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SWR2 Wort zum Tag

07NOV2020
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Verblassende Farben – und fallende Blätter. Gerüche – die mich – wie in keiner anderen Jahreszeit daran erinnern: Mein Leben - wie das aller Lebewesen - ist vergänglich.
Was bleibt – was überdauert? In einem Gebet – in Psalm 90 – heißt es:

HERR, DU bist unsere Zuflucht für und für.
Ehe die Berge wurden – und die Erde und die Welt erschaffen wurden,
bist du Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. (Ps 90,2)

Gott wird hier angeredet als Ort der Zuflucht. Und zwar genau darum: Weil ER über Generationen hinweg da ist und nicht vergeht, von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Merkwürdig: Das Wort Ewigkeit steht doch in aller Regel für eine unendliche Zeit.
Jugendliche irritiert der Ausdruck „von Ewigkeit zu Ewigkeit“, wenn wir den Psalm beten:„Kann das sein? Gibt es etwa mehre Ewigkeiten?“

Man sagt ja schon manchmal: „Das habe ich schon Ewigkeiten nicht mehr gehört.“
Oder: „Die habe ich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen.“

Was steckt dahinter, wenn von mehreren Ewigkeiten die Rede ist? In Martin Bubers Übersetzung von diesem Psalm wird es verständlicher:
»von Zeiten bis in Zeiten – Gottheit bist du«. So übersetzt Martin Buber.

Und so steht es wörtlich in der Bibel. Gott überdauert die Zeiten und Epochen. Das ist mit »von Ewigkeit zu Ewigkeit« gemeint. Ich habe das Gefühl in einer Zeitenwende zu leben. Ob das wirklich so ist - hier geht eine Zeit zu Ende und eine Neue beginnt -das wird man erst viel später sagen können.

Beginnt mit der Corona-Pandemie wirklich eine neue Epoche? Mit der fortschreitenden Digitalisierung? Mit dem rasanten Klimawandel? Mit dem Sich-Verschieben von großen Machtzentren: wie einst von Rom nach Konstantinopel – heute etwa von Washington nach Peking?

Schwer zu sagen! Ich weiß nur: Ich lebe in einer Zeit, die ich nicht überdauere. Und da ist das meine Hoffnung und mein Trost – für Jetzt und für die Zukunft:
Gott – der Lebenszugewandte – ist in allen Zeiten dabei –  der seine Schöpfung liebt und nicht im Stich lässt und einst von aller Qual befreien wird.

Christen hat das zu allen Zeiten Gelassenheit und Kraft gegeben, nicht zu resignieren – ganz gleich wer Kaiser, König oder Präsident war und wird.

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06NOV2020
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Was gäbe ich nicht alles dafür, wenn Bäume im Wald nicht länger verdorren müssten – wenn Kälte und Schnee im Winter den Boden gut für die nächste Vegetationsperiode vorbereiten würden!  Klimaschutz – heißt es immer wieder –  ist  d i e Jahrhundertaufgabe der Menschheit.

Seit Beginn der Industrialisierung ist 1 Grad Temperaturanstieg gemessen worden. Der CO2-Ausstoß heizt diese Entwicklung an. Ein weiterer Temperasturanstieg in unserem Jahrhundert um mehr als zwei Grad wäre verheerend für die menschliche Zivilisation. Neue Technologien sollen den Anstieg stoppen: Solarenergie und Biogas – Elektro- und Wasserstoffantriebe. Die Forschung ist enorm innovativ.

Ich bin mir wohl bewusst:
Es gab zu Zeiten der Bibel keine Vorstellung einer von Menschen gemachten Klimakatastrophe. Und schon gar keine Vorstellung davon, wie man mit neuen Techniken, eine solch verheerende Entwicklung stoppen kann.

Doch es gab einen lebenswichtigen Hinweis – für einen Weg in eine friedvolle Welt.
Es ist die erste öffentliche Botschaft, die von Jesus in der Bibel überliefert wird:

„Tut Buße und glaubt an das Evangelium! (Mk 1,15)
„Tut Buße!“ Auf Griechisch steht da im Neuen Testament das Wort: »Metanoiete!«
Und das heißt soviel wie: Erneuert und verändert eure Sinne, eure Einstellungen, euer Bewusstsein, also euer Denken und eure Empfindungen, eure Wünsche und eure Bedürfnisse. Da geht es um Grundlegendes. Um mehr als eine flankierende Maßnahme.

Auf den Klimaschutz bezogen heißt das für mich:
Es braucht nicht nur die Vernunft der Techniker und neue Technologien.
Es braucht eine neue Vernunft des Herzens.

Dafür, so denke ich, braucht es auch Pädagogen und Künstler und Therapeuten. Und v.a. jeden Einzelnen, der und die in ihrem Herzen etwas bewegen und ändern will, Menschen, denen es nicht egal ist, wie Kühe und Schweine gehalten werden, Menschen, die ein Gespür dafür haben, was für eine Öde das ist, wenn es auf den Wiesen und Feldern nicht mehr summt und brummt, Menschen, die darum bereit sind, sich anders zu ernähren und fortzubewegen.

Der Generalsekretär der Weltorganisation für Meteorologie - Petteri Taalas – hat erklärt: „Wir sind die erste Generation, die den Klimawandel vollauf versteht, und die letzte Generation, die in der Lage ist, etwas dagegen zu tun.“

Jesu Wort kann dafür ein Ausgangspunkt sein:
Tut Buße – verändert eure Einstellungen! Ohne das wird es wohl nicht gelingen.

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05NOV2020
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Jesus hat einmal gesagt: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ (Mt 18,3)

Wieder werden wie ein Kind? Das hört sich für viele Erwachsene durchaus verlockend an:„Wie schön wär das! Noch einmal so leben. Ohne verplante Zeit. Leben ohne Pflichten und Termine. Wie leicht, wie unbeschwert.“

Wer sich als Erwachsener auf Kinder einlässt – als Eltern, als Tanten oder Onkels, als Oma und Opa – merkt schnell: Das Zurück in die Kindheit ist gar nicht so leicht: Spielen mit den Kleinen – den Dreijährigen ein Drei- oder Vierjähriger sein.

Auf dem Boden rutschen. In ihre Phantasie schlüpfen. Mit-Spielen. Mit-Fühlen. Mit-Freuen und ihre Furcht und Angst teilen – dazu braucht es richtig Energie.
Den Kindern ein Kind werden – sich auf Zeit in ihre Welt hineinversetzen, das ist alles andere als kinderleicht. Mich strengt das richtig an.

Ein Freund aus der IT-Branche erzählte mir unlängst von einem Gespräch mit seinem Arbeitskollegen. Der musste sich – weil seine Frau verhindert war, um Kinder und Küche kümmern – und klagte heftig über Stress. Mein Freund sagte zu ihm: „Jetzt merkst Du, Deine Frau hat über Jahre den härteren Job als Du!“ Mein Freund wusste, wovon er sprach. Er war selber über viele Jahre Hausmann.

Wenn ich am Kindergarten oder an einer Grundschule vorbeikomme, ziehe ich den Hut vor allen, die den Kindern immer wieder auf Zeit ein Kind werden, ihnen Gelegenheit geben, sich als Kind kindgemäß zu entwickeln.

Ich kenne eine junge Frau, die diesen Beruf gerade erlernt und sagt: „Das ist mein Ding – das ist voll die wichtige Arbeit!“ Ich finde, diese Arbeit verdient Anerkennung, die sich auch im Gehalt niederschlagen sollte. Werden wie ein Kind ist für Erwachsene alles andere als einfach.

Es ist dazu ein Schritt der Umkehr nötig – des sich innerlich Umwandelns, wie Jesus sich ausgedrückt hat: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ (Mt 18,3)

Das ist eine Übung, die nicht nur in Kindergärten und Schulen angesagt ist. Wo ich nicht groß raus kommen will – nicht andere herabsetze oder niederkonkurriere – egal ob im Beruf oder in der Familie – da öffnet sich der Weg zu einem friedvollen Miteinander. Durchaus anstrengend – doch lohnend. Ein Stück Himmel auf Erden.

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04NOV2020
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Für uns Europäer wirkt es merkwürdig. Aber die US-Amerikaner wählen ihren Präsidenten an einem Dienstag. Seit dem Jahr 1845 ist das so. Die Wahl findet am Dienstag nach dem ersten Montag im November statt.

Dafür gibt es einen Grund: im November hatten die Farmer ihre Ernte  eingeholt. Der Sonntag war für den Gottesdienst bestimmt. Der Montag wurde zur Anreise zu den Wahlorten genutzt. Am Dienstag schließlich: die Wahl.

Eigentlich eine gute Abfolge, finde ich, es bleibt einem Zeit, sich Gedanken zu machen. Über die Frage, wer und was zur Wahl steht. Und welche Person das am besten verkörpert.

Mir fällt dazu eine Geschichte aus der Bibel ein. Sie hat mit einer politischen Wahl im heutigen Sinn nichts zu tun. Aber es geht auch da um eine Wahl.

Jesus ist in einem Haus zu Gast, in das ihn zwei Schwestern eingeladen haben. Maria und Martha. Beide sind rührend bemüht, es dem hochgeschätzten Gast so angenehm wie möglich zu machen.

Martha ist die aktive. Sie rotiert, um aufzubieten, was Küche und Keller bieten. Maria bringt ihre Wertschätzung gegenüber dem Gast auf andere Weise zum Ausdruck. Sie setzt sich zu seinen Füßen und lauscht seinen Worten. Sie hört auf das, was der Gast zu sagen hat.

Was ist wichtiger? Erstaunlicherweise sagt Jesus am Ende der Geschichte „Maria hat das gute Teil erwählt.“ Kein Grund also, Maria für ihr vermeintliche Passivität zu kritisieren. Im Gegenteil. Es gibt Situationen, wo das Hinhören und Hinschauen wichtiger ist als das Tun und Machen.

Und was hat diese Geschichte mit einer Wahl zu tun? Mir macht sie deutlich, was die Voraussetzungen sind, um eine gute Wahl zu treffen. Genau hinhören, genau hinschauen! Um so Klarheit zu gewinnen für eine vernünftige Entscheidung.

Zu beobachten war ja in den letzten Wochen etwas Anderes: wie die Nervosität größer wurde, die Hektik, die üble Nachrede. Auch die Polarisierung zwischen den Einen hier und den Anderen dort.

Die Geschichte von Maria und Martha dagegen macht mir deutlich, worum es geht. Nicht nur bei Wahlen. Sie legt die Voraussetzungen offen für vernünftige Entscheidungen und eine gute Politik.

Mir leuchtet ein, warum der Wahlgang mit einem Gottesdienst beginnt. Damit ich mich besinnen kann auf das, worauf es ankommt. Besonnenheit, Klugheit und den Willen, Brücken zu bauen.
Das gilt vor der Wahl, aber ebenso sehr jetzt nach der Wahl!

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03NOV2020
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„Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.“ Blaise Pascal hat das gesagt, ein französischer Physiker, Mathematiker und Philosoph.

Zugegeben, das ist ein zugespitzter Satz! Zumal, wenn man bedenkt, dass Pascal im 17. Jahrhundert gelebt hat. Da hielt sich die Mobilität der Menschen noch sehr in Grenzen. Und einen Tourismus, wie wir ihn heute haben, gab es auch nicht.

Trotzdem finde ich seinen Satz auch heute bedenkenswert. Denn richtig ist ja, dass Menschen zu allen Zeiten Unruhe in sich getragen haben. Vielleicht ist sie Teil unseres nomadischen Erbes, als wir immer auf der Suche sein mussten nach Nahrung und neuen Jagdgründen.

Heutzutage erlebe ich die verbreitete Unruhe eher als etwas Anderes: als Ausdruck der Angst, ich könnte etwas verpassen oder versäumen.

Wenn es aber etwas aus der Coronakrise zu lernen gibt, dann ist es auch dieses: dass wir gerade im Blick auf unseren überdrehten Bewegungsdrang und Bewegungsdruck die Maße neu justieren müssen.  

Wir werden uns fragen, welche Reise oder welche Tour muss ich nicht machen, damit mir Gelegenheit bleibt, den Reiz der Nähe zu entdecken? Was muss ich alles nicht erreichen oder gesehen haben, damit die Freude an den Dingen steigt, die ich um mich habe? Was ist verzichtbar, weil es nur eine Folge – vielleicht schlechter - Gewohnheit ist?

Gewiss, der Mensch wird ein unruhiges Wesen bleiben. Seit biblischen Zeiten ist das so, wo dem Kain gesagt ist: „Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.“

Wie wäre es aber, wenn wir die Chance ergreifen würden, unser Leben neu zu justieren? Auf Maße, die unsere materiellen wie seelischen Ressourcen schonen. Das geht besser, wenn ich weiß, zu welchem Ziel ich unterwegs bin. Wenn ich bedenke, was ich – unterwegs mit leichterem Gepäck - alles sein und bleiben lassen kann.

Der Kirchenvater Augustin hat im 5. Jahrhundert geschrieben: „Unruhig ist meine Seele bis sie ruht in dir“. Das ist eine Ruhe, die zu erreichen nicht in meiner Hand und innerhalb meiner Möglichkeiten liegt.

Aber ich kann mich darauf zu bewegen. Gelassenen Schrittes. Mit ruhigem Atem. Aufmerksam auf das, was am Rande des Weges liegt. Und was ich in der Eile leicht übersehen würde.

Ich bin sicher, wenn ich das Nahe nicht geringer schätze als die Weite, gewinne ich an Ruhe, Gelassenheit und Lebensglück.

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02NOV2020
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Von allen Risikogruppen, von denen in letzter Zeit immer wieder die Rede ist, ist eine mit Abstand die größte: die Risikogruppe Mensch. Weil Menschen sterblich sind. Aus dem Risiko der eigenen Sterblichkeit kann jederzeit eine Tatsache werden. Denn der Tod ist jedem von uns mit in die Wiege gelegt.

In einem Interview, das der Regisseur Frank Castorf in diesem Sommer gegeben hat, hat er dem Theater die Aufgabe zugewiesen, daran zu erinnern, dass wir den Tod nicht abschaffen können. Aber „das Problem ist“, sagte er, „dass wir in einer Welt leben, die glaubt, dass sie unsterblich sei. Die Unsterblichkeit ist unsere praktizierte Religion.“

Das ist ein wahrer, aber, wie ich finde, auch ein ergänzungsbedürftiger Satz! Denn für die Erinnerungsarbeit gibt es ja nicht nur das Theater.

Älter noch ist das „Memento mori“ der jüdischen und christlichen Religion. „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen“, heißt es in Psalm 90, „auf dass wir klug werden“.

Darum sind Gedenktage wie das gestrige Allerheiligenfest oder der heutige Allerseelentag wichtig. Sie erinnern daran: uns ist gemeinsam, dass wir zur Risikogruppe Mensch gehören. Dass wir Lebewesen sind, die früh oder später das Zeitliche segnen werden, wie es in einem schönen Bild heißt.

Klugheit also gehört dazu, will ich mich der „praktizierten Religion der Unsterblichkeit“ entziehen. Und stattdessen realistisch meine eigene Zukunft ins Auge fassen. Gelassen und gefasst.

Am besten geht das, glaube ich, wenn wir unsere Toten nicht aus den Augen verlieren. Die, die den Weg schon gegangen sind, den wir noch vor uns haben.

Manche von ihnen können darin unsere Lehrmeister sein, wie mit dem Risiko zu leben ist, dass der Tod irgendwann anklopfen wird. Mit der Unsicherheit, dass ich das Wann und Wie nicht weiß.

Biblischer Weisheit war immer schon der Gedanke wichtig, dass ich vorbereitet sein soll. So wie auf einen Gast, der irgendwann eintreffen wird. Das ist der Sinn dieses „Denke daran, auf dass du klug werdest“. Nicht um mir das Leben zu vermiesen. Sondern damit ich es in all seiner Buntheit und in allen seinen Facetten schätzen lerne.

Dabei hilft mir, an die zu denken, die mir vorausgegangen sind. Ja, es ist für mich ein Stück Lebenskunst, mit den Träumen und Hoffnungen derer verbunden zu bleiben, die – zusammen mit mir - zur Risikogruppe Mensch gehören.

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