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SWR3 Gedanken

24SEP2021
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Wie edle Skulpturen sehen sie aus. Obwohl sie sich nicht bewegen, fallen sie mir jedesmal sofort auf. Mitten in der Dreisam stehen die Graureiher. Jeden Morgen entdecke ich welche auf meinem Weg zur Arbeit. Die grauen Vögel strahlen eine Ruhe aus, die mich berührt.

Mein Vormittag kann bis dahin noch so hektisch gewesen sein. Wenn ich einen der Graureiher in der Dreisam stehen sehe, werde ich innerlich ruhig.

Stundenlang können die Vögel in einer Position verharren. Manchmal erheben sie sich mit einem plötzlichen Schwung elegant in die Luft. Oder sie tauchen blitzschnell den Schnabel unter Wasser und erbeuten einen Fisch. Und dann stehen sie wieder da. Wie eine Skulptur.

Ich beobachte sie gerne und ihre Ruhe färbt auf mich ab. Mein Puls wird langsamer und mein Atem tiefer.
Sie scheinen so ganz auf sich konzentriert und gleichzeitig hellwach für alles, was sie umgibt. Der Fluss. Das Ufer. Die Bäume und Pflanzen. Die Menschen auf den Uferwegen. Der weite Himmel. Unter diesem weiten Himmel ist Platz. Für Graureiher, für Tiere und Menschen. Und für mich. Die Graureiher an der Dreisam – ganz von selbst wird aus meinem Beobachten ein stilles Gebet. Danke.

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23SEP2021
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Was für Farben! Tiefblau rollt die Welle auf mich zu, weiß bricht sie sich an der Spitze. Im Hintergrund leuchtet ockergelb der Himmel hinter schweren Wolken. Den Farbdruck „Hohe Sturzwellen“ habe ich schon seit vielen Jahren bei mir Zuhause hängen. Gemalt hat das Bild Emil Nolde. Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Heute hängt das Original in Norddeutschland, in Seebüll.

Inzwischen weiß man: Nolde hat nach dem Krieg nur vorgegeben gegen Hitlers Politik eingestellt gewesen zu sein. In seinen Aufzeichnungen finden sich viele antijüdische und rassistische Passagen. Und immer wieder biederte er sich den Nazigrößen an. Er wollte unbedingt ihre Anerkennung. Erst vor zwei Jahren kam dies an die Öffentlichkeit. Prompt wurde Nolde-Kunst aus dem öffentlichen Raum verbannt. Nolde ist nicht mehr politically correct.

Heute ist der Todestag eines anderen Künstlers. Der begabte Holzschnitzer Veit Stoß ist 1533 gestorben. Schon zu Lebzeiten war Stoß eine äußerst schwierige Person. Jede Menge Streit, Rechtsverfahren, ja sogar Betrug und Gefängnis verbinden sich mit seinem Namen. Die Zuschreibungen als „irriger und geschreiiger“ Mann sind noch die harmlosesten. Aber Aufträge hat Stoß bis zu seinem Lebensende bekommen. Weil er ein echt guter Künstler war.
Und weil die Leute damals unterschieden haben: Zwischen der Person und ihrer Gabe.

Das finde ich richtig und wichtig. Was ein Mensch mit seinem Handeln anrichtet, muss er verantworten. Was ein Mensch mit seinem Talent an Gutem oder Schönen schafft, soll bestehen bleiben. Für mich drückt sich darin aus, dass Gott diesem Menschen Gutes für andere mitgegeben hat.

Und ich finde, das gilt auch für den Maler Emil Nolde: Heute weiß ich Bescheid über seine Einstellung. Ich verurteile sie. Seine Gabe als Maler anerkenne ich dennoch als Gottes Gabe. Und deswegen bleibt bei mir die Sturzwelle hängen.

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22SEP2021
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Mittwochskuchen. So hieß ein Kapitel in dem Backbuch, mit dem ich backen gelernt habe. Mittwochskuchen – ein Kuchen als Lichtblick mitten im Arbeitsalltag. So ein Kuchen erinnert daran, dass jeder Tag seine Sonntagsqualitäten hat.

Als Jugendliche hatte ich öfters Zeit einen Mittwochkuchen zu backen, das mache ich jetzt nur noch selten. Aber ich schätze es bis heute, wenn jemand bei der Arbeit Kuchen für alle mitbringt. Wenn man dann für eine kurze Pause zusammensitzt, verändert sich normalerweise die Stimmung. Die Praktikantin erzählt von ihren beruflichen Plänen. Mir fällt ein Bekannter ein, der ihr weiterhelfen könnte. Ich werde ihm mailen. Die Praktikantin freut sich.

Ein älterer Mitarbeiter erinnert sich an den Kuchen, den seine Mutter früher gebacken hat. Und ist gerührt. Meine Lieblingskollegin rückt mit der Nachricht heraus, dass sie bald einen runden Geburtstag hat. Und uns zu einem Umtrunk einladen wird. Weil wir so ein gutes Team sind. Und weil immer mal jemand Kuchen mitbringt.

Der Mittwochskuchen kann auch ein Dienstags, oder Donnerstagskuchen sein. Hauptsache er liefert den Grund für eine Auszeit im Alltag. Hauptsache es gibt Zeit für persönlichen Austausch. Für Anteilnahme und für Humor. Hauptsache es gibt Zeit, sich gegenseitig wahrzunehmen – als Menschen. Als Menschen, die sehr unterschiedlich sind, und sich gerade deswegen viel zu sagen haben.

Ein Lob auf den Mittwochskuchen. Auf den kleinen Sonntagsmoment mitten in der Arbeitswoche!

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21SEP2021
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Das zentrale Höhlengrau! Zentrales Höhlengrau – klingt wie eine spezielle Farbmischung von Picasso. Oder wie eine geologische Gesteinsschicht aus urgeschichtlicher Zeit.
Beides falsch. Das zentrale Höhlengrau ist ein Teil des menschlichen Gehirns. Es gehört allerdings zu den ältesten Teilbereichen in unserem Kopf und ist damit sozusagen immerhin urmenschenmäßig.

In der Gehirnregion des zentralen Höhlengrau passieren wesentliche Dinge. Dort liegt unsere Fähigkeit Schmerzen zu unterdrücken. Und aus dieser Region kommen auch die Impulse für Angst- und Fluchtreflexe. Es sind also lebenswichtige Funktionen, die hier verankert sind. Inzwischen haben Forschungsteams herausgefunden, dass in genau diesem Teil des Gehirns auch die menschliche Spiritualität ihren Ursprung hat.

Mich beeindruckt das: an Gott zu glauben, an eine sinnstiftende Macht – das gehört zum evolutionären Basisprogramm Mensch! Glaube gehört also genauso ursprünglich zum Menschsein, wie der Umgang mit Schmerz oder Angst!

Das passt zu meiner Erfahrung: Mein Glaube begleitet mich in meinem Leben. Natürlich erspart mir das keine schwierigen Situationen, Schmerzen oder Leid. Aber mein Glaube hilft mir, damit umzugehen und die Hoffnung nicht aufzugeben. Schon immer. Mein zentrales Höhlengrau ist für mich eine Lichtquelle – von wegen grau.

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20SEP2021
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Diese Blumen, weinrot und lila -  jedes Mal bleibe ich da stehen. Es gibt viele hübsche Vorgärten in meiner Straße. Und viele hübsche Blumenbeete.

Aber in diesem speziellen Gärtchen thronen die weinrot und lilafarbenen Blumen auf dem Rest einer alten Steinsäule. Von der Säule ist nur noch das oberste Stück übrig, das Kapitell. Bildmotive sind dort eingemeißelt. Zu erkennen: eine Maria mit Kind, ein Josef und dazwischen eine Palme.

Den Rest kann ich nicht sehen. Aber reicht ja auch. Es ist die heilige Jesusfamilie. In einem Freiburger Vorgarten. Und obendrauf sind Blümchen gepflanzt.

Jedes Mal halte ich an und schaue mir diese Stilverirrung an. Denn schön finde ich das Arrangement nicht. Aber: ich halte an. Und rätsle, in welcher Kirche diese Säule einst ihre Heimat hatte. Und was wohl Maria als Heimat bezeichnet hat. Und überlege, dass das Wort Heimat für Jesus wahrscheinlich immer zweierlei bedeutet hat – Himmel und Erde.

Oder Kirche und Vorgarten? Und dann bin ich für einen Moment mit meinen Gedanken bei Gott. Ich danke für besondere Erlebnissen, die ich hatte. Ich bitte Gott, für Menschen, die in einer schwierigen Lage sind.

Und obwohl ich da vor einem Gärtchen in einer Wohngegend stehe, komme ich mir vor wie in einem heiligen Raum. Plötzlich ist da Platz für Gott und mich und alles, was ich im Herzen trage. Es ist eben immer beides da: Himmel und Erde. Oder eben: Kirche und Vorgarten!

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19SEP2021
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Jetzt, im September, hat der Kirschbaum frei. Die Erdbeerpflanzen haben auch Ferien. Mit zusammengerollten Blättern träumen sie vor sich hin. Vor dem Haus lümmeln die Hortensien. Sie haben keine Lust mehr auf Farbe.

Ich bin in Kirschbaumlaune. Gut, dass die Arbeitswoche um ist. Sollen die Kastanien doch ihre stacheligen Dinger auf die Straße werfen. Und die Brombeeren Leute anlocken mit ihren glänzend sattfarbenen Beeren.

Ich bin in Kirschbaumlaune. Ich schau in die Gegend und bin zufrieden. Den ganzen Herbst habe ich zwar nicht frei. Aber heute! Heute habe ich frei.

Ich stelle mir vor, dass Gott heute auch frei hat, weil ja Sonntag ist. Sonntags hat Gott keine Lust aufs genialsein. Sonntags ist Gott in September-Kirschbaumlaune.

Zusammen schauen wir rüber zur Brombeerhecke. Beide passen wir auf, dass uns keine Kastanie auf den Kopf fällt. Und dann schauen wir einfach so in die Gegend und sind zufrieden. Gott im Himmel, ich auf der Erde. Und siehe, es ist sehr gut!

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