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SWR2 Wort zum Tag

09NOV2019
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Manche Mauern müssen weg. Die in Berlin zum Beispiel – die musste weg. Eine Wand zog sich mitten durch die Stadt – rund dreißig Jahre lang. Zerschnitt Stadtteile, Straßenzüge und Häuser. Teilte auf in Ost und West, in Gut und Böse. „Antifaschistischer Schutzwall“ war sie den einen, bloße „Schandmauer“ den anderen, ein Gefängnis den dritten. Ein Todesstreifen mit Stacheldraht, Scharfschützen und Selbstschussanlagen. Viele, die sich mit dieser Grenzziehung nicht abfinden wollten, blieben darin hängen, blieben liegen. Diese Mauer musste weg – unbedingt.

Gewiss: Manche Mauern sind auch sinnvoll. Kleine Grenzmarkierungen zum Beispiel, die Bereiche abstecken, innerhalb derer man sich zuhause und geborgen fühlt. Eine Welt so ganz ohne Grenzen fände ich – glaube ich – nicht erstrebenswert. Völlig offene Grenzen bedeuten ja immer auch Schutzlosigkeit. Und Ängste solcher Art erleben wir in diesen Zeiten zur Genüge.

Es gibt Grenzen, die markieren Schutzräume, zäunen ein, was langsam an Lebensgewohnheiten gewachsen ist – so wie die Umfriedung eines Beets im Garten die Pflanzen dort schützt. Solche Grenzen wollen nicht einsperren, aussperren oder Begegnung verhindern. Sie weisen nur Schutzräume aus. Und solche Grenzen verdienen Beachtung.

Freilich, sie werden auch nicht auf Tod und Leben verteidigt. Sie werden nicht massiv und undurchdringlich hochgemauert, sondern überschaubar gehalten. Sie lassen sich öffnen und passieren.

Manche Mauern sind sinnvoll, manche müssen weg. Und manche Mauern bleiben einfach, ob man will oder nicht. Sie erweisen sich als ausgesprochen hartnäckig, lassen sich nicht mit Hammer und Meißel bearbeiten, lassen sich auch nicht so einfach niederreißen.

Vorurteile zum Beispiel und alt eingesessene Meinungen darüber, wie die anderen sind – die da „drüben“, die „Ossis“, die „Wessis“, die „Besserwessis“. Vielleicht braucht es zwei, drei Generationen, um Menschen an eine Mauer aus Stein zu gewöhnen, und dann drei oder vier Generationen, um die Mauern von Vorurteilen wieder Schicht für Schicht abzutragen.

Der Vereinigungstaumel vom 9. November 1989 endete im Kater danach. Und es kursierte das böse Wort von der Mauer, die wieder her muss. Nein, sie darf nicht wieder her, diese Mauer! Nieder mit dem Beton zwischen den Häusern und Gärten! Weg mit dem Beton in den Köpfen!

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08NOV2019
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„Gibt es noch Grenzen?“, so sinniert ein durch Berlin brausender Chauffeur in Wim Wenders Film „Der Himmel über Berlin“. Er hat eine Limousine aus Vorkriegstagen an den Drehort zu einem Film zu überführen und macht sich während der Fahrt so seine Gedanken.

Mich hat der Film „Der Himmel über Berlin“ schon immer fasziniert. Ich empfinde ihn als prophetisch, in mancherlei Hinsicht. 1987 in die deutschen Kinos gekommen erzählt er eine Story in der damals noch geteilten Stadt – und resümiert dabei, so ganz nebenbei, die deutsche Geschichte seit 1945. Die unüberwindliche innerdeutsche Grenze, die Mauer, spielt dabei eine entscheidende Rolle. Nur zwei Jahre später ist diese Mauer, ist die Teilung Deutschlands Geschichte.

Ein besonderes Erlebnis war für mich die Aufführung des Films während des Berliner Kirchentags im Juni 1989 samt einer Diskussion mit dem Regisseur Wim Wenders. Die Zeichen der Zeit standen auf Wandel. Wenige Wochen später besetzten DDR-Bürger die Prager Botschaft, drängten auf Reisefreiheit. In Leipzig und anderen ostdeutschen Städten kamen im Herbst DDR-Bürger zu Friedensgebeten zusammen und demonstrierten anschließend zu Tausenden für politische Freiheiten. Im November fiel die Mauer in Berlin und anderswo.

Wenn ich den Film heute sehe, entdecke ich andere, ebenso aktuelle Zeitansagen, denn manche Grenzen blieben oder kehrten zurück. „Gibt es noch Grenzen? Mehr denn je“, sagt der Chauffeur aus „Der Himmel über Berlin“, und weiter: „Zwischen einzelnen Grundstücken gibt es Niemandslandstreifen, getarnt durch eine Hecke … Jeder Hausherr nagelt sein Namensschild als Wappen an die Tür … Das deutsche Volk ist in so viele Kleinstaaten zerfallen, wie es einzelne Menschen gibt.“

Eine prophetische Botschaft: In einem grenzenlosen Deutschland oder Europa richten Menschen immer neue Grenzen zwischen sich auf – Grenzen der Mentalität, der Herkunft und Kultur, Grenzen des Eigentums, der Gesinnung und des Lebensstils. Und es bedarf eines neuen Aufbruchs über die individualistische Kleinstaaterei hinaus. Das geht nicht ohne Offenheit und Vertrauen, ohne Empathie für den anderen und Interesse am anderen. Oder um es mit den Worten Jesu zu sagen: Es geht nicht ohne eine Nächstenliebe, die nicht schon an Nachbars Garten ihre Schranken findet, sondern sich zu einer „Fremdenliebe“ weitet.

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07NOV2019
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Ich erinnere mich noch gut daran, wie sie die Züge durchpflügten, die DDR-Grenzpolizisten mit ihren Stempel-Tornistern. Anfang der 1980er Jahre war das. Damals habe ich in Berlin studiert. Und jedes Mal, wenn ich von zuhause in Stuttgart mit der Bahn nach Berlin fuhr oder zurück, musste ich zweimal die innerdeutsche Grenze passieren, bei Probstzella in Nordbayern, und dann wieder kurz vor Berlin in Griebnitzsee.

Eine halbe Weltreise. Viele Stunden unterwegs. Lange Wartezeiten an den Grenzbahnhöfen – auch deshalb, weil sie mit Spiegeln unter die Waggons schauten und mit Hunden am Bahnsteig entlang patrouillierten. Die Grenzpolizisten kamen dann irgendwann in die Abteile, auch mitten in der Nacht, und kontrollierten die Papiere.

Zwei Grenzüberquerungen auf einer Fahrt von Stuttgart nach Berlin! Heute kaum noch vorstellbar, zumal in einem Europa ohne Grenzen. Zweimal über eine innerdeutsche Grenze! Für mich als westdeutscher Student in Berlin lief das problemlos. Für andere waren diese Grenzen absolut unpassierbar – wie Gefängnismauern. Die gesamte DDR – ein einziges Staatsgefängnis!

Als junger Student fand ich das kurios, aber auch normal. Ich kannte nichts anderes als ein geteiltes Deutschland. Später bin ich aufgewacht, konnte mehr und mehr nachempfinden, was es bedeutet, wenn man sich frei bewegen kann und wenn das eben nicht der Fall ist.

Reisefreiheit, Freizügigkeit in der Suche von Lebensorten und Arbeitsmöglichkeiten, ungehinderte Besuchs- und Begegnungsmöglichkeiten mit anderen Menschen – das sind hohe Güter und politische Errungenschaften in einem geeinten Deutschland und vereinten Europa. Wer das leichtfertig aufs Spiel setzt, kennt die Geschichte nicht und hat vom Wesen des Menschen wenig verstanden.

Auch das christliche Menschenbild kennt diese Art von Freiheit. Die Gemeinden Jesu Christi sind von Anfang an internationale und multikulturelle Begegnungsorte. Da ist niemand mehr darauf festgelegt, woher er stammt. Der Apostel Paulus, selbst Weltreisender in Sachen Evangelium, hat es vor 2000 Jahren so formuliert: „In Christus gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Juden und Griechen, zwischen Sklaven und Freien“, sondern nur noch diejenigen, die die universale Sprache des Evangeliums Jesu hören.

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06NOV2019
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Die Schwelle für abschätzige Bemerkungen über Andere sinkt.
Macht da Widerrede Sinn? Oder besser - einfach Überhören? 

Im Roman »Jugend ohne Gott« von Ödon von Horvath – aus dem Jahr 1938 – ist das die Schlüsselszene: Die Hauptfigur ein Lehrer. Er leidet unter seinen rassistisch-indoktrinierten Schülern. Und sagt sich: „Ich werde mich hüten, ... auch nur die leiseste Kritik zu üben. … Wenns auch weh tut, was vermag der Einzelne gegen Alle? … Ich will mich nicht mehr ärgern.“ (9).

Und dann kann er doch nicht an sich halten.
Als ein Schüler im Aufsatz schreibt: „Alle Neger sind hinterlistig, feig und faul“, kann er sich bei der Heftausgabe den Kommentar nicht verkneifen: „Auch Neger sind doch Menschen.“

Seine Schüler sind empört.
Dieser eine Satz hebt die eingeübte Trennung vom Hass gegen „die Anderen“ und der Liebe zu „den Eigenen“ auf. Es regt sich mehr als Widerspruch. Dem empörten Vater des Schülers hält er entgegen: „… das steht doch bereits in der Bibel, dass alle Menschen Menschen sind!« Punkt. Aus. Mehr nicht. 

Mich fasziniert – wie einsilbig und klar der Lehrer in Horvaths Roman reagiert.
Als würde es über ihn kommen. Von innen heraus. Ohne jeden Schnörkel.

Aber kann so ein apodiktischer Satz wie „Alle Menschen sind Gottes Ebenbilder“ wirklich etwas bewegen? Im Roman bleiben die Schüler unbeeindruckt davon.

Und doch steht diese eine Wahrheit ausgesprochen - im Raum. 

Ich frage mich das, weil ich ähnliche Erfahrungen kenne:

Jahr für Jahr fahre ich mit Jugendlichen nach Grafeneck.

Hier wurden 1939/40 mehr als 10.000 Menschen ermordet.

Seelisch Erkrankte, körperlich Behinderte.

Ich glaube, im Lauf der Jahre werden meine Impulse und Hinweise immer knapper.

Ein Brief. Ein Gedicht. Ein Bild. Wenige Worte.

Ich will Ihnen mehr Raum und Zeit geben für eigene Empfindungen.

Selber hinschauen, selber nachempfinden.


Manchmal werfe ich mir hinterher vor:

Du hättest besser informieren müssen, mehr über die Verbrecher und ihre Verbrechen aufklären müssen. Im Detail. 

Doch dann merke ich:

Damit die Jugendlichen nicht nur wissen, was damals für Verbrechen passiert sind,

kommt es auf Empathie an – auf Mitgefühl.

Information allein reicht nicht aus, damit in ihnen eine innere Grundhaltung wächst, die sie prägt.

Damit es auch aus ihnen herausplatzen kann - wie aus dem Lehrer in Horvaths Roman.

Darum ist beides so wichtig: Information und Mitgefühl.
Denn klare Kante – entschiedene Widerrede – basiert auf Empathie.

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05NOV2019
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Klassentreffen - die Einladung kam per Mail.

Kann ich – will ich – soll ich dabei sein? Soll ich es diesmal versuchen? 

Was bringt so ein Treffen?

Schwelgen in Erinnerungen? Schmerzende Vergleiche?

Die einen haben Erfolg – die anderen nicht.

Das ist keine einfache Gemengelage. 

Bei Schulabschluss-Jubiläen drängt sich eine Teilnahme auf:

25 Jahre – 40 Jahre und so weiter – das sind Etappen - wie Lebensbilanzen, wie
Zwischensummen: Was ist seither geworden? Und wieso?
Was ist aus Träumen und Hoffnungen und Wünschen geworden?

Was denken die Anderen heute? Zu Fragen der Gegenwart?

Was erwarten und wünschen sie sich heute?

Die gemeinsamen Jahre in der Schule haben geprägt.

Sie sind mitgegangen.
Diese Jahre durchgehen, durchsprechen, erinnern – das kann man gut mit denen, die dabei waren.

Manche Schulklassen halten eng zusammen.
Jahr für Jahr gibt es Engagierte, die einladen und sich treffen.
Vielleicht werden gemeinsame Unternehmungen oder auch ein gemeinsames Engagement verabredet. Denkbar ist das. Aber auch realistisch? 

Ich denke mir:
Hab´ bloß keine zu hohen Erwartungen. Denn: Das kann gehörig daneben gehen.
Es muss ja nichts wieder neu aufleben.

Doch das eine – das reizt mich – und das wäre mir ein so großer Gewinn - und die Reise wert: Erinnerungen teilen. 

In der Bibel heißt es »Du sollst Vater und Mutter ehren«.
Was wörtlich soviel bedeutet wie: Nimm ihre Lebensgeschichte nicht auf die leichte Schulter – gib ihr Gewicht. Sie hat mit dir zu tun.
Auf die eigene Lebensgeschichte gewendet – kann das bedeuten:
Du sollst auch deine eigene Vergangenheit ehren! Und ihr Gewicht geben!
Sie ernst nehmen!
Hinschauen auf das, was war: Im Beruf, in der Partnerschaft und in der Familie.
Schau auf die wunderbaren Momente!

Schau auch auf Verirrungen und Verletzungen - auf das, was misslungen ist – ­
und auf das, wofür man sich heute noch schämt. 

Allein ist das schwierig.
Mit denen, die einen von früher kennen, die prägende Jahre miterlebt haben – ist das eine besondere Chance.
Nimm die eigene Lebensgeschichte wichtig. Genau das kann bei einem Klassentreffen passieren.

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04NOV2019
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30 Jahre Mauerfall – lang ist das her. Doch meine Reisen in die DDR vor dem Mauerfall sind mir nah und frisch in Erinnerung. Warum eigentlich? 

Bei Besuchen in der DDR – bei Verwandten in Köthen, bei Studierenden in Berlin – sind mir so warmherzige Menschen begegnet.
Ganz ohne Karrierespleen. Geld und seine Vermehrung war nicht ihr Thema. Gespräche ohne Filter - mit Tiefgang: Über Liebe, Tränen und Ängste, über Kunst und Politik.

Doch schon im nächsten Moment konnte diese Vertrautheit wie weggewischt sein.

Ich erinnere mich: in der Disko hat jemand meinen Cousin angesprochen: Er wisse, wie er nach Finnland kommen und wie er ihm dabei helfen könne. Ein Spitzel?

Wie wurden Schüler von ihren Eltern gedrillt, damit sie auf die Frage in der Schule, was sie denn am Wochenende alles im Fernsehen geschaut haben, ja nicht von West-Fernsehsendungen erzählten. ((Die Schere im Kopf – von klein auf.)) 

Neben brutaler Gewalt gegen Andersdenkende, die es auch gegeben hat, sind das eher harmlose Beispiele. Doch perfide Überwachung im Alltag schüchtert ein - zerfrisst gegenseitiges Vertrauen – erstickt das freie Wort.

In einer Diktatur den Mund aufmachen für Freiheit und Menschenrechte - dazu gehört Mut.
Viele sind dafür aufgestanden – vor 30 Jahren – und haben die SED-Diktatur in der DDR überwunden. Überall waren kirchliche Gruppen dabei. Sie haben sich von ihren Ängsten – die sie auch gehabt haben – nicht abhalten lassen.
Mit Gottes-Zusage im Ohr und im Herzen – „Fürchte Dich nicht, ICH bin bei Dir!“ – sind sie auf die Straße gegangen. Zuerst zaghaft und dann immer mutiger.
So brachen in Leipzig Abertausende nach dem Friedensgebet von der Nikolaikirche zu den Montagsdemonstrationen auf. In Berlin war die Zionskirche - in der Dietrich Bonhoeffer einst Pfarrer war – ein Ort, wo mit Mahnwachen auf Menschenrechtsverletzungen hingewiesen wurde. 

„Wo der Geist des HERRn ist, da ist Freiheit!“, hat der Apostel Paulus einmal geschrieben. Mir scheint, dieser „Geist der Freiheit“ war vor dreißig Jahren mächtig wirksam und hat dabei geholfen, eine Diktatur gewaltfrei zu überwinden.

Bei allen Schwierigkeiten, die bis heute immer wieder das Zusammenwachsen von Ost und West erschweren: diesen Freiheitsgewinn klein zu reden, heißt /hieße, die Qualen einer Diktatur zu verharmlosen. 

Rede-, Demonstrations- und Versammlungsfreiheit – ohne Zensur Lesen und Schreiben können, was ich mag – das sind ganz elementare Fundamente eines freiheitlichen Miteinanders. Für mich sind diese Freiheiten seelische Grundnahrungsmittel. Erkämpft vor 30 Jahren und nun zu haben - in Ost und West.

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