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SWR2 Wort zum Tag

06MRZ2021
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Papst Franziskus hat ein Jubiläumsjahr zu Ehren des Heiligen Josephs ausgerufen. Alle Welt soll sich in diesem Jahr an Joseph erinnern, der das christliche Ideal eines guten Vaters verkörpert. Maria ist er ein treuer Ehemann, er sorgt sich um das Wohl seiner Familie. Früher konnte ich mit diesem heiligen Joseph nicht viel anfangen. Denn er hat auf mich immer sehr brav und bieder gewirkt.

Seit ich Kinder habe, denke ich viel darüber nach, wie ich ein guter Vater sein kann. Den heiligen Joseph habe ich auf einmal besser verstanden. Ich habe bei ihm eine einfache Wahrheit entdeckt: Als Vater muss ich mich zurücknehmen können. Ich suche nicht ständig meinen eigenen Vorteil, meinen eigenen Spaß. Stattdessen Windeln wechseln, kochen und Schulaufgaben nachsehen.

Doch auf Dauer ist das auch kein Rezept für einen guten Vater: Wenn ich ständig auf meine eigenen Wünsche verzichte, bin ich irgendwann nur noch genervt. Dazu ist das Leben zu vielseitig. Da braucht es auch Zeit für Gespräche mit meiner Frau, Zeit für mich oder für Sport. Nur so kann ich Kraft sammeln, um ein fröhlicher Vater zu sein.

Es ist nicht so einfach, das alles unter einen Hut zu bekommen. Meinen Tagen scheinen oft ein paar Stunden zu fehlen. Zum Glück habe ich festgestellt, dass sich die verschiedenen Wünsche manchmal auch verbinden lassen. Ich kann zum Beispiel auch mit meinen Kindern eine Fahrradtour unternehmen – so komme ich zu meinem Sport. Ich kann mit meiner Frau Arbeit und Beruf gut absprechen, so dass es nicht jeden Tag neu verhandelt werden muss.

Ich weiß nicht, wie es damals dem heiligen Joseph ging. Hoffentlich hat er nicht nur für andere verzichtet, sondern hatte auch Zeit für sich und seine Freunde. Mein Wunsch, ein guter Vater zu sein, ist die schwerste und schönste Aufgabe meines Lebens. Da lerne ich jeden Tag dazu. Und wenn ich mal wieder mit meinen Nerven am Ende bin, dann seufze ich und sage: „Guter Gott, ich habe getan, was ich konnte. Bitte bleibe bei uns, so dass meine Kinder wachsen und fröhlich sind. Segne meine Familie und alle Eltern und Kinder dieser Welt.“

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05MRZ2021
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Dieses Land ist so klein, dass ich seinen Namen noch nie gehört habe. Das Land heißt Vanuatu. Vanuatu besteht aus 83 Inseln im Pazifischen Ozean. Irgendwo zwischen Australien und Neuseeland.

Heute schauen viele Menschen auf dieses kleine Land. Denn heute feiern Christinnen in über 100 Ländern den Weltgebetstag der Frauen. Immer am ersten Freitag im März treffen sich Frauen und beten für den Frieden und die Schöpfung. Dabei steht jedes Jahr ein anderes Land im Mittelpunkt: Wie leben die Frauen dort? Womit haben sie zu kämpfen? Wie feiern sie ihren Glauben?

In Vanuatu geht es den Frauen auf den ersten Blick gut. Schließlich leben sie in einem Südseeparadies, mit Palmen und langen Sandstränden. Doch dieses Paradies ist in Gefahr. Im letzten Jahr hat ein Wirbelsturm viel zerstört. Und die Menschen wissen, was der Klimawandel bedeutet: Wenn der Meeresspiegel steigt, werden viele ihre Dörfer verlassen müssen.

In ihrem Alltag beschäftigt Frauen in Vanuatu oft auch das Thema Bildung und Beruf. Etwa Rhetoh, eine Frau Anfang 50. Die Schule musste sie ohne Schulabschluss verlassen. Ihre Familie konnte das Schulgeld nicht mehr zahlen. Dabei wollte sie so gern weiter lernen, um für ihre Familie sorgen. In ihrer Kirchengemeinde hat Rhetoh sich dann doch noch weiterbilden können. Sie hat einen Nähkurs besucht. Heute verkauft sie auf dem Markt stolz ihre Stoffe und Kleider.

Bildung bleibt für junge Frauen auf Vanuatu wichtig. Viele Schulen sind weit von den Dörfern entfernt. Deswegen bleiben die Mädchen häufig im Haushalt und nur die Jungen gehen zur Schule. So haben es die Frauen später schwer, wenn sie sich nach einer guten Arbeitsstelle umschauen.

Der Weltgebetstag gibt diesen Frauen ein Gesicht und eine Stimme. Sie leben am anderen Ende der Welt, doch ich erfahre etwas über ihr Leben, ihren Mut und ihren Glauben. In Vanuatu sagen viele: Long God yumi stanap. Das heißt: Mit Gott bestehen wir! Und die Frauen von Vanuatu freuen sich, dass sich viele mit ihnen verbunden fühlen. In Gedanken bekommen sie heute viel Besuch. Auf einer der vielen kleinen Inseln weit draußen im Pazifischen Ozean.

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04MRZ2021
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Drei Kennzeichen für eine gute Partnerschaft: Die beiden Partner interessieren sich füreinander. Sie vertrauen sich und halten in schwierigen Zeiten zusammen.

Was für die Partnerschaft von zwei Menschen gilt, gilt auch für andere Partnerschaften. Zum Beispiel für die langjährige Partnerschaft der Erzdiözese Freiburg mit Peru. Vor rund 40 Jahren hatten Christinnen und Christen eine Idee: Sie haben Kontakt mit Menschen in weit entfernten Ländern aufgenommen. Sie haben sich besucht, sich von ihrem Glauben erzählt und sind Freunde geworden. Daraus sind viele einzelne Peru-Partnerschaften entstanden. Heute engagieren sich für die Peru-Partnerschaft 140 Gemeinden und Verbände vom Bodensee bis nach Heidelberg.

Aber können Menschen aus zwei so verschiedenen Ländern miteinander befreundet sein? Einfach ist so eine Fernbeziehung nicht. Doch mich beeindruckt die Idee dahinter: Die Globalisierung betrifft mich jeden Tag. Ich kaufe Bananen aus Brasilien, mein Fernseher kommt aus Südkorea. Doch die Menschen hinter diesen Produkten bleiben anonym. Erst wenn ich mich für die Menschen aus der Ferne interessiere, bekommen sie ein Gesicht und ich erfahre etwas über Ihre Geschichte.  

Peru zum Beispiel ist ein faszinierendes Land: Mit einer alten Kultur und vielen jungen Menschen, die etwas aufbauen wollen.  

Peru ist eigentlich ein Land im Aufbruch, doch mit der Coronakrise bricht die Wirtschaft ein, viele Träume werden ausgebremst. Gerade jetzt zeigt sich wie stark die Partnerschaft ist. In den letzten Monaten ging es in Peru oft um Leben und Tod, weil Geld für Medikamente, Sauerstoff oder Essen fehlt. Die Erzdiözese Freiburg hilft als Partner schnell und einfach. Und so treffen sich Verantwortliche aus Freiburg und Peru in Videokonferenzen und organisieren Hilfe.

Das ist eine schöne Seite der Globalisierung: dass es ein weltweites Netz an Partnerschaften und Freundschaften gibt. Nicht nur mit Peru: Meine Nachbarin engagiert sich etwa für die Partnerschaft mit der Ukraine und meine Arbeitskollegin sammelt für Menschen in Kroatien.

Eine Partnerschaft zu führen ist nie einfach. Die Peru-Partnerschaft hat trotzdem gehalten. Weil sich die Partner für den anderen interessieren. Weil sie sich vertrauen und in dieser schweren Zeit zusammenhalten. So viele Menschen engagieren sich für diese und andere Partnerschaften! Daraus kann in Zukunft noch viel Gutes entstehen.

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03MRZ2021
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Die Idee hinter der Fastenzeit lässt sich mit einem Wort zusammenfasse: Metanoia. Dieses alte griechische Wort haben kluge Menschen schon in der Antike auf zwei Weisen übersetzt: Metanoia kann heißen, dass ich zu Gott umkehre. Ich faste, um mich auf Ostern vorzubereiten. Oder ich übersetze es eher wörtlich: Dann steht es dafür, neu und anders zu denken.

Ich will die Fastenzeit dieses Jahr für die zweite Variante nutzen: Ich will meine Sicht auf bestimmte Dinge ändern und im Kopf umparken. Es hilft nicht, wenn ich zuhause sitze und mich über die Corona-Beschränkungen ärgere. Ob ich will oder nicht, ich lebe in der Corona-Zeit anders als sonst. Und dabei geht es mir noch gut: Für andere steht die wirtschaftliche Existenz auf dem Spiel.

Die Metanoia in meinem Kopf könnte so aussehen: Kontaktbeschränkung und Maskenpflicht sind das Eine. Meine Gedanken sollen nicht nur den ganzen Tag darum kreisen. Ich werde im Denken freier, wenn ich mich stattdessen auf andere Dinge konzentriere. Am besten auf die Dinge, die mir freistehen. Zum Beispiel bleibt endlich genug Zeit, um einen Roman in Ruhe durchzulesen. Und meine Frau unternimmt mit mir lange Spaziergänge. Die Welt fühlt sich kleiner an als sonst. Aber ich entdecke in dieser kleinen Welt auch viele Dinge, die sonst übersehe.

Früher hat mein Terminkalender immer genau gewusst, was ich in den nächsten Monaten zu tun habe. Jetzt steht dort überall ein Fragezeichen: Vielleicht fahre ich im Juni nach München, vielleicht auch nicht. Dass ich das heut noch nicht weiß, strapaziert meine Nerven nicht mehr. Ich lebe jetzt und hier. Was morgen möglich ist, weiß keiner. So lehrt mich die Coronazeit gelassener zu sein und achtsamer für den Augenblick.

Das sind für mich Beispiele für eine Metanoia. Ich nehme mein Leben anders wahr, ich ändere meinen Blick auf die Dinge. Meine Tage gestalte ich bewusster, weil ich die Zukunft nicht planen kann. Es geht nicht darum, mir diese Krise schönzureden. Ich weiß, dass Corona weiterhin gefährlich bleibt und viele Menschen daran sterben. Und doch kann diese Fastenzeit eine Zeit sein, in der ich nicht lange grüble, was alles anders sein sollte. Ich schaue, was ich trotzdem unternehmen kann. So übe ich mich darin, neu und anders zu denken.

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02MRZ2021
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„Der Glaube schützt die Vernunft, da er fragende und forschende Menschen braucht. [...] Er zerstört die Vernunft nicht, sondern bewahrt sie und bleibt sich dadurch selbst treu.” So sagte einst Papst Benedikt XVI., als er sein Lehrschreiben „Fides et Ratio“ vorstellte. Ihn beschäftigte zeitlebens die Frage, wie vernünftige Menschen glauben können und wie gläubige Menschen vernünftig sein können.

Letzteres treibt mich in diesen Tagen immer wieder um, wenn es um den Kampf gegen das Coronavirus geht und um Impfungen und Masken und andere Gegenmaßnahmen. Immer wieder stelle ich fest, dass religiöse Menschen mitunter eher Teil des Problems sind, als Teil der Lösung. Immer wieder gibt es Nachrichten von religiösen Gruppierungen, die sich bei Gottesdiensten nicht um Abstand und die Gefahr, sich anzustecken kümmern. Sie gehen davon aus, dass die Kraft des Heiligen Geistes bestimmt, ob jemand krank wird und nicht das Verhalten von Menschen. Oder ich begegne Anhängern esoterischer Religion, die ebenfalls glauben, dass es nicht an konkreten Maßnahmen liegt, ob wir uns mit einem Virus anstecken. Für sie gibt es vielmehr mystische Vorstellungen, wie Immunsysteme durch verschiedene Energien gestärkt werden – dadurch kommt man weit weg von dem, was Virologen und andere Wissenschaftler erforschen. Im Judentum sind es ultraorthodoxe Gläubige, die sich komplett gegen Corona-Hygienemaßnahmen stellen und in der katholischen Kirche glauben ein paar ultra-konservative Kardinäle, die Corona-Pandemie solle genutzt werden, um eine Weltregierung zu schaffen, die sich angeblich „jeder Kontrolle entzieht".

Ich bin überzeugt davon: Ohne einen Bezug zur Vernunft, wird Glaube und Religion zum Fundamentalismus. In einer schwarz-weiß gezeichneten, vereinfachten Welt, in einer eigenen Realität, die sich nicht um Wissenschaft schert, gedeiht kein Glaube, der rational verantwortet werden kann.

Und ein weiterer Punkt, der mir momentan in der Impf-Diskussion wichtig ist: Es kann und darf bei religiösen Gefühlen und Überzeugungen nicht darum gehen, sich im eigenen Glauben von der Welt abzuschotten. Eine gläubige Haltung ist nur dann für Menschen dienlich, wenn sie auch eine solidarische Haltung ist. Sonst werden Glaube und Religion egoistisch und rein ideologisch. Wenn religiöse Menschen darüber nachdenken, was der Gemeinschaft helfen kann die Pandemie zu überwinden, können sie eine andere Haltung zu Corona-Impfungen entwickeln, als wenn Sie nur auf dem beharren, wovon sie selbst so fest überzeugt sind.

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01MRZ2021
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„Und muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, / ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, / dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.“ Das sind Worte aus dem berühmten Psalm 23 – Durchhalteparolen aus der Bibel sozusagen.

Ich habe gerade Durchhalteparolen nötig, denn ich kann nicht mehr. Ich gehe, was den Lockdown betrifft, wirklich auf dem Zahnfleisch. Wie soll man das nur aushalten so lange und ohne zu wissen, wie lange es noch so weitergeht? So vieles fehlt mir vom „normalen“ Leben und Zusammenleben und dabei bin ich mit meiner Arbeit noch gesegnet, weil ich Sie weitgehend normal weitermachen kann. Ich habe nur eine vage Vorstellung, wie es sein muss als Selbständiger, Kneipenwirt, Künstler … Und die ganzen Probleme der Schülerinnen und Schüler, die so lange ohne die sozialen Kontakte ihrer Klasse sein müssen … Meine Tochter ist Erstsemester an der Uni und hockt seit Monaten in der Bude, alleine mit ihrem Computer. Sie leidet sehr darunter und mit ihr unzählige andere Studienanfänger und Studentinnen.

„Und muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, / ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir“ An dieser Stelle kann sich der Glaube derjenigen bewähren, die ihn haben. Glaube, Bibel, Kirche, wann soll sich das als beständig und hilfreich erweisen, wenn nicht in einer solchen Situation? „Resilienz“, so heißt das Schlagwort, was die Psychologen benutzen, um zu beschreiben, dass Menschen fähig sind, durch Krisen heil hindurchzukommen und dem Verzweifeln zu widerstehen. Und viele Studien haben gezeigt, dass es gläubigen Menschen leichter fällt, auf eine gute Zukunft zu vertrauen. Glaube, Vertrauen und Hoffnung sind sogenannten „Ressourcen“. Dann hätte Glaube also doch einen ganz praktischen und leicht verständlichen Sinn in einer Zeit, in der psychische Probleme überhandnehmen und Psychiater und Therapeuten sich vor einem riesigen Berg voller Aufgaben sehen. Hier sehe ich den Auftrag der Kirche in dieser Krise: Menschen stark und widerstandsfähig zu machen – das Gegenteil von abhängig und klein.

Der ZDF-Chefredakteur Peter Frey hat kürzlich kritisiert, dass die Kirche deshalb wenig Halt in der Corona-Krise bieten könne, weil sie sich selbst in einer Zeit größter Verunsicherung befinde, vor allem angesichts des Umgangs mit Missbrauchsfällen und hoher Kirchenaustrittszahlen. Da hat er sicher Recht, aber es ist dennoch lohnenswert, andere durch den Glauben stark zu machen und ihnen von dem Gott zu erzählen, der stützt und Mut gibt. Diese Botschaft hat einen wertvollen Platz im Leben vieler Menschen.

„Dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.“ Ich kann mir momentan wenig vorstellen, was ich mehr brauchen würde als Glaube und Halt. Ich brauche die Hoffnung auf ein besseres morgen, in dem wir das Leben wieder gemeinsam feiern können, einander begegnen können ohne Angst vor Ansteckung und vor zu viel Nähe.

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