Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR2 Wort zum Tag

21DEZ2019
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Fröhliche Weihnachten! ruft mir der Verkäufer hinterher, als ich mit meinem frisch gekauften Tannenbaum im Schlepptau zum Auto gehe. Ein richtiges Prachtstück habe ich da gefunden. Nicht zu groß und nicht zu klein, mit einem, auch auf den zweiten Blick, geraden Stamm und gut gewachsenen Zweigen. Gerade richtig für unser Wohnzimmer zu Hause. Fast perfekt, um nicht zu sagen paradiesisch schön.

Im Mittelalter war es üblich, an Weihnachten an das Paradies zu erinnern: an Adam und Eva und den Baum der Erkenntnis. Weil Adam und Eva von seinen Früchten gegessen hatten, sind sie aus dem Paradies vertrieben worden. Nun wird mit der Geburt von Jesus die Tür zum Paradies wieder aufgeschlossen. „Heut schleußt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis, der Cherub steht nicht mehr dafür. Gott sei Lob, Ehr und Preis!“ heißt es in einem Weihnachtslied (EG 27, 6 Lobt Gott ihr Christen alle gleich).

So entstand schließlich auch der Brauch, dass zum Weihnachtsfest am 24. Dezember, dem Gedenktag von Adam und Eva, ein Tannenbaum aufgestellt wurde. Mit Äpfeln und allerlei Gebäck, Früchten und Nüssen, von dem vor allem die Kinder nach Herzenslust essen konnten.

Früchte des Lebens vom wiedergefundenen Paradiesbaum. Frank und frei für alle zu haben! Und das mitten im Winter. Später wurden die Äpfel durch schöne Glaskugeln ersetzt, Strohsterne und weiterer Schmuck kamen hinzu. Welch ein Glanz der Fülle in dunkelkarger Winternacht! Eine Ahnung von Paradies.

Ich male mir aus, wie ich meinen Prachtbaum schmücke. Und denke, im Grunde steht der Christbaum für die Sehnsucht nach einem Leben im Glück. In dem es alles gibt, was Bauch und Herz begehrt. Leben in Hülle und Fülle. So dass keiner leer ausgehen muss. Ein Leben ohne Hass und Streit, ohne Schmerz und Leid. Kurz gesagt: ein Leben wie im Paradies. Wer wünscht sich das nicht?

Alle Jahre wieder erinnern mich unsere Christbäume an das Versprechen, das Gott mit der Geburt von Jesus der Welt und uns Menschen gegeben hat: Dass Frieden einkehre in die Häuser und Herzen von uns Menschen. Und Liebe. Und Freude. Und Hoffnung. Alles Früchte des Lebens aus dem Paradies für uns und diese Welt. Frank und frei geschenkt! Fröhliche Weihnachten!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29922
20DEZ2019
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„O weh, wie soll man da fröhliche Weihnachten feiern!“, denke ich bei mir und lege die Zeitung aus der Hand. Gerade habe ich zuerst einen Artikel über die katastrophalen Zustände in den Flüchtlingslagern im Mittelmeerraum gelesen und dann noch einen über den Krieg in Syrien mit all seinen unheilvollen Allianzen und nicht endenwollendem Verlauf. Und da soll man Weihnachten feiern. Und das auch noch fröhlich!

Es ist eine unglaubliche Provokation, dass ein kleines Baby, das obendrein noch nackt und bloß in einer Krippe liegt, der Retter, der Heiland der Welt sein soll. Da stellt der Evangelist Lukas die Welt auf den Kopf. Ein Messias, der muss doch führungsstark und mit Macht auf die Welt kommen. So, wie die Messiasse von heute auftreten. Die mit bulligem Gang, festem Blick und markigen Sprüchen das natürliche Recht des Stärkeren predigen. Die am liebsten alle Armen und Andersdenkenden des Landes verweisen wollen, um so „ihre“ heile Welt zu errichten.

Trotzdem. Ich glaube, Lukas hat mit seiner Geschichte dennoch recht. Und auch der Prophet Jesaja, der in eindrücklichen Bildern seine Vision von einer geheilten Welt beschreibt: „Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen [….]. Wolf und Lamm sollen beieinander weiden“ (Jes 65, 20.25).

Da herrscht Frieden und nicht Krieg. Da regiert die Liebe und nicht der Hass. Da geht es um das Leben und nicht um den Tod. Da beschreibt einer die Vision eines Friedens auf Erden, wie er sein soll. Kein zerbrechlicher Waffenstillstand. Sondern gelebte Sanftmut und Barmherzigkeit. Als radikale Alternative zu dieser Welt.

Das ist eine Provokation zur Hoffnung. Darum lese oder höre ich die biblischen Texte zu Weihnachten immer wieder gerne. Weil sie mir jedes Jahr aufs Neue von ihr erzählen. Meinen Sinn berühren. Mich ins Nachdenken bringen. Genauso wie die Lieder an Weihnachten, wie z.B. Ich steh an deiner Krippen hier oder Stille Nacht, heilige Nacht.

Wie furchtbar wäre das Leben ohne die Hoffnung, von der sie singen und erzählen. Die Texte und Lieder von Weihnachten richten sich gegen das Entsetzliche der Welt. Halten meinen widerspenstigen Glauben aufrecht. Stärken meine Sehnsucht nach Veränderung. Ich glaube: Weihnachten ist eine ganz wichtige Provokation. Es beharrt darauf, dass die Welt geheilt werden kann. Fröhliche Weihnachten!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29921
19DEZ2019
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Fröhliche Weihnachten!“ ruft die Dame vor mir voller Freude ihrem Mann zu und umarmt ihn dabei heftig. Und auch er antwortet ihr voller Glück „fröhliche Weihnachten, mein Schatz!“

Perplex schaue ich auf das vor mir stehende Paar. Es ist mitten im August, wir sind in der Kirche und die beiden haben sich gerade vor dem Altar als Frau und Mann das Ja-Wort gegeben. Nun kommen auch die Trauzeugen und mit ihnen die ganze Familie nach vorne, es gibt kein Halten mehr. Alle umarmen sich, zuerst das Paar und dann auch alle anderen einander. Von allen Seiten ruft und schallt es „fröhliche Weihnachten!“. Und dann haben sich alle wieder hingesetzt und alles ging wieder seinen normalen Gang.

Es war ein wirklich überraschender Moment, und seither auch das erste und letzte Mal, dass ich so etwas erlebt habe. Eigentlich geht das ja gar nicht. Weihnachten feiert man an Weihnachten und nicht irgendwann mitten im Jahr. Wo kämen wir denn hin, wenn wir das ganze Jahr über Weihnachten feiern würden? Einfach so, nach Lust und Laune, wie jeder mag? Ja, wo kämen wir hin?

Vielleicht kämen wir dahin, das ganze Jahr über voll und ganz in einem Dreihundertfünfundsechzigtageweihnachtsfest aufzugehen. Mit einem durchgehend geschmückten Weihnachtsbaum und Klingglöckchenklingelingeling an jedem Tag. Ich fände das schlimm.

Vielleicht kämen wir aber völlig überraschenderweise auch dahin, dass der inhaltliche Kern des Weihnachtsfestes mit einem Mal im Mittelpunkt stünde: Dass Gott die Welt, die Menschen liebt. Und dass die Geburt des Christuskindes das Zeichen dafür ist. Und dass diese Liebe erfahrbar ist. In jedem Moment des Liebens und Geliebtwerdens.

Das Ehepaar hat dies so empfunden. Darum haben die beiden den Tag ihrer Hochzeit im August zum Weihnachtstag ihres Lebens erklärt und alle anderen mit ihrer Freude darüber angesteckt. Ganz unbedarft und unbekümmert und ansteckend. Wo kämen wir hin, wenn das alle täten?

Vielleicht kämen wir ja dahin, dass Weihnachten, das Fest der Liebe, viel präsenter, spürbarer, freudvoller erlebt und gelebt werden würde. Nicht nur an ein paar Tagen zu Weihnachten. Sondern übers ganze Jahr zu allen möglichen Gegebenheiten und Gelegenheiten! Lauter Festtage der Liebe, in vielen Momenten des Liebens und Geliebtwerdens. In diesem Sinne: Fröhliche Weihnachten!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29920
18DEZ2019
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

2000 Lichtjahre ist sie entfernt – die Sonne Chi im Sternbild des Fuhrmanns. Sie ist einer der am weitesten entfernten Sterne, die wir mit bloßem Auge gerade noch erkennen können. 2000 Lichtjahre entfernt, das bedeutet: Das Licht, das ich heute sehe, hat der Stern vor 2000 Jahren losgeschickt. Ein wunderbares Bild für das, was der Advent meint. Ein Ereignis vor 2000 Jahren, irgendwo der judäischen Provinz, beschäftigt mich bis heute.

Mehr noch: Es beschäftigt unzählige Menschen. Denn viele zelebrieren diese vorweihnachtlichen Tage geradezu. Wenn ich bei Dunkelheit durch die Straßen unserer Stadt laufen, sehe ich: Viele Wohnungen sind in Licht getaucht. Birnchen, die in allen Farben blinken. Oder kleine Leuchten, die den Baum im Vorgarten zieren.

Ich weiß sehr wohl, dass diese vielen Lichter nicht einfach nur einer adventlichen Gesinnung zu verdanken sind. Aber Sehnsuchtslichter sind sie allemal. Lichter, die nicht einfach nur die Wohnung hell machen sollen. Sehnsuchtslichter sind sie für mich, weil sie der Welt einen Glanz verleihen. Weil sie alles in ein neues Licht tauchen sollen.

Das ist für mich also das Schöne und auch das Spannende an diesen Tagen des Advent: Ich kann sehen, wie Menschen sich ihre Welt wünschen. Heller soll sie sein. Glanz soll von ihr ausgehen. Mit der Wohnung und den Straßen ist das ja noch einigermaßen einfach. Aber mit dem eigenen Leben wird’s schon schwieriger. Wie kann ich andere Menschen in einem neuen Licht sehen? Wie erscheine ich selber in neuem Glanz?

Das geht am besten, wenn ich mir überlege, was den Menschen, der mir begegnet ausmacht, jenseits all dessen, was ich vor Augen habe und von ihm weiß. Ich muss Menschen mit einem Blick anschauen, der ihnen in meinen Augen Glanz verleiht. Der schweizer Dichter Kurt Marti hat dafür schöne Worte gefunden. Er wendet sich an Gott mit den Worten: „Gib, dass ich im Süchtigen die Sehnsüchtige und im Schwarzmaler den Licht- und Farbenhungrigen erkenne.“

Ähnlich ist das auch mit dem Blick auf die Sonne Chi im Sternbild Fuhrmanns. Was mir vorkommt wie irgendein Sternenlicht, das ist genau das Licht, das dieser Stern ausgestrahlt hat – damals, als sich ereignet hat, was wir an Weihnachten feiern. Also wirklich ein besonderes Licht, das wir diesem Stern verdanken. Irgendwie also doch: Wir haben glänzende Aussichten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29971
17DEZ2019
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Träume gehen nicht in Rente!“ In einer Kunstausstellung habe ich diesen Satz unlängst gelesen. Und er hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Vielleicht auch deshalb, weil im vergangenen Monat gleich drei Menschen in meinem Umfeld in Rente gegangen sind.

Aber das ist nicht der alleinige Grund. Regelrecht unter die Haut gegangen ist mir vor allem die kühne Botschaft dieses Satzes. Träume verschwinden nicht einfach zum Stichtag. Sie verdunsten nicht innerhalb von 24 Stunden. Sie markieren die Hoffnungspunkte in meiner Seele. Sie sprengen die Grenzen, vor die mich die Realität immer wieder stellt.

Träume sind so etwas wie ein inneres Gerüst. Das, was mich ausmacht jenseits all dessen, was meine Mitmenschen an mir wahrnehmen können. Das, was sich in meinem Leben in der Öffentlichkeit abspielt. Mein Beruf. Meine Familie.

Diese Träume nehme ich überallhin mit. Über alle Grenzen hinweg. Ich bin sicher, auch über die Grenze des Todes. Die Träume von einer Welt, in der Menschen achtsam miteinander umgehen. In der „Friede und Gerechtigkeit sich küssen“ (Psalm 85,11), wie es in einem alten Psalm-Gebet heißt. Die Träume von einer Welt, in der sich etwas widerspiegelt von dem, was Jesus als „Reich Gottes“ bezeichnet hat.

„Dieses Reich Gottes, diese neue Welt, die so ist, wie Gott sie gemeint hat – sie ist schon ganz nah.“ (Markus 1,15) Das war die Botschaft, mit der Jesus sich ein ums andere Mal an die Menschen gewandt hat. Im Gespräch mit Menschen finde ich oft wenig von dieser Erwartungshaltung. Die Träume sind nicht in Rente geschickt worden. Es gibt sie noch. Aber ihnen geht irgendwie die Luft aus. Da soll eine vom Zerbrechen bedrohte Beziehung wieder heilen. Aber keiner tut etwas dafür. Da rückt uns der Klimawandel immer mehr auf die Pelle und ich träume von einer wieder heil gewordenen Welt. Aber mein Verhalten habe ich noch nicht wirklich geändert. Dass das Reich Gottes nahe ist, das muss meine Hoffnungen und Sehnsüchte doch beflügeln. Muss meine Träume von der Rente weg mitten ins Leben ziehen.

Und mit einem Mal wird dieser Satz von den Träumen, die nicht in Rente gehen, ein Wort des Zuspruchs. „Du musst deine Träume nicht in Rente schicken. Du musst ihnen zu ihrem Recht verhelfen. Und wach werden und aufstehen, damit sie wirklich werden können.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29970
16DEZ2019
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Ich bin dabei, die Rätsel der Ursprünge meines Lebens zu lösen!“ Ich war ganz schön überrascht, diesen Satz an meiner Haustür zu hören. Es hatte geklingelt. Und vor der Tür stand ein Paar. Wie Maria und Josef auf der Herbergssuche. Auf der Suche waren die beiden auch. Genauer gesagt der Mann. Er hatte früh seine Eltern verloren. Im Ruhestand machte er sich daran, die „Rätsel der Ursprünge seines Lebens zu lösen“, wie er das genannt hat. Im Rathaus hatte er nach Informationen über seinen Geburtsort gesucht. Und genau unsere Adresse genannt bekommen. „Warum soll ich in diesem Haus geboren sein?“ Erwartungsvoll haben die beiden mich angeschaut.

Ich konnte zumindest dieses kleine Rätsel lösen. In dem Haus, in dem ich wohne, war früher eine Geburtsklinik untergebracht. Darum hatte er wohl hier das Licht der Welt erblickt. Ein kleines Puzzlestück konnte der Mann also wieder in das Bild seines Lebens einsetzen. Wir kamen noch weiter ins Gespräch. Und er erzählte mir, dass er kaum etwas weiß über die ersten Jahre seines Lebens. Seine Frau hatte ihm deshalb die Reise zu den Spuren der Anfänge seines Lebens zum Geburtstag geschenkt.

Die Rätsel des eigenen Lebens zu lösen – das ist doch auch mein Thema. Sicher anders als bei diesem Mann. Die Anfänge meines Lebens liegen nicht im Dunkel. Ich habe eine Geburtsurkunde. Weiß, wer meine Eltern sind. Und meine Geschwister. Aber Rätsel bleiben im Leben noch genug. Der Sinn von Erfahrungen und Weichenstellungen, die ich gerne anders gehabt hätte. Die verantwortliche Planung der Zeit, auf die ich zugehe. Im neuen Jahr. Beruflich irgendwann dann auch im Ruhestand. Beziehungen, die mit einem Mal schwierig werden. Mir nahestehende Menschen, die plötzlich schwer krank werden. Die Frage nach dem tragenden Grund meines Lebens.

Ein weihnachtliches Lied kommt mir in den Sinn. Eine Strophe darin heißt: „Bist Du der der eignen Rätsel müd? Es kommt, der alles kennt und sieht!“ In diesen Tagen des Advent ist die Sehnsucht besonders groß, dass sich die großen Rätsel des Lebens lösen lassen. Wenn dieses Paar in diesen Tagen noch einmal bei mir klingeln würde, wären sie vom Licht des großen Herrnhuter Sterns beschienen, der derzeit über der Eingangstür hängt. Und ich wünschte mir, der Mann würde spüren: Dieser Stern könnte ihm einen Weg weisen, die entscheidenden Rätsel seines Lebens zu lösen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29969