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SWR2 Wort zum Tag

05JUN2021
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„Wir sind Trabanten, wir kreisen um unsere Sonnen, jeder um seine eigene.“ Sagt die Erzählerin in dem neuen Roman von Judith Hermann. Ihr Roman „Daheim“ ist eine Geschichte von Einsamkeit und Alleinsein. Die Erzählerin ist in ein leerstehendes Haus an der Küste gezogen. Da will sie nach einigen Brüchen in ihrem Leben neu anfangen. Aber viele Erinnerungen an abgebrochene oder verunglückte Beziehungen scheinen das zu verhindern.

„Wir sind Trabanten, wir kreisen um unsere Sonnen, jeder um seine eigene“. Letztendlich handelt die Geschichte von dem Wunsch, diesen Satz zu widerlegen. Und irgendwo in der Nähe anderer Menschen daheim zu sein.

Mich hat diese Geschichte von Einsamkeit und Sehnsucht berührt. Weil sie eine Einsamkeit beschreibt, die ich kenne. In Coronazeiten haben viele Menschen sie durchlebt. Und gleichzeitig erfahren, wie sehr wir einander brauchen.

Darum finde ich, dass der Satz „Wir sind Trabanten, jeder kreist um seine eigene Sonne“ allenfalls die halbe Wahrheit beschreibt. Weil Menschen sich eben auch nach einer Sonne sehnen, die nicht nur mir alleine, sondern allen scheint.

So wie Jesus in der Bergpredigt sagt: „Gott lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ Denn: alle sind „Kinder eines Vaters“.

Ich finde, das ist die wirklich gute Nachricht! Sie kann herausreißen aus Vereinzelung und Vereinsamung. Sie regt an, so zu leben, dass deutlich wird: wir gehören zusammen. Wir sind aufeinander angewiesen: als verletzliche Kinder, die einander brauchen.

Unter der Sonne Gottes lebt die Hoffnung, dass es mehr gibt im Leben, als um sich selbst zu kreisen: unsere Fähigkeit, trotz aller Eigenheiten, Gemeinsinn und Gemeinschaft entfalten zu können. Es lohnt, sich dafür einzusetzen, dafür zu beten und zu arbeiten.

Das beginnt vielleicht mit den Worten eines alten Kirchenliedes, das „Sonne der Gerechtigkeit“ heißt. Am Anfangt steht die Bitte: „Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unserer Zeit, schaue die Zertrennung an, der sonst niemand wehren kann. Erbarm dich, Herr!“

Mir schenkt das Lied die Zuversicht, dass trotz der Brüche und verunglückten Beziehungen, wie sie Judith Herrmann in ihrem Roman beschreibt, doch Zusammenhalt, Gemeinschaft und Frieden möglich sind. Weil es die eine Sonne Gottes ist, die uns allen scheint.

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04JUN2021
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Joseph Beuys. Hundert Jahre alt wäre er im Mai geworden. An ihm scheiden sich die Geister. Für manche ist er das größte künstlerische Genie des 20. Jahrhunderts. Für andere ein überschätzter Guru.

Ich finde, es lohnt, sich mit ihm zu beschäftigen. Zur christlichen Religion hatte Beuys ein eigenwilliges und eklektisches Verhältnis. Er nahm sich davon, was er brauchen konnte. Das Ergebnis war immer außergewöhnlich. Und meistens provokant.

Einmal rief ihm ein aufgebrachter Betrachter bei einer Ausstellung verärgert zu: „Herr Beuys, Sie reden hier über Gott und die Welt. Nur nicht über die Kunst“. Beuys antwortete: „Aber Gott und die Welt, das ist doch Kunst...“

Ich meine, nichts anderes sagt das christliche Glaubensbekenntnis: Gott hat die Welt geschaffen. Und dass der „Schöpfer des Himmels und der Erden“ somit ein Künstler ist. Der größte von allen...

Provokativ war auch der Vorschlag von Beuys, die Kreuze auf den Kirchtürmen durch Fragezeichen zu ersetzen. Er meinte: „Alles verstehen zu wollen, ist ein großes Missverständnis. Wenn Kunst irgendetwas enthielte, das verstanden werden sollte, dann wäre sie überflüssig. Diese Aufgabe wird schon von der Wissenschaft wahrgenommen.“ Auf dem Gebiet der Kunst aber sollten „nur geheimnisvolle Bilder geschaffen werden, so dass alle Gesichtspunkte des Menschen gefordert wären: Der Intellekt, die Sinne, die Gefühlskraft …“ 

Ich denke, auch der christliche Glaube spricht in unterschiedlichster Weise vom Geheimnis Gottes. Und respektiert damit das biblische Gebot: „Du sollst dir kein Bildnis machen“. Für mich ist es eines der wichtigsten Gebote. Weil unsere Bilder oder Begriffe von Gott schnell blasphemisch werden, wenn wir glauben, uns dadurch Gottes bemächtigen zu können.

Darum meine ich: in dem, was Beuys provokativ vorgetragen hat, stecken ernst zu nehmende Fragen. Wie kann ich verhindern, dass Gott in meinem Denken und Reden zum „Gegenstand“ unter anderen Gegenständen wird? Wie bleibe ich offen dafür, dass mir Gott immer wieder anders begegnet? Konkret, menschlich - und so, dass sein Kommen meine Gottesbilder durcheinanderwirbelt.

Glauben bedeutet darum für mich eben nicht, die Antwort auf alle Fragen zu wissen. Sondern in einer Bewegung zu sein, die das Fragen und die Suche nach Gott offenhält. Und angesichts eines Geheimnisses zu leben, das einen durchs Leben tragen kann.

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02JUN2021
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Der Beruf ist umstritten: Sogar die Bibel thematisiert Prostitution ambivalent. Einerseits werden Prostituierte als Glaubensvorbilder hingestellt. Andererseits wird vor dem Umgang mit ihnen gewarnt. Ob eine Frau als Prostituierte arbeitet, ist Jesus ziemlich egal gewesen.

Kein Wunder, dass er mit den religiösen Autoritäten seiner Zeit oft aneinandergeraten ist. Einmal haben ihn einige Männer in ein Gespräch verwickelt. Jesus hat sich aber gar nicht auf Diskussionen eingelassen, wer jetzt moralisch im Recht ist, sondern hat ein Gleichnis erzählt. Eine Geschichte davon, wie das Leben sein könnte, wenn es so wäre, wie Gott es gewollt hat. Als sie das nicht akzeptiert haben, sagt er ihnen geradeheraus: "Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr."

Heute vor 46 Jahren haben sich französische Prostituierte zum ersten Mal aus der Deckung gewagt. Sie haben demonstriert und auf den rechtsfreien Raum hingewiesen, in dem sie wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Whore lives matter“ könnte auf ihren Plakaten gestanden haben: „Ein Hurenleben zählt.“ Zählt genau so viel wie jedes andere Menschenleben. Als die Polizei die Demonstration auflösen wollte, haben sich die Frauen in eine Kirche geflüchtet. Sie haben dort Kirchenasyl gesucht. Und sich unter den Schutz dessen gestellt, dem es völlig egal ist, welchem Gewerbe ein Mensch nachgeht.

Dass die Polizei dieses Kirchenasyl nach acht Tagen mit Gewalt aufgelöst hat, ist kein Ruhmesblatt in dieser Geschichte. Aber mutige Frauen haben damals einen Anfang gesetzt und uns zugerufen: Seht den Menschen!

Seither hat sich einiges geändert. Umstritten ist der Beruf freilich auch heute noch. Bei uns in Deutschland gilt er seit bald zwanzig Jahren als ein anerkanntes Gewerbe. Prostituierte können sich anmelden, sich krankenversichern und ihren Lohn einklagen. Diese Rechte haben in manchen Kreisen zu einem neuen Selbstbewusstsein von Frauen geführt, die sich stolz als „Sexarbeiterinnen“ bezeichnen. In der Beratungsstelle Anna in Heidelberg hören die Sozialarbeiterinnen aber auch ganz andere Geschichten. Frauen, die fast noch Kinder sind, erzählen von Schulden und dem Teufelskreis aus Abhängigkeiten, in den sie dadurch geraten sind. Sie erzählen von körperlicher und von seelischer Gewalt. Dabei haben auch sie einmal davon geträumt, wie das Leben sein könnte, wenn es anders wäre als das Elend, dem sie zu entkommen suchten. Wir können uns den mutigen Demonstrantinnen nur anschließen Seht den Menschen! Seht diese Frauen!

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01JUN2021
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„Sammelt euch keine Schätze auf der Erde an. Da werden Motten und Rost sie zerfressen. Sammelt euch vielmehr Schätze im Himmel an. Dort werden weder Motten noch Rost sie zerfressen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“ Mit diesem Ratschlag hat Jesus sich an Menschen gewendet, die ganz bestimmt nicht so viel Zeug in ihren Schränken und Regalen hatten wie ich.

Ich bin eine Sammlerin und immer auf Schatzsuche. Auf Flohmärkten kaufe ich gerne altes Geschirr zusammen. Bücher, die ich zwar nicht noch einmal lese, stelle ich mir trotzdem ins Regal. Damit mich die Welten, in denen ich lesend unterwegs war, auch weiterhin umgeben. Schön geformte Steine, Muscheln und Gläser mit abgefülltem Sand erinnern mich an ausgedehnte Strandspaziergänge. Und was Schuhe angeht, sprenge ich sowieso jedes Klischee.

Aber bald werde ich wieder einmal umziehen. Und da muss ich mir die Frage gefallen lassen, ob ein Siebenkommafünftonner ausreichen wird, um all die großen und kleinen Schätze zu transportieren. Was nehme ich mit und wovon trenne ich mich? Was brauche ich und was kann verschenkt werden? Was hat ausgedient und woran hängt mein Herz? Eigentlich weiß ich nämlich längst, wie gut es tut, mit leichterem Gepäck unterwegs zu sein. Es stimmt, was Jesus sagt: Wo deine Schätze sind, da ist auch dein Herz gebunden. Die vielen Gegenstände beanspruchen Platz und Zeit, die sonst für andere Herzensangelegenheiten frei wäre.

In Heidelberg, wo ich wohne, hängen zurzeit überall Plakate, die endlich einmal wieder zu einer Ausstellung einladen. Darauf ist ein Mädchen zu sehen. Es hat gerade einen Ballon in Form eines roten Herzens fliegen lassen. Das Mädchen auf dem Plakat ist berühmt. Der Graffitikünstler Banksy hat es gemalt. Und vielleicht erinnern Sie sich an den Aufruhr, den es gegeben hat, als dieses Bild im Oktober 2018 für 1,2 Millionen € versteigert worden ist. In dem Moment, als im Auktionshaus der Hammer fiel, hat das Bild sich selbst aufgefressen. Nur noch Fetzen hingen aus dem Rahmen. „Sammelt euch nicht Schätze auf der Erde an. Motten und Rost oder ein Schredder fressen sie auf.“

Ich wünsche mir etwas von der Leichtigkeit dieses Mädchens, das sich nicht an seinen Besitz klammert, sondern sein Herz in den Himmel steigen lässt. Ich werde sie mir zum Vorbild nehmen. Eine Sammlerin werde ich wohl bleiben. Aber vielleicht lagere ich manchen Schatz in Zukunft anderswo. Denn es gilt auch umgekehrt: Wo dein Herz ist, da ist auch dein Schatz.

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31MAI2021
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Haben Sie ein Lieblingswort?
Vielleicht Geborgenheit, Habseligkeiten, Rhabarbermarmelade, oder Doppelhaushälfte? Alle diese Wörter waren schon einmal Lieblingswörter. Wörter, die Menschen anrühren, auf der Zunge zergehen oder einen Witz erzählen. Der deutsche Sprachrat hat vor ein paar Jahren einen Wettbewerb ausgeschrieben. Gesucht wurde das schönste deutsche Wort. Über 20 000 Vorschläge sind damals eingegangen. Und es hat übrigens nicht ausgereicht, einfach ein Wort in den Ring zu werfen, man musste auch erklären, warum man es liebt.

Wenn es diesen Wettbewerb in diesem Jahr gäbe, würde ich das Wort Zuversicht einreichen. In den langen Wochen und Monaten der Pandemie hat es für mich an Bedeutung und an Glanz gewonnen. Als Wunsch habe ich es unter viele Briefe geschrieben: „Bleiben Sie zuversichtlich!“ Eine Freundin, die ich gebeten habe, mir einen solchen Brief ins Italienische zu übersetzen, schrieb darunter: Bleibt optimistisch!“ Aber ganz zufrieden war ich mit dieser Übersetzung nicht. Optimismus und Zuversicht gehen vielleicht manchmal Hand in Hand, aber identisch sind sie nicht. Den Unterschied würde ich so beschreiben: Ein Optimist sieht in allen Dingen die schönen, guten hellen Seiten. Die hässlichen, schlechten und dunklen blendet er einfach aus. Ein zuversichtlicher Mensch nimmt dagegen beide Seiten gleichermaßen in Blick. Die Journalistin Susanne Mayer hat es für mich treffend auf den Punkt gebracht: „Anders als ihr prolliger Vetter, der Optimismus, der mit fetten Fingern in die Zukunft weist, hat die Zuversicht schmerzliche Kenntnis von der großen Zahl ihrer Widersacher.“

Diese Beschreibung gefällt mir, und so erlebe ich es auch in diesen Pandemiezeiten: Eine alte Frau bewahrt sich ihren Lebensmut, auch wenn die äußeren Bedingungen immer noch unerfreulich sind. Ein Musiker behält Vertrauen ins Leben, obwohl die Quellen langsam erschöpft sind, aus denen er üblicherweise seine Energie und seinen Verdienst zieht. Und der Mann von der kleinen Bar um die Ecke hat ganz bestimmt einen klaren Blick für den Ernst der Lage, aber er verzweifelt nicht und macht sogar noch andern Mut.

In der Bibel wird auch der christliche Glaube als eine feste Zuversicht beschrieben. Zuversicht auf das, was ein Mensch hofft. Trotz der großen Zahl aller Widersacher. Was für ein schönes Wort und was für eine wunderbare Haltung! Ich wünsche Ihnen, dass auch Sie heute zuversichtlich bleiben!

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