Akt des Erbarmens gegenüber Verurteilten. Demnächst hat Bundespräsident Köhler das Gnadengesuch von Christian Klar auf seinem Schreibtisch.
Christian Klar war der Kopf der RAF, der Roten Armee Fraktion, die in den 70er Jahren die Bundesrepublik bekämpft hat. Die RAF hat Spitzenleute aus Politik, Wirtschaft und Justiz entführt und umgebracht. Die RAF nahm dabei auch in Kauf, dass andere Menschen, wie die Fahrer der prominenten Opfer oder Polizisten, getötet wurden.
Christian Klar wurde wegen gemeinschaftlichen Mordes zu 6 mal lebenslänglich verurteilt. 24 Jahre seiner Haft sind vorbei. Seine Mindesthaftzeit wurde auf 26 Jahre festgelegt. Das heißt, er muss auf jeden Fall bis 2009 im Gefängnis bleiben. Nur wenn ihn der Bundespräsident begnadigt, kommt er früher frei. Es geht also um 1 oder 2 Jahre bei diesem Gnadenakt.
Fürsprecher setzen sich ein für die Begnadigung als ein Zeichen der Versöhnung, des Großmuts und als Abschluss eines der dunkelsten Kapitel der Bundesrepublik. Andere Fürsprecher sagen er stelle keine Gefahr mehr dar oder sagen lebenslange Haft sei wie „lebendig begraben sein.“
Gegner der Begnadigung denken vor allem an die Opfer und ihre Angehörigen. So sagt die Witwe des ermordeten Hans Martin Schleyer, dass sie bis heute noch kein Wort der Entschuldigung von Christian Klar gehört hat.
Was macht man mit einem Menschen, wenn er sich selbst nach Jahrzehnten nicht seiner Verblendung bewusst ist und nicht willens oder fähig um Verzeihung zu bitten? Wie will man diesen Menschen in eine Gesellschaft entlassen, in der gnadenlose Medien auf ihn warten, in der vor allem aber Menschen leben, deren Angehörige durch ihn sterben mussten?
Und: Kann ein Mensch Gnade erwarten, wenn er keine Reue zeigt?
Ich denke nein. Und bedaure das, wenn ich mich das sagen höre.
Aber wenn ein 6fach lebenslänglich Verurteilter aus humanitären Gründen nach 26 Jahren entlassen wird, dann sollte er, wenn er keinerlei Reue zeigt, nicht mit einer noch früheren Entlassung bevorzugt werden.


SWR3 Gedanken
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„Ach!“ – wie oft schon habe ich morgens die Bettdecke mit diesem Stoßseufzer zurückgeschlagen und mich aus den Kissen gekämpft.
„Ach!“ Dieser Seufzer ist ein archaisches Wörtchen – ein Urwort, das aus der Tiefe der Seele kommt und das so gut wie alle Menschen kennen. Wenn sie unter einer Belastung stöhnen, wenn sie leiden oder wenn sie mitleiden: „ach du Armer!“ Wenn sie klagen oder sich ärgern, „ach hätt’ ich doch..., ach wär’ ich doch...“ Aber auch wenn wir staunen: „Ach, das hätt’ ich nicht gedacht, ach wie schön!“
Dieses Ach ist eines der menschlichsten Worte, die es gibt. Ein Ausruf, der gut tut. Hörbarer Ausdruck von Innenleben. Für Dinge, die zwar nicht sichtbar sind, aber fühlbar. Und die so stark sind, dass sie weit über das hinausgehen, was beschreib bar ist und nur noch Atem und Klang sind.
Manchmal ist ein „ach“ das einzige, was ich bei einem Gebet spreche. Leise vor mich hin oder in mich hinein. Wenn ich müde bin oder mir die Worte fehlen. Vor Freude, Wut, Enttäuschung, Klage oder Trauer.
Dieses „ach“ ist meine kürzeste Botschaft zu Gott. Aber dafür um so intensiver. Und irgendwie bin ich mir sicher, dass gerade sie auch bei Gott ankommt.

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