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SWR2 Wort zum Tag

„Mama, du bist gerade, aber nicht langweilig. Deshalb plane ich für dich ein Haus, das genau so ist wie du: Mit geraden Linien, und mit vielen überraschenden Details.“ Meine Kollegin zeigt mir Fotos vom Ergebnis. Ihre Tochter ist Architektin und hat ihr auf dem Land ein kleines, ganz besonderes Heim auf einem Grundstück mit vielen Obstbäumen und einem kleinen Stück Wald gebaut. Vom großen Fenster im Wohnzimmer öffnet sich der Blick ins Grüne, im Grunde gibt es gar keine Grenze zwischen Haus und Natur. Dagegen ist das Schlafzimmer ein kleines Refugium, das Geborgenheit, Ruhe und Erholung verspricht.

 

Meine Kollegin wohnt nun schon zwei Jahre in ihrem neuen Heim auf dem Land und ist ganz begeistert. Ihr Haus ist klein und hat nicht einmal einen Keller, doch jeder Quadratmeter ist durchdacht und passt zu ihr wie eine zweite Haut.

„In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen“ fällt mir ein. Jesus hat das im Johannesevangelium gesagt. Das könnte man sich wie ein Hochhaus vorstellen, mit vielen Wohnungen, die alle den gleichen Grundriss haben. Doch warum nicht ein Haus, in dem Gott für jeden seiner Menschen eine passende Wohnung bereithält? Gott als Architekt, das wäre doch ein spannender Gedanke. Für den einen gäbe es dann vielleicht ein kleines, ganz spartanisch gestaltetes Studio, eine andere würde sich in einer stuckdekorierten Altbauwohnung wiederfinden, der nächste in einem Campingwagen. Ich merke, dass es mir Spaß macht, mit diesem Bild zu spielen. Von Wohnungsnot ist glücklicherweise im Johannesevangelium keine Rede. Auch nicht von Mietpreisexplosionen. Nun ja, Jesus hat ja schon bei seiner Geburt die Erfahrung gemacht, wie schlimm es ist, wenn man keinen Raum in der Herberge findet. In seinem Vaterhaus gibt es Raum für alle. Maklerkosten fallen daher weg, und eine Gentrifizierung gibt es auch nicht. Ich stelle mir vor: In diesem Vaterhaus kommt es nicht auf die finanziellen Möglichkeiten an, sondern auf das, was für die Bewohner passt und stimmt.

Was für eine Wohnung würde Gott sich wohl für mich überlegen? Das Ergebnis könnte durchaus verblüffend sein. Gut – ein Campingwagen müsste es für mich im Himmel nicht sein, auch kein Zelt. Ich bin nicht so ein Campingfan. Aber wer weiß… Ich lasse mich überraschen.

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Der Kirchentag liegt nun schon zwei Monate zurück, aber von einem Menschen, den ich dort kennengelernt habe, erzähle ich immer noch gerne. Er ist mir gleich am ersten Tag über den Weg gelaufen. Er war von Kopf bis Fuß tätowiert, auch im Gesicht, und er sah aus, als ob er den ganzen Tag Gewichte stemmen würde. Seine Oberarme hatten mehr Umfang als meine Oberschenkel. Insgesamt wirkte er wie eine Traumbesetzung für einen Türsteher. Hinter ihm lief eine junge Frau mit einem Kinderwagen. Beide eilten durch einen abgesperrten Bereich. „Dem stellt sich keiner in den Weg,“ hat mein Sohn trocken gesagt. Mir fiel auf, dass der Mann auf der Stirn „Trust Only God“ tätowiert hatte. In Großbuchstaben. Vertrau nur Gott.

Drei Tage später haben wir einen Abendgottesdienst besucht, gestaltet von der Gefängnisseelsorge aus Westfalen. Und wer saß da in der ersten Reihe? Der Tätowierte! Tatsächlich war auch die Frau mit dem Kinderwagen dabei. Der Mann war der Stargast des Gottesdienstes und ist von einem Radio-Moderator interviewt worden. Er hat erzählt, dass er seit seinem siebten Lebensjahr auf der Straße gelebt hat, irgendwann ist er kriminell geworden und kam ins Gefängnis. Dort hat er dann über sein Leben nachgedacht und sich geändert. Es war wirklich bewegend, wie er seine Lebensgeschichte erzählt hat. Heute ist er ein freier Mensch und hat Fuß gefasst im Leben. Tatsächlich ist er auch ein gläubiger Mensch – trust only god. Er wollte sich nicht so ganz festlegen auf ein bestimmtes Gottesbild, aber beim Fürbittgebet am Ende des Gottesdienstes und beim Vater Unser hat er mitgebetet. Und er hat erzählt von seiner Freundin und dem gemeinsamen Baby. „Das ist ein Geschenk Gottes an uns,“ hat er seiner Freundin erklärt, „da müssen wir gut mit umgehen.“

Nach dem Gottesdienst habe ich mich dem Mann vorgestellt. Er hat mir sein Baby gezeigt, ein ganz süßer, entspannter kleiner Kerl. „Ganz der Papa,“ hat seine Freundin stolz zu mir gemeint. Ich habe dann von unserer ersten Begegnung erzählt. „Ich durfte doch da durchlaufen, das war mit der Polizei abgesprochen,“ hat er mir dann erklärt- Er war fast ein bisschen empört darüber, dass ich geglaubt hatte, er wäre einfach so durch den abgesperrten Bereich gelaufen. „So was würde ich nie tun!“ Ich habe der kleinen Familie dann von Herzen Gottes Segen gewünscht. Und mir ein paar Gedanken über Vorurteile gemacht, über ungerechte Ausgangsvoraussetzungen im Leben und wie wichtig es ist, eine zweite Chance zu bekommen. Trust only god. Wer weiß, wer von uns beiden den stärkeren Glauben hat. Ich schätze: Er ist es.

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Meine Physiotherapeutin hat mich mit tiefgründigen theologischen Einsichten überrascht. Ich hätte gar nicht damit gerechnet. Während sie meine Knochen wieder in die richtige Ordnung bringt, erzählt sie mir, dass sie sich über sich selbst geärgert habe. Sie sei am Morgen richtig wütend über einen Handwerker gewesen, der sie hängen gelassen hatte. Dabei sei sie sogar laut geworden. „Nun ja, Sie sind ja nicht Jesus,“ habe ich sie getröstet. „Obwohl…“

 

„Genau,“ ist sie mir ins Wort gefallen, „der hat sich doch auch geärgert, und zwar öfter.“ Sie hat weiter überlegt. „Musste er auch, er war ja auch Mensch. So ein richtiger Mensch.“ Während sie meinen Rücken weiter eingerenkt hat, hat sie offenbar weiter über dieses theologische Problem nachgedacht: „Jesus musste ja richtig Mensch sein, denn das gehörte zum Experiment, sonst hätte das nicht funktioniert.“ Ich bin etwas irritiert gewesen. „Experiment?“ – „Gottes Experiment,“ hat sie mir erklärt. „Es war sein Experiment. Jesus musste Mensch sein, damit wir ihn verstehen. Sonst hätten wir Gott nicht verstanden. Das ist doch klar. Wenn Jesus als Gott gekommen wäre, hätten wir nichts kapiert. Wir sind ja Menschen. Daher musste Jesus auch ein Mensch sein. Übrigens ist das ein richtig erfolgreiches Experiment gewesen.“ Ich war nun wirklich gespannt, wieso sie dieses Experiment erfolgreich findet. In Zeiten von Kirchenaustritten und Pfarrermangel ist es schließlich doch etwas überraschend, die Sache mit Jesus als Erfolgsgeschichte zu bezeichnen. „Na hören Sie mal,“ hat sie gesagt, fast ein bisschen empört, „man redet doch heute noch davon! Nach mehr als zweitausend Jahren! Das nenne ich mal Erfolg!“

Ich war wirklich beeindruckt. Die Frau hat eine schlüssige theologische Argumentation vorgelegt. Und ich habe weiter gedacht: Vielleicht gehört es ja auch zur Erfolgsgeschichte, dass das „Experiment“, wie meine Physiotherapeutin es genannt hat, von Anfang an unterschiedlichste Milieus angesprochen hat. Schon die ersten Gemeinden bestanden aus einem Mix aus Handwerkern und Intellektuellen, erfolgreichen Geschäftsfrauen und Sklaven, Theologen und Fischern. Von Milieuverengung kann man da wirklich nicht sprechen. Dank dieser bunten Mischung waren die Menschen immer wieder gefordert, miteinander zu kommunizieren und eine gemeinsame Ebene zu finden. Wenn sich das Experiment dagegen nur an die Elite gewandt hätte, würde heute wahrscheinlich kaum noch jemand darüber sprechen. Insofern war es von Anfang an auch eine Laienbewegung, und eine Bewegung, an der selbstverständlich auch Frauen beteiligt waren. Heute, am katholischen Feiertag Mariä Himmelfahrt, mag das die Bewegung Maria 2.0 ermutigen.

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Wer reist, braucht gute Begleiter. Davon erzählt auch eine sehr alte Geschichte aus der Bibel. Der alte Mann mit Namen Tobit hat ein wechselvolles Leben hinter sich. Jetzt, wo er seinen nahen Tod vor Augen hat, erinnert er sich, dass er auf einer Reise nach Medien, dem heutigen Iran, einem Landsmann Geld zur Aufbewahrung gegeben hatte. Tobit bittet seinen Sohn Tobias, es zu holen. Aber alleine kann und will der die weite Reise nicht unternehmen.

Und so heißt es in der Geschichte: „Da ging Tobias hinaus, um jemanden zu suchen, der den Weg kannte und fand den Engel Rafaël, der bereits zur Reise gerüstet dastand. Und Tobias erkannte nicht, dass er ein Engel Gottes war.“

Als am Ende der langen Reise Tobias seinen unbekannten Gefährten entlohnen will, gibt der Engel seine wahre Identität preis. Erschrocken sinken Tobias und sein Vater auf die Knie.

Der Engel verweist darauf, dass er nur seinen göttlichen Auftrag wahrgenommen hat. “Lobt Gott und dankt ihm vor allen Geschöpfen, dass er Euch Gutes getan hat“, sagt er ihnen zum Schluss.

In der Tat: wer reist, braucht gute Begleiter. In dieser Geschichte reist Gott inkognito mit. Und ich frage mich, auf wie vielen Reisen ist das nicht auch so, dass Gott inkognito mitreist?

Ich erinnere mich an Situationen unterwegs, wo mir erst im Nachhinein bewusst wurde, wie gefährlich sie waren und wie schlimm sie hätten ausgehen können. Etwa als mich als jungen Austauschstudenten in Sri Lanka ein Taxi nicht zum gewünschten Ziel brachte. Sondern der Fahrer immer tiefer in den Dschungel fuhr. Bis – Gott sei Dank – mitten im Dschungel ein Trupp von Soldaten auftauchte, die ich in diesem Moment als meine Retter begrüßte.

Nicht immer muss es so dramatisch zugehen. Aber jede Reise hat auch heute ihre Risiken und Gefahren. Darum hat es seinen guten Sinn, sich zu Beginn der Reise dem Segen Gottes anzuvertrauen. Und sich gute Gefährten zu suchen.

Zu Beginn der Reise des jungen Tobias ruft ihn sein alter Vater mit den Worten: „Mein Kind, rüste dich für den Weg...  Der Gott, der im Himmel wohnt, bewahre euch und bringe euch wohlbehalten zu mir zurück. Und sein Engel begleite euch mit seinem Schutz! Reise wohlbehalten!“

Und das wünsche ich auch Ihnen heute Morgen. Für die kleinen oder großen Wege, die vor Ihnen liegen: Reise wohlbehalten!

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Zu den Worten, die ich erst spät in meinem Leben gelernt habe, gehört das Wort „Over-Tourism“.  Over-Tourism, das bedeutet Über-Tourismus. Und  meint eine Entwicklung im Tourismus, die zu einer extremen Überstrapazierung von Menschen, Städten und Landschaften an den jeweiligen Reisezielen führt.

In den letzten Monaten und Jahren konnten wir immer wieder hören, lesen und sehen, dass bestimmte Städte wie Venedig, Barcelona oder Rom unter dem gewaltigen Massenansturm von Touristen ächzten. Dass Strände überfüllt waren. Oder Menschen in endlosen Schlangen vor Museen, Schlössern oder Kathedralen auf Einlass warteten.

Ist das noch Urlaub im Sinn von Erholung, von Rekreation oder gar von Bildung? Ich erinnere mich an das auch im Deutschen eingebürgerte Wort holidays. Ursprünglich setzt es sich aus zwei Bestandteilen zusammen: aus „holy“ und „days“.

Holidays, das waren ursprünglich heilige Tage, in denen jemand, der sich in aufreibenden Arbeitsprozessen zu verlieren drohte, wieder zu sich selbst finden konnte. Zeiten, wo man Abstand gewinnen konnte, um sich zu besinnen. Gelegenheiten, wo die im Alltag vernachlässigten Sinne wieder zu ihrem Recht kamen: das Riechen und Schmecken, das Sehen und Hören, das Spüren und die Lebensfreude.

Heute läuft es weithin in eine andere Richtung. Die Ursachen sind leicht auszumachen. Immer mehr Menschen können sich immer mehr leisten. Die Flugtarife sind günstig, viel zu günstig. Touristen konzentrieren sich auf Reiseziele, die Sicherheit zu bieten scheinen vor terroristischen Anschlägen.

Holidays im eigentlichen Sinn des Wortes haben aber nichts zu tun mit der Überstrapazierung von Leib und Seele, von Natur und Umwelt. Sondern mit Rekreation. Mit Aufbruch aus der Erschöpfung in ein neues Lebensgefühl.

Wie das geht? Ich kann boomende Reiseziele meiden. Ich kann mir meine eigenen Geheimtipps suchen. Reiseziele, die über kein großes Werbebudget verfügen und eher am Rande der Aufmerksamkeit liegen.

Ich kann mich entscheiden für einen Tourismus, der mich in Kontakt bringt mit meinem eigenen Körper, meinen eigenen Sinnen, mich öffnet für die Besonderheiten meines Gastlandes, für die Menschen dort und die Schönheit der Schöpfung. 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und mir schöne und entspannte Ferientage. Frei von jeder Art von Überstrapazierung. Tage der Besinnung und Rekreation. Einfach nur holy days!

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Der alte Baum in unserem Garten fehlt mir. In der Mittagshitze des Sommers hatte er mir über Jahre Schatten gespendet. Sein kühlendes Blätterdach hatte die Hitze erträglich gemacht. Hier konnte ich es aushalten. Verweilen. Träumen.

 

Der alte Baum hat die Hitze und die Trockenheit des letzten Sommers nicht ausgehalten. Er ist abgestorben. Ein für alle Mal. Nun fehlt er mir. Genauso wie sein kühlender Schatten.

In den Psalmen der Bibel ist öfter davon die Rede, dass Menschen im Schatten Gottes Ruhe und Geborgenheit findet. „Wie köstlich ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!“, heißt es in einem Psalm.

Natürlich hat Gott keine Flügel. Und ob Engel tatsächlich Flügel haben, weiß ich nicht. Aber das Bild verstehe ich sofort: dass unter dem Schatten der Flügel Gottes das Leben erträglich wird. Leichter. Dass ich dort im hitzigen Alltag aufatmen kann. Und gestärkt aus diesem Schatten heraustrete.

Solche Orte brauche ich heute umso mehr, je größer die Reibungshitze im Alltag wird. Im Umgang von Menschen untereinander ist das genauso zu spüren wie in dem, was sich in der Natur beobachten lässt. Es ist diese Anspannung und dieses Gestresstsein, die mir oftmals zu schaffen machen. Und zu denken geben.

Die Menschen der biblischen Welt haben die Orte und die Zeiten gekannt, wo und wann man sich im Schatten regenerieren konnte. Und sie haben zu einem Gott gebetet, der sie nicht immer wieder zu neuen Aktivitäten angetrieben hat.

Sondern der wollte, dass sie immer wieder einmal Abstand nehmen zu sich selbst. Aufhören sollten mit ihrer Geschäftigkeit. Mindestens einmal die Woche. Besser noch auch einmal am Tag.

Um sich selbst von außen zu betrachten. Sich zu fragen: Was tust Du da eigentlich jeden Tag? Wohin soll das führen, wenn du so weiter machst wie bisher? Bedenke, dass dein Leben endlich ist! Und frage dich, welche Spuren du hinterlassen willst!

Schattenplätze sind ungeheuer wichtig in meinem Leben. Je heißer es zugeht, umso wichtiger. Ich will mich dafür einsetzen, dass solche Schattenplätze nicht verloren gehen. Wie die unter einem Baum. Auf einer Parkbank. Oder einer Kapelle am Weg.

Solche Plätze lassen mich erfahren, du bist nicht allein mit dir. Da geht jemand mit, in dessen Schatten du dich aufgehoben fühlen darfst. Der dir die Kraft gibt, die du gerade brauchst.

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