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SWR2 Wort zum Tag

03APR2021
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Nach der Dramatik von Karfreitag ist der Karsamstag für mich immer ein eigentümlich leerer Tag. Nichts passiert. Die Zeit steht still, fast so als könnte sie gar nicht mehr weitergehen. Jesus ist gestorben. Er ist mit seiner Botschaft gescheitert, dass Gott den Menschen nahe sein will. Seine Liebe war vergeblich...Das rührt auch an meine eigenen Erfahrungen, wo alles Wollen und Hoffen vergeblich scheint.

Es gibt eine äußere Zeit: die Stunden und Tage, die unaufhaltsam aufeinander folgen, so wie sich die Zeiger der Uhren immer weiterdrehen. Und es gibt eine innerlich erlebte Zeit. Sie kann nur weitergehen, wenn es ein Ziel gibt, für das es sich zu leben lohnt. Oder zumindest die Hoffnung, dass nicht alles vergeblich ist. Wenn diese Hoffnung erschüttert oder gar zerstört ist, dann bleibt nur noch die Bereitschaft, auszuharren – eine  Zeit des Karsamstags durchzumachen, bis vielleicht eine neue Zeit anbricht. Diese Erfahrung beschreibt die Dichterin Nelly Sachs in einem ihrer Gedichte:

Hängend am Strauch der Verzweiflung

Und doch auswartend

Bis die Sage des Blühens

In ihre Wahrsagung tritt -

Zauberkundig

Plötzlich der Weißdorn ist außer sich

Vom Tod in das Leben geraten.

Nelly Sachs hat als Jüdin den Holocaust miterlebt: Sie weiß, wasVerzweiflung ist. Sie kennt die Erfahrung, dass es kein Morgen mehr gibt, dass die Seele in den kahlen stacheligen Ästen der Trauer und der Verzweiflung festhängt. Hier auszuharren kostet Kraft. Doch gerade in dieser winterlichen Leere bahnt sich eine Verwandlung an:  Der Weißdorn gerät außer sich– sagt Nelly Sachs, wie in einer Ekstase. Aus scheinbar toten Zweigen brechen quasi über Nacht zarte weiße Blüten hervor….

Ich brauche solche inneren Hoffnungsbilder, um die leeren, trostlosen Zeiten aushalten zu können. Ich brauche die Botschaft des anbrechenden Frühlings. Und ich brauche Menschen, die mir erzählen, dass Ostern wahr ist, dass das Leben stärker ist als der Tod, dass nach einer dunklen Zeit eine neue Zeit beginnen kann. Nelly Sachs ist eine von ihnen.

Hängend am Strauch der Verzweiflung…

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01APR2021
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In dieser Woche – der Karwoche – steht der Tod Jesu am Kreuz im Zentrum.  Jesus hat sein Leben hingegeben, um die Menschen zu erlösen. Das Kreuz ist daher das christliche Symbol. Ein Zeichen des Heils. Aber manchmal tue ich mich schwer damit. Wenn ich auf das Kreuz schaue und den gekreuzigten, gemarterten Jesus sehe, frage ich mich: Geht Erlösung nur durch Leiden und Tod?

Vor vielen Jahren bin ich auf ein Kreuz gestoßen, das mir eine andere Sichtweise eröffnet hat. Es zeigt nicht den Leib des gekreuzigten Jesus, sondern fünf biblische Szenen. In der Mitte sieht man Jesus, wie er beim letzten Abendmahl Brot und Wein spendet. Heute, am Gründonnerstag, erinnern die Christen sich daran „Nehmt und esst – das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Trinkt aus dem Becher, das ist mein Blut zur Vergebung der Sünden.“ Jesus weist mit diesen zeichenhaften Worten auf seinen baldigen Tod hin. Und er deutet sein Sterben. Er ist bereit, sein Leben für die Menschen hinzugeben. Aber diese Hingabe zeigt sich für mich nicht nur in seinem Tod, sondern in seinem ganzen Leben. Darauf weisen die anderen Szenen auf besagtem Kreuz hin. Auf einem ist die Hochzeit zu Kana zu sehen. Jesus war offen für die Menschen, er hat ihnen zugehört, ihre Freude geteilt und ihre Leiden ernst genommen. Ein anderes Bild zeigt ihn, wie er im Tempel mit den Schriftgelehrten diskutiert. Jesus hat das Gespräch gesucht und auch die Auseinandersetzung nicht gescheut. Und die beiden übrigen Bilder zeigen ihn als Auferstandenen mit Maria Magdalena und bei der Aussendung der Apostel.  Alles gehört zur Erlösung dazu. Jesu Leben, sein Tod und seine Auferstehung.

Das Kreuz hängt über unserem Esstisch, wo unsere Familie immer wieder zusammen kommt, um satt zu werden. Dazu braucht es nicht nur Spaghetti und Rindsrouladen, sondern auch Gemeinschaft: miteinander reden, lachen und fröhlich sein... wie bei der Hochzeit zu Kana. Manchmal geht es am Tisch auch laut zu, wenn wir heftig diskutieren  – wie es Jesus mit den Schriftgelehrten getan hat. Und hin und wieder gibt es besondere Momente, wo wir spüren, was uns in der Tiefe verbindet. So wie es Maria Magdalena mit Jesus erlebt hat….

Jesus lädt uns ein, dass wir das Brot des Miteinander teilen. Doch manchmal macht jeder nur sein Ding und der Hunger nach echtem Miteinander bleibt ungestillt. Dann finde ich es tröstlich, auf Jesus zu schauen. Er teilt auch dann sein Brot mit uns, und wir können seine Liebe zu uns schmecken.

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31MRZ2021
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In der litauischen Hauptstadt Vilnius gibt es einen sehr speziellen Stadtteil, der heißt „Uzupis“. Er liegt am Rande der Altstadt und ist an drei Seiten vom Fluss Vilnia begrenzt. Dort haben sich Künstler, Aussteiger und Philosophen niedergelassen, und sie haben eine eigene Republik ausgerufen. Sie heißt „Republik Uzupis“. Das Parlament ist ein Szene-Café. Dort steht eine Bronzetafel mit der eigenen Verfassung. Sie besteht aus 41 Gesetzen. Manche davon klingen etwas verrückt, aber es wird deutlich, dass die Bewohner von Uzupis die Umwelt respektieren und gut miteinander auskommen möchten.

Da heißt es zum Beispiel: „Jeder Mensch hat das Recht, am Fluss Vilnia zu leben, und der Fluss Vilnia hat das Recht, an jedem vorbei zu fließen.“ Oder: „Jeder Hund hat das Recht, ein Hund zu sein.“ Es gibt auch Artikel, die sich fast schon religiös anhören, z.B. Artikel 4: „Jeder hat das Recht, einzigartig zu sein.“ Oder Artikel 31, der lautet: „Jeder Mensch darf frei sein.“

Uzupis hat auch Botschafter, nicht nur für bestimmte Länder, sondern auch für Themen. So gibt es die „Botschafterin der Pusteblume“ oder den für das „Flötenspielen auf der Straße“. Ein Botschafter ist sogar der Dalai Lama. Der Grund dafür liegt in Artikel 16 der Verfassung von Uzupis. Der heißt genau gleich wie eine buddhistische Regel: „Jeder hat das Recht, glücklich zu sein.“

Für mich ist Uzupis ein symbolischer Ort für alles, nach dem sich die Menschen sehnen: etwa frei und glücklich zu sein oder im Einklang mit der Natur zu leben. Geheilt zu sein - nicht nur von Krankheiten, sondern von allem, was schmerzt: von Verfolgung oder davon, seine Meinung nicht frei äußern zu können. Friedlich zusammenleben im Kleinen wie im Großen: in Familien, mit den Nachbarn, unter Völkern, und am besten dauerhaft. Oder sich frei entfalten zu können - ohne sich behaupten oder erklären zu müssen und ohne nach der Meinung anderer schielen zu müssen.

Für viele bleiben diese Sehnsüchte unerreichbare Träume. Aber in Uzupis – da fangen sie an, den Traum wirklich werden zu lassen. Bestimmt gibt es auch dort Leute, die sich streiten oder neidisch sind. Es gibt Kranke und Gesunde, Arme und Reiche – wie überall. Aber trotz allem ist es ein Ort, an dem Menschen versuchen, an ihren Träumen zu basteln – das bewundere ich.

Morgen ist in Uzupis großer Feiertag. Jedes Jahr am 1. April gibt es Umzüge, es wird gewählt, und vor fast 20 Jahren wurde auf dem großen Platz auch das neue Symbol der Republik enthüllt: ein goldener Engel mit Trompete, der wie ein Herold die Freiheit verkündet, und dass es sich lohnt dafür zu kämpfen und davon zu träumen.

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30MRZ2021
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Im südschwedischen Helsingborg gibt es jetzt ein ganz besonderes Museum, das „Museum des Scheiterns“. Hier geht es weder um Rekorde noch um besonders gelungene Werke – es geht gerade ums Gegenteil: Hier werden Produkte ausgestellt, die gefloppt sind, die zwar mal auf den Markt kamen, aber sehr bald wieder aus den Regalen verschwunden sind, weil kein Mensch sie haben wollte. Zum Beispiel grünes Tomaten-Ketchup. Oder ein säuerliches Parfüm der Motorradmarke „Harley Davidson“. Auch ein Donald Trump Brettspiel ist dabei.

Das Museum des Scheiterns beschränkt sich nicht nur auf Exponate. Sobald es wieder erlaubt ist sollen dort auch Events stattfinden. Gäste dürfen ein misslungenes Gourmet-Menü probieren oder ein Konzert mit Fehlern anhören.

Der Macher des Museums heißt Samuel West. Er sagt: „80 bis 90 Prozent aller Erfindungen scheitern. Aber die Unternehmen kehren das gerne unter den Teppich.“ Das kann ich verstehen. Man bekleckert sich schließlich nicht mit Ruhm, wenn etwas schief geht.

Das kenne ich von mir. Es ist nicht angenehm, wenn was nicht klappt. Und noch unangenehmer ist es, das auch noch zuzugeben: Ich prahle mit meinem Orientierungssinn und schon biege ich falsch ab. Oder wie oft vergesse ich in E-Mails, die versprochene Datei anzuhängen. Oder ich pampe meine Kinder an, obwohl ich nur etwas falsch verstanden habe.

Fehler kratzen am Image. Und werden die Fehler größer, dann ist schnell von Scheitern die Rede. Scheitern kann sich auf das ganze Leben auswirken: Wenn der Traumberuf ein Traum bleibt, weil die Anforderungen zu hoch waren. Wenn Beziehungen zerbrechen und Familien daran kaputt gehen. Oder wenn eine Geldanlage den Bach runter geht, und ich plötzlich ohne Sicherheit dastehe.

Aber trotz allem: Fehler machen und Scheitern - das ist auch eine Seite des Lebens. Und warum nur die Schokoladenseite zeigen? Samuel West, der Chef vom Museum des Scheiterns, sagt: „Ich hatte genug von all den Erfolgsgeschichten. Es ist wichtig, Scheitern zu akzeptieren. Daraus kann ich so viel lernen.“

Es täte doch gut, wenn Fehler wieder als etwas Normales angesehen werden, wenn sie wieder salonfähiger würden. Wenn ich sie ganz unverkrampft anschaue, dann kann ich auch besser aus ihnen lernen. Ich kann ganz ohne Groll überlegen, was da eigentlich schief gelaufen ist, und was ich das nächste Mal anders machen könnte. Vielleicht trägt das Museum des Scheiterns ja dazu bei. Denn hier wird Scheitern nicht versteckt, sondern ausgestellt und präsentiert - mit Vitrine und Lichtspot.

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29MRZ2021
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Es gibt eine wahnsinnig anstrengende Turnübung an den Ringen. Da braucht man einfach nur Kraft, selbst mit der richtigen Technik. Die Übung heißt „Kreuzhang“ oder „Kreuzstütz“. Ein Trainer hat mal darüber gesagt: „Man könnte angesichts des Schweregrads fast katholisch werden, aber keine Angst: sie ist auch für Atheisten geeignet.“

Die Übung geht so: Man stützt sich mit den Armen auf die frei baumelnden Ringe – schon das ist nur was für Spezialisten. Dann spreizt man die Arme seitlich ab und lässt sich langsam sinken bis die Arme rechtwinklig nach außen stehen und man dahängt wie Jesus am Kreuz. Deshalb auch der Name „Kreuzhang“.

Als Seelsorger bin ich oft bei Menschen, die gerade wie im „Kreuzhang“ dahängen. Menschen, die unheimlich viel Kraft brauchen, um weiterleben zu können: Leute, die trauern oder krank sind. Leute in schwierigen Situationen, weil es hapert in der Beziehung, weil es Streit in der Familie gibt, oder weil das Geld nicht reicht. Von denen höre ich immer wieder den Satz: „Es ist alles so anstrengend - ich bin froh, dass ich meinen Glauben habe.“

Was kann der Glaube in schwierigen Zeiten ausrichten? Einige schätzen daran die Gemeinschaft, mit der sie verbunden sind. Selbst wenn man sich nicht persönlich treffen kann - für viele reicht die Gewissheit aus, dass es viele, viele andere gibt, die das gleiche glauben, und die auch füreinander einstehen und beten.

Für andere ist die Hoffnung ganz wichtig, dass es nach dem Tod noch etwas gibt, dass es weitergeht. Und dass dieses dann auch etwas mit dem Leben hier und jetzt zu tun haben wird. Ich hoffe zum Beispiel, dass ich liebe Menschen wiedersehen werde, dass ich nicht ganz neu von vorn anfangen muss, sondern dass sich alles zum Guten wenden wird, was hier anstrengend oder an die Wand gefahren war.

Es gibt den Spruch „Glauben versetzt Berge“, und er stammt sogar aus dem Neuen Testament. Ich verstehe ihn nicht so, dass ich alles schaffen kann, wenn ich nur genug dran glaube – einen Streit beilegen, eine Krankheit besiegen oder eine schwierige Turnübung wie den „Kreuzhang“. Aber „Glauben versetzt Berge“ könnte heißen: wenn ich mit den konventionellen Mitteln am Ende bin, dann kann der Glaube neue Kraft geben und vielleicht weiterhelfen.

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