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SWR3 Gedanken

Geld allein, Geld allein macht nicht glücklich. Vor Jahrzehnten war das mal ein Schlager. Den Text aber, den hat schon damals keiner wirklich geglaubt. Trotzdem stimmt er, zum Teil zumindest. Wissenschaftler haben herausgefunden, das etwa der plötzliche Gewinn einer großen Geldsumme durchaus Glücksgefühle auslöst. Er bedeutet persönlichen Erfolg, eröffnet neue, größere Möglichkeiten und so fort. Dumm nur, dass so ein plötzliches Glücksgefühl wie eine Fata Morgana ist. Es verschwindet so schnell, wie es gekommen ist und der Alltag hat uns wieder, egal ob arm oder reich. Den vermeintlich nicht enden wollenden Glücksrausch durch die Hochzeit, den Lottogewinn, die Geburt eines Kindes – es gibt ihn schlicht und einfach nicht, auch wenn wir noch so heftig darauf hoffen.
Ganz anders ist das mit dem Gefühl innerer Zufriedenheit. Wer sehr reich ist, ist meistens auch ziemlich zufrieden. Trotzdem äußern die viel, viel ärmeren Bewohner mancher Entwicklungsländer mitunter eine noch höhere Zufriedenheit mit ihrem für unsere Verhältnisse armen Leben. Die hängt nämlich durchaus nicht nur mit dem hart erschufteten Reichtum zusammen. Viel wichtiger etwa, sagt die Glücksforschung, sei das Zusammensein mit Menschen, die ähnlich ticken wie wir, die uns schätzen oder sogar lieben. So etwas schenkt nicht nur Glücksmomente, sondern gibt dem Leben auch jene tiefe, anhaltende Zufriedenheit. Und noch etwas haben die Forscher herausgefunden: Auch Religion erhöht die Lebenszufriedenheit. Vielleicht ja aus den selben Gründen. Weil Menschen, die glauben, einen tieferen Sinn in ihrem Leben finden können. Den müssen sie sich nicht mal mühsam erarbeiten. Er wird ihnen geschenkt. Einfach so und das macht glücklich und zufrieden.
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Es war einmal eine reiche und schöne Königstochter, die von ihrem Mann, einem Landgrafen, über alles geliebt wurde. Glücklich und in Frieden lebten die Beiden auf einer mächtigen Burg. Die Armut und das Elend der Menschen aber, die in ihrem Land lebten, ließen der Königstochter keine Ruhe. Immer wieder verließ sie ihre Burg, nahm Geld und Lebensmittel aus den Vorratskammern mit, um zumindest die größte Not lindern zu können.
Was klingt wie ein Märchen, ist eine durchaus reale Geschichte. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Frau. Elisabeth von Thüringen, eine Adelige des Mittelalters, die sich aus ihrem Glauben heraus mit den bestehenden Verhältnissen nicht arrangieren wollte. Im Rückblick erscheint sie auf eigenartige Weise modern. In ihrer Tradition finden sich heute Menschen wie Albert Schweitzer, der aus christlicher Motivation in den afrikanischen Urwald ging, um den Bewohnern dort medizinische Hilfe zu bringen. Menschen wie die französische Schwester Emmanuelle, die sich am schmutzigen Rand der Metropole Kairo um die sogenannten Müllmenschen kümmert. Menschen aber auch wie der brasilianische Bischof Dom Helder Camara, der sich gegen die schreiende Ungerechtigkeit in seinem Land auflehnte und für Gerechtigkeit zwischen Arm und Reich kämpfte. Menschen eben, die die bestehenden Verhältnisse nicht einfach als gottgegeben hinnehmen wollten. Von den Armen geliebt, waren sie manchen Mächtigen und Besitzstandswahrern allerdings ein Dorn im Auge. Auch Elisabeth musste nach dem Tod ihres Mannes die Burg verlassen, weil man ihr Verschwendung des gräflichen Vermögens vorwarf. Mit ihrem Erbe gründete sie später ein Hospiz für bedürftige Kranke, in dem sie selber bis zuletzt als Pflegerin arbeitete. Heute vor 775 Jahren ist diese bemerkenswerte Frau gestorben, gerade einmal 24 Jahre alt.
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Der Deutsche Fußballbund hat ein Problem. Brutale Gewalt im Stadion. Nicht unbedingt auf dem Feld, aber unter den so genannten Fans. Neu ist das zwar nicht, doch das Maß an Brutalität verblüfft selbst Hartgesottene. Dabei ist der Fußball nur ein Beispiel von vielen. Seit Jahren schon berichten Polizisten, Lehrer und Sozialforscher regelmäßig von einer wachsenden Bereitschaft zum Zuschlagen. Von Verrohung ist nun immer öfter die Rede, von Gleichgültigkeit vor den Überzeugungen und der Gesundheit anderer.
Die inzwischen verstorbene Publizistin Marion Dönhoff hat einmal gemeint, Gewalt und Brutalität hätten ihren Ursprung in einer Gesellschaft, die keine Tabus mehr dulde und jede Bindung an Sitte und Tradition über Bord geworfen habe. Wenn Tradition bedeutet, dass eine Generation an die andere weitergibt, was geht und was nicht, wie man lebt und wie nicht, dann gibt es das so in der Tat nicht mehr. Statt dessen herrscht heute eine bunte Vielfalt an Meinungen und Haltungen und alle erscheinen irgendwie egal. Man kann durch sie hindurchzappen wie durchs Fernsehprogramm und jeder kann sich bei Bedarf seine ihm genehme Moral zusammenbasteln. Schon meine Kinder von 7 und 11 sind täglich durch Schule und Fernsehen damit konfrontiert. Kein Wunder, wenn manch einer da die Orientierung verliert und frustriert aufgibt. Aber ohne einen festen Stand, ohne irgendeine Bindung an bestimmte Traditionen geht es eben nicht.
Für mich und viele, die ich kenne, gehört da die Religion dazu. Nicht im Sinne von blinder Gefolgschaft, sondern als ein Jahrtausende alter Maßstab für menschliches Zusammenleben. An ihm kann ich mich reiben und mich auch kritisch mit ihm auseinandersetzen. Aber nur dadurch finde ich letztlich meinen eigenen Stand im Meer der Meinungen.
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Am Brötchenkorb im Supermarkt gilt Selbstbedienung. Einige Leute stehen da und warten geduldig, bis die vor ihnen Stehenden fertig sind. Plötzlich kommt ein hochgewachsener Mann von hinten, greift zwischen den Wartenden hindurch, drängelt die Übrigen zur Seite und bedient sich. Giftige Blicke treffen ihn, doch das scheint ihn nicht zu stören. Er gehört zu jenen Zeitgenossen, die halt immer wissen, wo vorne ist. Dort nämlich, wo sie selbst gerade stehen. Ich begegne ihnen öfter. Auf der Autobahn etwa, wo sie mir bei Tempo 140 auf der Stoßstange kleben, bis ich endlich Platz mache. Beim Elternabend in der Schule, wo sie die Wortführer sind und alles besser wissen. Im beruflichen Alltag, wo sie die übrigen Kollegen wahlweise als nützliches Werkzeug oder mögliches Hindernis für die eigene Karriere wahrnehmen. Gibt ihnen die Realität nicht recht? War nicht schon in der Schule der Vorlauteste derjenige, der die meiste Aufmerksamkeit bekam? Setzt sich der mit den stärksten Ellenbogen nicht früher oder später doch durch? Ist es nicht seit Darwin ein Naturgesetz, dass stets der Stärkste und Leistungsfähigste im Leben vorankommt?
Jener Satz aus der Bibel, nach dem die Ersten einmal die Letzten und die Letzten die Ersten sein werden, klingt da nicht nur weltfremd, er soll es auch sein. Er geht nämlich davon aus, dass diese Welt mit ihrem Oben und Unten und dem rücksichtslosen Gesetz des Stärkeren nicht das letzte Wort sein wird. Dass auch denen, die im Leben auf der Strecke geblieben oder an die Wand gedrückt worden sind, noch Gerechtigkeit widerfahren wird. In dieser Welt vielleicht eine Utopie. Für die Christen jedoch seit frühester Zeit ein Appell, sich schon hier und jetzt nie mit Ungerechtigkeit und dem vermeintlichen Recht des Stärkeren abzufinden.

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Was um alles in der Welt treibt zivilisierte junge Männer dazu, Gräber zu schänden? Ein Unfug, für den sich bei uns immerhin der Staatsanwalt interessiert. Die Antwort darauf ist bei aller medialen Empörung und allem Skandalgeschrei irgendwie offen geblieben. Vielleicht, weil es ein viel größerer Skandal ist, was der Krieg aus Menschen macht? Dabei sind es nicht nur die Zivilisation oder die moralischen Maßstäbe junger Soldaten, die im Krieg schon mal den Bach herunter gehen.
Er lässt auch zerbrochene Menschen zurück, gefangen im Horror des Erlebten, ausgemustert aus der Gesellschaft. Eine lesenswerte Reportage über einen schwer traumatisierten Soldaten, der aus Afghanistan zurückkam beginnt mit dem Satz: „Der Krieg ist ... nach Hause gekommen. Er wohnt in einem liebevoll eingerichteten Wohnzimmer und lauert vor den heruntergelassenen Rollläden.“ Bei einem Terroranschlag selber schwer verletzt verfolgen diesen Mann nun die Bilder Tag und Nacht. Sie haben sich in sein Gehirn eingebrannt, unauslöschlich. Die Bilder verstümmelter Kameraden, der Geruch von Blut und verschmorten Fahrzeugteilen. Er wird sie einfach nicht mehr los. Sie machen eine geregelte Arbeit unmöglich, zerstören familiäre Beziehungen. PTSD (=Posttraumatic Stress Disorder, dt.: Posttraumatische Belastungsstörung) heißt diese Krankheit, die Menschen nach schrecklichen Erlebnissen zu seelischen Wracks macht. Hunderte deutsche Soldaten leiden inzwischen daran, in den US-Streitkräften dürften es ungleich mehr sein. Viele Betroffene bleiben ihr Leben lang gezeichnet. Die seelischen Verheerungen, die die Bewohner der Kriegsgebiete erleiden, lassen sich aus all dem nur erahnen.
Was der Krieg aus Menschen macht, dass war und ist allerdings ein Skandal.

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Ich erinnere mich noch heute dankbar an meinen ersten Arbeitstag vor fast genau 16 Jahren. Zwei Tagen erst war ich damals in einer fremden Stadt. Vor mir lag ein noch unbekanntes berufliches Aufgabenfeld und überhaupt hatte ich das Gefühl, ziemlich allein zu sein. Es war der Chef, der mich an jenem Morgen mit einer Flasche Sekt empfing, die übrigen Mitarbeiter hinzuholte und gemeinsam mit uns auf einen neuen, guten Anfang anstieß.
Einschneidende Veränderungen im Leben bringen oft Unsicherheit und sogar Chaos mit sich. Nicht nur der Start in einem neuen, unbekannte Job. Auch der letzte Tag eines langen Berufslebens, der Verlust des Arbeitsplatzes, der Bruch einer Liebesbeziehung oder gar der plötzliche Tod eines geliebten Menschen. In diesem Moment ein helfendes, begleitendes Ritual zu haben, das einem deutlich macht: Du bist jetzt nicht allein, kann Wunder wirken. Eine würdige Abschiedsfeier ebenso wie der bewusst gestaltete Schritt in einen neuen Lebensabschnitt. Oft jedoch bleiben wir gerade in diesen Situationen auf uns allein gestellt.
Alle Religionen kennen seit frühester Zeit diese Riten an wichtigen Wendepunkten des Lebens. Im Christentum etwa die Taufe, das Begräbnis oder der kirchliche Segen am Beginn einer Ehe. Doch auch eine schlichte Segensfeier an einschneidenden Punkten im Leben ist möglich. Eine Feier jedenfalls, die dem, der von nun an einen neuen Weg zu gehen hat sagt: Du machst diesen Schritt nicht allein. Nicht nur wir begleiten dich in diesem Moment, sondern auch Gott.
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Fürchtet euch nicht! Wer in wenigen Wochen am Weihnachtsabend die Kirche besucht, wird diesen Satz hören: Fürchtet euch nicht. Dann nämlich, wenn in der Weihnachtsgeschichte den nichtsahnenden Hirten mitten in der Nacht urplötzlich ein Engel erscheint. Fürchtet euch nicht! Leichter gesagt als getan.
Vor plötzlichen himmlischen Erscheinungen wird heute wohl kaum noch jemand Angst haben. Trotzdem ist die Angst ein beherrschender Bestandteil unseres Lebens. Sie entsteht vor allem dann, wenn wir fürchten, uns selbst oder eine Situation nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Tagtäglich werden in Betrieben, Schulen, Familien Entscheidungen aus purer Angst getroffen. Aus Angst vor Gesichts- und Bedeutungsverlust. Aus Angst, vor anderen womöglich als Schwächling oder Versager dazustehen, wo doch der coole, stets gut gelaunte und perfekt organisierte Supermanager das Maß der Dinge ist. Da ist es doch besser, Angst unter anderen zu verbreiten. Ein seit jeher beliebtes Herrschaftsmittel. Vor allem bei jenen, die damit die eigene Angst kaschieren wollen. Ein Mittel, das leider auch die Kirche Jahrhunderte lang ausnutzte. Es wirkt leider noch immer.
Fürchtet euch nicht, hält die Bibel dagegen. Leichter gesagt als getan. Dennoch war das gesamte Wirken Jesu ein Appell für den aufrechten Gang jedes Menschen und gegen die Angst. Für ein Selbstbewusstsein, dass sich in Gott gründet und das letztlich selbst der drohende Tod nicht mehr umwerfen kann. Fürchtet euch nicht. Die Bibel ist die Einladung, ihm auf diesem Weg zu folgen.
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