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SWR2 Wort zum Tag

10OKT2020
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Jesus war ein Mann der klaren Worte. Er redete nicht drumherum. Das zeigt sich auch in diesen Sätzen: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen! - und siehe, in deinem Auge steckt ein Balken! Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du zusehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen!“ heißt es in der Bibel (Mt 7,1).  Die eigenen Fehler erscheinen einem gerne winzig klein, wie Splitterchen, die Fehler der anderen dagegen riesig groß, unübersehbar und dick wie Dachbalken.
Soweit, so klar.

Den Mechanismus, wie man eigene Fehler so gründlich übersehen kann, beschreibt Friedrich Nietzsche so: „Das habe ich getan, sagt mein Gedächtnis. Das kann ich nicht getan haben, sagt mein Stolz. Endlich – gibt das Gedächtnis nach.“ Die eigenen, peinlichen Fehler – winzig klein. So geringfügig, dass man sie getrost vergessen kann im Gegensatz zu denen, die ein anderer begeht. Zumal ein „Bruder“. Das Wort steht so im griechischen Originaltext des Neuen Testaments. Worauf der Satz mit dem Splitter und dem Balken abzielt, ist: gerade, wenn man gemeinsam zu einer Gruppe gehört, so wie Geschwister, Bruder und Schwester, zu einer Familie gehören, sieht man gerne die Fehler der anderen größer als die eigenen. Es gibt immer Brüder und Schwestern, denen die anderen Brüder und Schwestern nicht fromm genug, oder zu fromm sind. Wo die die einen den anderen zu gläubig und erscheinen und die anderen den einen zu liberal. Sie erklären deren zu Lebenswandel für moralisch bedenklich von einer Warte aus, als könnten sie selbst kein Wässerchen trüben. Die eigenen Balken im Auge – Hochmut, Blindheit sich selbst gegenüber, Vergesslichkeit, Selbstgerechtigkeit – sehen sie nicht.   

„Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du zusehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen!“ Dieses „Balken aus dem eigenen Auge herausziehen“ hört sich nach zeitaufwändiger, anstrengender Arbeit an. Wer damit beginnt, davon ist Jesus überzeugt, den kümmern die paar Splitter im Auge des Bruders und der Schwester nur noch am Rande.

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09OKT2020
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„Danke für diesen guten Morgen, danke für jeden neuen Tag, danke, dass ich all meine Sorgen auf dich werfen mag“ – ich vermute mal, nicht nur mir hat sich die Melodie dieses Ohrwurms eingeprägt. Geschrieben 1961 von Martin Gotthardt Schneider, die Musik stammt auch von ihm. Und wenn ein Pfarrer in den sechziger Jahren modern sein und die Herzen der jungen Menschen erobern wollte, nahm er seine Gitarre zur Hand und knödelte los.

Wie habe ich damals – mit 15 /16 Jahren - diese Darbietungen von meinem ganzen pubertären Herzen verachtet. Das Lied schien mir nicht besser als „O du schöner Westerwald“. Denn es ging voll vorbei an dem, was mich damals beschäftigte, nämlich: Demos gegen die Erhöhung der Straßenbahnpreise zu einer Zeit, wo wirklich jeder noch stolz auf sein Auto war. Die Idee des Konsumverzichts zu einer Zeit, als Fernsehapparate noch Luxus waren. Die Lebensmittelverschwendung zu einer Zeit, als uns eine Verkäuferin am Abend die nicht mehr ganz frischen Tomaten schenkte und zwar heimlich, denn das verstieß gegen die Hygienevorschriften. 

„Danke, für meine Arbeitsstelle, danke für jedes kleine Glück, Danke, für alles Frohe, Helle und für die Musik.“ Jimi Hendrix, die Beatles und die Stones waren da sicherlich kann ich nicht mitgemeint. Und die Napalmbomben im Vietnamkrieg standen im krassen Widerspruch zum „Danke, dass in der Fern und Nähe du die Menschen liebst“.  Wie konnte dieser Typ so etwas nur dichten?

Hätte ich damals ein bisschen nachgedacht, hätte ich das vielleicht auch verstanden. Martin Gotthardt Schneider war Jahrgang 1930. Als er so alt war wie wir, war nichts selbstverständlich von dem, woran wir uns schon gewöhnt hatten: Arbeit, Essen, Musik, Konsum, kleines Glück.      

Das alles ist ein halbes Jahrhundert her. Und es bleibt erfreulich, dass heute der Nahverkehr gefördert, Lebensmittelverschwendung allmählich geächtet und laut darüber nachgedacht wird, dass man das zehnte T -Shirt nicht unbedingt im Kleiderschrank hängen haben muss. Und wenn man eines im Älterwerden lernt, dann vielleicht Danke sagen, weil man weiß, dass es nichts Selbstverständliches gibt. Darum „Danke, ach Herr, ich will dir danken, dass ich danken kann.“

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08OKT2020
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Bücher, Blumen und Schokoladentrüffeln – ich verschenke am liebsten das, was ich selber gerne geschenkt bekomme. Mit Büchern, Blumen und Pralinen kann mir immer eine Freude machen.  Von daher habe ich großes Verständnis für den vierjährigen Jungen, der seiner gleichaltrigen Kindergartenfreundin zum Geburtstag einen Lötkolben schenken wollte. Der stand auf seiner eigenen Wunschliste ziemlich sicher ganz weit oben.

Der, der schenkt, meint es gut und ist von seiner Geschenkidee begeistert. Aber was sagt der, der es geschenkt bekommt? Der hat keine Zeit zum Lesen, hat eine Lilienallergie und darf nichts Süßes essen. Und weiß, dass er sich mit einem Lötkolben sich nur den Finger verbrennt. Aber wenn er höflich ist, bedankt er sich freundlich.

Menschenopfer, verbrannte Tiere und schlechter Gesang - die Menschen haben im Laufe ihrer Geschichte auch Gott die unterschiedlichsten Geschenke gemacht. Nachzulesen in der Bibel. Sie meinten es damit sicher gut. Aber eine Freude machten sie allenfalls sich selbst damit, nicht aber Gott. Im Gegenteil. In der Bibel haut Gott angesichts dieser Geschenke recht unhöflich und undankbar auf den Tisch und sagt: „Schluss damit. Wenn ihr mir etwas schenken wollt, dann bitte etwas anderes.“ Und er zählt gleich auf, was er nicht einmal geschenkt haben möchte: „Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speiseopfer opfert, so habe ich keinen Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören.“

Brandopfer und Speiseopfer sind ja lange abgeschafft. Aber auch mit Feiertagen und Versammlungen macht man ihm nicht immer eine Freude. Jedenfalls wenn der Prophet Amos recht hat. Was Gott sich wünscht, ist preiswerter und doch viel anspruchsvoller:  nämlich Liebe, Gerechtigkeit, Interesse. „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ Das kann man sich leicht merken. Das kostet nichts. Man muss es nicht einmal einpacken. Aber wenn das die Geschenke sind, die ausgeteilt werden haben alle etwas davon, Menschen und Gott.

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07OKT2020
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Von den Menschen, die mir in der letzten Zeit begegnet sind, bleibt mir eine besondere Spezies in Erinnerung. Es sind die freundlichen Zeitgenossen. Männer und Frauen, die trotz handfester Gründe, die sie hätten, um gestresst oder verbittert durchs Leben zu gehen, sich eine gewisse Gelassenheit und Freundlichkeit bewahrt haben.

Eine Gelöstheit, manchmal geradezu eine Heiterkeit, an die ich mich gerne erinnere. Gerade dann, wenn ich selbst dabei bin, ungeduldig oder nervös zu werden.

Freundlichkeit, hat der amerikanische Schriftsteller Mark Twain geschrieben, ist eine Sprache, die Taube hören und Blinde lesen können. Und, würde ich ergänzen, die uns allen das Leben erträglicher macht. Wie schön, wenn diese Sprache gesprochen wird und Verbreitung findet. Gleich wird es um mich herum ein bisschen heller.

Natürlich gibt es auch eine Menge von Gründen, nicht freundlich zu sein. Wenn ich mich überhört, übersehen oder übergangen fühle. Oder einfach das Gefühl habe, dass mir im Moment alles zu viel wird.

Ich finde schon, dass man das sehen und ernst nehmen muss. Nur – giftiges oder polterndes Verhalten, unfreundliches Auftreten und Austeilen von bösartigen Kommentaren hat noch kein Problem gelöst.

Freundlichkeit ist übrigens nicht mit Nettigkeit zu verwechseln. Man kann freundlich sein und zugewandt auch dann, wenn man in der Sache ganz anderer Ansicht ist. Ich bewundere solche Menschen, die aufmerksam zuhören, andere ausreden lassen und versuchen deren Gedankengang nachzuvollziehen.

Und die dann freundlich darlegen, dass sie total anderer Meinung sind. Vorbildlich, finde ich! Denn ein freundlicher Umgangston schafft ein Klima, wo schließlich auch Lösungen für die großen und schwierigen Fragen gefunden werden können.

Eine der für mich schönsten Bibelstellen spricht davon, dass Gott sich den Menschen bekannt gemacht hat durch seine Freundlichkeit. „Darum ist erschienen die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes“, heißt es in einem Brief des neuen Testaments. Freundlichkeit, davon bin ich überzeugt, ist eine Weise der Anwesenheit Gottes.

Darum faszinieren mich immer wieder Menschen, die in ihrem Umgang freundlich sind und zugewandt. Weil in ihrer Haltung etwas Göttliches aufleuchtet. So dass Taube zu hören beginnen, Blinde sehen und Verstummte ihre wieder Sprache finden.

Ich wünsche Ihnen einen freundlichen guten Morgen!

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06OKT2020
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Glauben Sie an Wunder? Albert Einstein, Physiker und Begründer der Relativitätstheorie, hat es getan. „Es gibt zwei Arten sein Leben zu leben“, hat er einmal geschrieben, „entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles eines.“ Und er hat hinzugefügt: „Ich glaube an Letzteres.”

Ich vermute, das hat damit zu tun, dass sich Einstein ein Leben lang sein kindliches Staunen bewahrt hat. Was eine gute Voraussetzung ist, um ein exzellenter Wissenschaftler zu werden.

Vieles geht ja verloren, bis ein Mensch so richtig erwachsen geworden ist. Vor allem die Fähigkeit, auch über die allerkleinsten Dinge zu staunen.  

Eine Gruppe von Altersforschern in San Francisco hat sich kürzlich dieses Themas angenommen. Die Wissenschaftler hatten beobachtet, dass bei vielen Menschen im Alter die Ängste zunehmen und sie in eine Endlosschleife aus Sorgen und Grübelei geraten.

Mit einfachen Mitteln wollten sie zeigen, wie es gelingt, sich zuversichtlicher durch die Welt zu bewegen. Das Rezept dazu: Staunen lernen.

In einem Experiment wurden Freiwillige angeregt, acht Wochen lang jeden Morgen fünfzehn Minuten spazieren zu gehen. Die Hälfte der Gruppe sollte dabei auf die Umgebung achten und das Staunen üben, wenn ihnen etwas bemerkenswert vorkam.

Die andere Hälfte zog ohne weitere Vorgaben los. Der Erfolg des Selbstversuchs wurde dann an den Fotos gemessen, die die Teilnehmer gemacht hatten.

Auffallend war: die Bilder der „Staungruppe“ sahen ganz anders aus als jene der Vergleichsgruppe. Auf ihren Fotos war zunehmend mehr von der Umgebung draußen zu sehen. Sie selbst standen immer weniger im Mittelpunkt. Und sahen am Ende deutlich entspannter und gelöster aus.

Einer der Forscher sagt dazu: "Staunen rückt unsere Perspektive zurecht und zeigt uns, dass die Welt nicht nur aus uns besteht.“

Im Staunen nämlich lenke ich meine Energie nach außen. Und löse mich aus dem Kreisel der Selbstbeschäftigung.

Dafür, finde ich, gibt es viele Wege. Nicht jeder wird gleich Naturwissenschaftler wie Albert Einstein. Die großen Wunder, glaube ich, erlebt man sowieso am besten im Kleinen. Ich gehe dazu gerne hinaus in die Natur. Oder arbeite einen halben Tag im Garten. Genieße die Ruhe eines Kirchenraumes. Erfreue mich an der Komposition eines Musikstückes.

Und entscheide mich dafür, mit denen zu sympathisieren, für die die Welt ein Wunder ist.

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05OKT2020
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„Gott und die Wilmots“. So heißt der Roman des amerikanischen Schriftstellers John Updike, den ich in diesem Sommer wieder einmal zur Hand genommen habe. Er erzählt über mehrere Generationen hinweg die Geschichte eines Glaubens, der zerbröselt wie ein trocken gewordener Teig.

Der alte Wilmot, mit dem die Geschichte beginnt, war noch Prediger und Pastor. Eines Tages bemerkt er, wie es zu knirschen beginnt in seinem Glaubensgebäude. Langsam und allmählich löst sich sein Glaube auf - in Nichts.

Für seinen Sohn in der nächsten Generation bedeutet der Glaube kaum noch etwas. Er überlässt sich ganz seinen Geschäften und führt ansonsten das Leben eines introvertierten Kleinbürgers.

Der Urenkel schließlich schreibt sich selbst göttliche Qualitäten zu. Er wird Guru einer Sekte und gründet eine terroristische Bewegung, die – mit ihm an der Spitze – sich anmaßt, über Leben und Sterben anderer Menschen zu befinden.

John Updike nimmt uns in seinem Roman mit auf eine Reise, bei der wir Zeuge werden, wie sich der Glaubensverlust des Urgrossvaters durch die Zeiten fortpflanzt. Je ferner Gott in diesem Roman rückt, desto überforderter wirken die Menschen. Bis geistige Verwahrlosung zuletzt in Selbstgerechtigkeit, Anmaßung und Gewalt endet.

Mich erinnert dieser Roman an Entwicklungen, die sich auch in Europa und hierzulande beobachten lassen. Wenn etwa religiöse Entwurzelung und Verblendung den Boden bereiten für Verschwörungstheorien krudester Art.

Ich halte es darum für dringlich, den Garten des Glaubens nicht verwildern zu lassen. Ihm Aufmerksamkeit zu schenken, ihn zu hegen und zu pflegen. Und ihn hin und wieder mit geistiger Auffrischung zum Blühen zu bringen.

Gewiss, es muss immer Raum sein für den Zweifel und die Fragen, die er stellt. Aber genauso sehr braucht es ein Ohr für die Wahrheit des Glaubens und dafür, wie sie begründet wird. Es braucht den Dialog und die Auseinandersetzung, damit ich mich nicht hineinsteigere in einsame, aberwitzige Positionen.

Vor allem aber: aufrichtiger Glaube lebt aus einer fundamentalen Selbstbegrenzung. Wo ich weiß, dass ich Mensch bin und nicht Gott. Aus diesem Wissen gewinne ich eine Freiheit, die mich entlastet. Gegenüber mir selbst und auch gegenüber Anderen.

Wenn ich Gott respektiere, erwächst daraus der Respekt auch vor anderen Menschen. Weil wir alle Kinder des einen Schöpfers sind.

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