Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR2 Wort zum Tag

26JUN2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Das Evangelium erzählt eine sehr anrührende Geschichte. Anrührend – obwohl gerade von keiner Berührung die Rede ist. Dafür stellt die Geschichte einiges auf den Kopf.

Jesus unterwegs am See von Galiläa, in Kafarnaum – manchmal sagt die Bibel: in seiner Stadt. Auftritt ein Hauptmann der römischen Besatzungstruppe – was ja schon mal schwierig genug ist: Ein Besatzer, ein Ungläubiger oder jedenfalls Andersgläubiger, ein Heide, hätten sie damals gesagt. Ausgerechnet der also kommt zu Jesus und bittet ihn um Hilfe: Sein Diener liegt gelähmt zu Hause und hat große Schmerzen. Und auch Jesus überschreitet gleich mehrere Grenzen, wenn er jetzt sagt: Ich will kommen und ihn gesund machen. Als Jude macht er sich doch unrein, dürfte tage- oder wochenlang nach einem solchen Besuch nicht mehr beten…

Das scheint der Römer zu wissen – offensichtlich hat er einiges gelernt über Sitten und Gebräuche und Gebote im besetzten jüdischen Land. Und deswegen sagt der Hauptmann: Ich bin es nicht wert, dass du mein Haus betrittst; sprich nur ein Wort, dann wird mein Diener gesund. Weil – und da ist er eben beruflich vorgebildet: Auch ich muss Befehlen gehorchen, und ich habe selber Soldaten unter mir; sage ich nun zu einem: Geh!, so geht er, und zu meinem Diener: Tu das!, so tut er es.

Das ist eine schöne Vorstellung: Krankheit und Heilung auf Zuruf sozusagen, als Frage von Befehl und Gehorsam. Das rasselt schon ein bisschen militärisch.

Aber Jesus entdeckt da viel mehr als nur einen Hauptmanns-Dünkel: Nämlich einen ganz starken Glauben an einen Gott, der über allem ist. Und schickt den Hauptmann nach Hause, und der Diener ist gesund, ganz ohne Berührung oder direkten Kontakt…

Bestimmt war Jesus auch davon angefasst, dass der Römer noch eine andere Grenze überschritten hat: Gesellschaftlich war es sicher unüblich, dass ein Herr so für einen Untergebenen sorgt. Der gehört zwar zum Haushalt, aber doch nicht zur Familie.

Da, glaube ich, fängt das Wunder eigentlich schon an: Liebe geht über Grenzen und sprengt die Konvention, bricht das alte Spiel auf vom Ober der den Unter sticht. Diese Liebe schenkt Vertrauen auf Gottes heilende Kraft; und dieses Vertrauen bringt der Hauptmann von Kafarnaum Jesus entgegen.

Grenzen überschreiten, wo sie Menschen voneinander trennen – : so würde sicher manches schneller gut und besser werden!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33382
25JUN2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Schon klar: es wird noch dauern, bis „wir“ die Pandemie besiegt haben; wobei das schon mal die erste Feststellung ist: Wir können es nur gemeinsam schaffen – jede und jeder tut das Ihre und das Seine dazu, mit Abstand und Händewaschen und Rücksicht, mit dem Verzicht auf große Feiern und Reisen, inzwischen mit der Impfung und und und… Bei allem Streit und bei allen Diskussionen: da hat sich ein neues Gemeinschafts-Bewusstsein entwickelt, vielleicht sogar ein besseres Gemeinschafts-Gefühl als früher.

Manchmal ist es mir vorgekommen, als wäre diese Infektion schneller und ansteckender als Corona und Covid19 und die ganze schlimme Pandemie. Ob sie auch nachhaltiger sein wird, also länger hält als das Virus: das muss sich erst noch zeigen – und wieder ist das Wir gefragt. Ob Menschen in systemrelevanten Berufen nach den Corona-Zulagen auch dauerhaft systemrelevant höhere Löhne bekommen; ob Krankenschwestern und Altenpfleger meinetwegen weiterhin Beifall kriegen, aber der Beruf auch so attraktiv wird, dass sie sich ihre schwere Arbeit mit mehr Kolleginnen und Kollegen teilen können – viele sind da schon wieder skeptisch.

Aber vielleicht gibt es ja doch gute Aussichten. Die Stimmung scheint allmählich besser zu werden – schon allein, weil es endlich Sommer wird und da sowieso vieles im Leben leichter rund läuft. Und es fühlt sich beinah so an, als hätten sie uns bei der Impfung doch noch ein bisschen mehr gespritzt als AstraSeneca, BiontecPfizer, Moderna, Johnson&Johnson. Keine Angst – die Geschichte mit den Chips von Bill Gates ist Fake News; das war schon immer klar.

Es muss was anderes sein. Das hat sich aus dem Oberarm-Muskel schnell verteilt, eher Richtung Herz und Seele – und zeigt sich bei vielen im Gesicht, oder hinter der Maske allein in den Augen. Ich sehe und spüre eine neue Mischung aus Zuversicht und mehr Gelassenheit, eine neue Freundlichkeit keimt auf; obwohl viele immer noch drängeln und warten und vieles holperig bleibt.

Schon möglich, dass auch bald zu fragen ist, wie lange die guten Gefühle anhalten, ob es auch für sie möglicherweise schon im Winter eine AuffrischungsImpfung braucht. Aber erst mal versuche ich, diesen Impf-Erfolg zu genießen und weiterzugeben – mindestens meine Dankbarkeit und meine Zuversicht. Bleiben wir zuversichtlich – es gibt bei Gott gute Gründe für wirkliche Hoffnung auf ein Stück neues Leben – gemeinsam können wir es uns schenken.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33381
24JUN2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Dem Priester Zacharias hatte es die Sprache verschlagen. Schließlich: Wer sollte das denn glauben, was der Engel ihm da ankündigt: Du bist schon ein alter Mann und deine Frau gilt ja als unfruchtbar – aber ihr werdet einen Sohn bekommen und dem sollt ihr den Namen Johannes geben. Als Prophet soll er das ganze Volk aufrütteln, dass sie sich wieder auf Gott verlassen… Meine Frau und ich sind zu alt für’s Kinderkriegen – sagt Zacharias; das war doch ein sehr vernünftiger Einwand. Obwohl damals noch keine Rede war von Risiko-Schwangerschaft. Aber jedenfalls hat er Bedenken – und dafür verschlägt der Engel ihm die Sprache; Zacharias verstummt…

Als dann das Kind geboren ist, wollen die Verwandten ihn Zacharias nennen, wie den Vater – also alles wie üblich: Da überrascht die Mutter Elisabet mit der Ansage: Nein, er heißt Johannes. Auch sie bricht die gesellschaftliche Konvention. Da tritt eben ein sehr ungewöhnliches Kind ins Leben. Den Namen also muss der Vater entscheiden – und der schreibt auf ein Täfelchen: Johannes ist sein Name; wie vom Engel angesagt…

Die Geburt dieses besonderen Menschen feiert die Christenheit heute, am Johannistag. Und mit Johannisfeuern und Mittsommerfest und vielen anderen Bräuchen feiert auch der Rest der Welt diesen Heiligen irgendwie gleich mit...

Auffällig ist der dann ja auch geblieben: Zieht als junger Mann in die Wüste, trägt nur einen Kittel aus Kamelwolle, ernährt sich angeblich von Heuschrecken und wildem Honig – fast schon modern, von heute aus gesehen: eiweißreiche Kost, wenn auch nicht wirklich vegan oder vegetarisch…

Vor allem hat er was zu sagen – und die Leute hören auf ihn. Obwohl er sie „Schlangenbrut“ nennt – und eigentlich vor allem soziales Tun verlangt: Wer zwei Mäntel hat, soll einen abgeben; wer genug zu essen hat, soll teilen mit jemand, der oder die hungert. Und Beamte sollen nur soviel verlangen, wie das Gesetz vorschreibt.

Lauter Ideen, die auch heute noch sinnvoll wären;  die sich jedenfalls gut übersetzen lassen auf heutige Verhältnisse. Und wenn so einer die Mächtigen angeht, wird es lebens-gefährlich – damals spricht der Prophet Johannes gegen den Diktator Herodes; heute hieße er vielleicht Maria Kolesnikowa oder Roman Protasewitsch – Gott sei Dank alle noch am Leben.

Wo jemand mutig und deutlich und laut wird, ist es doch gut, dass es manchen die Sprache verschlägt. Vielleicht lernen sie ja, mal den mächtigen Mund zu halten, nachzudenken und den richtigen Weg zu finden…

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33380
23JUN2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Eigentlich ist Charly Handlungsreisender - seine Firma versorgt Betriebe mit Schmierstoffen für ihre Maschinen. In Schlips und Kragen verhandelt er mit den Bossen und etwas später steht er im Blaumann mit den Malochern am Band. Da kommt er schon auf ein paar Tausend Kontakte im Jahr, vor Corona und hoffentlich bald auch wieder.

Aber eigentlich bin ich so was wie ein Betriebsseelsorger, sagt er. Er ist trockener Alkoholiker und geht ganz offen damit um. Auch als Mitglied bei den Anonymen Alkoholikern.

Was glaubst du, wie viele Leute morgens schon bechern müssen, damit sie überhaupt ans Arbeiten kommen… Charly merkt das und spricht das Thema an – die Kollegen oder Chefs haben manchmal ja selbst ein Alkoholproblem, sind workaholics oder vom Internet abhängig. Die haben weder Zeit für noch Lust auf die Probleme von anderen…

Keine Ahnung, was er den Kollegen in den Betrieben dann sagt. Aber die Botschaft der Anonymen Alkoholiker ist einfach: Wo Menschen sich ehrlich und mit anderen zusammen ihrem Problem und der gemeinsamen Krankheit stellen, da beginnt eine Kraft zu wirken, die ist größer als der einzelne Mensch und mehr als die beiden zusammen. Vielleicht hat Jesus das ja auch im Blick gehabt mit dem Wort, „wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind…“ Charly selbst macht diese Erfahrung jeden Tag aufs Neue. Jetzt gerade, in Pandemie-Zeiten, übrigens weltweit: Statt Kontakt-Sperre haben viele Anonyme Alkoholiker ihre GruppenTreffen digitalisiert und damit noch internationaler aufgestellt. Dass wenigstens zwei sich treffen, das geht jetzt 24 Stunden pro Tag – rund um den Globus…

An Charly denke ich, wenn ich im Trierer Dom vor der Figur von Peter Friedhofen stehe. Der Tagesheilige von heute war Schornsteinfeger – ähnlich wie Charly unterwegs von Haus zu Haus. Viel Elend und Krankheit und Not bekam er da zu sehen, jeden Tag. Er hat hingeschaut und sich engagiert, zuerst allein; aber bald schon hat er mit anderen zusammen seinen Krankenpflege-Orden gegründet: die Barmherzigen Brüder.

Ihr Motto: Not sehen und handeln – das ist christlich, das macht heilig; und Not gibt es überall und schon lange vor Corona-Zeiten. Aber gerade in der Pandemie lernt auch unsere reiche Gesellschaft, wie wichtig es ist, den Menschen in Not zu helfen und dabei zusammenzuhalten.

Charly will, glaube ich, wohl kein Heiliger werden, aber die Botschaft gibt er weiter, jeden Tag: wo zwei oder drei so zusammen sind, wirkt die große Kraft…

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33379
22JUN2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Manche fanden es schon ein bisschen schwer verständlich, dass die Kirchen weiter Gottesdienst feiern konnten – wo doch spätestens seit dem Bundes-Lockdown alle Versammlungen verboten waren – fast egal, ob draußen oder drinnen. Wobei: es war ja schwierig genug: mit Anmelde-Zettel oder online-Anmeldung, nur wenige Plätze, große Abstände, Singen verboten; das war eine fremde Art von Messe und Gottesdienst für die paar Leute, die dabei waren.

Jetzt rechnen viele andere Veranstalter wieder mit größeren Gruppen; und in den meisten Kirchen bleibt drinnen erst mal die Beschränkung. Und weil das Wetter ja auch allmählich schöner wird, laden viele Gemeinden zu Gottesdiensten draußen ein. Im Pfarrhausgarten oder so – aber manche auch auf öffentlichen Plätzen, leicht erreichbar – jedenfalls bis zu einer bestimmten Zahl von Menschen. Und sicher so, dass auch andere Leute was mitkriegen werden davon, wie die Gemeinde betet und singt und die Gute Nachricht hört.

Das DraußenFeiern ist erst mal pandemie-bedingt, schon klar. Aber eigentlich gilt es doch schon immer und hoffentlich auch „danach“: Evangelium und Gottesdienst gehören raus auf die Plätze.

Also sollten die Gemeinden sich vornehmen, einmal in der Woche oder so mitten in Stadt oder Dorf zu beten. In Trier etwa auf dem Hauptmarkt, zwischen Gemüse- und Blumenständen, nah beim Petrus-Brunnen, auf dem Laufweg der Touristen und ihrer Guides. Mitten ins Leben gehört Gottes Wort gesagt – denn für die Welt und die Menschen ist es doch bestimmt. Jeden Tag.

Ehrlich gesagt: Es fühlt sich ein bisschen fremd an, da draußen und öffentlich zu sprechen und zu singen und zu beten; und ein wenig befremdet werden auch manche schauen, die da vorbeigehen und plötzlich hören sie ungewohnte Töne und Worte... Nur einige werden stehen bleiben, vielleicht zuhören und sogar mitsingen.

Heute liest die katholische Kirche ein Jesus-Wort: Gebt das Heilige nicht den Hunden, sagt er und werft eure Perlen nicht den Schweinen vor... Gottes Wort – das sind Perlen ja – aber wer wären wir denn, Menschen als „Säue“ einzuordnen!? Das hätte Jesus ja auch ferngelegen.

Die Gute Nachricht, also das Heilige auf Straßen und Plätze tragen – das sollen die Christenmenschen doch eigentlich immer tun.

Wer stehenbleibt, zuhört, sich treffen lässt – und wäre es nur eine oder einer: für die ist es eine Chance, das Heilige zu treffen und zu finden für das eigene Leben; oder einfach nur für heute.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33378
21JUN2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Dass ein Kirchenfenster ein Bild von diesem Heiligen zeigt, ist schon mal ungewöhnlich. Ziemlich unbekannt ist Aloysius von Gonzaga. Nach dem zweiten WeltKrieg brauchte die St. Joseph-Kirche in Gelsenkirchen-Schalke neue Fenster. Heilige sollten sie darstellen. Und auf der Männerseite sollte auch ein junger Mann dabei sein. Da ist eben die Wahl auf Aloysius gefallen, geboren als Sohn einer adligen Familie, infiziert und gestorben noch als junger Mann und Theologiestudent, nachdem er Menschen gepflegt und versorgt hatte, die an der Pest-Seuche erkrankt waren. 1591, da war er 23 Jahre jung. Also passend als Patron und Vorbild für die jungen Männer in St. Joseph.

Spannend auch heute – wo die Pflegekräfte schon wieder auf Applaus verzichten müssen, der am Anfang der Pandemie von den Balkonen herabkam; auf den gerechten Lohn müssen sie immer noch warten. Aloysius steht bestimmt im Himmel an ihrer Seite, da bin ich sicher.

Aber spannend ist auch, wie der Künstler vor siebzig Jahren den heiligen Aloysius ins Fenster gebracht hat – gegen den Widerstand der kirchlichen Bauaufsicht übrigens, wie es heißt. In der linken Hand hält er ein Schwert – Zeichen für Wahrheit und Tugend. Über dem Kopf steht gut erkennbar das „IHS“-Zeichen der Jesuiten. Lilien wachsen am Boden und eine Krone liegt da, weil Aloys darauf verzichtet hat, als Erbprinz Macht und Besitz der Familie zu übernehmen. So weit ein traditionelles Heiligenbild.

Aber von den Knien an abwärts: da trägt Aloisius blau weiße Stutzen und dazu natürlich Fußballschuhe. Vor dem rechten Fuß liegt ein Fußball – natürlich auch blau-weiß. Schalke eben – ein Heiliger nah dran an den Leuten. Damals, in den fünfziger Jahren, soll ja jeder Schalker Junge sozusagen mit dem Ball am Fuß zur Welt gekommen sein.

Na gut, Schalke NullViers Abstieg aus der ersten Bundesliga hätten andere verhindern müssen - da hilft weder Aloysius noch der FußballGott, wenn es ihn denn gäbe. Aber dass Heilige ganz normale Menschen sind, irgendwie auch alltäglich wie du und ich, sozusagen: auf Schalke zeigen das Stutzen und Schuhe und Ball noch heute.

Vorbildlich ist Aloysius heute vielleicht mit seinem Einsatz für die Kranken; vorbildlich auch für Männer und Frauen in der Pflege. Weniger als ihr Patron – sie schützen sich natürlich selbst besser vor der Infektion, als er es damals konnte… Glückwunsch zum Namenstag übrigens, Alwis und allen anderen Aloys‘ und Loisls auch!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33377