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SWR2 Wort zum Tag

„So singen können, dass andere zu tanzen beginnen!“ In einem Schaufenster habe ich diesen Satz entdeckt. Als Werbung für eine Singschule. „So singen können, dass andere zu tanzen beginnen!“ Ja, ich singe gerne. Aber sicher nicht so, dass mein Singen andere Menschen zum Aufhorchen bringt. Sie innerlich in Bewegung bringt. Sie sogar tanzen lässt.

Aber man kann den Satz auch ganz anders verstehen. Nicht so, dass ich singe, sondern dass ich ins Tanzen gerate. Dass ich mich verlocken lasse etwas zu tun, das gar nicht auf meiner Lebensagenda steht. Oder: Das ich normalerweise nicht tue. Dass ich meine Ohren und mein Herz so weit öffne, dass andere und anderes mich anrührt. Und mich aus den eingefahrenen Gleisen meines Lebens herausreißt.

Aber Vorsicht, denke ich. Da muss ich gut unterscheiden können. Ich möchte ja nicht den falschen Tönen hinterherlaufen. Wie die Kinder beim Rattenfänger von Hameln. Ich möchte mich von der richtigen Stimme zum Tanzen bringen lassen.

In der Bibel gibt es solche Berichte. Da wird von Menschen erzählt, die sich von Jesus in die Nachfolge rufen lassen: Männer, die vorher einfach ihrem Beruf nachgegangen sind. Fischer. Geldeintreiber für die Römer beim Zoll. Erzählt wird von Frauen, die ihr Vermögen in die Jesus-Bewegung investieren. Von Eltern, die ihre Kinder zu diesem Jesus bringen in der Hoffnung, schon eine Berührung von ihm könnte deren Leben eine ganz andere Richtung geben. Erzählt wird von Menschen, die die Stimme Gottes in ihrem Leben gehört haben. Ganz unterschiedlich. Aber unüberhörbar. Und die ihre Schritte daraufhin neu gesetzt haben.

Tatsächlich, denke ich, es gibt diese Stimme, die Menschen in Bewegung setzt. Die sie zum Tanzen bringen kann. Und wer weiß, vielleicht bin ich ab und an nicht nur Tänzer. Sondern gehöre manchmal auch zu denen, die selber Menschen ansprechen, motivieren. Vielleicht nicht, wenn ich singe. Aber vielleicht dadurch, dass ich mich für andere einsetzte. Oder vielleicht allein schon durch die richtigen Worte. Jeder Mensch hat doch seine eigene Art, sich vernehmbar zu machen. Und so andere zu gewinnen. Zu begeistern. Sie also gewissermaßen zum Tanzen zu bringen.

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Warum bauen Kirchen nicht nur Orte zum Gottesdienstfeiern? Warum gründen sie auch Schulen? Vor einigen Wochen habe ich einen Bevölkerungsforscher kennengelernt. Er interessiert sich auch für diese Frage. Es geht ihm als Forscher um nicht weniger als um die Zukunft der Menschheit. Deren Überleben hängt, so sagt der Forscher, am Ende von der Bildung ab. Eine große Bedeutung kommt dabei den Religionen zu. Ob sie helfen, Bildungsprogramme zu forcieren oder eben auch, sie zu verhindern.

Bildung führt am Ende zu mehr Wohlstand, größerer Zufriedenheit und zu weniger Verteilungskämpfen. Das große Beispiel dafür, dass das auch stimmt – das sind für ihn die Schulgründungen im 16. Jahrhundert, nicht zuletzt als Folge der Reformation. Religion, in diesem Fall die christliche, hat hier entscheidend zur Zukunftssicherung beigetragen. Nicht nur durch die religiösen Themen, die für sie wichtig sind. Sondern einfach dadurch, dass sie Verantwortung für die Gesellschaft wahrgenommen hat.

Einer meiner Lieblingssätze aus dem Neuen Testament bestätigt diese Sicht: „Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor allen, die von euch wissen wollen, woher eure Hoffnung rührt!“ (1. Petrus 3,15) Verantwortung übernehmen können – das bedeutet doch, dass ich mich kundig mache über die Welt, in der ich lebe. Über das, was die Welt „im Innersten zusammenhält“.

Unverzichtbar ist für viele Menschen weltweit, dass sie lesen und schreiben können. Und dass sie die Grundrechenarten beherrschen. Zum Überleben ist das schon viel. Und viel zu vielen werden diese Kenntnisse immer noch vorenthalten. Aber genauso lebenswichtig sind auch Grundkenntnisse auf dem Feld der Religion. Hier geht es noch einmal um ganz andere Fragen. Etwa die: Was existiert jenseits der Welt, die ich sehen und die ich messen kann? Was hilft mir zu leben, wenn nicht alles so läuft, wie ich es mir vorstelle? Warum setze ich mich für andere Menschen ein, auch wenn ich keinen materiellen Gewinn daraus ziehen kann? Was lässt mich Freiheit erleben, auch unter schwierigen Lebensumständen? Was hat es mit Gott auf sich?

Gerade diese Art Bildung ist manchmal überlebensnotwendig. Auch deshalb beteiligen sich die Kirchen an den Bildungsprogrammen in einer Gesellschaft. Deshalb betreiben sie Schulen. Deshalb helfen sie mit, Menschen zu einem besseren Leben zu verhelfen.

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„Warum ist auf dem Kirchturm eigentlich ein Plus-Zeichen?“ Das saß! Die Erzieherin war genauso überrascht wie ich, als sie mir von diesem kleinen Gespräch mit einem ihrer Kita-Kinder berichtet hat. So kann man das Kreuz also auch verstehen, habe ich gedacht. Ein zentrales Zeichen aus der Mathematik leuchtet einem Kind also schon eher ein als das hochtheologische Symbol des Kreuzes. Und das mathematische Zeichen für das Plus ist ja auch nichts anderes als ein Kreuz.

Traditionsabbruch – das war das erste, das mir in den Sinn gekommen ist. Die nüchternen, sehr formalen Zeichen der Mathematik sind heute für viele Menschen von größerer Bedeutung als das hintersinnige Zeichen des Kreuzes, hinter dem sich ja ein ganzes theologisches System verbirgt. Das kleine Mädchen in der Kita ist da keine Ausnahme. Mein zweiter Gedanke: Eigentlich ist das doch gar keine schlechte Idee, um zu erklären, worum es in einer Kirche geht. Plus heißt mehr. Wo ein Plus steht, kommt also zu dem, was da ist, noch etwas dazu. Und ich erinnere mich, dass der große Briefschreiber des Neuen Testaments, der Apostel Paulus, darauf seine ganze Argumentation aufbaut. „Wenn Gott schon Adam im Blick hatte … wenn es Gott schon ganz am Anfang darum gegangen ist, den Menschen Gutes zu tun und sie vor Bösem zu bewahren, um wieviel mehr steht das doch auch heute auf seinem Programm. (Römer 11,24)

Wo Gott im Spiel ist, da geht’s also immer um mehr als um das, was sich ohnedies nahelegt. Wo es um Gott geht, wie in einer Kirche, geht es um mehr als um ein schönes Bauwerk – wie gut es Architekten und Handwerker auch gestaltet haben. Eine Kirche als das Haus mit dem Plus! Da legt es sich doch nahe, das Kreuz auf dem Kirchturm in diesem Sinn zu verstehen. Es ist nicht nur ein Hinweis auf die beiden Holzbalken, an denen bei den Römern viele Verbrecher hingerichtet worden sind und an denen auch Jesus von Nazareth getötet worden ist. Es ist viel mehr auch ein Zeichen, dass dieser Tod der Anfang einer Geschichte neuen Lebens geworden ist. Wenn Gott schon diesen Jesus aus Nazareth im Tod nicht im Stich gelassen hat, um wieviel mehr ist ihm doch daran gelegen, dass möglichst viele Menschen ins Leben finden. Darum geht’s gerade dann, wenn Lebenspläne durchkreuzt werden. Und nicht alles so läuft, wie ich es mir wünsche. Wie gut, dass es dann Häuser mit dem Plus gibt. Das muss dann nicht einmal nur eine Kirche sein. Sondern einfach ein Lebensort. Das genügt.

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„Geist der Liebe“ stand auf dem Buch, in orangefarbenen großen Buchstaben auf rotem Grund. „Geist der Liebe“, das war der Titel eines der ersten theologischen Bücher, die ich gelesen habe. Es war Sommer und sehr heiß, als ich beschloss, dieses Buch im Freibad zu lesen. Der Umschlag war mir allerdings extrem peinlich. Genau das war es: Eine junge Frau, die mit einem Buch ins Freibad geht, auf dem steht „Geist der Liebe“. Das war eine plumpe Einladung: „Hallo, ich bin alleine! Hier ist noch Platz auf meiner Decke.“ Also was tun? Ein Packpapierumschlag! Der war die Rettung, er verbarg den „Geist der Liebe“ vor den Augen irgendwelcher Mitleser.

Das Wort Liebe bekommt ja, je nachdem wo und von wem es ausgesprochen wird, einen unterschiedlichen Sinn. Wenn man das Wort Liebe draußen, im Freibad hört, meint es soviel wie Leidenschaft, Glück, selige Kopflosigkeit. Menschenliebe – das ist eine so eindeutig zweideutige Angelegenheit, weil sich in ihr – wie der Dichter sagt, Tier und Gott im Menschen auf wundersame und harmonische Weise begegnen.

In kirchlichen Räumen hat Liebe dagegen nichts Aufregendes, vielmehr einen Beiklang von leicht Verstaubtem, Gutmütigem, Weltfremdem, einen Beigeschmack vom obligatorischen Pfefferminztee kirchlicher Einrichtungen. Gottesliebe - sie regt nicht auf und macht nicht schlaflos.  

Obwohl: Beide, die Gottesliebe und die Menschenliebe, hören auf das Wort Liebe. Aber: Können die beiden miteinander überhaupt verwandt sein? Sie können nicht nur, sie sind es. Das jedenfalls war meiner Schwimmbadlektüre, dem „Geist der Liebe“ zu entnehmen, in dessen Zentrum das Johannesevangelium, dem Liebesevangelium, steht.

Das Erste im Johannesevangelium ist die Liebe von Vater und Sohn, die innergöttliche Liebe. Gott will nicht nur mit sich allein sein. In seiner Liebe schafft er sich ein Gegenüber. Das ist gerade so, als wenn Gott gesagt hätte: „Hier ist noch Platz auf meiner Decke!“ Er selbst braucht  jemanden, der von ihm geliebt wird und der sich geliebt weiß. Und diese Liebe von Vater und Sohn wird ausgeweitet „Ein neues Gebot gebe ich euch: dass ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit ihr euch liebt“, sagt Jesus in diesem Evangelium. Jesus Christus, Gottes geliebter Sohn, ist im „Geiste der Liebe“, im allumfassenden, liebevollen Miteinander der Menschen bei ihnen, ganz egal, ob sie gerade in der Kirche sitzen oder im Schwimmbad liegen.

Das Buch „Geist der Liebe“ trägt heute keinen Pappendeckel mehr. Ich würde es auch so ins Freibad mitnehmen. Aus Altersweisheit, denn: Der Liebe braucht man sich nirgends schämen, nicht im Schwimmbad, nicht in der Kirche.  

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Todesanzeigen lesen, morgens am Frühstückstisch -  Ein bisschen voyeuristisch ist das schon:
Man wird in die Intimität einer Familie mit hineingenommen, erfährt die Namen aller Kinder und Enkel. Und etwas davon, wie andere Menschen zum Sterben und zum Verstorbenen stehen. Da ist dann in einem Satz ein ganzes Leben zusammengefasst. Das Wort „fröhlich“ kommt dabei eher selten vor. Ausnahme: Die Todesanzeige, die ich vor ein paar Wochen entdeckt habe. Da hieß es von einem verstorbenen Richter aus dem Bayern:  „Er zog aber seiner Straße fröhlich“.  Ein Satz aus der Bibel.

Die Geschichte dahinter ist ganz simpel: ein Mann aus Äthiopien, von Beruf Kämmerer, ein Mann, der mit viel Geld zu tun hat, reist in seiner Kutsche und liest dabei in der Heiligen Schrift. Aus Langeweile, auf der Suche nach Wahrheit, das erfahren wir nicht. Und ihm geht es wie vielen: er liest und versteht nichts. Solange, bis einer der Apostel sich zu ihm in die Kutsche setzt, und ihm alles erklärt. Dass es in dieser Schrift um Jesus geht, sein Leben, sein Leiden und dass dies alles Erlösung, Befreiung von Angst und Sorge für die Menschen bedeutet, die an ihn glauben. Also auch für ihn, den Kämmerer.

Der Kämmerer aber, vielleicht weil er wenig Zeit hatte, vielleicht weil er einfach ein Mensch der Tat war, lässt die Kutsche am nächsten Wasser halten, und sagt: „Wenn das so ist - Was hinderts, dass ich mich taufen lasse?“ Gesagt, getan – nach der Taufe geht´s sofort weiter mit der Kutschenfahrt. Vielleicht pfiff er eine kleine Melodie, ein leichtes Lächeln auf den Lippen hatte er gewiss, er saß entspannt zurückgelehnt im Wagen. Und dann heißt es von dem frisch Getauften: „Er zog aber seine Straße fröhlich.“ Ein fröhlicher Getaufter, dem sein Glaube gut tut. Und der dankbar dafür ist, dass er hier auf der Erde „seine Straße fröhlich“ ziehen kann. Glaube tut gut. Er entlastet, er schafft Vertrauen und Zuversicht ein ganzes Leben lang.

Man kann einiges gegen die Naivität des Glaubens vorbringen und vieles gegen seine Fröhlichkeit und Unbeschwertheit . Die Wirklichkeit, die Welt, so wie sie ist und wie sie einem  aus jeder Tageszeitung auf den Seiten Politik, Wirtschaft und Finanzen entgegenblickt: eher selten, dass einen da eine Nachricht fröhlich stimmt.  Der Kämmerer aus Äthiopien und der Richter aus Bayern sind ihren Weg durchs Leben dennoch fröhlich gegangen, dank ihrer Taufe und ihrem dem Glauben.  Und vielleicht auch dank der Tatsache, dass die Wirklichkeit immer noch der einzige Ort ist und bleibt, an dem man sich in die Sonne setzen kann, an der man den Sommer sehen, hören und riechen kann - an dem man getauft und befreit „seine Straße fröhlich ziehen kann“.

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Als Kind hatte ich manchmal eine seltsame Angst: die Angst, dass meine Eltern nicht wiederkämen. Dabei waren sie nur auf ihrem Sonntagsspaziergang rund ums Dorf. Und ich konnte mich wirklich auf sie verlassen. Aber immer wieder lief ich voller Angst zur Tür, schaute nach, ob sie endlich kämen. Voller Angst, für immer verlassen zu sein – und voller Glück und Erleichterung, wenn ich ihnen dann entgegenlaufen konnte und sie mich in den Arm nahmen. 

Ich bin mir nicht sicher, ob ich das meinen Eltern jemals erzählt habe. Aber ich war beruhigt, als ich Jahre später gelesen habe, dass es dem großen Philosophen Arthur Schopenhauer auch nicht anders gegangen war.

„Schon als sechsjähriges Kind“, lesen wir bei Schopenhauer, „fanden mich die vom Spaziergang heimkehrenden Eltern eines Abends in der vollsten Verzweiflung, weil ich mich plötzlich von ihnen für immer verlassen wähnte.“ Genau das war mein Gefühl als Kind damals: ich könnte für immer verlassen sein. Ein schrecklicher Gedanke, dass dann, niemand außer einem selber, noch von einem weiß.

Etwas von dieser Angst kommt im Alter wieder: wenn nacheinander Menschen sterben, die einem nahe sind, erst der Vater, dann die Mutter, dann ein Freund, dann noch einer. Und man kann es nicht beenden, dieses Verlassenwerden von Menschen, die man über Jahrzehnte gekannt hat. "Die Einsamkeit in der Lebensphase über 60 erhöht die Sterblichkeit so sehr wie starkes Rauchen", heißt es. Also muss man etwas dagegen tun. Als Rezept werden genannt: Haustiere und Vereine, Stammtische und Ehrenamt – es gibt viele Wege aus der Einsamkeit. In England gibt es sogar ein Ministerium gegen Einsamkeit.

Aber weder dem kleinen Schopenhauer noch mir hätte ein munter zwitschernder Kanarienvogel oder ein Rauhaardackel genützt, als wir uns als Kinder so einsam, gottverlassen und mutterseelenallein  gefühlt haben.  

Schopenhauer schlug als Erwachsener die Flucht nach vorne ein: Lieben, was man fürchtet. In der Einsamkeit „sind wir uns selbst zurückgegeben“.  „Einsamkeit,“ so erkannte er, ist eine Quelle des Glücks und der Gemütsruhe, sie ertragen zu lernen sollte ein Hauptstudium der Jugend sein.“

Die Einsamkeit aushalten und sie schätzen ist das eine. Das andere aber, glaube ich, bleibt dennoch: in der Einsamkeit werden wir zu Kindern, die  in den Arm genommen werden wollen. und spüren möchten: Ich bin nicht verlassen. Und, wie es in einem biblischen Psalm heißt: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“

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