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SWR2 Wort zum Tag

31JUL2021
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So eine Covid19-Erkrankung ruft einem in Erinnerung, wie schön es ist, wenn man gut atmen kann. Und darum möchte ich heute eine Liebeserklärung an den Atem abgeben. Alle Lebenskraft kommt aus ihm. Ich könnte nicht mit Ihnen sprechen, wenn mir der Atem knapp würde.

Und wahrscheinlich gibt es keine tiefere Angst in uns, als keine Luft zu bekommen. Das Leben beginnt mit dem Atem und es endet, wenn es aufhört, in uns zu atmen.

Für die Bibel ist klar, welche große Kraft damit in uns ist.
27Mensch und Tier halten Ausschau nach dir, Gott, damit du ihnen Essen gibst zur richtigen Zeit.
Nimmst du ihnen den Lebensatem, dann sterben sie und werden zu Staub.
30Schickst du deinen Lebensatem aus, dann wird wieder neues Leben geboren. (Psalm 104)

Und was ist das für eine Erleichterung und Freude bei der Geburt eines Kindes, wenn es atmet. Selbständig und regelmäßig. Und zum Glück ist es für die meisten von uns dann ganz selbstverständlich, dass es ein Leben lang weiter so in uns atmet.

Darin liegt auch eine Kraft, mein Leben immer wieder neu zu ordnen.
Wenn ich sehr aufgeregt bin, hilft es, wenn ich mich aufs Atmen konzentriere. Wenn ich meine Gedanken wegführe von dem, was die Aufregung entfacht und mich auf das Elementare besinne. Einen ruhigeren Rhythmus suchen, bewusst ausatmen, damit dann neue Lebenskraft in mich einströmen kann.

Oder wenn uns das Leben in Panik versetzt und viel zu vieles wie eine übergroße Welle über uns hereinbricht. Da kann es passieren, dass uns vor lauter Angst der Atem stockt. Und wenn es mir dann zuflüstert, ‚vergiss das Atmen nicht.‘ Und ich tue es. Das kann sein wie eine Erlösung, wie wieder zu leben beginnen.

Ganz oft passiert es, dass ich dabei anfangen zu beten. Und beides, Lebenskraft schöpfen und mich an Gott zu wenden, das lässt mich „aufatmen“. Körperlich und seelisch. Weil ich spüre und mich wieder erinnere, ich bin im Leben nicht auf mich allein gestellt. Ich bin ein Kind Gottes. Und ER ist nah.

Jetzt habe ich über den Atem geredet, als wäre er irgendwie nur für mich allein da. Aber was für mich gilt, gilt für jedes atmende Lebewesen. Insofern gilt auch, gib den anderen ihren Platz, gönne ihnen die Luft zum Atmen, die sie brauchen. Vielleicht ist das der Anfang von Frieden.

Ich wünsche Ihnen und mir, dass Gottes Atem uns immer wieder neu belebt, Kraft gibt, aufrecht zu leben. Tapfer, zuversichtlich und aufmerksam für alles Leben, was genauso leben will wie wir.

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30JUL2021
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Wenn man wie ich zur Generation der Großeltern gehört, muss man sich auch fragen: Was hinterlassen wir unseren Kindern und Enkeln? Ich glaube, nicht nur Gutes. Wir vererben vieles. Auch die Klimakrise. Manchmal schäme ich mich dafür:
Z. B. wenn ich Kinder auf dem Spielplatz sehe. Sie spielen so frei und ahnen nichts von dem Rucksack, den wir ihnen schon aufgehängt haben. Eigentlich ist das eine große Ungerechtigkeit.

Und wenn ein Enkel fragt: „Wo bist Du gewesen, Opa, dass die Welt so werden konnte wie sie ist? Was kann ich sagen? Dabei bin ich gewesen. Mal zuschauend, mal profitierend, manchmal habe ich auch gewarnt. Aber im Ganzen muss ich zugeben: Ich bin Teil dieser Ungerechtigkeit, ich war nicht laut genug für Euer Recht als Kinder und Enkel.

Nicht so laut und wirksam wie die Frau in einem Gleichnis, das Jesus erzählt hat. Ich war oft auch bequem und habe mich zurückgelehnt wie der Mann in Jesus Story.

Erstaunlich, dass Jesus in seiner so durch und durch männlichen Welt eine Frau zum Vorbild setzt. Sie ist Witwe, kämpferisch, laut, vehement für ihr Recht und das ihrer Kinder. Und genau das, dass sie so viel Power hat, das macht sie zum Vorbild. Nur so schafft sie es, Gerechtigkeit zu erringen für ihre Kinder und sich.

Ihr Gegenpol ist ein Mann, ein Richter. Eigentlich dazu da, dass es gerecht zugeht. Die Bibel charakterisiert ihn stattdessen so: „Er hatte keine Achtung vor Gott und nahm auf keinen Menschen Rücksicht.“ Also auch nicht auf die Rechte einer Frau oder deren Kinder. Gerechtigkeit und Recht; sich dafür anzustrengen, nein. Ihn interessiert, dass er oben ist, und die Privilegien, die das bringt.
Aber die Frau lässt ihn nicht. Immer wieder wird sie vorstellig. Ausdauernd und immer eindringlicher kämpft sie. Bis er sich bequemt. „Am Ende verpasst sie mir sonst noch einen Schlag.“ Eine solche Beschämung würde ihn öffentlich unmöglich machen. Also hilft er ihr zu ihrem Recht. (Lukas 18,1ff)

Dieses Gleichnis geht mir nah: Ich weiß schon lange, wir leben ungerecht. Belastend für die Jungen. Aber ich war nie so eindringlich wie die Frau. Sie? Aber vielleicht können wir aus unserer Scham lernen und es besser machen. Keine bequemen Großeltern sein, sondern die Dickfelligkeit der Macht eindringlich bestürmen.

Noch etwas: Jesus hat diese Frau auch zum Vorbild dafür gesetzt, wie ich als Christ beten soll. Eindringlich Gott zu Hilfe rufen, dass er eintritt für seine Schöpfung. Dass alle Kinder und Enkel leben können. Unsere, die in Afrika, und die von Tieren und Pflanzen.

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29JUL2021
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An der Schwelle einer neuen Lebensphase zu stehen, das ist nicht ohne.
Was war gut, was nicht? Sind meine Hoffnungen und Wünsche in Erfüllung gegangen?

Mir ist beim Nachdenken ein Satz von Dietrich Bonhoeffer nahegekommen, dem evangelischen Theologen, der in den Widerstand gegangen ist: 1944, im März, hat er in einem Brief aus dem Gefängnis der Nazis geschrieben: „Es gibt erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche.“ (Widerstand und Ergebung 19.3.1944)

Das finde ich ermutigend. Wenn jemand das aus dem Gefängnis sagen kann, dann vielleicht ich auch. Er hat ja unerfüllte Wünsche: frei zu sein, dass das Naziregime stürzt. Was hilft ihm trotzdem, zu sagen: „Es gibt erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche“?

Anscheinend hat ‚erfülltes Leben‘ für ihn damit zu tun, ob man sich darauf einlässt, was das Leben jetzt und hier ausmacht. Wenn man sich daraus wegwünscht, wird es schwerer, zu leben, was nötig und möglich ist.

Noch etwas: Bonhoeffer sagt erfülltes „Leben“, als ginge es um das große Ganze. Aber dabei schaut er zuerst auf Tag heute. Ich lese mal ein paar Sätze im Kontext:
„…In meiner jetzigen Umgebung (also im Gefängnis) finde ich fast nur Menschen, die sich an ihre Wünsche klammern und dadurch für andere Menschen nichts sind, sie hören nicht mehr und sind unfähig für Nächstenliebe. Ich denke,“ schreibt er weiter, „auch hier muss man leben, als gäbe es keine Wünsche und keine Zukunft, und ganz der sein  , der man ist.“

Wenn ich das übersetze, könnte das heißen:
„Erfüllend“ ist, wenn ich da bin, in dem was ich heute tue und erlebe. Bei den Menschen, denen ich heute begegne. Wenn ich eine Aufgabe habe: Dass ich sie erfülle, vielleicht sogar gern und gut. Insofern ist erfüllt leben etwas für jeden Tag. Nicht erst das große Fazit am Ende. Das kann entlasten. Weil ich das jeden Tag neu üben kann. Auch wenn gestern nicht so erfüllt war. Jetzt ist ein neuer Tag.

Noch etwas: Versucht Bonhoeffer, uns Wünsche abzugewöhnen? Nein. Wenige Sätze weiter hat er geschrieben: „Wunschlosigkeit ist Armut.“ Er hat große Wünsche, private und politische. Und hat gesagt: „Ich glaube mehr denn je, dass wir auch der Erfüllung unserer Wünsche entgegengehen und uns keineswegs der Resignation hinzugeben haben.“ Vielleicht ist erfüllt leben beides: Heute ganz da sein und wagemutig über den Tag hinaus wünschen. Auch Großes, das für mich unerfüllt bleiben wird.

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28JUL2021
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Sie ist eine zarte Schönheit, zum ersten Mal habe ich sie vor einem Jahr gesehen. Sie saß in der Sonne an der Mauer in meinem Garten. Bezaubert habe ich gleich ein Foto geschossen und an eine befreundete Biologin gesendet. „Ist das nicht ein wunderschönes Tier“, kam postwendend die Antwort. „Eine Ameisenjungfer, die Imago des Ameisenlöwen. Ganz schön selten – du hast Glück gehabt!“ Aha! Dieses wie eine Libelle anmutende Geschöpf ist also das geschlechtsreife Insekt, das aus der letzten Verpuppung des Ameisenlöwen geschlüpft ist. Offensichtlich bietet mein kleines Gärtlein nicht nur mir Erholung, sondern ist auch Heimat seltener Insekten. Mein Garten hat mich das Staunen gelehrt über die Wunder der Natur. Oder christlich gesprochen: die Wunder der Schöpfung. Es ist doch zum Staunen, dass aus einem kleinen, dicken Insekt, nämlich dem Ameisenlöwen, das sich im Sand vergräbt und Ameisen fängt, nach einer Zeit der Verpuppung ein Wesen entsteht, das optisch mit der ersten Fassung fast gar nichts gemein hat. Die Ameisenjungfer eben, zart und filigran wie eine Libelle. Ich bin fast beschämt darüber, wie eng mein Horizont lange gewesen ist. Um mich herum existiert Leben, und ich habe mein menschliches Leben so ins Zentrum gesetzt.

Der Arzt und Theologe Albert Schweitzer hat das vor hundert Jahren schon verstanden und gesagt: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Albert Schweitzer hatte begriffen, dass eine nur auf Menschen bezogene Ethik unvollständig ist. Viel mehr Energie entwickelt eine Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben. Albert Schweitzer setzte sich dafür ein, dass Menschen sich mit dem Schicksal anderer Geschöpfe in Beziehung setzen und entschlossen sein mögen, ihnen – auch in ihrer Not – beizustehen, soweit sie es vermögen.

Wie schade, dass diese zentralen Gedanken des späteren Friedens-Nobelpreisträgers zwar gewürdigt, aber nicht umgesetzt wurden. Es waren junge Menschen, die sich noch vor dem Lockdown für ein Umdenken und den Klima- und Artenschutz eingesetzt haben. Und ich wünsche mir, dass ihre Energie zu einem Umdenken beiträgt. Damit meine kleine Enkelin eine Chance bekommt, eines Tages auch eine Ameisenjungfer kennenzulernen.

Ich habe meine zarte Schönheit in diesem Jahr übrigens wiedergesehen. Oder besser: Ihre Tochter. Sie saß an der Wand in meinem Schlafzimmer und ich habe sie in einem zarten Seidentuch ganz vorsichtig ins Freie befördert, wo sie libellengleich davonschwebte. Es gibt Wunder. Man kann sie sehen.

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27JUL2021
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Jetzt habe ich in einem Gottesdienst wieder singen dürfen. Zwar mit Maske, aber doch: singen! Nicht nur ich habe gemerkt, wie gut das getan hat. Es war wie Balsam für unsere Seelen. Wie sehr das gefehlt hat in den Gottesdiensten, aber auch in den vielen Chören, die über ein Jahr lang nicht gemeinsam singen konnten.

Im Gottesdienst erklangen Lieder eines Mannes, der Erfahrungen mit Ausnahmezuständen hatte. Paul Gerhardt, einer der bedeutendsten Dichter des Barock. Dreißig Jahres seines Lebens verbringt er im Krieg, erlebt die Welt im Chaos, den Zusammenbruch vertrauter Ordnungen, Pest und Wetterkatastrophen. Das ist alles 400 Jahre her, und doch kommen uns die Verse Paul Gerhardts so nah, sind seine Lieder, die er in der frühen Neuzeit gedichtet hat, so dicht an uns krisengebeutelten Menschen in der Postmoderne. Der Kunst gelingt es, Jahrhunderte zu überspringen.

„Du meine Seele singe!“ hat Paul Gerhard 1653 gedichtet. Und ich habe in diesem Gottesdienst erlebt, wie sich meine Seele mit den Tönen der dazugehörigen Melodie des Komponisten Johann Georg Ebeling aufgeschwungen hat, vom tiefen „b“ bis zum hohen „d“. Mit Gerhardts Versen vertraue ich mich dem Leben an, erlese das höchste Gut, liebe den schönsten Schatz und entdecke starke Kräfte und treue Sinne. Durch die Jahrhunderte erreichen mich Worte und Musik wie ein Geschenk.

Und auch die dunklen Erfahrungen haben ihren Platz. Hungersnot, Trauer und Gewalt kommen vor. Aber sie haben nicht das letzte Wort, und so war unser Gesang im Gottesdienst auch ein trotziger Widerspruch gegen die scheinbare Übermacht des Bösen.

Leicht ist das Leben von Paul Gerhardt wahrlich nicht gewesen, und dennoch haben viele seiner Lieder eine Leichtigkeit, die ich wie einen seelsorglichen Zuspruch empfinde. Sein Lied „Geh aus mein Herz und suche Freud“ haben wir im Gottesdienst gesungen, und mir schien, als ob wir mit diesem Lied die Welt außerhalb unserer engen Mauern entdecken konnten, als ob dieser Mensch des Barock, der vor fast einem halben Jahrtausend gelebt hat, uns mit seinen Liedern Mut macht, das Leben und die Schöpfung zu feiern. „Lass mich bis zur letzten Reis an Leib und Seele grünen.“ Ich habe – singend – gespürt, wie mich das an Leib und Seele erfrischt hat. „Ich singe mit, wenn alles singt, und lasse, was dem Höchsten klingt, aus meinem Herzen rinnen.“

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26JUL2021
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Das älteste lebende Tier der Erde ist wahrscheinlich eine Seychellen-Riesenschildkröte namens Jonathan. Jonathan ist etwa 190 Jahre alt und lebt auf der Insel St. Helena. Er wurde 1882 im Alter von mindestens 50 Jahren von den Seychellen verschleppt und befindet sich – so Wikipedia – im Besitz der Regierung von St. Helena. Wobei ich den Begriff „Besitz“ bei dieser Schildkröte schon recht amüsant finde. Denn Jonathan kann inzwischen auf eine ganze Reihe „Besitzer“ zurückblicken, die er alle überlebt hat.

Vom Indischen Ozean einmal um halb Afrika herum bis in den Südatlantik – allein schon dieses Abenteuer dürfte die Resilienzfähigkeit von Jonathan gestärkt haben. Wer das überlebt, der schafft auch den Rest. Seit 1882 hat Jonathan zwei Weltkriege er- und überlebt, von unzähligen kleineren Krisen ganz zu schweigen. Könnte er erzählen, wir würden erfahren, was ihm geholfen hat, sein langes Leben zu meistern. Das wäre womöglich anregend im Blick auf das, was uns Menschen hilft, Krisen zu meistern und zu überstehen. Ich könnte mir bei Jonathan den Leitspruch vorstellen: In der Ruhe liegt die Kraft. Oder auch: Eins nach dem anderen.

Auf der Suche nach hilfreichen Leitsprüchen und Ritualen in der Krise werde ich auch bei den Ritualen der Kirche und in Texten der Bibel fündig. Keine Frage: Es ist der Kirche leider zunehmend schwergefallen, diesen Schatz an Ritualen und Texten in die späte Moderne zu übertragen. Das ändert aber nichts daran, dass es hochwirksame Resilienzfaktoren sind. Die Resilienzforschung bestätigt, dass Menschen in Krisen einen guten Rhythmus für ihr Leben finden sollten. Ich erlebe z.B. das Kirchenjahr so: Es übt einen heilsamen Lebensrhythmus ein. Und auch in der Bibel gibt es einen reichen Fundus an Texten, die zu einer guten Organisation des Lebens anregen. Etwa im Buch Kohelet das wunderbare Gedicht: „Alles hat seine Zeit“, das die rhythmische Organisation des Lebens einübt.

Das Kirchenjahr regt mich übrigens auch dazu an, meine eigene Begrenztheit zu akzeptieren. Jede und jeder von uns wird einmal sterben. Ich glaube daran, dass wir auch dann nicht aus Gottes Hand fallen. Das hilft mir, das Leben auch in Pandemiezeiten mit einer humorvollen Distanz wahrzunehmen. Tod-Ernst ist unser Leben nicht. Und Humor, ganz klar, ist ein ganz wichtiger Resilienzfaktor. Wenn Sie einmal die Riesenschildkröte Jonathan googeln und sich ein Foto von ihr anschauen: Finden Sie nicht auch, dass um Jonathans Lippen ein amüsiertes Lächeln spielt?

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