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SWR3 Gedanken

25FEB2021
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Vor einigen Tagen ist ein ehemaliger Klassenkamerad von mir gestorben. Mit 40 Jahren. Ich wollte mich in diesen Tagen mal wieder bei ihm melden. Und so kam die Nachricht wie aus heiterem Himmel und hat mich sprachlos gemacht. Gern hätte ich der Familie gute, vielleicht tröstliche Worte geschickt. Aber ich hatte keine Worte. Wusste nicht, was ich sagen soll. Dabei bin ich sonst nicht auf den Mund gefallen.

Dem Apostel Paulus muss es ähnlich gegangen sein. In einem seiner Briefe im Neuen Testament hat er seine Erfahrungen so beschrieben: „Wir wissen manchmal nicht einmal, was wir beten sollen. Aber der Geist Gottes tritt für uns ein. Mit Flehen und mit Seufzen.“

Flehen und seufzen. Das ist es, was ich in dieser Situation noch konnte. Für Worte hat es einfach nicht gereicht. Paulus meint: In meinem Flehen und Seufzen ist Gott ganz nah. Das, was in mir seufzt und fleht, das ist Gottes Geist. Ich muss keine geschliffene Rede halten. Auch vor Gott nicht. Gott versteht auch mein Stammeln. Mein Flehen und Seufzen. Ohne Worte.

Also habe ich einfach nur in den Himmel hinauf geseufzt und gefleht, dass ich wieder meine Worte finde. Und einen klaren Kopf. Damit ich wieder für andere da sein kann. Dass ich Worte habe, um ihnen zu helfen. Indem ich an ihrer Seite und mit ihnen flehen und seufzen kann.

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24FEB2021
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Ich kenne einen Jungen im Kindergartenalter. Ein Spitzbub. Und er liebt Schokolade. Natürlich hatte er in der Adventszeit einen Schoko-Adventskalender. Und was hat er in den Tagen vor Weihnachten gemacht? Er hat die Schokolade von seinem Adventskalender aufgehoben, in silberne Alufolie verpackt und versteckt. Er hat auf seine geliebte Schokolade verzichtet und sie wie einen Schatz gesammelt. Vom Munde abgespart.

An Heiligabend bei der Bescherung hat er sich über die Sachen gefreut, die er geschenkt bekommen hat. Und dann ist er losgedüst, hat seine Schätze geholt und seiner Familie geschenkt. Wie hat er sich darüber gefreut, so etwas Tolles schenken zu können!

Seitdem liegen viele Lockdown-Wochen hinter uns. Nichts mit Konzerten, Feiern oder Kino. Für mich waren es auch anstrengende Wochen. So viel war einfach weg. Aber dann ist mir der Junge mit seinen silber verpackten Schätzen eingefallen. Mit der Schokolade, die er sich vom Mund abgespart hatte, um anderen eine Freude zu machen. Und ich hab mich gefragt: Sind meine Kinobesuche und Feiern, die ich mir gespart habe, nicht auch solche Schätze? Also dass ich verzichte, ist doch auch sowas wie mein Geschenk für andere. Damit ich die nicht anstecke. Damit die Infektionsrate geringer wird. Damit unser Gesundheitssystem nicht kollabiert. Kinder machen intuitiv oft so viel richtig, obwohl sie in ihrem Leben erst am Anfang stehen.

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23FEB2021
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„Wir werden wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen.“ Im April 2020 hat Gesundheitsminister Jens Spahn das gesagt, ziemlich zu Beginn der damals neuen und ungewohnten Corona-Pandemie.

Mir ringt dieser Satz noch heute Respekt ab. Denn sonst verwenden Politikerinnen und Politiker ja oft hohle Phrasen oder stellen sich als unfehlbar dar. „Ich, einen Fehler gemacht? Bewahre, ich doch nicht.“ Dabei ist es doch nur menschlich, Fehler zu machen. Das wissen doch alle. Umso mehr, wenn man mit so etwas wie einer Pandemie mit einem unerforschten Virus umgehen und politische Entscheidungen treffen muss.

Ich will Spahn deswegen beim Wort nehmen. Ich vertraue denen, die für uns all diese schweren Entscheidungen treffen müssen. Tauschen wollte ich nicht mit ihnen. Ich weiß doch selbst, dass man hinterher immer schlauer ist und dass man vielleicht doch lieber einen anderen Weg gewählt hätte. Das hilft mir, falsche Entscheidungen von anderen vergeben zu können. Haben sie doch zu einer Zeit entscheiden müssen, als noch nicht so klar war wie heute, was richtiger gewesen wäre.

Und trotzdem ist Vergebung kein Freifahrtschein. Nach dem Motto: „Macht ja nichts, ich krieg ja hinterher Amnestie.“ Wenn Jesus Menschen ihre falschen Entscheidungen vergeben hat, dann hat er sie auch ermahnt: „Gehe hin und mach es nicht wieder. Versuche, es nächstes Mal besser zu machen.“ Denn das gehört auch dazu: Dass man versucht, aus Fehlern zu lernen. So gut man kann.

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22FEB2021
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„Gott ist ein bisschen komisch hergestellt, weil man den nicht sehen und hören kann.“ Kinder im Grundschulalter unterhalten sich. Im Vorbeigehen höre ich diesen Satz einer Grundschülerin. Und während ich weiter laufe komme ich ins Nachdenken.

„Gott ist ein bisschen komisch hergestellt“, hat die Schülerin gesagt. Klar: Gott sehen und hören, wer kann das schon? Ich kenne welche, die sagen deswegen, dass es Gott nicht gibt. Die Schülerin denkt aber anders. Für sie gibt es Gott schon, er ist halt nur „komisch hergestellt“.

Ich weiß nicht genau, wie sie das gemeint hat. Aber wahrscheinlich hat sie gemerkt: Gott ist anders, als ich ihn mir bisher vorgestellt habe. Vielleicht hatte sie bei Gott davor an einen alten weißen Mann mit Rauschebart gedacht, der auf einer Wolke sitzt. Und klar, komisch wäre auch, wenn Gott eben mal kurz vom Himmel runter auf die Erde zugreifen würde. Ja, wie um einen Motor zu reparieren, der gerade nicht anspringt. Das ist doch alles sehr komisch.

Aber Gott handelt und spricht trotzdem, das glaubt die Schülerin schon. Aber wie? Ich würde der Schülerin gern sagen: Gott handelt gerade durch uns Menschen. Und das sieht manchmal halt auch komisch aus. Trotzdem ist das die richtige Spur. Das hat zumindest auch die Theologin Dorothee Sölle gemeint. Die hat nämlich gesagt: „Gott hat keine anderen Hände als unsere.“

Erstaunlich, auf welche Gedanken meine Schülerinnen und Schüler mich immer wieder bringen. Ich sollte die kleine Philosophin mal fragen, ob meine Vermutung stimmt. Oder ob sie an was ganz anderes gedacht hat. Auf dieses Gespräch freue ich mich jetzt schon.

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21FEB2021
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Mehr wie Larnell denken. Das habe ich mir vorgenommen.
Unser Sohn lernt Schlagzeug. Weil er noch jung ist, übe ich mit ihm. Da sage ich ihm auch, was nicht so gut war und wie er das anders machen soll. Jetzt habe ich aber ein Reaction-Video geschaut. Da kann man sehen, wie ein Schlagzeuger auf andere Schlagzeuger reagiert, die seine Grooves nachspielen.

Ich finde erstaunlich, wie er das macht. Denn der Schlagzeuger ist Larnell Lewis, ein absoluter Checker an den Drums. Er hat schon einen Grammy und alle möglichen anderen Preise gewonnen. Die anderen Drummer sind einfach irgendwelche Hobbyschlagzeuger. Und natürlich bekommen sie die Grooves nicht so hin wie Larnell. Aber Larnell belächelt sie deswegen nicht. Stattdessen sagt er immer wieder: „Gut gemacht, du hast den Groove wiedergefunden.“

Mich hat das inspiriert, mehr wie Larnell zu denken. Denn ich reagiere oft anders. Nicht nur bei meinem Sohn, auch in der Schulklasse, wenn ich einen Test zurückgebe. Da sage ich manchmal: „Du hast eine Aufgabe falsch und eine andere nicht ganz richtig gelöst.“ Damit betone ich aber nur das, was nicht gut war. Stattdessen könnte ich auch sagen: „Von den zehn Aufgaben hast du acht komplett richtig gelöst.“ Dann habe ich das Kind ermutigt. Und das geht zukünftig anders mit seinen Fehlern um. Sagt sich: „Ok, die beiden anderen Aufgaben, die krieg ich auch noch hin.“

Nächstes Mal, am Schlagzeug neben meinem Sohn fang ich mal damit an. Und dann sag mir: Denk mal ein bisschen mehr wie Larnell!

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