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SWR2 Wort zum Tag

16NOV2019
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Mensch Paulus, dieser Satz soll von dir stammen: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen?! Hast du das wirklich so gesagt oder geschrieben? Ich jedenfalls bin mal ziemlich heftig auf die Nase gefallen mit diesem Zitat. Da hatten wir in der Hochschul-Gemeinde einen Abend zum Thema Arbeit und Arbeitslosigkeit - und ich sollte erzählen, was die Bibel so sagt zu dem Thema… Der Arbeiter ist seines Lohnes wert – das hat Jesus wohl gesagt. Und dann eben, von dir, Paulus, sollte sein: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen…

Klar, wie das bei den arbeitslosen Akademikern in der Runde ankam. Ich hatte ganz schön zu rudern und musste einiges erklären, damit sie nicht Kirche und Bibel und vor allem auch dich Paulus und mich für ziemlich bekloppt halten.

Inzwischen ist mir einiges klarer geworden: Natürlich hast du da nicht gegen arbeitslose Menschen agitiert; die gab es damals ja wohl eher nicht, in deiner Gesellschaft. Wer wegen Krankheit arbeitsunfähig ist, ist sicher auch entschuldigt.

Und wenn ich noch mal genau hinschaue:  Da steht ja in Wirklichkeit, dass nicht essen soll, wer nicht arbeiten will… Das geht also gegen Leute, die meinten, sie haben es nicht nötig, selbst zu arbeiten. Die ihr Geld und eben auch andere Menschen arbeiten lassen konnten und sich ein schönes Leben machten. Das hast du schon damals unerträglich gefunden, jedenfalls in einer christlichen Gemeinde. Weil es ungerecht ist und unter Geschwistern einfach unanständig.

Setzt eure Ehre darein, von eurer Hände Arbeit zu leben, hast du ihnen geschrieben. Und hast auch selbst genau so gelebt: Du, der Missionar Paulus, hast dein Brot als Zeltmacher verdient. Klar: Wer arbeitet, kann anderen vom Arbeiten auch was erzählen…

Und zweitens: Arbeit gehört für dich – und für die Kirche heute zur Würde des menschlichen Lebens dazu. Wer arbeitet, macht es wie Gott und gestaltet die Schöpfungswelt mit. Manche würden gern arbeiten – aber niemand lässt sie. Da hilft zum Beispiel die Aktion Arbeit bei uns im Bistum Trier: Die unterstützt mit Spendengeldern Einrichtungen,  für Menschen nach langer Arbeitslosigkeit; in diesem Jahr gehen deutlich über hunderttausend Euro an dreizehn Projekte –  unter anderem kriegen acht Langzeitarbeitslose die Chance,  einen Hauptschulabschluss zu machen und dann eine Ausbildung –  damit sie wieder von der eigenen Hände Arbeit leben können.

Mensch Paulus, gut, dass du daran gelegentlich erinnerst.

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15NOV2019
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Meine Eltern mussten heiraten, damals, am 15. November. Wobei: ich, ihr erstes Kind, bin erst zwei Jahre später geboren. Nein – mein Vater bekam seine Stelle als Leiter eines Wohnheims der Caritas für Lehrlinge im Bergbau nur, wenn er eine Ehefrau mitbringt,  die – selbstverständlich unentgeltlich – mitarbeitet. Also mussten sie heiraten.

Ob heute noch jemand heiraten muss? Wohl kaum wg mitarbeitender Ehefrau. Aber auch, wenn ein Kind unterwegs ist und so genannte „richtige“ Eltern haben soll, geht es ohne Heirat. Selbst die katholische Kirche geht inzwischen  manchmal ein wenig freier damit um;  unverheiratet zusammenleben – das war lange ein absolutes NoGo… Da hat sich sicher schon einiges geändert.

Zwei Menschen heiraten aus Liebe. Haben sich lange und intensiv geprüft. Weil sie ja doch was Endgültiges vorhaben miteinander. Liebe, also wirkliche Liebe jedenfalls sehnt sich nach Ewigkeit. Und Menschen, die heute heiraten, haben sich das sorgfältig überlegt.

Dabei sollen die Gemeinden in der katholischen Kirche sie  deutlich besser unterstützen als bisher. Fordert der Papst. Denn die Kirche sieht in der Ehe ja viel mehr  als einfach nur ein Paar aus zwei Menschen, die sich füreinander entscheiden. Katholisch gilt die Ehe als Sakrament – ein wirksames Zeichen dafür, wie Gott die Menschen und die Welt liebt. Papst Franziskus hat vor drei Jahren einen langen Brief dazu geschrieben über die Fröhliche Liebe – Amoris Laetitia. Da hat er sehr deutlich daran erinnert, dass die jungen Leute sich vor der Heirat gut kennenlernen sollen –  sich selbst und die und den anderen. Und ihre Liebe anschauen – und dass sie realistisch auch daran denken, dass wahrscheinlich kritische Tage kommen werden. Auch, wenn sie dann vielleicht ein bisschen länger brauchen,  bis sie sich auch trauen und kirchlich heiraten  und einander das Sakrament spenden…

Schon ein paar Jahre vor Papst Franziskus hatte ein Bischof in Österreich „Zwanzig Gründe, nicht oder noch nicht zu heiraten“ aufgeschrieben. Nicht heiraten, rät er, wenn die zwei noch nie einen Streit hatten und den durch ein persönliches Gespräch gelöst haben; oder: wenn die Beziehung stark unter Langeweile steht…

Niemand muss heute mehr heiraten – das ist gut so. Des Bischofs zwanzig Gründe könnten helfen,  es – wenn schon – dann gut überlegt zu tun  und mit Aussicht auf Dauer.

Ach ja: Bei meinen Eltern war es heute vor achtundsechzig Jahren.

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14NOV2019
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Gut vierzig Tage noch bis Weihnachten. Aber „Weihnachten“ – das Christ-Fest?  Immer wieder gibt es mal politische oder andere Versuche,   mit solchen Begriffen Schluss zu machen.  So wie vor ein paar Jahren in Oxford in England. Christmas sollte es nicht mehr geben. ChristmasExit, sozusagen. Denn das Stadt-Parlament wollte political correct sein;  „christmas“ zu sagen, das verletze die religiösen Gefühle der Nicht-Christen…

Also heißt die traditionelle Weihnachtsbeleuchtung in der Innenstadt „Winter lights“ und ist Teil eines „Winter festival“. Specially not amused waren die Vertreter der anderen Religionen. Sabir Hussain Mirza vom Muslim Council of Oxford zeigte sich entsetzt. Christen, Muslime und alle anderen Religionen freuen sich doch auf Christmas. Rabbi Eli Bracknell kritisiert: „Wenn jemand das Christentum wegwischt, greift er die britische Identität an.  WinterLight umfasst alle Feste – aber es verdeckt sie auch.“ so die jüdische Stimme.  Und der Christ James Grote stellt fest: Die Leute fühlen sich nicht angegriffen, wenn sie vom Glauben der anderen hören.

In Oxford haben die Abgeordneten dann schon bald angefangen, zurückrudern: Einen Christmas tree, einen Weihnachtsbaum, gab es natürlich doch wieder, hörte man aus dem Rathaus. Wobei aufgeklärte Christen wissen,  dass der Weihnachtsbaum nun ausgerechnet nicht gerade ein christliches Symbol für Weihnachten ist.

Ich bin hin und her gerissen. Einerseits ist es absurd, wenn jemand in der Politik versuchen will, der europäischen Kultur die geschichtlichen Wurzeln auszureißen;  die sind eben auch christlich. Jedenfalls vom Christentum  und seinen jüdischen Wurzeln mitgeprägt;  und übrigens auch vom Islam des Mittelalters.

Und wer anfängt, die christlichen Feste abzuschaffen, will in Wirklichkeit Religion überhaupt weghaben – deswegen protestieren auch Juden und Muslime.

Andererseits: Was inzwischen in unseren Städten unter dem Stichwort „Weihnachten“ läuft: Wie viel davon, bitte, ist christlich oder wenigstens verbunden mit dem, was Weihnachten ursprünglich meint!?

Wenigstens denken könnte man das doch mal: Das inzwischen übliche Weihnachten abschaffen und das Fest der Geburt des Jesus Christus sowas wie neu entdecken, dass da Gott geboren wird an der Seite der Armen; und daraus die Konsequenzen ziehen. Und das braucht mehr als vierzig Tage  und geht sicher über Weihnachten hinaus!

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13NOV2019
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Zugegeben: Erst mal war ich ein wenig verwirrt, als ich zum ersten Mal an der Plakatwand vorbeikam.  Anfang Oktober wohl. Der große Burger-Brater Weihnachts-Countdown war da angekündigt. Weihnachts-Countdown: Soll das ein neues Wort für Advent sein? Und– schon im Oktober? Da muss doch jemand einiges verwechselt haben, dachte ich.

Erstens: die Zeit. Weihnachten ist am 25. Dezember –  was soll da ein Countdown schon drei Monate vorher? Zweitens: Countdown? Also runter-Zählen von X bis Null –  und dann wird gezündet. Heute wäre übrigens X minus 43 Tage... Advent – und so auch jeder Adventskalender: zählt doch eigentlich aufwärts. Von eins bis vier, wenn’s nur die Sonntage sind. Und bis vier- oder fünfundzwanzig, wenn alle Tage des Kalenders zählen.

Da – übrigens – wäre vielleicht eine Parallele:  Viele konventionelle Adventskalender verstecken ja hinter ihren Türchen jeden Tag ein Stückchen Schokolade oder sonst was Süßes. Und der Burger-Laden nennt es Weihnachts-Countdown, wenn er den Leuten jeden Tag ein Sonderangebot macht:  eins von seinen Produkten plus kleine Zugabe besonders billig -  aber nur, wenn du unsere App installiert hast und sie auch benutzt. Geht also wohl mehr darum, das digitale Angebot zu verbreiten; und ob das ein Geschenk ist oder per Daten-Austausch  eher ein gutes Geschäft für den Konzern: Wäre noch zu klären…

Das Geschenk, auf das wir bald – im Advent nämlich –  auf Weihnachten zugehen, das Geschenk eines Kindes, das die Welt ganz neu mit Gott verbindet: das gibt es ganz kostenlos und ganz ohne App;  gratis und für jede und jeden – und sicher nicht umsonst. Jedenfalls für alle, die sich darauf einlassen  und bereit sind, das Kind und seine Eltern zu suchen und zu finden und sich mit ihnen auf den Weg zu machen.

Auf Weihnachten zugehen – Advent erleben und feiern–  das ist dann ja sowieso viel mehr als Runterzählen. Das geht nicht gegen Null. Und keine Spur von Stillhalten und Hände in den Schoß legen. Advent wird auch in diesem Jahr eine neue Herausforderung sein: Für mehr Frieden zu sorgen und Gerechtigkeit und Menschlichkeit –  weltweit und im eigenen Lebensbereich. Weil die erste Botschaft, die mit Weihnachten kommt, heißt schließlich: Friede auf Erden. Und der muss wachsen, schon ab heute.

Ach ja – heute: endet der große Weihnachts-Countdown schon in der Burger-Kette. Bleibt noch Zeit genug bis zum Advent!

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12NOV2019
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In diesen Tagen sind sie wieder unterwegs: Die Martinszüge mit dem Reiter und den vielen Kindern mit Laternen. Wobei: Martin von Tours ist deutlich mehr gewesen als ein römischer Soldat, der seinen Mantel durchschneidet und mit einem Bettler am Straßenrand teilt, der sonst vielleicht erfroren wäre.

Nach dieser Tat der Nächstenliebe erst  hat er den christlichen Glauben kennengelernt und hat sich taufen lassen. Sehr konsequent war es, dass er sich dann auch von seinem Beruf getrennt hat: Nach fünfundzwanzig Jahren im römischen Heer  wirft er dem Kaiser den Bettel hin –  kurz vor einer Schlacht bei Worms (356 nChr).  Dem Kaiser Julian sagt er: „Bis heute habe ich dir gedient;  gestatte nun, dass ich jetzt Gott diene.  Ich bin ein Soldat Christi, es ist mir nicht erlaubt, zu kämpfen“.  Klar, dass ihm das als Feigheit vor dem Feind ausgelegt wurde. Aber damit hatte Martinus wohl gerechnet. Er bietet nämlich an, ohne Waffen in die Schlacht zu gehen, gern auch in der ersten Reihe.

Gott sei Dank blieb ihm der Beweis erspart, wie sehr er auf Gottes Schutz vertrauen kann: Vor Tagesanbruch schickten die Germanisch-Gallischen Gegner Unterhändler; es gab einen Waffenstillstand und keine Schlacht. Martins einziger Schaden war:  er musste auf das geschenkte Landgut verzichten, das der Kaiser jedem Veteranen zum Abschied schenkte –  zum Dank für treue Dienste bei der Truppe und zur Altersversorgung.

Aber da war er sowieso schon auf einem anderen Weg. Der Soldat Martinus wird Mönch;  aber sein Ruf verbreitet sich schnell im Land. Als die Stadt Tours einen neuen Bischof braucht, entführen sie ihn aus dem Kloster  und geleiten ihn mit Sprechchören bis in die Kathedrale. Martin entwischt noch mal, versteckt sich im Gänsestall. Leider verraten ihn die Gänse mit lautem Geschrei –  deswegen sind auch gestern wieder Martinsgänse auf vielen Tischen gelandet.

Scheint, dass Martin ein guter Bischof geworden ist in Tours an der Loire. Stadt und Bistum Trier sind stolz, dass er zweimal hier gewesen ist –  einmal davon im heftigen Streit mit dem Kaiser und anderen Kirchenleuten.  Bei uns im Bistum Trier gibt es fast so viele Martins-Kirchen und Pfarreien wie solche, die der Gottesmutter Maria geweiht sind.  Ein sehr beliebter Heiliger.

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11NOV2019
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Sankt Martin - das war der römische Soldat, der seinen Soldaten-Mantel mit einem Bettler geteilt hat und dem in der Nacht darauf Jesus Christus im Traum erscheint, angetan mit dem halben Mantel; und Jesus sagt den Engeln: Martinus hat mich mit diesem Mantel bekleidet. Übrigens ist Martinus da ein ziemliches Risiko eingegangen: Die Ausrüstung der römischen Soldaten gehörte schließlich dem Kaiser; und war ein staatliches Symbol der Macht. Den Mantel zu zerreißen, das war ein Staats-Vergehen.

Alles richtig – und gut, dass in diesen Tagen die Szene  mit Martin auf dem Pferd und dem Bettler und dem geteilten Mantel  immer wieder mitläuft bei den Martinszügen überall im Land. Und dass die Kinder und Familien das Licht in den dunklen Abend tragen mit ihren Laternen – ein Licht, das sich der Liebe verdankt und das die Herzen erwärmen kann und die ganze Welt.

Ist es also egal, ob sie zum Martinszug kommen oder zum SonneMondundSterne-Fest oder zum Laternen-Zug? Auch der Soldat Martinus war noch auf Distanz zu Kirche und Glauben; hat sich einfach von der Not eines anderen Menschen hinreißen lassen. Jedenfalls war das wohl noch vor seiner Taufe.

Keineswegs egal! Ich weiß, dass viele muslimische Eltern jedenfalls seltsam finden und eher befremdlich wenn im Kindergarten oder in der Grundschule darüber diskutiert wird:  dass doch bitte mit Rücksicht auf die Kinder aus muslimischen Familien oder aus Familien ohne Religion auf die Geschichte mit dem heiligen Martin verzichtet werden soll. Hauptsache bunte Lichter und kindgemäße Lieder;  und Weckmänner oder Brezen würden doch auch ohne gehen… Ganz im Gegenteil, sagen sie dann:  Auch im Islam sind Barmherzigkeit und Mildtätigkeit religiöses Gebot; wie sie sich den Menschen in Armut besonders zuwenden können: da finden auch muslimische Eltern den heiligen Martin  ein gutes Beispiel und Vorbild.  Und darauf wollen Kitas und andere verzichten – angeblich aus Rücksicht?

Christ geworden ist ja der historische Martinus erst nach seiner Mantelteilung. Und dass er mit seiner Tat genau das getan hatte,  was Jesus von jedem Christenmenschen irgendwie erwartet: Dass sie teilen, was sie haben; dass sie die krassen Unterschiede ausgleichen zwischen reich und arm – weil sie alle von Gottes Liebe leben und die weitergeben sollen und können… – das  hat der Soldat Martinus erst nachträglich erfahren. Ich finde das schön und bin dankbar dafür –  auch weil es bis heute zum Teilen einlädt und motiviert.

Aber wenn manche nur ein Lichterfest feiern: ist doch auch schon mal schön; wer weiß, welches Licht ihnen dabei oder danach auf Dauer noch aufgeht…

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