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SWR3 Gedanken

05DEZ2020
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In diesem Jahr haben wir erst im Oktober Konfirmation gefeiert. War gar nicht so einfach. Immer gab es neue Regelungen. Zwei Konfis waren von jetzt auf gleich in Quarantäne und konnten ihre Konfirmation erst zwei Wochen später feiern.

Bei der Konfirmation wählt sich jeder Konfirmand und jede Konfirmandin einen Denkspruch aus. Ein Konfirmand hat sich folgenden Satz gewählt:  „All eure Sorgen werft auf Gott, denn er sorgt für euch“

Das passt, habe ich gedacht. Denn alles war ja im Fluss. Wir konnten nur alles so gut wie möglich vorbereiten. Der Rest war Gottvertrauen.

Und tatsächlich war die Situation dessen, der diesen Satz mit den Sorgen geschrieben hat, der unsrigen ganz ähnlich. Da hat einer sehr viel gearbeitet und geplant. Und irgendwann kam der Punkt, da konnte er nichts mehr tun. Nur noch Vertrauen haben. 

So wie im Theater. Kurz bevor der Vorhang aufgeht und die Schauspielerin die Bühne betritt. Jetzt zählen keine Sorgen mehr, jetzt zählt nur noch das Stück und dass sie sich dem Spiel hingibt. Der Rest liegt nicht mehr in ihrer Hand.

Mir geht es so: Wenn ich alles gemacht und getan habe, dann höre ich auf, mir Sorgen zu machen. Und gebe alles in Gottes Hand. Manchmal spüre ich dann, wie Gott mich hält und trägt. Durch die Situation hindurch.

Und so hat auch die Konfirmation gut geklappt, sogar im Oktober. Mit Abstand und viel Durcheinander. Trotzdem werden wir es nie vergessen.

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04DEZ2020
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Heute am 4. Dezember ist der Barbaratag. Der ist mir wichtig, weil ich schon immer viel mit der Heiligen Barbara zu tun hatte. Ich war nämlich Pfarrer an einer St. Barbarakirche und mein Kirchengemeinderat hat mir eine kleine Statue von ihr geschenkt, die steht bei mir im Esszimmer. Und heute kommt eben noch ein Barbarazweig dazu. Das ist so die Tradition für diesen Barbaratag. Warum man das macht?

Die Heilige Barbara hat im 3. Jahrhundert in Nikomedia gelebt, das ist heute die Stadt Ismit in der Türkei. Sie ließ sich taufen, was ihren Vater rasend machte. So muss man das wohl nennen, denn er ließ sie verhaften und in einen Turm sperren. Bei Ihrer Verhaftung verfing sich ein Kirschzweig in ihrem Kleid und diesen Zweig nahm sie mit in ihr Gefängnis und stellte ihn in eine Vase. Als der Tag ihrer Hinrichtung kam, hat der Zweig angefangen zu blühen. Am Tag ihres Todes blühte das Leben auf!

Deshalb bringt man heute, am 4. Dezember einen Zweig von einem Kirsch- oder Pflaumenbaum ins Warme. Und wenn alles klappt, dann blüht der Zweig an Weihnachten.

Der Zweig zeigt mir dann die ganze Adventszeit hindurch:  An Weihnachten blüht das Leben auf. Sogar in diesem Jahr wird das so sein. Wo vieles ganz doof wird und vieles im Advent gegen Weihnachten spricht. Da sagt mir der Barbarazweig: Gib die Hoffnung nicht auf/ Schau genau hin. Das Leben wird aufblühen!

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03DEZ2020
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Schon oft habe ich die Frage gehört: Betest Du eigentlich? Oder: Wie oft betest Du? Aber eine Frage hab ich noch nie gehört: Macht dir Beten eigentlich Spaß? Meine Antwort ist: Ja, ich bete sehr gerne. Nicht weil ich es muss. Weil es mir Spaß macht.

Gerade jetzt in den Zeiten des Lockdowns. Da habe ich mir sogar nochmal ganz andere Formen des Gebets angewöhnt. Ich singe zum Beispiel gerne. Gregorianik, also so wie die Mönche singen. Wunderschön ist das und geht sogar allein.

Am liebsten ist mir aber das Gebet mit anderen. Mit meinen Schüler*innen bete ich immer das Vaterunser. Wir machen dazu Bewegungen, das ist fast ein bisschen wie Qi Gong. Mit den Seniorinnen bete ich es konzentriert am Tisch sitzend. Und dann gibt es bei uns noch eine „Kirche der Stille“. Da beten wir gemeinsam in der Stille, sitzen dabei auf Meditationsbänkchen oder im Lotussitz. Wir schweigen und atmen und lassen unsere Gedanken kommen und gehen und zum Schluss beten wir miteinander laut das Vaterunser.

Ja, ich bete gerne. Und bin damit nicht allein. „Ich freue mich im Herrn und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott“ steht schon in der Bibel. Mir schenkt das Gebet Ruhe und Rhythmus. Ich freue mich einfach „drin zu sein!“ In Gott, wenn man so will. Im Flow, sagen vielleicht andere. Ich fühle mich geborgen. Mit anderen zusammen teile wir beim Beten unser Innerstes, zeigen Gott unsere Wunden und unsere Verletzungen.

Wie man Spaß am Beten kriegen kann? Vermutlich ist es wie mit allem. Der Spaß kommt, indem man es einfach tut.

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02DEZ2020
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In Trier hat gestern ein Mensch anscheinend durchgedreht. Mit seinem Auto ist er durch die Fußgängerzone gerast. Scheinbar wahllos hat er Menschen überfahren. Jetzt gibt es Tote und Verletzte. Ein Amoklauf, sagt der Oberbürgermeister. Amok ist malayisch und heißt „Wut“. Wie furchtbar für die Opfer und ihre Angehörigen. Mein ganzes Mitgefühl – und Ihres sicher auch – gilt diesen Menschen. Von einer Minute auf die andere wurde ihr Leben zerstört. So Schreckliches kann ein Mensch anrichten. Was kann man sagen, außer: Barmherziger Gott, steh den Betroffenen bei!?

Das bete ich für die, die so plötzlich in dieses Unglück hineingerissen wurden. Kinder seien unter den Opfern dort in Trier, heißt es. Jede Mutter und jeder Vater kann sich vorstellen, wie es deren Eltern jetzt geht. Ich hoffe, dass niemand allein bleiben muss mit seinem Leid. Aber ich weiß auch: Worte können da nur wenig ausrichten, am wenigsten jetzt, erst ein paar Stunden danach. Deshalb: Hoffentlich sind Menschen da, die die Angehörigen nicht allein lassen. Und: Möge Gott Ihnen beistehen.

„Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.“ – so haben Menschen Gottes Nähe zu allen Zeiten erfahren. In einem Gebet in der Bibel haben sie es aufgeschrieben. Ich will beten, dass die Angehörigen der Opfer in Trier das auch so erleben: „Gott, sei Ihnen Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die sie getroffen haben!“

Ich glaube, dass die Toten in Gottes Hand sind. Niemand fällt ins Leere, auch nicht, wenn so ein schrecklicher Unfall passiert. Bei Gott bleibt das Leben – auch wenn wir nur noch die Toten beweinen können. Ich hoffe, dass dieser Glaube auch den Angehörigen der Opfer irgendwann ein Trost wird.

Die Menschen, die Gottes Hilfe in ihren großen Nöten erfahren haben, die haben in demselben Gebet auch gesagt: „Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge ... Gott ist bei uns“ -- was auch geschieht. Darauf will ich mich trotz allem verlassen – auch heute.

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01DEZ2020
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Heute ist Weltaidstag. Ich erinnere mich noch gut an die Verunsicherung und an die Vorurteile, die aidsinfizierten Menschen am Anfang entgegengeschlagen sind. „Lustseuche“ wurde die Krankheit auch genannt. Homosexuelle Männer oder Menschen mit häufig wechselnden Beziehungen standen am Pranger. Können die sich nicht mal zurücknehmen?

Und auch am Anfang der Coronakrise habe ich von Menschen gelesen, die beschimpft wurden, weil sie sich infiziert haben. Zu der Verunsicherung eine noch unbekannte Krankheit zu haben kamen dann noch die Angriffe über WhatsApp und Facebook. Und selbst jetzt noch werden die beschimpft, die krank sind, weil deshalb zum Beispiel eine ganze Schulklasse in Quarantäne geschickt wird.
Niemand ist gerne krank. Dann auch dafür noch beschimpft zu werden ist unfair, finde ich.

Von Jesus wird erzählt, dass er Menschen mit einer ansteckenden Krankheit begegnet ist. Man nannte sie damals „Aussätzige“. Die mussten sich von den anderen fern halten. Das war sicher auch klug. Aber Jesus ist zu ihnen hingegangen und hat sie nicht beschimpft, sondern geheilt.

Und genau das ist doch auch heute unsere Aufgabe. Bei Aidskranken genauso wie bei Corona- Infizierten – Heilen, nicht beschimpfen.  

Bei AIDS hat sich die Lage übrigens inzwischen verbessert, habe ich gelernt. Menschen, die sich mit dem HI-Virus infiziert haben, können mit den entsprechenden Medikamenten ein ganz normales Leben führen und eine Familie gründen. Auch, wenn das Virus nicht weggeht.

Deshalb bin ich heute am Weltaidstag dankbar, dass man sich nicht mehr mit Vorwürfen und Beschimpfungen aufhält, sondern Lösungen gefunden hat.

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30NOV2020
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Ich drücke ja gerne mal ein Auge zu. Denn ein Auge zuzudrücken ist doch auch menschlich. Sogar von Jesus gibt es einige Geschichten, da hat er auch ein Auge zugedrückt. Nach dem Motto: Regeln sind zwar gut. Aber Regeln sind für die Menschen da und nicht die Menschen für die Regeln.“

Ein Auge zudrücken ist menschenfreundlich. Beide Augen zumachen ist es allerdings nicht.
Zum Beispiel vor dem Leid der Welt, vor dem Leid der Flüchtenden auf Lesbos oder im Mittelmeer. Ich kann schon verstehen, dass man da dann lieber beide Augen zumacht und vielleicht noch die Hand vor die Augen hält. Manchmal ist das eínfach zu viel!

Aber ob man dafür woanders ganz genau hinschauen muss? Mit Argusaugen wird nämlich auf die Seenotrettungsschiffe geschaut. Die stehen alle bereit, Menschen aus dem Mittelmeer zu retten. Sie sind aber in den Häfen festgesetzt und dürfen nicht auslaufen. Viele, die die Seenotrettung unterstützen sind inzwischen so entnervt, dass sie halt ein weiteres Schiff ins Mittelmeer schicken, obwohl funktionstüchtige Schiffe vor Ort sind.    

Sollte ich mal in Seenot geraten, dann hoffe ich einfach, dass die Retter mich fest im Blick haben. Und nicht beide Augen verschließen. Denn wenn es um Menschenleben geht, dann darf man bei den Regeln kein Auge zudrücken. Regeln sind für Menschen da. Und die Regel des internationalen Seerechtes lautet: alle Menschen, die in Seenot geraten - sogar die Feinde! - müssen gerettet werden.

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29NOV2020
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Nur noch vier Wochen bis Weihnachten. Und die Frage drängt: Wie werden wir Weihnachten feiern? Und wie müssen wir uns jetzt im Advent verhalten, damit wir Weihnachten überhaupt irgendwie feiern können?

Ist ja schon unter normalen Bedingungen eine schwierige Frage, wie man alles unter einen Hut bekommt, vom Heiligabend-Gottesdienst bis zum Besuch der Großeltern. Ich zünde heute ein Licht auf meinem Adventskranz an. Den gibt’s auch dieses Jahr. Immerhin ein Licht in der Dunkelheit. Ich finde, das können wir nämlich im Advent und an Weihnachten tun: Licht in die Dunkelheit bringen. Wie auch immer das aussehen mag.  

In unserer Gemeinde zum Beispiel werden wir an den Adventssonntagen unseren Kirchturm beleuchten und einen Ort einrichten, an dem die Leute Selfies mit Adventsmotiven von sich machen können. Die stellen wir dann aus. Und an Heilig Abend feiern wir viele kleine Gottesdienste. Und auch wenn wir nicht singen werden, wird es „O Du fröhliche“ geben, einen großen Weihnachtsbaum mit Kugeln und Glitzer. Damit alle merken: Yes! Es wird Weihnachten… aber halt anders.

Viele entwickeln gerade in den Kirchengemeinden und darüber hinaus viel Kreativität, weil wir spüren, was uns allen fehlt: Das Zusammensein, die Nähe, wenn es kalt wird. Alles das, was jetzt ausprobiert wird, sagt mir, dass wir uns mit der Dunkelheit eben nicht abgeben.

Ich finde, dieses Umdenken und dieser Einfallsreichtum ist wichtig: so entsteht eine Gemeinschaft und eben die Hoffnung: Auch in diesem Jahr sind wir nicht allein - auch in diesem Jahr hören wir diese Geschichte: Gott kommt zu uns. Dafür zünde ich heute schon mal das erste Licht an.   

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