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SWR3 Gedanken

Mehr als sechzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gibt es in Deutschland im-mer weniger Menschen, die noch bewusste Augen- und Ohrenzeugen eines Krieges sind. Weitaus weniger als solche, die in einer langen Friedensphase aufwuchsen.
Gewiss – für die lange Zeit des Friedens in unserem Land können wir dankbar sein. Aber zugleich wird für die „Nichtkriegsgeneration“ – ich gehöre ihr auch an – spürbar, dass Frieden mehr ist als das Schweigen der Waffen.
Mit dem Verschwinden der Pershings und Cruise Missiles verstummte auch die Friedens-bewegung. Und doch hätten ihre Propheten bis heute genug zu predigen.
Die Spannungen zwischen den Industrienationen und muslimisch geprägten Ländern wachsen. Aggressionen entladen sich in unkontrollierbarem Terror. Die Gefahr eines neuen atomaren Rüstungsschubs droht. Hungersnöte und Naturkatastrophen erinnern uns daran, dass Lebensmittel und Landbesitz in dieser Welt ungerecht verteilt sind.
Frieden ist mehr als Sattheit und wirtschaftlicher Wohlstand. Frieden kann es nur geben, wenn die Güter dieser Erde gerecht aufgeteilt sind. Frieden kann nur herrschen, wo es ge-genseitiges Verstehen gibt – trotz aller Unterschiede. Friede wächst nur dort, wo Ängste abgebaut werden. Frieden ist vor allem Arbeit.
Ich finde, es wäre eine Chance, im oft so trist empfundenen Monat November mal beson-ders auf die Kehrseite von Tod und Krieg zu schauen – auf den Wert des Lebens, auf die Zerbrechlichkeit des Friedens.
Morgen beginnt in vielen Kirchen die so genannte „Friedensdekade“ – zehn Tage, die dem Nachdenken darüber gewidmet sind, wie Frieden entstehen und bewahrt werden. Zehn Tage voller Veranstaltungen, Aktionen und Projekte, die alle ein Ziel haben: die harte Ar-beit am Frieden und das Fest, wenn er gelingt.
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In der Straße, in der ich als Kind gewohnt habe, lebte ein blinder Mann. Ich habe mich vor ihm gefürchtet, fand ihn irgendwie unheimlich. Seine Augen waren so verdreht, dass man nur das Weiße sehen konnte – keine Pupillen. Unheimlich fand ich auch den großen Schä-ferhund, der ihn ständig begleitete.
Die beiden gaben ein seltsames Paar ab, wenn sie so durch die Straßen spazierten. Der Hund war derjenige, der führte – der blinde Mann der Geführte. Wenn sie die Straße über-queren wollten, hielt der Hund am Zebrastreifen an, wartete das Signal der Ampel ab und leitete dann seinen Herrn zur anderen Straßenseite.
Ich fand das zwar unheimlich, aber eigentlich haben mich die beiden auch beeindruckt. Der Blindenhund ebenso wie dieser Mann. Und es fasziniert mich noch heute, was für ein Vertrauen der Blinde seinem Hund entgegenbrachte. In einer Situation, die über Leben und Tod entscheiden konnte, verließ er sich voll und ganz auf das Tier an seiner Seite.
„Blind vertrauen“ – das hat einen negativen Klang in unserer Sprache. Es gilt als minder-wertig unter Augenmenschen. Wer blind vertraut, ist leicht verführbar und unkritisch.
Natürlich gibt es auch ein „gesundes Misstrauen“. Aber das Beispiel von dem blinden Mann und seinem Hund macht mir etwas über die Kraft des Vertrauens klar. Vertrauen wirkt gerade dort, wo ich mit meinem eigenen Sehen an Grenzen komme. Die Redensart „Ver-trauen ist gut, Kontrolle ist besser“ entpuppt sich als Selbsttäuschung, als Lebenslüge. Vertrauen hat es immer mit dem zu tun, was von Kontrolle und kritischer Prüfung nicht erreicht werden kann. Vertrauen-Können heißt, mit den uneinsehbaren Ecken und Winkeln im eigenen Leben fertig zu werden. Mit dem, wohin ich nicht sehe und wo ich mich führen lassen muss.
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Ich wusste, dass es mich Nerven kosten würde. Ich kenne Bilder und Erzählungen von Au-genzeugen. Und doch ist es etwas anderes, mit eigenen Augen zu sehen ... Auf einer Reise durch Südpolen habe ich das Konzentrationslager Auschwitz besucht. Es war ein eisig kal-ter Januartag. Ich habe mich gefragt, wie Menschen dort überhaupt einen Winter überle-ben konnten – ohne wärmende Kleidung, ohne nahrhaftes Essen, in kaum beheizten Bara-cken.
Unfassbar bleibt für mich, welche unwürdigen Zustände die gefangenen Männer, Frauen und Kinder hier erdulden mussten. Eigentlich weiß ich auch nicht, was ich für das größere Elend halten soll: dass Menschenleben in einer Gaskammer einfach ausgelöscht wurden oder dass Menschen unter qualvollen Bedingungen zu erniedrigenden Arbeiten gezwungen waren. Haben die Überlebenden am Ende die Toten beneidet?
Die Stimmung in unserer Reisegruppe ist beklemmend, während wir über das riesige Ge-lände geführt werden. Ich weiß nicht, ob ich reden soll oder schweigen zu dem, was ich hier sehe. Ich habe das Gefühl, jedes Wort könnte falsch sein, peinlich, sinnlos. Genauso peinlich und sinnlos aber auch mein Schweigen.
Was mich am stärksten berührt, ist einfach nur dies: an einem Ort zu sein, an dem Men-schen zu anderer Zeit unbeschreibliches Leid und einen grauenhaften Tod erfahren haben. Heute hier zu sein – in Freiheit. Kein tödlicher Zaun trennt die Innen- und Außenseite des Lagers mehr voneinander ab. Niemand führt Aufsicht. Die Wachtürme sind leer. Gaskam-mern und Verbrennungsöfen sind Ruinen. Die Bahngleise stillgelegt. Die Baracken verlas-sen. Niemand zwingt mich. Ich komme und gehe, wie ich will. Vor über sechzig Jahren ging von diesem Ort eine brutale, Leben zerstörende Gewalt aus. Die Opfer konnten sich nicht entziehen. Und viele werden heute noch in ihren dunklen Erinnerungen von den Schrecken verfolgt. Wahrscheinlich kann ich das wirkliche Leid, das vielen hier widerfahren ist, selbst nur schwer nachempfinden. Aber die Erinnerung kann ich wach halten.
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„Das Wasser trägt dich, wenn du nicht wie wild strampelst und um dich schlägst, sondern flach und ruhig leichte Bewegungen mit Armen und Beinen machst.“
Ich erinnere mich noch daran, wie ich als Kind das Schwimmen gelernt habe: Da gehört eigentlich wenig dazu. Es braucht keine große Kraft und auch nicht besonders viel Ge-schick oder Konzentration. Im Grunde ist es ganz einfach. Es braucht nur jemanden, der dir zutraut, dass du es schaffst, und der dir sagt: „Du kannst es!“
Sicher waren da anfangs auch noch die roten Schwimmflügelchen, die uns „Schwimmlehr-lingen“ so gut gefallen haben. Wie aufgeblasene Muskelprotze kamen wir uns vor. Doch Schwimmlehrer und Eltern haben sie uns bald abgewöhnt: „Was du im Wasser beim Schwimmen können musst, das kannst du auch ohne sie.
Ähnlich wie mit dem Schwimmen ist es auch mit dem Fahrradfahren. Ganz schnell lernen es die Kinder, das Gleichgewicht zu halten und die nötigen Bewegungen zu koordinieren. Ganz leicht, wenn die Eltern nur ein wenig Geduld für die ersten Balanceakte aufbringen und ihren Kindern auch zutrauen, dass sie es schaffen.
Selbstvertrauen hat viel damit zu tun, ob andere mir etwas zutrauen und mir zusprechen: „Du kannst es!“ Dann sitzt es als Besitz, als Vermögen tief in uns drin: Ich vertraue mir selbst, weil andere mir etwas zutrauen.
Und was ich in solchem Selbstvertrauen einmal erlernt habe, werde ich so schnell wohl auch nicht wieder verlernen.
Ich weiß, dass ich es kann.
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Da stehen sie also – in Reih’ und Glied. Wie bestellt und nicht abgeholt. Einer neben dem anderen. Richtig putzig sehen sie aus mit ihren roten Mäntelchen, mit ihren weißen Rau-schebärten – die Rute in der Hand. Manche schauen gütig, lächeln mild, andere blicken eher grimmig drein: Nikolaus-Parade 2006. – Ein überwältigender Aufmarsch!
So stehen sie schon seit Ende September. Warten ganz geduldig, bis ihre große Stunde schlägt. Am sechsten Dezember müssen sie nämlich so richtig ranklotzen. Da sollen sie plötzlich überall in den Stiefeln stehen. Verständlich dass so ein Masseneinsatz von langer Hand geplant und vorbereitet sein muss. Verständlich dass man da nicht am Vorabend mit dem Ausfüllen der Gussformen beginnen kann. Die Schokoladen-Heiligen sollen durch ihre Anwesenheit ja auch noch ein wenig vorweihnachtlichen Glanz in den Geschäften verbrei-ten.
Aber dass sie nun schon seit sechs Wochen die Regale bevölkern und erwartungsfroh die Kunden angrinsen – das ist des Guten doch etwas zu viel. Mir jedenfalls. Wenn ich das Heer dieser arbeitslosen Nikoläuse sehe, kann ich nur den Kopf schütteln. Da wird nicht nur im Überfluss produziert, sondern auch Überflüssiges auf den Markt geworfen. Völlig überflüssig finde ich nämlich diese unzeitige Einstimmung auf Advent und Weihnachten. Im Oktober und November ist noch vieles andere angesagt, bevor die gemütliche und be-sinnliche Adventszeit beginnt. Nicht nur emotional, auch inhaltlich – wenn man nach den Jahreszeiten, nach dem Kirchenjahr, nach Festen und Traditionen geht. Jede Erzieherin und jeder Lehrer, können ein Lied davon singen. Schade, wenn die Nikoläuse ihnen derar-tig in die Parade fahren.
Aber vielleicht bin ich zu altmodisch. Darum ein Vorschlag zur Güte: Wie wäre es, wenn wir in Zukunft kleine Freiheitsstatuen aus Schokolade kaufen könnten? Zum dritten Okto-ber beispielsweise. Im Sommerloch zwischen Osterhasen und Weihnachtsmännern kämen sie echt gut. Und man müsste sie eigentlich schon vor den Sommerferien in die Regale bringen, damit das Geschäft Anfang Oktober so richtig läuft. Das wär doch was.
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„Das wäre kein Job für mich,“ sage ich vor mich hin und grabe mich mit den Fußsohlen noch etwas tiefer in den Boden. Oben im Dachgebälk eines Hauses turnen einige Zimmer-leute zwischen Himmel und Erde herum. Mit selbstverständlicher Leichtigkeit und total schwindelfrei – offenbar.
Mich fasziniert das. Und trotzdem: Nix für mich! Ich bekomme ja schon beim Bergsteigen feuchte Hände. Dabei hält mich am Berg doch das Seil.
Hält es mich wirklich? Gut, im Ernstfall bietet es Sicherheit. Aber am Fels hinaufkommen muss ich schon selbst. Den sicheren Griff und Tritt für meine Hände und Füße muss ich alleine finden. Da kenne ich die Erfahrung nur zu gut, wie mich ganz schnell jede Selbstsi-cherheit verlässt. Sich Finger, Hände, Arme, Füße, Beine verkrampfen und nichts mehr geht, weil ich meine, mich nur noch festhalten – wirklich krampfhaft festhalten – zu müs-sen.
Ein Freund sagte mir in den Bergen einmal: „Du hast zuviel Angst und zuwenig Selbstver-trauen. Prompt machst du Fehler: Du greifst daneben oder gerätst in Positionen, die dich viel zuviel Kraft kosten.“
Ist das der Schlüssel – die Angst gegen Selbstvertrauen und Selbstsicherheit einzutau-schen? In den Kopf mag das ganz gut reingehen. Aber wie gelangt die Einsicht in Arme und Beine, Hände und Füße?
Training ist das eine, ausprobieren das andere. Es wird also nur was draus, wenn ich mich solchen Situationen auch aussetze, wo ich meinem Gleichgewichtssinn, meinem festen Griff und sicheren Tritt vertrauen muss. Und wo ich dann allerdings auch die Erfahrung machen kann: Es geht! Ich komme vorwärts. Ich bin sicher. Ich habe es geschafft und bin oben angekommen.
Am Ende habe ich ein wenig Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gewonnen, vielleicht auch gelernt, eigene Grenzen zu akzeptieren. Aber in jedem Fall bin ich sicherer geworden – innerhalb meiner Grenzen, die ich ausgelotet und in denen ich mich ausprobiert und er-lebt habe.
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Die kriegen bestimmt was fürs Springen, dachte ich, als ich sie das erste Mal sah. Jahre ist es her. In Berlin war’s. Da ließen sich Menschen von einem Kran aus in die Tiefe fallen. Nur ein Gummiseil hielt sie an den Fußknöcheln fest und verhinderte wenige Meter über dem Boden, dass aus dem freien Fall ein Todessturz wurde – „Bungee-Jumping“.
Um es gleich zu sagen: Ich hab’s bis heute nicht gewagt, mich auf das kleine Podest zu stellen und mich fallen zu lassen. Aber neugierig gemacht hat es mich von Anfang an.
Was veranlasst jemanden zu einem so halsbrecherischen Vergnügen? Ich hab etliche Kan-didaten in meinem Freundeskreis befragt: Mit Mut hat es zu tun. Eine letzte Hemmschwel-le überspringen und sich todesmutig in die Tiefe stürzen. Die eigene Angst beherrschen. Den inneren Schweinehund überwinden.
Wer springt, erlebt etwas Einzigartiges. Zweifellos. Einzigartig das Gefühl beim absolut freien Fall. Einzigartig der Nervenkitzel hoch oben auf der Rampe. Einzigartig auch die Er-fahrung, der Schwerkraft entzogen zu sein, wenn das Gummiseil wieder nach oben schnellt. Einfach atemberaubend sei es, so durch die Luft zu wirbeln.
No risk, no fun?! „Bungee-Jumping“ ist ein Experiment, das mit Vertrauen zu tun hat. Wer springt, vertraut dem Seil. Er vertraut denen, die Höhe, Gewicht und Seilstärke passend berechnen. Und manche brauchen die Erfahrung, dass sie noch vertrauen können. Sie wol-len etwas wagen, wo doch vieles sicher und selbstverständlich geworden ist.
Wahrscheinlich habe ich den Bungee-Sprung bislang nicht riskiert, weil mir das Vertrauen in das Seil fällt, das mich auffangen soll. Wenn ich mich schon fallen lasse, dann muss ich wissen, dass es jemanden gibt, der mich auffängt. Nur dann kann ich Vertrauen wagen und springen – in die Arme dessen, dem ich vertraue oder auch in die Arme Gottes.
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