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SWR2 Wort zum Tag

14SEP2019
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Häuser sprechen. Zuerst in ihrer Sprache der Architektur, manchmal aber auch, weil was dran steht, für jeden lesbar, der am Haus vorbeikommt. Im Urlaub habe ich das gelesen:
„Wider Gesetz und Gewissen handeln, thut Gottes Segen in Fluch verwandeln.“

Der Spruch steht an einem sehr repräsentativen großen Gebäude in der alten Hansestadt Riga. Das Haus selbst zeigt überdeutlich, hier wurde Geld verdient und die Bewohner waren überzeugt, unser wirtschaftlicher Erfolg ist Zeichen von göttlichem Segen: ‚Hier leben und arbeiten, mit Gottes Segen, freie erfolgreiche Kaufleute‘, sagt dieses Haus.

Ursprünglich ist es aus dem Mittelalter. Von damals ist wohl auch der Spruch, „Wider Gesetz und Gewissen handeln, thut Gottes Segen in Fluch verwandeln.“

Erstaunlich finde ich, hier spricht Kaufmannstolz, aber man setzt auch der eigenen Selbstverwirklichung Grenzen: Wirtschaftlicher Erfolg heiligt nicht alle Mittel.

Spannend finde ich zudem, es ist eine doppelte Grenze gesetzt: „Gesetz und Gewissen.“ Also nicht nur staatliche Ordnung begrenzt. Es ist ja auch noch kein besonderes Zeichen von Freiheit, wenn man sich an Gesetze hält.

Auch ihr Gewissen sollte die Rigaer Kaufleute bestimmen in ihrem wirtschaftlichen und sozialen Tun. Da erst beginnt dann Freiheit wirklich. Wenn man Dinge tut oder auch sein lässt, aus Gewissensgründen. Selbst um den Preis, dass man dann nicht alles rausholt, was möglich wäre. Das ist Freiheit.

Ein hoher Standard, den die Rigaer Kaufleute sich gesetzt haben. Aber ich finde auch ein zunehmend aktueller.

Was sagen Häuser, die heute bei uns gebaut werden? Firmenzentralen, Bankgebäude oder Häuser von „wichtigen“ Menschen usw.? Von Geld und Erfolg erzählen viele, auch von freier Selbstbegrenzung? Warum sind die meisten neuen Bürogebäude immer noch Glaspaläste? Warum setzen sie eher selten auch nach außen sichtbare ökologische Zeichen? Sagt das etwas über das ökologische Gewissen, der Firmen, der Ministerien, der Bauherren?

Vielleicht können wir ja was von den Rigaer Kaufleuten abgucken: Nachhaltiges Wirtschaften und Handeln braucht Menschen mit Rechtsempfinden und Gewissen. Und frei sind wir nicht schon, wenn wir tun, was Gesetz geworden ist. Frei ist man, wenn man seinem Gewissen folgt, weil das oft schon längst weiß, worauf wirklich Segen liegt.

Häuser können sprechen. Aber Wohnungen auch: Was sagt meine Wohnung? Erzählt sie zum Beispiel von meinem ökologischen Gewissen? Bin ich so frei? Das große Haus in Riga verspricht, wenn man seine Selbstverwirklichung begrenzen kann, darauf liegt Segen.

 

 

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13SEP2019
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„Es ist ja recht und schön, aber am Ende halt leider doch für die Katz.“ Hat ein Kommentator im Internet geschrieben. Zu einer kirchlichen Sendung am 1. September. Dem Tag, an dem vor 80 Jahren der 2. Weltkrieg begonnen hat. „Es ist recht und schön für Frieden zu singen zu beten. Aber am Ende für die Katz.“ Eine große Portion enttäuschter Hoffnungen liegt darin. Der Kommentator traut uns Menschen wenig Friedensfähigkeit zu. Der Politik nicht. Aber auch die friedensstiftende Kraft von Musik und Religion zieht er in Zweifel. Trauer habe ich in diesem Kommentar gehört.

 

Aber ich hoffe, dass aus Trauer auch Kraft zum Frieden wachsen kann. Mich hat der Kommentar an eine Szene aus dem Neuen Testament erinnert. Jesus ist unterwegs hinauf nach Jerusalem. Als er die Stadt sieht, erfasst ihn Trauer. Der Evangelist Lukas hat geschrieben: „Als Jesus die Stadt vor sich liegen sah, weinte er über sie und sagte: ‚Wenn doch auch du heute erkannt hättest, was dir Frieden bringt! Aber jetzt ist es vor deinen Augen verborgen.‘“

 

Für den Frieden beten, Musik machen und Politik, für die Katz?
Nein, ich glaub das nicht. Aber wahrscheinlich braucht es auch Trauer, damit Beten, Musik und Politik Kraft entfalten können.nUnd darum ist eines bestimmt nicht für die Katz: dass man immer wieder an Trauer-Orte geht, wo einem Schmerz und Leid, die Krieg über Menschen bringen, deutlich werden.

 

Ich war vor kurzem in Lettland. Ein kleines Land, grade mal 2 Millionen Einwohner. Eines der wichtigsten Denkmale in Lettland ist eine große Friedhofsanlage: Der so genannte Brüderfriedhof. Seine Gräber und Denkmale machen einen traurig. Sie erzählen wie man dran ist als Mensch in einem kleinen Land, zwischen Europäischen Großmächten. Zwischen Russland und Deutschland. Vor hundert Jahren haben sich Zar und Kaiser hier bekriegt. Danach gab es Krieg für die Unabhängigkeit. Ab dem 1. September 1939 waren sie Opfer von Hitlerdeutschland und Stalinrussland. Nach 1949 wurden viele Letten nach Sibirien deportiert. All das erzählt der Friedhof. Vielleicht kann aber von so einem Friedhof auch Frieden ausgehen. Wenn man wachsam traurig dafür bleibt, was der Ungeist des Nationalismus alles angerichtet hat. Nicht nur in Lettland. Dieser Ungeist ist ein Kriegstreiber und stürzt Menschen in Unfrieden.

 

Es ist nicht für die Katz, nach Frieden zu trauern, zu beten, zu singen und Politik zu machen. Das sagt der Friedhof in Lettland auch: Seit 1991, seit Lettland wieder unabhängig ist, sind keine neuen Gräber mehr dazu gekommen.

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12SEP2019
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Man kann den eigenen Schatten lieben. Eine junge Touristin hat mir das auf erfrischende Weise deutlich gemacht im Urlaub. Dem Aussehen nach war sie asiatisch. Ich habe sie in einer Kirche gesehen. Und sie hat mich fasziniert: Mit sichtbarer Freude und Lust an ihrem Schatten hat sie dort posiert. Regelrecht mit ihm gespielt. In einer Kirche. Und das war nicht unschicklich, sondern von dieser Gemeinde so gewollt. Es gab eine Kunst-Installation in dieser Kirche. Auf eine große Leinwand, ebenerdig, war ein Video projiziert. Ein leuchtend blau-weißer Himmel. Wer wollte, konnte sich vor die Leinwand stellen und seinen Schatten an diesen strahlend blauen Himmel projizieren lassen. Man konnte und sollte sich als Besucher der Kirche provozieren lassen, sich zu begegnen, seinem Schatten und damit sich selbst.

Die junge Frau wollte. Sie hatte Spaß an ihrem Bild. Ihr Schatten hat ihr gefallen. Und sie selbst hat sich gefallen. Ist das schon selbstgefällig, habe ich mich im ersten Moment gefragt. Nein, bin ich inzwischen sicher. Vielleicht ist das sogar ein Stück Lebenskunst. Dass man seinen Schatten lieben kann. Und damit auch sich selbst. Wie man nun einmal ist. Wie man geworden ist. Auch wenn man vielleicht nicht mehr ganz aufrecht steht. Trotzdem, sich lieben. Ohne Selbstgefälligkeit. Mit dem Himmel als hellen Hintergrund.

Das mit dem Schatten hat ja noch eine andere Dimension. Mein Schatten, das können ja auch meine Schattenseiten sein. Die inneren. Die mein äußeres Bild nicht zeigt. Die ich aber genauso kenne. Und die zu lieben vermutlich schwieriger ist, als den Menschen, der man äußerlich geworden ist. Sich lieben können, ohne dass man diese Schatten ausblendet. Im Gegenteil, sie wahrnehmen, sie auch bei Licht sehen. Und trotzdem, sich lieben, als Mensch mit Schatten.

Wie kann man das? Die Kunstinstallation in der Kirche hat mir dafür neu die Augen geöffnet. Und ich denke mir, genau deshalb haben sie diese Installation in der Kirche eingerichtet. Als Christ kann ich glauben, dass ich mit meinen Schatten geliebt bin von Gott. Wir Menschen sind ja nicht nur Lichtgestalten. Bei Licht besehen, sind die Schattenseiten unübersehbar. Aber vor Gott brauche ich diese nicht zu verstecken. Ich kann mich lieben, weil ich geliebt werde. Und das macht nicht selbstgefällig, sondern lebensfroh und frei. Man muss nicht die Augen verschließen vor den eigenen Schatten. Sie zu sehen ist wichtig. Nur so sehe ich, was mir nicht gut tut und wo ich nicht gut tue. Und daran kann ich dann arbeiten.

 

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11SEP2019
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„Geben ist seliger als nehmen.“  Das ist ein Sprichwort mit vielen Facetten. Es steht in der Bibel. Jesus soll es so gesagt haben (Apg 20,35).

Ganz ohne Ironie oder andere Untertöne: „Geben  ist  seliger als nehmen.“ Wenn Reiche heute große Geldbeträge spenden, werden sie schnell kritisch beäugt. Ganz gleich ob sie Universitäten, gemeinnützige Stiftungen oder den Wiederaufbau der Kathedrale Notre Dame mit hohen Geldbeträgen unterstützen. Schnell stehen Mäzene und Sponsoren unter Verdacht. Wie oft höre ich: „Die tun das doch nur aus Eigeninteresse. Die wollen doch nur Aufmerksamkeit für sich erheischen.“

Ich tue etwas für Andere und tue es zugleich auch für mich? Ist das eigentlich prinzipiell anrüchig? Jesus animiert mit seinem Wort auf eine Weise gerade dazu: Wer etwas abgibt und spendet - tut Gutes, auch zu seinem Glück. „Geben ist seliger als nehmen.“ Wie gut, wenn ich etwas bekomme, empfange.

Nur gibt es offenbar noch eine Steigerung: Beglückender ist es, zu geben. Seliger - also noch mehr von Glück erfüllt  - ist, wer etwas ab-geben, hin-geben und verschenken kann.

Von Menschen mit einem wirklich dünnen Geldbeutel – wo Geld richtig knapp ist – erfahre ich das. Die sagen nämlich: Nicht dass ich mehr brauche, zeigt mir meine Not. Ich komme durch. Irgendwie. Hab´ das gelernt. Klappt schon. Aber das eine fehlt mir und tut mir weh: Ich kann niemanden einladen. In ein Café – zum Essen. Ich kann nichts verschenken. Es reicht gerade – aber nur für mich.“ Das ist wirklich bitter. Wenn man niemand etwas schenken oder von Herzen geben kann.

Von Kindesbeinen an wissen wir, was für ein Hochgefühl das ist, einem Anderen ein Geschenk zu machen. Von der ersten Idee bis zum Blick in die Augen der Beschenkten. Das Besorgen. das Basteln, das Einüben: Sei es ein Bild, eine Musik, oder etwas zum Essen oder Lesen. Das so selige Geben kennt viele Formen – keineswegs nur Geld und Bezahlung. Geben macht Freude. Und macht mich solidarisch mit Schwachen. Darum geht es dabei in der Bibel.

Ich denke, auch deshalb wollen Wohlhabende etwas abgeben. So in New York eine Gruppe, die sich „patriotische Millionäre“ nennt. Sie haben erklärt, sie wollen mehr Steuern zahlen – mehr abgeben. Sie tun es nicht aus Angst oder zähneknirschend. Sondern sie spüren: Das ist gerecht und sinnvoll und fördert ein friedliches Miteinander. Nicht alles für sich behalten! Hin-Gabe erhebt die Seele. Glücklich, wer genug bekommt. Und glücklicher, wer etwas geben kann und gibt.

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10SEP2019
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„Die Gottesfurcht ist der Weisheit Anfang“ –heißt es einmal in einem biblischen Psalm (Ps 111,10). Doch wie oft quält Menschen in Krankheit und Not die Vorstellung: „Gott straft mich. Gott ist zornig auf mich. Vor dem muss ich mich fürchten.“

Ob ich will oder nicht: Mir sind solche Gedanken nicht fremd. Mit Drohgebärden und Strafen hat auch christliche Erziehung diese Vorstellung Menschen eingebläut. Sollte man angesichts solcher Erfahrungen nicht einfach „Gottesfurcht“ aus dem Wortschatz streichen? Was wäre schon verloren?

Unlängst hat mich allerdings ein Satz von Dr. Elisabeth Fries aufhorchen lassen. Sie schreibt: „Der Schritt von der Menschenfurcht zur Gottesfurcht verändert alles, befreit, setzt neu in Gang.“

Dr. Elisabeth Fries hat Furcht gesehen und erlebt. Viele Jahre war sie als Ärztin im Kongo tätig – und später dann jahrzehntelang bei der Beratung von traumatisierten Flüchtlingen für „refugio“. „refugio“ ist ein Verein, der Flüchtlinge auch dabei hilft, von ihren traumatischen Erfahrungen im Herkunftsland und auf der Flucht zu sprechen. Was Flüchtlingen gar nicht leicht fällt!

Und das ist die Erfahrung von Dr. Fries in ihrer Arbeit: Die Menschenfurcht – also die Furcht vor Menschen, die einem Böses antun können – steckt ganz tief in den Seelen – und sie lähmt. Sie zu überwinden, befreit zum Leben.

Aber wieso soll »Gottesfurcht« dabei hilfreich sein? Löst dabei nur die eine Angst die andere ab? Wenn es heißt: Gottesfurcht ist der Weisheit Anfang“ - dann verbinde ich damit: Ich habe Ehrfurcht vor dem, der mich bedingungslos liebt.

Wenn Menschen und Gewalten – Institutionen – über mich bestimmen wollen – mich in meinem Leben bedrängen, kommt da eine andere Stimme – eine andere Dimension in mein Leben. Ein Anfang, ein erster mentaler Schritt ist das, der mich freier atmen lässt. Ich habe noch nicht solche Gefahren und Qualen erleben müssen wie Menschen, die unter einem Terrorregimen leiden. Aber Angst vor Menschen, die kenne ich auch.

So verstandene Gottesfurcht kann mir dabei helfen, aus der Furcht vor Menschen rauszukommen: Gib Gott die Ehre! Gib IHM Gewicht in deinem Leben. Dann lässt du dich nicht erdrücken von denen, die dich in Angst und Schrecken versetzen. Ich denke, mutige Christen, die sich für andere eingesetzt haben – unter Lebensgefahr –, die haben genau aus dieser Quelle Kraft geschöpft.

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09SEP2019
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Sehen und Gesehen werden. Für viele ist das wie Sport - und zugleich eine tägliche Herausforderung, die schon am Morgen beginnt: Was ziehe ich an? Und hört den lieben langen Tag nicht auf: Wie bewege ich mich? Wie gestikuliere ich? Wie stelle ich mich dar? Sehen und Gesehen werden - und unablässig daran denken: Wie sehen mich Andere?

In der Schule, an der Uni, im Büro bei der Arbeit – unter Freunden. Das kann richtig anstrengend sein. Und manchmal zur Tortur werden. Wie kann ich da rauskommen?

Unlängst hat mich eine pädagogisch gebildete Frau auf eine Spur gebracht. Nach einem Nachmittag mit Jugendlichen. Über 90 sind da aus dem Stadtgebiet aus sieben Kirchengemeinden zum Singen zusammengekommen. In aller Regel ist das eine äußerst unruhige, aufgeregte Geschichte. Hippelig – mit viel Gelächter und Geschrei. Doch dieses Jahr war es so konzentriert und so ruhig wie nie zuvor. Was war anders?

Sonst wurden die Lieder immer an eine Leinwand projiziert. Doch diesmal fehlten Beamer und Laptop. Alle mussten in ein Liederbuch schauen. Aber was macht das schon aus?

Genau das hat mir die weise Frau am nächsten Morgen erklärt, als ich ihr davon erzählt habe. Für sie war das ganz klar: „Die Jugendlichen schauen in ein Buch“ – sagt sie – „jeder und jede für sich. Sie sind sich in dem Moment ziemlich sicher: Das machen die Anderen jetzt auch. So entsteht eine besondere Situation: Ich kann niemanden anschauen – und die anderen mich auch nicht. Da muss ich mich nicht zeigen – produzieren – inszenieren.  -  Das fährt die Aufregung und die Unruhe runter.“ -  Darum also war das Singen so konzentriert wie nie.

Für mich ist diese kleine Szene wie ein Gleichnis für das, wonach sich Jugendliche sehnen: Für sich sein zu können –  frei von vergleichenden und beurteilenden Blicken der Anderen. Manche fassen es trotzig in ein Glaubensbekenntnis: „Gott liebt mich! So wie ich bin. Ihr könnt mich mal. Gott schaut nicht auf das Äußere, „sondern auf das, was im Herzen ist.“

Ich kenne diese Sehnsucht. Und auch mir hilft dieser Glaube - von Jugend an. Das nach Äußerlichkeiten beurteilt werden - tritt zurück, bekommt so eine „himmlische Distanz“. Im Alltag helfen mir Momente – oft schon Augenblicke – in denen ich mir – manchmal mit geschlossenen Augen - das vergegenwärtige: Gott sieht auf das, was im Herzen ist. Da spüre ich Gottes Ja zu mir, so wie ich bin. Das gibt meiner Seele Kraft. Konkurrenz und Vergleich verschwinden nicht. Sie sind weiter irgendwie auch da. Doch sie entscheiden nicht mehr über mein Ansehen. Nicht in letzter Instanz.

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