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SWR2 Wort zum Tag

07MRZ2020
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Jogginghose und Sonntag – passt das zusammen? Die Meinungen darüber gehen weit auseinander. Die einen sagen: Nein, Jogginghose geht nicht, und sonntags schon gar nicht. Die anderen sagen: Der Sonntag gehört mir, ich brauch´s bequem, ich halte nichts von alt hergebrachten Konventionen. 

Heute haben immer mehr Menschen Jogginghosen an – längst nicht nur die Jungen. Und die Auswahl und Preisspanne ist entsprechend groß. An einigen Schulen sind Jogginghosen schon verboten – aus meiner Sicht etwas übers Ziel hinausgeschossen. 

Ich selbst bin in Sachen Kleidung eher freigeistig unterwegs, und das hat natürlich seine Geschichte. Als Kind musste ich am Sonntag immer besondere Kleidung tragen. Ich hab das mehr oder minder widerwillig über mich ergehen lassen. Fast alle Sonntagsklamotten haben gekratzt und sich kalt und steif angefühlt. In der Pubertät und während des Studiums wollte ich dann Zeichen setzen gegen die in meinen Augen überholte Kleiderordnung. Das Loch in der Jeans durfte nicht mehr geflickt werden, alle Sachen mit Kragen wurden aus dem Kleiderschrank verbannt, und T-shirts wurden schon lange nicht mehr in die Hose gesteckt. Aber wenn ich ein bisschen nachgedacht hätte: irgendwie war das ja auch eine Kleiderordnung, aber immerhin meine eigene. 

Ein paar Jahre später hatte ich so etwas wie ein Bekehrungs-Erlebnis. Ich war mit einem guten Freund unterwegs auf einem richtig extremen Outdoor Trip. Da sagt der doch tatsächlich: „Heute ist Sonntag. Ich wasch mir die Haare und ziehe frische Unterwäsche an.“ Man muss wissen, dass wir in der Wildnis Kanadas unterwegs waren. Alles mussten wir selbst schleppen, einschließlich Zelt und Kocher. Frische Unterwäsche war reiner Luxus, denn es bedeutete einen Handwaschgang mit Duschgel im eiskalten Flusswasser. Und auch Haare waschen ging nur mit Hilfe der Kaffeetasse am Fluss. Aber mein Freund hat´s getan – nur für den Sonntag. Oder besser gesagt, nur für den Herrn. Denn es heißt ja, der Sonntag ist „Tag des Herrn“. 

Ich habe lange wie die Jogginghosen-Fraktion gedacht: Gott ist es doch gleich, wie ich aussehe. Er mag mich, wie ich bin. Ich glaube, das stimmt auch. Aber seit unserer Outdoor-Tour weiß ich, dass ich den Sonntag mit meinem Äußeren zu etwas Besonderem machen kann. Das muss jetzt nicht Bügelfalte oder Krawatte sein, aber eben auch keine Jogginghose. Mein Äußeres ist - zumindest ab und zu - der Spiegel meiner Seele. Und die soll keine Jogginghosen tragen – wenigstens nicht am Tag des Herrn. (386)

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06MRZ2020
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Mobiltelefone für Tote – das gibt´s tatsächlich. Der Osnabrücker Erfinder Jürgen Bröther hat die Geschäftsidee ausgebrütet, als seine eigene Mutter gestorben ist. Er sagt: „Ich hatte ein gutes Verhältnis zu ihr. Und ich hätte ihr gerne noch so viel erzählt. Das konnte gar nicht alles raus, so plötzlich war sie weg.“ 

Daraufhin hat Jürgen Bröther ein spezielles Handy entwickelt, das man den Verstorbenen ins Grab legen kann. Ein Jahr soll das Handy noch Anrufe entgegen nehmen können. 

Der Erfinder hatte mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen: Das Telefon muss unter der Erde natürlich wasserdicht und staubfest sein. Dann braucht es einen extrem langlebigen Akku. Und es muss unter der Erde einen besonders starken Empfang haben. Außerdem musste Jürgen Bröther eine Lösung dafür finden, wie der Anruf angenommen wird – es ist ja niemand in der Nähe außer ein Leichnam. Aber der Erfinder hat alle Schwierigkeiten gemeistert. Und jetzt verkauft er das unterirdische Handy für über 1000,- Euro das Stück. 

So skurril die Idee sich erst einmal anhört, der Trauerpsychologe Arnold Langenmayr hält sie unter Umständen sogar für hilfreich. Er sagt: „Trauernde leiden oft daran, dass sie vieles nicht mehr aussprechen können. Da geht ein richtiges Gedankenkarussell los. Das kann Gefühle blockieren. Es will was raus, was nicht raus kann. So ein fiktives Gespräch per Telefon kann da schon wohltuend sein. Allerdings sollte dieser Anruf aufgearbeitet werden und nie im Alleingang stattfinden.“ 

Eine ganze Reihe von Angeboten aus der letzten Zeit hat das zum Ziel: Trauer lindern, Angehörige trösten, den Tod besser verarbeiten. Zum Beispiel virtuelle Trauerkerzen im Internet anzünden. Oder den Sarg eines Verstorbenen selbst kreativ verzieren. Das Handy für Verstorbene gehört sicherlich auch dazu. 

Ich bin auch noch auf eine uralte Idee gestoßen. Sie stammt vom Heiligen Thomas von Aquin aus dem 13. Jahrhundert. Er beschreibt „fünf Heilmittel gegen Traurigkeit“, die heißen so:

  1. versuchen, sich an Kleinigkeiten zu erfreuen,
  2. weinen
  3. das Mitleid von Freunden annehmen,
  4. der Wahrheit ins Gesicht sehen,
    und schließlich 5. schlafen und baden. 

Teilweise hört sich das ganz banal an. Und sicherlich bringt es niemanden zurück ins Leben. Aber ich finde, in der Summe kann das vielleicht helfen, kleine Schritte nach vorn zu machen. Bestimmt günstiger und wahrscheinlich mindestens genauso gut wie ein Handy für Verstorbene. (371)

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05MRZ2020
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Dadada Daa - die fünfte Sinfonie von Ludwig van Beethoven kennt fast jeder. Aber die zehnte nicht. Vielleicht, weil Beethoven sie gar nicht zu Ende komponieren konnte - er ist währenddessen gestorben. Sie hat deshalb auch den Beinamen „Die Unvollendete“. Zu Beethovens 250. Geburtstag soll sie jetzt vollendet werden. Und zwar mit Hilfe von künstlicher Intelligenz! 

Ein Sponsor hat tief in die Tasche gelangt und ein internationales Team zusammengestellt, das sich darum kümmert: Musikwissenschaftler, Komponisten und Computerspezialisten arbeiten mit dem Pianisten Robert Levin daran, einen Algorithmus so zu trainieren, dass er die von Beethoven komponierten Bruchstücke möglichst beethovenmäßig zusammensetzt und ergänzt. Der Direktor des Karajan-Instituts sagt: „Der Algorithmus ist unberechenbar, er überrascht uns jeden Tag aufs Neue. Er ist wie ein kleines Kind, das die Welt Beethovens erkundet.“ Der Algorithmus muss sich beeilen, denn spätestens am 28. April soll Beethovens Zehnte in seiner Heimatstadt Bonn uraufgeführt werden. 

Das wünsche ich mir auch manchmal, dass Unvollendetes vollendet wird: das halbfertige Baumhaus für meine Jungs zum Beispiel. Der halbaufgeräumte Keller, die alten Fotos, die ich noch digitalisieren wollte oder der Werkzeugkasten, der dringend mal sortiert werden sollte. Mein Körper scheint mir auch noch nicht ganz vollendet zu sein, irgendwie immer ein bisschen unfit und immer öfter krank. 

Manchmal sind auch Beziehungen unvollendet: Wenn ich einen Streit mit einem anonymen Autofahrer hatte und einfach so weitergefahren bin. Alte Freunde, die ich aus den Augen verloren habe, oder eine Cousine. Oder jemand, der gestorben ist, dem ich eigentlich noch was sagen wollte. Es bleibt so vieles halbfertig. 

Bei Beethoven kümmert sich ein Team aus Spezialisten und ein Algorithmus um die Vollendung. Und bei mir? Ich hoffe darauf, dass Gott mich vollenden wird - wenn ich einmal sterbe. Ich hoffe, dass ich nach meinem Tod nicht bei null anfangen muss, sondern dass ich all das vorfinden werde, was mich hier schon ausmacht: das was ich weiß und kann, meine Erfahrungen, meine Freunde, meine Familie, meine Tiere - alles, was mir hier ans Herz gewachsen ist. Und all das, was ich in meinem Leben nicht auf die Reihe gekriegt habe, das könnte Gott kitten, verbinden, heilen oder heil machen. 

Diese Vorstellung, die entlastet mich richtig. Und die baut mich auf, wenn mal wieder irgendwas nur halbfertig ist.(371)

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04MRZ2020
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„Vielen Dank“, ruft meine Tochter auf dem Fahrrad. Gerade hat ihr eine ältere Dame auf dem Gehweg Platz gemacht, damit sie sie überholen konnte. Ich sehe wie überrascht die Dame ist und wie sehr sie sich freut. Mit einem so freundlichen Dankeschön hat sie wohl nicht gerechnet. Als Vater freue ich mich, dass sich meine Tochter so höflich bedankt hat. Ich habe es ihr ja auch oft genug gesagt. Gut zu wissen, dass das nicht umsonst war. Aber noch mehr freue ich mich, über die Freude der älteren Dame. Ich stelle mir vor, dass sie etwas glücklicher und zufriedener weitergeht als zuvor. Mir geht das jedenfalls so, wenn Menschen freundlich zu mir sind und mich damit vielleicht sogar überraschen.

Der Soziologe Harald Welzer behauptet: „Es gibt eine Welt, in der die Menschen freundlich miteinander umgehen.“ Der Satz stammt aus seinem Buch „Alles könnte anders sein.“ Darin macht er sich Gedanken, wie eine gute Zukunft aussehen kann. Er hält diese gute Zukunft für durchaus realistisch, trotz der vielen Herausforderungen, vor denen wir gegenwärtig stehen. Er ist davon überzeugt, dass wir Menschen eigentlich über alle Bausteine verfügen. Es liegt an uns, sie richtig zusammenzusetzen.

Einer dieser Bausteine ist, freundlich miteinander umzugehen. Das überrascht vielleicht, weil es erstmal so unbedeutend klingt. Aber ich glaube, er hat Recht. Ich kann mir keine gute Zukunft vorstellen, in der Menschen ständig unfreundlich zueinander sind.

Deshalb beunruhigt mich auch, was ich gegenwärtig wahrnehme. Hass-Kommentare in den Sozialen Medien scheinen normal zu sein, Rettungskräfte werden beschimpft, wenn sie anderen Menschen helfen, mit diskriminierenden Parolen wird erfolgreich Wahlkampf gemacht.

Darüber kann ich lamentieren, weil ich mich machtlos fühle. Dabei kann ich all dem etwas entgegensetzen. Meiner kleinen Tochter ist es auf ihrem Fahrrad gelungen, ein kleines Stück Welt zu erschaffen, in der Menschen freundlich miteinander umgehen. Das kann jede und jeder andere auch.

Wie groß diese freundliche und menschliche Welt heute ist und in Zukunft sein wird, kann ich jeden Tag, in jeder Situation ein kleines bisschen mitentscheiden.

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03MRZ2020
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Mit meinem Daumen zeichne ich ein Kreuz auf die Unterseite des frischen Brotes. Das mache ich immer, wenn ich einen neuen Laib anschneide. Ich habe dieses Ritual von meiner Mutter übernommen. Sie hat es von ihrer Mutter und meine Oma vermutlich von ihrer und so weiter.

Es ist nur eine kleine Geste, aber sie lässt mich jedes Mal kurz innehalten.

Das Kreuz als Segenszeichen. Es macht mir bewusst, was ich da in den Händen halte. Brot, das mich und meine Familie ernährt. Das würde es natürlich auch tun, wenn ich das Kreuzzeichen weglasse. Es würde genauso gut schmecken und ebenso satt machen wie ohne diesen kleinen Segen. Aber mir würde etwas fehlen.

Zum einen denke ich in diesem Moment kurz an meine Mutter. Sie ist vor einigen Jahren an Krebs gestorben. In diesem Augenblick erinnere ich mich an ihre Liebe für unsere Familie. Die vielen Brote, die sie für uns geschnitten und geschmiert hat, stehen symbolisch für all das, was sie uns Kindern für unser Leben mitgegeben hat. Ich weiß, dass ich ohne sie nicht der Mensch wäre, der ich bin.

Aber es ist nicht nur die Erinnerung. Das Brot bekommt dadurch einen anderen Wert. Vielleicht verändert der Segen nicht so sehr das Brot, sondern eher mich. Ich bitte um den Segen für das Brot, aber denke dabei an die Menschen, mit denen ich es teile. Meistens ist das meine Familie, manchmal sind es auch Gäste. Immer sind es Menschen, die mir am Herzen liegen. Ich möchte, dass es ihnen gut geht und tue dafür, was ich kann. Aber ich weiß auch, dass vieles nicht in meinen Händen liegt. Wenn ich Gott um seinen Segen bitte, dann geht es darum, mir das bewusst zu machen. Es macht mich bescheidener und demütig.

Und es gibt noch einen weiteren Aspekt. Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich mir jederzeit ein Brot leisten kann. Trotzdem möchte ich es wertschätzen; mir klar machen, dass es nicht selbstverständlich ist, genug zum Essen zu haben. Dieser kurze Moment hilft mir, dankbar dafür zu sein.

Nach dem Kreuz, schneide ich die ersten Scheiben ab. Ich atme den Duft des frischgeschnitten Brots ein und freu mich auf eine leckere Mahlzeit.

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02MRZ2020
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Seit zweieinhalb Jahren wohnen wir in einem Haus mit Garten. Davor habe ich mich nie viel mit Gartenarbeit beschäftigt. Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig. Aber ich mache es gern. Während ich an der frischen Luft bin, habe ich Zeit nachzudenken.

In den letzten Wochen mussten die Sträucher zurückgeschnitten werden. Wie gesagt, ich bin Anfänger. Daher recherchiere ich erstmal im Internet, wie und wann welcher Strauch geschnitten werden muss. Dann geht’s raus in den Garten. Dort stelle ich fest, dass es einfacher geklungen hat als es jetzt aussieht.

Trotzdem lege ich los. Mal beherzter, mal zaghafter, schneide ich die alten Triebe ab, kürze junge um die Hälfte bis ein Drittel, lichte aus und versuche, dem Strauch die richtige Form zu geben. Manchmal habe ich Angst zu viel abzuschneiden. Aber was ab ist, ist ab. Da kann ich nur hoffen, dass wieder genug nachwachsen wird. Letztes Jahr ist es ja auch gut gegangen.

Und während ich das so mache, fange ich an nachzudenken. Ob so ein Garten nicht ein gutes Bild für mein Leben ist. Wenn bestimmte Sträucher über Jahre nicht geschnitten werden, dann verholzen sie mehr und mehr. Es kommen weniger junge Triebe nach. Blätter, Blüten und Früchte werden mit den Jahren immer weniger. Der richtige Schnitt dagegen regt sie zu neuem Wachstum an. Daher sollte man regelmäßig schneiden.

Trifft das nicht auch auf verschiedenen Bereiche in meinen Leben zu? Vielleicht sollte ich da an einigen Stellen auch bewusst die Heckenschere ansetzen und manches Alte abscheiden, damit Neues Platz hat. Ein wenig auslichten, damit ich wieder mehr Luft und Licht habe, um wachsen zu können. Manches wieder in Form bringen, wo sich Wildwuchs und unnötige Seitentriebe gebildet haben. Nicht unüberlegt, aber mutig und konsequent.

Bei der Arbeit gibt es einige Projekte, die auch ohne mich gut weiterlaufen. Wenn ich mich daraus zurückziehe, habe ich wieder mehr Freiraum. Zwanzig Minuten Zeit für einen Spaziergang sollte ich doch irgendwo rausschneiden können. Schön wäre es, die freie Zeit mit meiner Familie bewusster zu gestalten.

In der Theorie klingt das gut. Wie beim Sträucher schneiden, kommt es aber darauf an, auch wirklich loszulegen. Jetzt, im Frühling, damit ich im Sommer die Früchte ernten kann

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