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SWR3 Gedanken

Ganz gleich, in welcher Gestalt es sich zeigt – als Alien, als fremde Bedro-hung aus dem Weltall, als Werwolf oder als dämonische Macht – die Faszi-nation des Bösen hält an und eine breite Sparte der Filmindustrie lebt von ihr.
Mit dem Bösen lässt sich spielen – jedenfalls so lange die Wertordnungen klar bleiben, so lange das Gute noch eine Chance hat, so lange all das nur Leinwandzauber ist. In dem Moment, wo das „Böse“ mitten in den Alltag, in die wirkliche Welt einbricht, ist das Spiel vorbei. Die zerstörerische Kraft des Bösen, die in einem Völkermord Hunderttausende Heimat, Leib und Le-ben kostet, ist ebenso unverständlich und grauenhaft wie das Blutbad a-moklaufender Kids unter ihren Mitschülern.
Darüber kann man lange diskutieren und dicke Bücher schreiben und hat am Ende doch nichts gesagt. Was das „Böse“ für mich so fassungslos macht, ist, dass es so absolut unverständlich und unberechenbar bleibt. Und das macht auch den Widerstand so schwer. Immer bleibt ein Gefühl der Ohnmacht zurück.
Die letzte Bitte des „Vaterunser“-Gebets Jesu zielt auf dieses Ohnmachts-gefühl: „Erlöse uns von dem Bösen.“ Da wird niemand verteufelt. Da wird nichts erklärt, wo es nichts zu erklären gibt. Da wird auch nichts beschö-nigt.
„Erlöse uns von dem Bösen.“ Das ist zunächst einmal einfach nur realis-tisch. Denn realistisch ist es, sich die eigene Ohnmacht einzugestehen, wo unverständlich Böses geschieht. Realistisch ist es, die Sehnsucht wahrzu-nehmen und auszusprechen nach einer Welt, wo das Böse seine lebenszer-störende Macht verloren hat. Da ist die letzte Bitte des Vaterunsers für mich ein Ventil. Für Trauer, Wut und Klage. Aber auch für die Hoffnung, es könne doch einmal anders sein.
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„Führe uns nicht in Versuchung“ – das scheint die lästigste Bitte des „Va-terunser“-Gebets zu sein. Typisch lustfeindliches Christentum! Was Spaß macht, ist gleich verboten oder irgendwie gefährlich.
Leider verhindert die altmodische Sprache manchmal das Verstehen. Bei „Versuchung“ denken wir natürlich an Schokolade, Zigaretten oder Sex. „Versuchung“ – das soll irgendwie unmoralisch sein. Und weil Schokolade, Zigaretten oder Sex nicht unmoralisch sind, ist das Gerede von Versuchung eigentlich überholt, jedenfalls nicht ganz ernst zu nehmen.
Aber das Wort „Versuchung“ hat noch eine andere Bedeutung. Menschen sind nicht auf ihre Instinkte festgelegt. Sie richten ihr Leben ein nach dem Verfahren von „trial and error“ – Versuch und Irrtum. Diese Strategie hat die Gattung Mensch ziemlich weit gebracht. Aber sie birgt auch Gefahren, die uns an den Rand unseres Überlebens auf dem blauen Planeten drängen. Im Versuch liegt die Versuchung.
Um nur ein beklemmendes Beispiel zu nennen: die Versuchung, den Men-schen perfekter zu machen, als er von Natur aus ist. In den Gen-Labors mancher Wissenschaftler wird kräftig und unumschränkt mit menschlichen Embryonen experimentiert. „Sieg über Krankheit und Behinderung!“ – lau-tet die Devise. Große Heilsversprechungen werden ausgegeben. Und wenn hierzulande moralische Bedenkenträger die Alarmglocken läuten, heißt es, wir dürften uns in Deutschland keinen Rückstand leisten gegenüber dem internationalen Standard.
Warum? Weil mit der Gen-Forschung enorm viel Geld verdient werden kann. Wenn das nicht ernst zu nehmende Versuchungen sind!
Es ringt mir vor Gott den Hilferuf ab: „Bewahre uns vor der Versuchung, die Möglichkeiten, die du uns zum Leben gegeben hast, zu überreizen.“
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Wer einmal in Schulden steckt, kommt da so leicht nicht mehr heraus. Kre-dite sind teuer. Das gilt fürs private Leben genauso wie für die Weltwirt-schaft. Deshalb ringen die ärmeren Länder immer wieder um einen interna-tionalen Schuldenerlass.
„Schuld“ ist ein schillernder Begriff. Er hat viele Facetten. Meistens denken wir bei Schuld an unmoralisches Verhalten, an Rechtsbruch oder derglei-chen. Wo menschliche Beziehungen durch Schuld gestört sind, kann Verge-ben und Verzeihen eine neue Vertrauensbasis herstellen.
Die bekannte Bitte aus dem „Vaterunser“-Gebet Jesu „Vergib uns unsere Schuld“ wird meistens so verstanden.
Aber „Schuld“ kann auch bedeuten, dass ich von dem lebe, was andere aufgebaut und entwickelt haben, ohne es angemessen vergüten zu können. Das ist realistisch. Und deshalb gehört es zum gelingenden Zusammenle-ben unter Menschen hinzu, dass nicht nur zurückgefordert, sondern auch erlassen wird, was man sich schuldet.
Ohne Schuldenerlass kann es für diejenigen, die in der Zwickmühle der Verschuldung stecken, keinen wirtschaftlichen Neuanfang geben. Die Ver-schuldungen der ärmeren Länder dieser Erde sind heute ins Unermessliche gewachsen und treiben die Bevölkerung täglich weiter in die Armut. Allein die Zinstilgung für die gewährten Kredite erstickt jede volkswirtschaftliche Entwicklung im Keim.
Ein Schuldenerlass auf weltwirtschaftlicher Ebene gibt ein Beispiel dafür ab, wie die Bitte des Vaterunsers „Vergib uns unsere Schuld“ Wirklichkeit wer-den kann. Vor allem der zweite Teil, der oft weniger beachtet wird: „wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Immerhin leben wir letztlich alle von den Ressourcen dieser Erde, von Gottes Schöpfung. Und wenn Gott kleinlich Buch führen würde, wären wir längst in den Miesen.

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Brotkauf ist inzwischen fast schon eine Angelegenheit für Experten gewor-den. Wer in eine Bäckerei geht, muss sich auskennen, was es gibt. Man muss bereits vorher genau wissen, was man braucht. Die Vielfalt der Brotsorten ist verwirrend. Und die mehr oder weniger originellen Bezeich-nungen machen die Sache noch komplizierter.
Doch ganz gleich, ob Vollkornschrot- oder Roggenbrot, ob Sonnenblumen- oder Joggingbrot – Brot ist Brot, und es ist unser Hauptnahrungsmittel. Kein Frühstück, keine Vesperzeit ist ohne Brot vorstellbar. Na ja, vorstell-bar vielleicht schon, aber dann fehlt doch etwas Wesentliches. Wenn es um unser leibliches Wohl geht, ist Brot elementar und unverzichtbar.
Deshalb ist Brot zum Sinnbild geworden für das, was wir zum täglichen Le-ben brauchen. So wird es auch in einer Bitte des Vaterunsers verstanden: „Unser täglich Brot gib uns heute.“
Martin Luther zählt in seiner etwas altertümlichen Sprache auf, was dahin-ter stehen kann: „Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, ein frommer Gemahl, fromme Kinder, ein gutes Regiment, gutes Wetter, Friede, Gesundheit“ und so weiter.
„Unser täglich Brot gib uns heute.“ Für mich heißt das: anerkennen, dass wir als Menschen lebensnotwendige Bedürfnisse haben. So hat uns Gott geschaffen. Und es heißt für mich auch: Darauf vertrauen, dass Gott in die-ser Welt bereithält, was wir zum Leben brauchen.
Nochmals anders klingt diese Bitte, wenn ich für Brot einsetze: „unsere tägliche Arbeit“, „unser tägliches Dach über dem Kopf“, „unsere Heimat“ – gib uns heute. Dann wird aus der Bitte zugleich die Frage nach Gerechtig-keit und die Frage danach, was ich dazu tun kann, dass auch andere be-kommen, was sie zum Leben brauchen.
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In den Geschichten, in denen Jesus von Gott spricht, taucht oft das Bild vom Vater auf. Es ist ein Sinnbild. Auf anschauliche Weise will es verdeutli-chen, dass wir von Gottes Fürsorge leben. Menschen bitten – wie Kinder, und Gott gibt – nach seinem Ermessen. Diese Haltung hat oft Kritik her-ausgefordert: Gott darum zu bitten, dass etwas Bestimmtes geschehen möge, oder dass mir etwas Bestimmtes gegeben werde – das sei naiv, kindlich naiv. Beten sei deshalb nichts für Erwachsene, die es schließlich besser wissen.
Im „Vaterunser“-Gebet Jesu finden wir die merkwürdige Bitte: „Dein Wille geschehe.“ Und die ist alles andere als kindlich naiv. Es ist die Bitte eines erwachsenen und reifen Menschen.
Merkwürdig fand ich an dieser Bitte schon immer, dass ich doch Gott nicht ausdrücklich dazu auffordern muss, dafür zu sorgen, dass sein Wille ge-schieht. Deshalb glaube ich, es führt auf die falsche Fährte, das als Bitte im üblichen Sinn zu verstehen. „Dein Wille geschehe“ – das drückt keinen Wunsch aus, sondern eine Einsicht.
Wenn wir das Gebet nur als Mittel der Wunscherfüllung und Bedürfnisbe-friedigung ansehen, haben wir es missverstanden und nehmen es nicht ernst. Gott ist ja kein Automat: Oben Gebet rein – unten Erfüllung raus. Beten heißt eben nicht nur bitten, sondern es heißt auch, sich auf Gott ein-stimmen. Gerade weil wir im Gebet immer Bitten äußern, ist es wichtig, sich daran zu erinnern.
Natürlich hat im Gebet das Platz, was mich bewegt, und es kommt darin so vor, wie ich es sehe. Aber ich weiß und sehe ein, dass Gott eine Perspekti-ve hat, die über meinen beschränkten Horizont hinausgeht. Und darum sa-ge ich: „Dein Wille geschehe.“
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Beten ist zwar unpopulär, aber dennoch hat es einen festen Platz im Leben: wenn die Zeiten schlecht stehen, wenn Angst vor der Zukunft vorherrscht. „Not lehrt beten“, sagte man früher.
Die Bitte darum, dass es besser werden möge, der Schrei nach Gerechtig-keit, nach Rettung kommt auch im „Vaterunser“ vor – einem Mustergebet, das Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern weitergibt: „Dein Reich kom-me!“
Man hat diese Bitte heftig kritisiert. Die Christen hätten nur das Jenseits im Blick. Wirklichkeitsfremd seien sie. Träumten von einer besseren Welt hin-ter unserer Welt. Anstatt hier und jetzt zu handeln, hätten sie nur ihr ewi-ges Seelenheil im Kopf.
Ich glaube, dass Sehnsucht ein „legitimes“ Gefühl ist. Und ich bin froh, dass diese Sehnsucht auch beim Beten ihre Sprache findet. Die Rede vom „Reich Gottes“ klingt zwar etwas angestaubt. Trotzdem empfinde ich diese Bitte des Vaterunsers als hilfreich.
Sie bringt für mich zum Ausdruck, dass meine Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit sich nicht in dem erschöpft, was ich mir gerade persönlich als den glücklichsten Zustand auf Erden vorstellen und wünschen mag. Im „Reich Gottes“, um das ich bitte, liegt mehr als private Glückserfüllung. Es umfasst die ganze Welt. Es hat alle Menschen im Blick.
Und noch etwas Zweites steckt drin: das „Reich Gottes“ ist nichts, was sich erst irgendwann in ferner Zukunft oder gar nicht auf dieser Erde verwirk-licht. Es wird schon hier und jetzt wahr. Da, wo Machtmissbrauch durch-schaut und bekämpft wird. Dort, wo Schuld vergeben wird, wo Täter und Opfer sich wieder gegenseitig ins Gesicht sehen können. Und dort, wo wir bekommen, was wir zum Leben brauchen, und dafür sorgen, dass andere es ebenfalls erhalten.
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Nichts ist selbstverständlich. Beten schon gar nicht. Nur Kinder beten ganz unbefangen. Doch irgendwann bleibt der kindliche Glaube an der Zimmer-decke hängen – und dann ist es in der Regel auch mit dem Beten vorbei.
Das Schwierigste am Gebet ist, dass wir uns oft nicht ganz sicher sind, wem unser Gebet eigentlich gilt. Zu wem sollen oder können wir denn be-ten? Gibt es da jemanden, der uns hört?
Vor 2000 Jahren hat Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern gezeigt, wie man beten kann. Sie hatten es offenbar nötig. So wie wir heute. Mit dem „Vaterunser“ hat Jesus so etwas wie eine kleine „Schule des Betens“ vorge-legt. Seine erste Bitte nimmt die Frage auf, wer uns beim Beten eigentlich zuhört.
„Geheiligt werde dein Name!“ – heißt es da. Beten ist nichts Anonymes. Es hat eine Richtung. Und es richtet sich nicht an einen unbekannten Gott, sondern an ein ansprechbares Gegenüber. Jesus hat deutlich gemacht, dass der Name Gottes, zu dem wir beten können, „Vater“ ist. Daher auch die Anrede „Vater unser“. In den Bildern und Geschichten, in denen Jesus von Gott gesprochen hat, erscheint Gott nicht als unberechenbarer Herr-scher oder als launischer Tyrann, sondern als Vater.
Ich weiß: das Bild vom Vatergott bringt auch Probleme mit sich. Es ist ein Bild – und darum hat es starke und schwache Seiten. Der Vatergott kann mit menschlichen Vätern verwechselt werden – das ist die schwache Seite. Die starke Seite aber ist die Vertrautheit und Nähe, die das Bild vom Vater ausspricht. Mag sein, dass wir heute ein anderes Bild brauchen, in dem wir diese Nähe Gottes entdecken. Vielleicht das Bild von der Mutter. Das ist für mich nicht vorrangig. Wichtiger ist die Bedeutung der ersten Bitte des „Va-terunsers“: „Geheiligt werde dein Name, Gott, mit dem du dich uns zeigst als der oder die, die uns zuhört.“
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