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SWR2 Wort zum Tag

Der Yosemite Nationalpark im Westen der USA ist ein richtiges Naturereignis: steile Felswände, seltene Tiere und spektakuläre Wasserfälle. Wer hier wandert, dem kann das Herz aufgehen. Mit verantwortlich dafür ist John Muir. Er ist schon vor gut 100 Jahren gestorben. Und er war es, der Präsident Roosevelt davon überzeugt hat, dieses Gebiet zum Nationalpark zu machen. Er hat den Präsidenten einfach zu einer mehrtägigen Camping-Tour durch das Yosemite-Tal eingeladen. Der Rest lief dann von allein, weil dem Präsidenten aufgegangen ist, dass diese einzigartige Natur unbedingt erhalten bleiben muss.

John Muir konnte noch mehr als Nationalpark. Er war ein echter Universalgelehrter. Er hat Bücher geschrieben, war Erfinder und dazu noch Naturforscher. Aber vor allem hat er es geliebt, rauszugehen in die Natur. Er hat einmal einen Satz gesagt, der mich berührt: „Wenn ich in die Landschaft des Yosemite-Parks eintauche, dann ist das für mich wie eine Taufe im warmen Herzen der Natur.“

John Muir vergleicht das wandern, schauen, staunen mit einer Taufe. Das finde ich interessant. Während John Muir in die Natur eintaucht, wird man bei der christlichen Taufe ins Wasser eingetaucht. Heute ist meistens nur noch ein Übergießen mit Wasser übriggeblieben, aber ursprünglich wurde man richtig unter Wasser getaucht. Und das Gefühl, wenn man wieder auftauchte sollte deutlich machen: Mit der Geburt tauchen wir ein ins irdische Leben. Und mit dem Tod tauchen wir wieder auf – hinein ins ewige Leben. Dieser Gedanke ist faszinierend: Als ich geboren wurde, bin ich eingetaucht in unsere Welt. Aber im Gesamten gesehen ist mein Leben nur ein kurzer Augenblick. Und die eigentliche Wirklichkeit ist viel größer. Erst wenn ich sterbe werde ich wieder Teil dieser anderen Wirklichkeit.

Es gibt Momente, da kann ich auch im Hier und Jetzt schon ahnen, dass es diese andere Wirklichkeit gibt, die viel weiter ist als meine enge Welt. Und vielleicht ist es das, was John Muir gemeint hat mit dem Ausdruck, dass man getauft wird „im warmen Herzen der Natur“. Ich habe auch manchmal das Gefühl, total eins zu sein mit der Natur. Das kann mir auf einer sonnendurchfluteten Waldlichtung passieren, wenn es leicht harzig riecht und die Insekten im Sonnenlicht tanzen. Oder auf einem verschneiten Gipfel, wenn weit und breit kein Mensch zu hören ist. Nur Stille, Schnee und blauer Himmel.

Dann fühle ich mich so verbunden mit Gott und meiner Welt, dass ich manchmal sogar eine Gänsehaut kriege. Und das ist für mich dann auch wie eine kleine Taufe: Eine Ahnung davon, zusammen zu gehören, eine Ahnung, dass es noch eine weitere Welt gibt – größer, weiter und paradiesisch.

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Es gibt Abende, da muss es einfach raus – vielleicht auch heute Abend. Dann komm ich nach Hause und rufe schon im Treppenhaus laut „Feierabend!“ Damit lasse ich alles hinter mir, was mich geärgert oder angestrengt hat. Und ich freue mich auf den Abend und aufs Wochenende.

Dieses „Feierabend“-Rufen ist auch Teil einer Legende. Es geht um eine Magd mit dem schönen aber heute seltenen Namen Notburga. Sie hat im 13. Jahrhundert in Tirol gelebt und soll bei einem Bauern gearbeitet haben. Eines Abends möchte der Chef die gesamte Erntemannschaft nochmal auf die Felder schicken um Weizen zu schneiden – obwohl die Kirchenglocken schon den Feierabend eingeläutet haben. Da kommt es zum Eklat: Die Magd Notburga brüllt laut „Feierabend!“ und wirft dabei ihre Sichel in die Luft.

Jetzt kommt der etwas unwahrscheinlichere Teil der Legende. Aber ich finde ihn wunderschön und deshalb erzähle ich auch so gerne davon: Die Sichel, die Notburga in die Luft wirft, bleibt mitten in der Luft schweben – so wie wenn man einen Film anhält. Es gibt alte Bilder, da wird Notburgas Sichel von Engeln gehalten, auf anderen bleibt die Sichel an einem Sonnenstrahl hängen. Auf jeden Fall sind überirdische Kräfte im Spiel. Gleich wie es war, der Bauer ist so beeindruckt oder verdutzt oder verängstigt, dass er Notburgas Feierabend-Forderung akzeptiert und alle Mägde und Knechte nach Hause schickt.

Für mich klingt das wie ein Tipp für alle, die zu Überstunden gezwungen werden. Von ihrem Chef oder von sich selbst. Ich stehe mir für einen rechtzeitigen Feierabend oft auch selbst im Weg. Nur noch kurz die Mails checken. Und den letzten Punkt von meiner To Do Liste hier, den krieg ich auch noch weg. Und ich finde, dass das nicht nur für Arbeitstätige gilt. Ich brauche auch eine Pause von der Haus- oder der Gartenarbeit, vom Fensterputzen, vom Bügeln, vom Holz machen oder von ehrenamtlichen Tätigkeiten.

Man muss vielleicht nicht gleich „Feierabend“ durchs Büro oder durchs Haus brüllen, wenn´s reicht. Aber ich glaube es ist schon wichtig, den Wunsch nach genügend Freizeit klar und deutlich zum Ausdruck zu bringen, egal in welcher Position ich bin. Notburga war ja auch „nur“ eine Magd.  

Vielleicht ist für solche Fälle die Sichel der Notburga ein gutes Zeichen. Die bleibt in der Legende ja in der Luft schweben wie ein Standbild. Mit einem sauberen Schnitt die Arbeit beenden und am nächsten Arbeitstag das Standbild wieder weiter bewegen. Vielleicht denken Sie ja dran, wenn heute Abend das Wochenende lockt: An die Heilige Notburga, Schutzpatronin des pünktlichen Feierabends.

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In unzähligen Kirchen finden sich Statuen oder Darstellungen des heiligen Antonius - im braunen Gewand der „Minderbrüder“, wie sich die junge Ordensbewegung um Franz von Assisi selbst nannte; Antonius gehörte zur ersten Generation der franziskanischen Gemeinschaft.

In Darstellungen trägt Antonius oft das Jesuskind auf den Armen: darin drückt sich seine besonders innige Beziehung zum Evangelium aus, so sagen die einen. Mit dem Jesuskind auf dem Arm ist er seinen Mitbrüdern im Wunder erschienen, sagen die anderen.

Eine Menge Legenden ranken sich um Antonius - gerade auch um seine offenkundige Redekunst. Antonius war ein Predigttalent. So sollen ihm sogar Fische andächtig gelauscht haben. Zu Hunderten müssen ihm jedenfalls seine Zeitgenossen, oft unter freiem Himmel, gebannt zugehört haben. Seine Kenntnis der Bibel, seine theologische Bildung war legendär. Gerade aber für die Einfachen und Ungebildeten unter seinen Zuhörern fand Antonius offenbar die richtigen Worte.

Dass er so beliebt ist, verdankt der heilige Antonius seinem Image als helfendem „Schlamper-Toni“. So soll ein Stoßgebet zu Antonius helfen, wenn etwas unauffindbar  ist. Ursprünglich war allerdings bei dem, was verloren ist, weniger an Portemonnaie oder Schlüssel gedacht. Antonius hatte offenbar eine besondere Gabe: mit seiner ebenso klugen wie menschenfreundlichen Predigt diejenigen zu überzeugen, die ihren Glauben verloren hatten.

Ich verdanke meinen Zugang zum heiligen Antonius dem österreichischen Autor Michael Köhlmeier. Vor zwei Jahren hat er ein wunderschönes Buch geschrieben, eine Novelle, vielsagend betitelt: „Der Mann, der Verlorenes wiederfindet.“ Der renommierte Romanautor erzählt darin eine leise, einfühlsame Geschichte, keine jubelnde Heiligenlegende Antonius wird von Köhlmeier vor allem auch mit Widersprüchen gezeichnet: fromm und unabhängig im Denken. Antonius ist einer, der durchaus weiß, was er kann. Dennoch bemüht er sich, demütig zu sein. Der gefragte Prediger schien selbst  oft auch zu zweifeln in seinem Glauben.

Das macht für mich den heiligen Antonius zu einem ungemein sympathischen Heiligen, gerade für unsere Zeit.

 

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Es ist sehr populär: das Victory-Zeichen, also zwei Finger wie ein V in die Luft gestreckt. So richtig bekannt geworden ist es im Zweiten Weltkrieg, als der britische Premierminister Winston Churchill es in jede Kamera gezeigt hat.

Aber davor war das V ein Zeichen des Widerstands gegen die Deutschen. Im Jahr 1941 hat der Belgische Politiker Laveleye eine Radioansprache gehalten. Darin hat er seine Landsleute dazu aufgerufen, das V als Zeichen zu verbreiten. Daraufhin wurden Vaus im besetzten Belgien auf Gehwege und Häuserwände gemalt und in den Lack deutscher Autos gekratzt. Der britische Radiosender BBC gab sich das gemorste V – dreimal kurz, einmal lang – sogar als Erkennungsjingle.

So ein Geheimzeichen haben auch die ersten Christen gebraucht. Sie wurden vom Römischen Staat verfolgt und konnten nicht offen sagen, an wen sie glauben. Also haben sie als Zeichen einen Fisch an ihre Haustüren gemalt. Der Fisch sollte anderen Christen signalisieren: hier wohnen Gleichgesinnte, hier bist du willkommen und sicher, du darfst sagen, was du denkst, bekommst vielleicht sogar ein Bett und ein Essen, und wenn du möchtest, können wir auch gemeinsam beten.

Warum aber haben die ersten Christen ausgerechnet ein Fisch als Geheimzeichen gewählt? Gut, er ist wie das Victory-V schnell und einfach mit zwei Bögen gemalt. Und der Fisch nimmt Bezug auf ein sehr berühmtes Wunder Jesu: Er hat Tausende von Menschen satt gemacht, indem er sie aufgefordert hat, das Wenige, was sie hatten, zu teilen: fünf Brote und zwei Fische.

Es gibt aber noch einen Grund für den Fisch als Geheimzeichen: Das Wort „Fisch“ heißt auf Griechisch „Ichthys“ und ist gleichzeitig eine Abkürzung. Jeder griechische Buchstabe von „Ichthys“ ist Anfangsbuchstabe für ein eigenes Wort: Das I steht für Jesus, das CH für Christus und der Rest für die griechischen Wörter „Sohn Gottes und Retter“.

Der Fisch und das Victory-V waren also beide ursprünglich ein Geheimzeichen und auch eine Art Glaubensbekenntnis in Kurzform. Das V sollte sagen: Wir widerstehen den Deutschen und glauben an unseren Sieg. Und der Fisch hieß und heißt heute noch: Ich oute mich als Christ und stehe dazu, dass mir Jesus wichtig ist.

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Sich alleine zu freuen ist doch nur halb so schön wie zusammen mit anderen. Darüber gibt es eine kleine aber gemeine Geschichte.

Ein Rabbi geht total gerne golfen. Aber es regnet schon seit Wochen und an Golf ist gar nicht zu denken. Ausgerechnet an einem Sabbatmorgen kommt die Sonne raus. Aber am Sabbat darf man sich körperlich ja nicht betätigen – schon gar nicht als Rabbi. Verzwickt, verzwickt. Aber der Rabbi muss es einfach tun.

Sofort laufen im Himmel bei Gott die ersten Beschwerden ein: „Das darf der doch nicht, das musst du bestrafen, Herr!“ „Keine Sorge“, sagt Gott, „wird schon werden.“ Unterdessen schlägt der Rabbi den Ball ab, der fliegt und fliegt und landet direkt im Loch. Dem Rabbi ist tatsächlich der erste „Hole in one“ seines Lebens gelungen – und das freut ihn wahnsinnig.

Im Himmel wird Gott bestürmt: „Herr, bestrafen sollst du ihn, nicht belohnen!“. Doch Gott bleibt ganz cool und sagt: „Überlegt doch, wem soll der Rabbi das nur erzählen?“

Ich glaube nicht an einen Gott, der bestraft. Aber darum geht es ja auch gar nicht. Die Geschichte macht deutlich, dass es schlimm ist, wenn man Freude nicht teilen kann. Oder andersrum: Teilen Sie alles, was Sie freut! Also erzählen Sie anderen davon.

Es gibt so vieles über das man sich freuen kann: zum Beispiel ausschlafen dürfen, Enkel angekündigt kriegen, den Zug gerade noch erwischen, nach langer Zeit jemanden wiedersehen, gesagt bekommen, dass man seine Arbeit gut macht, bessere Blutwerte, mit einem Geschenk genau ins Schwarze treffen, der Geruch von Regen nach einer Trockenperiode, Essen, das super schmeckt, wenn der Lieblingsverein gewinnt oder wenn die Waage zwei Kilo weniger zeigt.

Mein Bild von Gott ist, dass er sehr kommunikativ ist. Nicht unbedingt, indem wir miteinander sprechen, sondern auf eine andere Weise als ich es gewohnt bin. Gott hat die Menschen erschaffen, um ein Gegenüber zu haben. Er möchte mit uns Menschen Freude und Leid und seine Schöpfung teilen. Er schenkt uns göttliche Momente und hat selbst Anteil an uns in solchen Momenten. Und deshalb hat es auch etwas Göttliches, wenn ich Freude mit anderen Menschen teile.

Freude zu teilen ist eine Win-Win-Situation, denn meistens macht sie beide Seiten froh: den, der sich über etwas freut und den, der davon erfährt. Und damit gehört Freude zu den wenigen Dingen, die mehr werden, wenn man sie teilt.

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