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SWR2 Wort zum Tag

28DEZ2019
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Die Zeit zwischen Heiligabend und Dreikönig nennt man auch „Raunächte“. Vielleicht, weil sie besonders rau und unwirtlich sind. Vielleicht kommt das „rau“ aber auch von „Rauch“, weil früher in dieser Zeit die Räume und Ställe mit Weihrauch geräuchert wurden, um böse Geister zu vertreiben.

In den Raunächten hat man sich abends in der Stube am Kaminfeuer getroffen, um Geschichten von den Ahnen oder Märchen zu erzählen. Man hat Hausmusik gemacht, gestickt oder Körbe geflochten. Es gab klare Regeln für diese Zeit: keine Wäsche im Freien aufhängen zum Beispiel, Unordnung vermeiden und keine Glücksspiele. Denn die Zeit gehörte den Geistern und Naturwesen, und denen wollte man so wenig Angriffsfläche wie möglich bieten.

Heute klingt das überholt. An Geister glaubt schon lange niemand mehr. Und die Zeiten, wo man sich um ein Kaminfeuer versammeln musste, scheinen vorbei zu sein: Mittlerweile gibt es Heizungen, gut isolierte Häuser und ein exzellentes Unterhaltungsprogramm.

Ich finde die ursprüngliche Idee hinter den Raunächten trotzdem gut – auch heute noch. Es ging ja darum, die Zeit gut zu nutzen, in der man zur Pause verdonnert war, weil die Natur gerade Pause macht und weil es draußen kalt und dunkel ist. Und da hat man offenbar auf verschiedene Dinge Wert gelegt: Zeit für sich und Zeit für andere haben zum Beispiel. Oder sich seiner Herkunft bewusst zu bleiben. Sich mit der unsichtbaren Welt zu beschäftigen. Alles Dinge, die auch heute noch aktuell sind. Und gerade in der Weihnachtszeit – denn genau in diese Zeit fallen ja die Raunächte – habe ich vielleicht eher Zeit dafür als unterm Jahr, wo alles eng und streng getaktet ist.

Ich hätte da schon ein paar gute Ideen, wie das gehen könnte: sich mit Freunden oder der Familie treffen. Vielleicht nicht in einer Bauernstube am Kamin, aber auf dem Sofa oder in einem gemütlichen Lokal. Vielleicht gibt´s ja einen Kaminofen. Wer nicht zusammen musizieren kann – gute Musik gibt’s auch aus der Konserve.

Warum nicht Bilder von alten Freunden oder auch Verstorbenen aufstellen und sich an ihre Spleens oder berühmten Sprüche erinnern. Statt Körbe zu flechten könnte ich einem Hobby nachgehen, das ich unterm Jahr eher vernachlässige – ein Aquarell malen, Klarinette spielen oder ein altes Möbelstück auf Vordermann bringen. Und die Raunächte sind von jeher eine Zeit, in der man seine Gefühle und Träume ernst nehmen sollte. Vielleicht führe ich ein Gefühls- oder Traumtagebuch. Und manch einer kann in dieser Zeit eine gute Entscheidung fürs neue Jahr treffen.

Die Raunächte – genau die richtige Zeit, um mich auf meine Vorfahren, meine Familie, meine Fähigkeiten und meine Freunde zu konzentrieren. Um mir mal wieder klar zu machen, wo ich herkomme, was mich ausmacht und wen ich schätze.

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27DEZ2019
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Ab dem Heiligabend bin ich immer völlig zeitlos unterwegs. Vor lauter Feiertagen und Ferien weiß ich nicht mehr so genau welcher Wochentag gerade ist. Und irgendwie ist mir das auch egal, und ich genieße diese Zeit. „Zwischen den Jahren“ sagt man ja – und so fühlt es sich für mich auch tatsächlich an – irgendwie zwischendrin.

„Zwischen den Jahren“ – dieser Ausdruck ist schon alt. Ich dachte immer: klar, das „zwischen“ bezieht sich auf das alte und das neue Jahr, weil wir uns zeitlich ja gerade zwischen 2019 und 2020 bewegen. Jetzt habe ich aber gelesen, dass ein ganz anderer Zwischenraum gemeint ist: der zwischen Sonnenjahr und Mondjahr. Sonne und Mond brauchen unterschiedlich lange, um wieder an derselben Stelle zu stehen wie im Vorjahr. Die Sonne – das weiß man ja – braucht genau 365 Tage. Der Mond aber nur 354. Das macht einen Unterschied von elf Tagen. Und diese Zeit nennt man „zwischen den Jahren“. Sie dauert von Heiligabend bis Dreikönig.

Früher wurde sie betrachtet als „Zeit außerhalb der Zeit“. Eine Zeit, die weder dem Lauf der Sonne, noch dem des Mondes unterworfen ist, eine freie und geschenkte Zeit also - und so fühlt sie sich wirklich für mich an. Auch die Natur scheint in dieser Zeit still zu stehen: Alles hat sich zurückgezogen, ist eingefroren, sammelt neue Kräfte.

Was nun anfangen mit solch einer freien „Zwischenzeit“? Ich lebe gerne in den Tag hinein, genieße die Wärme drinnen und die Kälte draußen, bin mit der Familie zusammen, treffe mich mit alten Freunden. Aber ein, zwei Stunden reserviere ich zwischen den Jahren immer für meinen Terminkalender. Ich setze mich in Ruhe hin und gehe Tag für Tag das vergangene Jahr durch. Da sehe ich was alles los war und erinnere mich nochmal an die schönen und auch die schweren Momente des Jahres: Wer ist gestorben? Wer geboren? Wer hatte einen runden Geburtstag und wo war ich dienstlich unterwegs? Wen habe ich besucht und wo war ich in Urlaub?

Und wo ich den Terminkalender schon mal vor mir liegen habe, werfe ich gleich auch noch einen Blick ins kommende Jahr: Welche wichtigen Termine stehen schon? Wen sollte ich mal wieder treffen? Welche Familienfeste gibt´s?

Die Zeit genießen, mich sammeln, das Alte abschließen und mich aufs Kommende einstellen - ich glaube das ist ein guter Plan für die Zeit zwischen den Jahren.

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26DEZ2019
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Mo ist ein drahtiger und muskulöser junger Mann. Er ist zwar Muslim, aber er möchte mit dem Islam nichts mehr zu tun haben. Deshalb nennt er sich auch nicht mehr Mohammad, sondern eben einfach Mo. Warum? Er zieht sein Sweatshirt hoch und zeigt seinen Oberkörper, der über und über mit Narben bedeckt ist. Die hat er sich in seiner iranischen Heimatstadt eingehandelt, als er abends unterwegs war. Ein Trupp selbst ernannter „Glaubenswächter“ hat ihm eine ziemliche Abreibung verpasst, weil er zu westlich gelebt hat: er liebt Breakdance und Boxen und macht „Parkour“, eine Sportart, bei der man artistisch und elegant Hindernisse überquert.

Jetzt lebt Mo in Hamburg. Dort ist er Pfarrer Moses begegnet, einem syrischen Christen, der auch geflohen ist und jetzt in Hamburg arbeitet. Mo war froh einen Landsmann zu treffen, der ihn versteht. Pfarrer Moses hatte ein ähnliches Schicksal wie Mo. Er erinnert sich an die Flugblätter, die über seiner Heimatstadt Mossul abgeworfen wurden. Da stand drauf: „Haut ab und flieht, ohne Gepäck, nur mit der Kleidung am Leib. Sonst könnt ihr wählen: den Islam annehmen, eine Sondersteuer zahlen, oder mit dem Schwert hingerichtet werden.“ Das sind brutale Drohungen. Und wer einmal mitbekommen hat, dass die Verfasser der Flugblätter tatsächlich ernst machen, der überlegt nicht lange, sondern versucht sich zu retten so schnell es geht.

Das ist heftig - auch wenn es weit weg zu sein scheint. Aber das ist total nah, hier bei uns. Denn viele der Opfer leben inzwischen hier. Und deshalb ist der heutige Gedenktag so aktuell und wichtig. Heute ist nämlich nicht nur der zweite Weihnachtsfeiertag, sondern auch „Stephanustag“. Und Stephanus war der erste Christ, der verfolgt und sogar getötet wurde – keine zehn Jahre nachdem Jesus gestorben war.

Stephanus war der erste christliche Diakon. Er wurde von einem der Apostel höchstpersönlich geweiht. Er war ein Mann, der flammende Reden halten konnte. Nach einer dieser Reden in Jerusalem wurde er von griechisch stämmigen Juden vor den Hohen Rat gezerrt, das war eine Art religiöses Gericht. Seine Verteidigungsrede muss so gewaltig gewesen sein, dass er nicht zu Ende sprechen durfte. Es heißt, die Mitglieder des Hohen Rates hätten sich die Ohren zugehalten, und die aufgebrachte Menge habe ihn als Gotteslästerer beschimpft. Sie haben ihn zum Damaskus-Tor aus der Stadt gejagt und dort gesteinigt. Stephanus gilt als erster Märtyrer der Christen. Einer also, der wegen seines Glaubens sterben musste, weil er öffentlich dafür eingetreten ist.

Deshalb beten die beiden großen christlichen Kirchen am zweiten Weihnachtsfeiertag für alle Christen, die verfolgt werden. Sie beten dabei nicht exklusiv für die verfolgten Christen, sondern beispielhaft. Genauso werden alle ins Gebet eingeschlossen, die - egal wo - wegen ihrer Religion benachteiligt, bedrängt und gehetzt werden. Die Uiguren in China zum Beispiel, Jesiden im Irak oder muslimische Rohingya in Myanmar.

Von islamistischen Regimes und Terrorgruppen geht momentan am meisten Brutalität aus. Aber es gibt auch andere Beispiele: Sehr schlimm werden Christen beispielsweise in Nordkorea verfolgt. Zigtausende von ihnen waren zuletzt als „Feinde des Regimes“ in Arbeitslagern eingesperrt. An Nordkorea wird deutlich, dass eben nicht nur Islamisten dafür verantwortlich sind, dass Christen weltweit am stärksten bedrängt werden. Es sind auch diktatorische Staaten oder Religionen wie der Hindu-Nationalismus in Indien oder ein aggressiver Buddhismus wie in Laos.

Die Menschen, die beim syrisch-christlichen Pfarrer Moses in Hamburg landen, haben fast alle eine bewegte und brutale Geschichte hinter sich. Ibrahims Familie zum Beispiel ist hierher geflohen, als die ersten Verwandten ermordet wurden. Oder Wassim: er wurde erst in Deutschland in der Erstaufnahme bedrängt, als er dachte, er hätte den Horror des Krieges hinter sich. 

Für Pfarrer Moses ist deshalb fast jeder Tag ein Stephanustag, ein Tag derer, die wegen ihrer Religion verfolgt werden. Er sagt: „Mo, Ibrahim, Wassim, und all die anderen, die verfolgt werden, die Schlimmes mitgemacht haben und hier Hilfe suchen: jeder von ihnen ist ein kleiner Stephanus.“

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24DEZ2019
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Wenn meine beiden kleinen Söhne Fred und Tom Süßigkeiten bekommen, dann landen sie entweder direkt im Mund oder in ihrer „Schatzkiste“. Die sieht wirklich aus wie eine Piratenschatzkiste in Kleinformat. Und in ihr sammelt sich Süßes für kargere Zeiten. Aber nicht alles landet in der Schatzkiste oder direkt im Mund. Manchmal nehmen Süßigkeiten auch völlig unberechenbare Wege: sie verschwinden einfach so und tauchen ganz überraschend wieder auf - so wie letztes Jahr an Heiligabend.

Fred und Tom warten gerade auf die Bescherung. Der jüngere Tom ahnt, dass jetzt gleich was ganz Großes kommen muss, so hibbelig wie sein älterer Bruder ist. Fred weiß gar nicht, wohin mit den Händen und vergräbt sie deshalb tief in seinen Hosentaschen. Da beginnt er plötzlich zu strahlen wie ein Christbaum. Er zieht die Hand aus der Tasche und präsentiert stolz - ein Gummibärchen. Tom macht große Augen. Ist das Zauberei? Aber Fred ist selbst mindestens genauso baff und ruft: „Hey, bei mir war das Christkind in der Hosentasche!“

Das Christkind in der Hosentasche - warum eigentlich nicht. Weihnachten zeigt ja, dass wir mit dem Unerwarteten rechnen können: ein Gummibärchen in der Hosentasche, eine Geburt auf Reisen, ein Kind im Stall. Weihnachten zeigt auch, dass Gott die unkonventionellen Wege bevorzugt: Er erscheint nicht mit Pomp und Glitter. Die ersten, die von seiner Geburt erfahren sind Hirten, nicht die Herolde des Königs. Und Weihnachten zeigt auch, dass Gott bei ganz normalen Menschen auftaucht: bei einer Zimmermannsfamilie in Betlehem, bei einfachen Schafhirten auf dem Feld, und warum nicht auch bei Fred und Tom.

Die Geschichte von der Geburt Jesu nimmt schon vieles vorweg, was sich später wieder zeigt:

Jesus handelt oft unerwartet, gegen den Zeitgeist. Er schlägt sich immer auf die Seite derer, die schwach oder ausgegrenzt sind. Jesus gibt überraschende Antworten, ihm sind die Menschen wichtiger als die religiösen Vorschriften. Und er geht am liebsten zu allen: zu Frauen, zu Zöllnern, zu Kranken und Gekränkten, und auch seine Jünger sind Fischer oder Handwerker.

Das Fest von der Geburt Jesu ist heute ein sehr erwartbares Ereignis geworden - mit einer gefühlt ewig langen Vorlaufzeit. Mir gefällt es, wenn in dieser Gemengelage auch wieder Dinge passieren, die unerwartet, unkonventionell und überraschend sind – so wie das Gummibärchen in Freds Hosentasche.

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23DEZ2019
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Wenn mir jemand in diesen Tagen einen grippalen Infekt wünscht, dann würde ich sagen: ja geht´s noch! So kurz vor Weihnachten kann ich weder Schnupfen, Halsweh noch Husten brauchen. Bleib mir fort! Und wenn derjenige, der den grippalen Infekt wünscht, auch noch Klinikseelsorger ist, dann erst recht.

Es gibt aber einen, der das tatsächlich tut: Der Klinikseelsorger Wolfgang Raible aus Stuttgart. Er wünscht den Leuten in der Weihnachtszeit tatsächlich einen „krippalen“ Infekt. Wolfgang Raible erklärt dann schnell: „Ich wünsche Ihnen einen „krippalen“ Infekt mit K – dass Sie sich vom Kind in der Krippe anstecken lassen.“ Ach daher weht der Wind. Nicht die Krankheit ist gemeint, sondern die Futterkrippe, in der Jesus zu Welt gekommen sein soll.

Wenn man nachfragt, von was genau man sich denn nun anstecken lassen soll, dann hat Wolfgang Raible drei Antworten parat. Er macht den krippalen Infekt mit K an drei Symptomen fest. Vielleicht schauen Sie mal bei sich selbst, ob Sie schon infiziert sind.

Das erste Symptom heißt „Schwäche“. Jesus hatte eine Schwäche für seine Mitmenschen, vor allem für diejenigen, die im Abseits gestanden sind: Prostituierte, Bettler, Kranke, Zöllner, Ehebrecher. Wenn Sie damit infiziert sind, dann merken Sie das daran, dass auch Sie eine Schwäche haben für Ihre Mitmenschen – für Nachbarn, Kolleginnen, Verwandte oder Menschen, die Ihnen auf der Straße begegnen. Interessieren Sie sich dafür, wie es denen geht, was die gerade brauchen, was sie aufregt oder woran sie leiden?

Das zweite Symptom heißt „Fieber“. Jesus hat nach Gerechtigkeit gefiebert. Er hat alles infrage gestellt, was irgendwie nach Ungerechtigkeit gerochen hat: seine eigene Religion, die Gesellschaft, den Staat. Vielleicht fiebern auch Sie danach, dass es gerechter und friedlicher zugeht bei uns. Dass Konzerne, Staaten und auch die Kirchen aufhören, die Natur und die Menschen auszubeuten.

Das dritte Symptom des krippalen Infekts heißt „Schluckbeschwerden“. Jesus konnte einfach nicht mehr schlucken, was da so alles passiert ist um ihn herum. Er war eigentlich ein Revolutionär, der die bestehende Ordnung auf den Kopf stellen wollte. Wollen vielleicht auch Sie nicht mehr alles schlucken? Wenn zum Beispiel Geld an den falschen Stellen landet, wenn jemand oberflächlich und dumm daherredet und dabei andere gefährdet?

So ein krippaler Infekt tut gut. Diese Art von Symptomen - Schwäche, Fieber, Schluckbeschwerden - die braucht es, damit sich was ändern kann. Nur wer sich für die anderen interessiert, wer sich danach sehnt, dass es anders wird und wer nicht mehr alles hinnimmt – der kann auch die Welt verändern. So wie das kleine Kind in der Krippe. Krippe mit K.

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