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SWR2 Wort zum Tag

07AUG2021
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Rätselhaft findet es mein Freund Sebastian. Und wenn der es rätselhaft findet – er ist immerhin Physiker…; und hat seine Diplomarbeit genau über das Thema geschrieben: Über Lichtleiter-Eigenschaften von Kunststoffen. Aber das hier: Versteh ich nicht, sagte er damals, als er es zum ersten Mal bei uns sah.

Das hier: Das ist eine gelbe Scheibe, sieht aus wie aus Plexiglas; ungefähr dreißig Zentimeter Durchmesser – etwa so groß wie ein Essteller. Drei Millimeter dick. In einem Loch in der Mitte steckt die Scheibe auf einem langen dünnen Stab. So weit so einfach – wunderbar wird es, wenn es allmählich dunkler wird; unter Wolken, gegen Abend. Dann leuchtet die Scheibe – vor allem am Rand, ganz hell. Und wiegt sich sacht im Wind, wenn der durchs Land streift.

Seit dieses Teil in unserem Vorgarten steht, denke ich manchmal, da hätte wieder jemand das Haustür-Licht an gelassen. So hell leuchtet das in der Abenddämmerung. Ohne Strom. Warum? Das muss wohl am Material liegen. Oder an der Form oder so. Aber wie gesagt, selbst der Physiker rätselt.

Für mich ist es einfach nur schön, bisschen ein Wunder vielleicht, jedenfalls außergewöhnlich. Im Winter – auch an den dunkleren Tagen – ein wenig mehr Licht in der tristen Umgebung. Und jetzt im Sommer, an den langen Abenden…

Allerdings: wenn es dann ganz dunkel ist, hört auch der Sonnenfänger auf zu leuchten. Hat ja keine eigene Energiequelle; auch keinen Speicher. Leuchtet einfach nur, indem er den letzten Rest von Licht bündelt und verstärkt und über den Rand wieder abstrahlt. Restlicht-Verstärker heißt sowas physikalisch-technisch, glaube ich; Cazador del sol hat ihn sein Erfinder genannt, eben: Sonnenjäger oder lieber Sonnenfänger.

Ich finde es auch in einem übertragenen Sinn schön und wichtig: Die Welt ist dunkel genug um uns herum; da führt der Cazador vor, was auch zwischen Menschen möglich wäre: Das bisschen Licht weitergeben, das du siehst; dunkel wird es schon von allein. Licht sammeln und weitergeben. Auch wenn scheinbar nur ganz wenig da herauskommt: Es macht die Welt ein bisschen heller; auch wenn alle anderen es schon dunkel finden. Jeden Tag – und in diesem irgendwie so dunklen Sommer besonders. Und vielleicht gerade an diesem Wochenende und morgen – egal, ob der Sonntag ein Sonnen-Tag wird.

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06AUG2021
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Wenn jemand blitz-artig mal sein oder ihr wahres Gesicht zeigt, macht das leider oft einen negativen Eindruck: Die war doch immer so freundlich, der wirkte so zugewandt oder sogar hilfreich – und kann sich dann doch als ziemlicher Schuft erweisen. Hat etwa mein Blick sie oder ihn bisher eher verklärt – also unklar gemacht?

Im katholischen Gottesdienst feiern sie heute die biblische Szene, in der Jesus von Nazaret sein wahres Gesicht zeigt. Verklärung Christi, heißt das Fest – und erzählt wird es so: Jesus steigt mit Petrus, Johannes und Jakobus auf einen Berg, um zu beten. Und während er betet, verändert sich sein Gesicht und sein Gewand wird leuchtend weiß. Die Propheten Mose und Elíja erscheinen und sprechen mit Jesus. Petrus und die anderen zwei sind eingeschlafen, werden aber wach und sehen Jesus in strahlendem Licht und die zwei Männer bei ihm.

Das scheint mehr zu sein als ein Traum, aus dem sie da erwachen – und Petrus will auch gleich zur Tat schreiten: Meister, es ist gut, dass wir hier sind, sagt er. Wir wollen drei Hütten bauen, für dich, für Mose und für Elíja. Er wusste aber nicht, was er sagte, entschuldigt die Bibel ihn. So eine Erfahrung lässt sich eben nicht festhalten in ein paar Hütten.

Da überschattet sie eine Wolke und sie hören eine Stimme aus der Wolke: Dieser ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören.

Und schon finden sie Jesus allein. Und sie schweigen und erzählen erst einmal niemand, was sie gesehen haben.

Verklärung? Also ein falsches, unwirkliches Bild, das die Freunde da sehen? Ich glaube, in diesem blitzartigen Moment haben sie gesehen und gehört, wer ihr Freund und Meister Jesus wirklich ist: viel mehr als der Zimmermanns-Sohn aus einem Dorf in der Nähe. Ein Mensch ganz in der Nähe von Gott – mit einem Auftrag und mit einer Sendung. Auf den soll hören, wer nach dem richtigen Weg sucht – für das eigene Leben und für die ganze Welt.

Sie sind dann heruntergekommen vom Tabor-Berg – zurück in die Niederungen des Alltags; Jesus predigt und heilt Kranke und tut andere Wunder. Seine drei Begleiter, die mit ihm auf dem Berg gewesen waren, die kannten da schon sein wahres Gesicht. Wie ihnen damals kann es einem noch heute die Sprache verschlagen.

Ich hoffe, wir können einander gelegentlich auch das wahre Gesicht zeigen – und entdecken, dass Gottes Liebe in jedem und jeder zu sehen ist. Jedenfalls will ich mir Mühe geben – mit Gottes Hilfe.

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05AUG2021
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Schon immer haben Flutkatastrophen die Menschheit begleitet; die Hochkulturen sind ja geradezu in Hochwasser-Gebieten entstanden: etwa am Nil in Ägypten, im Zweistromland Mesopotamien. Landwirtschaft, die viele Menschen ernähren kann, braucht eben Wasser und fruchtbares Schwemm-Land. Zugleich ist viel Wasser bedrohlich – und kann schnell alles vernichten.

Wie kann ich da noch an einen Gott glauben, haben Menschen sich gefragt. Sie haben nach Erklärungen gesucht – und da haben sie leider oft gefunden, dass Gott sie bestraft für ihr schlechtes Leben. So ist das in den Flut-Erzählungen im alten Assur und in Babylon – und auch die jüdisch-hebräische Bibel stellt sich Gott so vor: Weil die Menschen immer sündiger und übergriffiger leben – deswegen versenkt Gott seine eigene Schöpfung in einer großen Flut. Nur die höchsten Berge schauen noch heraus – und nur der fromme Noah darf seine Familie retten, in einer Arche; und da ist auch Platz für ein Paar von jedem Tier, damit das Leben danach weitergeht.

Ein strafender Gott? Ich lese die Bibel anders. Und schlage vor, die Sintflut-und-Noah-Geschichte heute anders anzuschauen, vom Ende her, sozusagen. Der biblischen Sintflut-Erzählung geht es weniger um den Weltuntergang. Das ist eine Rettungs-Geschichte – sie endet mit dem Regenbogen. Der soll das Zeichen sein: nie wieder lässt Gott alles untergehen. Auch wenn alle Wasser auf einmal vom Himmel stürzen: Gott hat sich mit dem Leben verbündet; Gott liebt seine Schöpfung und seine Geschöpfe und eben auch die Menschen.

Das ist heute schwer zu behaupten; gerade, wo Dauerregen und Sturzfluten in ganzen Landstrichen fast alles zerstören und viele Menschen sogar in den Tod reißen. War Gottes Regenbogen-Versprechen ausgesetzt für sie und für die Überlebenden? Es gibt keine Erklärung, fürchte ich. Was aber bleibt: Gottes Versprechen, dass seine Schöpfung Bestand hat.

Wer daran glaubt, fühlt sich vielleicht herausgefordert, zu beten und Gott den Schmerz vor die Füße zu werfen und die Klage von so vielen Menschen an den Kopf. Auch das hilft.

Ich verstehe es außerdem als Herausforderung: Viele haben sich solidarisch gezeigt –  Menschen aus der Nähe und aus der Ferne. Die haben tatkräftig und engagiert zugegriffen und aufgeräumt; sie haben getröstet und Obdach und Bett angeboten.

Und schließlich lassen sich hoffentlich alle herausfordern, endlich anders zu leben und den Klima-Wandel und seine Folgen in Grenzen zu halten, wo das überhaupt noch geht. Weiter mitarbeiten an Gottes Schöpfung eben…

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04AUG2021
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Petra und Andreas stehen unter Schock. Sie haben alles verloren – gefühlt wenigstens. Das Auto hatte er gerade noch in Sicherheit gebracht. Zurück ins Haus watete er schon bis zur Hüfte im Wasser. Das kleine Flüsschen Ahr, sonst weniger als einen Meter hoch, sollte in der Nacht noch anschwellen auf beinah acht Meter.

Aber wir leben, sagt Petra, Tage nach der Flut. Keller und Erdgeschoss waren bis zur Decke vollgelaufen. Sie konnten sich ins Obergeschoss retten. Am schlimmsten wird sein, dass so viele Menschen ihr Leben gelassen haben in der Flut.

Abgeflossen war das Wasser fast so schnell, wie die Welle gekommen war. Paar Tage danach habe ich geholfen, den Keller auszuräumen. Komplette Verwüstung – oder wie nennt man das bei so viel Wasser. Kästen, Truhen, Regale, bis zur Decke angefüllt mit – ja mit was: Für uns waren das Sachen; einfach nur Sachen – und sicher unbrauchbar, für immer. Bücher, gesammelte Zeitschriften, Karnevals-Orden und JunggesellenPokale; Schuhe, mehrere Geschirr-Services, Klamotten und und und.

Für Petra und Andreas viel mehr als einfach nur Sachen – da fand sich Omas letzter Reisepass – und ein Fotoalbum aus Opas Jugendzeit. Bei ganz wenigen Teilen haben wir sie dann noch gefragt, ob sie das mühselig reinigen und aufheben wollen. Aber die Erinnerungen an die alten Zeiten würden ja alles wieder aufwühlen; und an die Katastrophe, die das alles vernichtet hat… Also lieber weg damit – und ganz neu anfangen, vielleicht an einem anderen Ort; das wird schwierig genug mit über siebzig.

Eins habe ich gelernt bei diesem Hilfe-Einsatz: Sachen können wichtig sein; sie erinnern mich, halten alte Zeiten und vor allem liebe Menschen irgendwie lebendig. Wichtiger – und sogar in Feuer und Wasser unvergänglich – wichtiger bleiben die Spuren, die Menschen in meinem Herzen hinterlassen haben. Ihre Liebe, ihre Stimme, der Streit und die Versöhnung zwischen uns; ein freundliches Wort, der entscheidende Schubs in die richtige Richtung – oder einfach nur der Geruch von frischem Brot in Mutters Küche: sowas alles bleibt und verbindet uns – auf ewig.

Petra und Andreas und viele viele andere werden vermutlich noch lange brauchen, bis das für sie stimmt. Familien und Freunde werden sie dabei stützen – und unser Gebet und eine Zuversicht, die sich auf Gottes Liebe verlässt – trotz allem.

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03AUG2021
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Er hat ja nur getan, was jeder getan hätte – da ist Helmut Schilles ziemlich bescheiden. Keine Spur von Heldenverehrung – kann er drauf verzichten. Als Chef einer kleinen Baufirma hätte er den Job ja auch einem seiner Mitarbeiter aufdrücken können: der Abfluss der Steinbach-Talsperre war verstopft und musste freigebaggert werden – bevor der durchgeweichte achtzehn Meter hohe Staudamm bricht und in einer weiteren Hochwasser-Flutwelle zwei Dörfer ertränkt. Siebzig ist Schilles – und er hat das als mehr verstanden als nur einen Job. „Der Herrgott hat mich an diese Stelle gestellt“, sagt er im WDR-Fernsehen; „ich habe mich der Sache gestellt und meinen Rosenkranz gepackt und mich gesegnet – und dann bin ich da reingefahren. Und ich hab keine Sekunde Angst gehabt.“ Er war voll Vertrauen, dass die Wand nicht bricht – unter dem Druck von Millionen Kubikmetern und Tonnen Wasser hätte der Baggerführer aber auch keine Chance gehabt. Und die THW-Fachleute waren ziemlich skeptisch…

Es ist dann alles gut gegangen; ziemlich im letzten Moment allerdings. Der Stausee konnte kontrolliert abfließen – Gefahr gebannt. Und alle sind voll des Lobes über die Zusammenarbeit und das Engagement vieler einzelner Menschen und eben diese eine besondere Heldentat.

Und ja: er ist ein Held, auch wenn er das zurückweist. Wer die Wirklichkeit um sich herum wahrnimmt und die Not sieht und aktiv wird, statt sich abzuwenden und die anderen machen zu lassen oder „die da oben“: tut mehr, als sie oder er unbedingt oder gesetzlich tun müsste. Das ist schon heldenhaft.

Viele haben sich an der Erft und im Ahrtal und überall in der Katastrophe engagiert, weil es sich einfach so gehört, würden sie sagen.

Ich würde mit Helmut Schilles zusammen weiter gehen. Die Wirklichkeit und die Not sehen und meine Möglichkeiten anbieten, um zu helfen: das ist manchmal eben auch Gottes Auftrag an einen Menschen – ob er oder sie das so nennen würde oder ob sie es einfach nur selbstverständlich und sozial und moralisch finden. Wer auf das eigene Gewissen hört und sich ansprechen lässt, weil das Leben von so vielen Menschen bedroht ist, folgt Gottes Stimme. Wer hilft, auch auf Dauer, darf auf Gott vertrauen – wie Baggerfahrer Helmut.

(ogy.de/mobf – WDR Fernsehen Aktuelle Stunde, 19.7.2021 - 13‘20ff)

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02AUG2021
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„Der liebe Gott sieht alles“, stand auf einem nett gemalten Schildchen neben dem Selbstbedienungs-Kühlschrank im Tagungshaus. Den jeweiligen Zahlbetrag sollte jeder und jede in die Schachtel nebenan legen; da war auch Wechselgeld drin. Scheint, dass aber selbst im katholischen Bildungshaus manche schon mal das Bezahlen „vergessen“… Und bevor alle darunter leiden oder die Getränke nur noch persönlich und in kleinen Zeitfenstern zu kaufen sind, eben der Versuch mit dem „lieben Gott“. Liegt ja dann doch wieder nahe im kirchlichen Zusammenhang. Keine Ahnung, ob es geholfen hat.

„Der liebe Gott sieht alles“ – in meinem Kindergarten vor mehr als sechzig Jahren bekamen wir das auch oft zu hören. Die Ordensschwestern haben vermutlich häufiger mal in ihrer Not mit der viel zu großen Gruppe den lieben Gott als pädagogische Waffe einzusetzen versucht. Den hat das wohl kalt gelassen – aber woher hätten wir das wissen sollen im Kindergartenalter! Jedenfalls haben einige zur Sicherheit besonders gute Verstecke gesucht, wenn sie was Verbotenes machen wollten. Das schlimme Bild von einem Gott, der alles überwacht und das Böse auch bestraft, jetzt gleich oder später: das haben sie aber ins Leben mitgenommen. Schade.

Weil ja eigentlich Gottes Blick auf jeden Menschen und auf die Menschheit ganz anders ist: Gottes Blick, da bin ich überzeugt, sieht mich in jedem Augenblick und überall – aber es ist ein liebevoller Blick, besorgt um mein Leben und meinen Weg – allein und mit anderen Menschen. Bestenfalls ermuntert dieser Blick mich, lieber das Gute als was Böses zu tun – aber Strafe oder sogar Rache gehört nicht zu Gottes Repertoire, glaube ich.

„… sieht alles“ – glauben wohl manche auch von der Pegasus-Software – zur Überwachung eingeschmuggelt auf zigtausende Mobiltelefone, meist bei kritischen Journalistinnen oder anderen Systemkritikern, oft im Auftrag von autoritären Regierungen oder Diktaturen. Und tatsächlich kann die fast alles sehen – und zwar meist in übler Absicht, bis hin zum Mord an unliebsamen Menschen. Wer da meint, ein wenig Gott spielen zu können, ist schon deswegen auf dem Holzweg, weil Gottes Blick ja liebevoll ist und das Leben will.

Im Tagungshaus hatte ein Spaßvogel das ein bisschen lockerer formuliert. Das originale „Der liebe Gott sieht alles“ war da ergänzt mit „aber er verrät uns nicht“. Da ist Pegasus anders – sein Auftrag selbst ist schon Verrat. Ich verlasse mich lieber auf Gottes Blick – vor dem habe ich sowieso nichts zu verbergen…

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