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SWR2 Wort zum Tag

Ein Freund ist einer, der zu mir hält. Das weiß jedes Kind. Ein Freund ist einer, mit dem ich mich verstehe, mit dem ich reden mag, dem ich vertraue. Mit dem ich durch dick und dünn gehen kann. Ein Freund ist einer, der unter allen Umständen zu mir hält.

Wie wichtig Freundschaft ist, das haben die Menschen immer schon begriffen. Immer haben sie schon gefühlt, dass keine Einöde so traurig ist, wie ein Menschenleben ohne Freundschaft. Dabei kommt es nicht auf die Menge der Freunde an. Überhaupt nicht. In der Bibel heißt es: „Viele sogenannte Freunde schaden dir. Aber ein echter Freund steht mehr zu dir als ein Bruder.“

Diese Wendung allerdings ist erstaunlich, denn normalerweise glaubt man ja gern: Blut ist dicker als Wasser, nichts geht über Familie, Geschwisterliebe. Die sind sich so nah, die kennen sich ewig. Das muss doch mehr wert sein als Freundschaft. Die kann man beginnen – und auch wieder aufkündigen. Verwandtschaft dagegen hält ewig. Schön wär`s. Denn im Zweifelsfall steht „ein echter Freund wirklich mehr zu dir als ein Bruder.“

Es ist dieses „Zu jemandem stehen“ – gerade dann, wenn er es nötig hat. Denn wahre Freundschaft „kritisiert nicht in der Stunde des Leidens, sagt nicht nüchtern verständig „wenn du es so oder so gemacht hättest“, sondern öffnet einfach die Arme und spricht: „Ich frag nicht, ich urteile nicht, hier ist mein Herz, daran ruh aus“. Das schrieb eine Dame mit dem etwas altmodischen Namen Malwida von Meysenbug, eine Idealistin und Pazifistin des 19. Jahrhunderts, und eine begnadete Freundin von komplizierten Männern. Und weiter schrieb sie: „Wenn man immer im voraus wüsste, wie man handeln müsste, dann gäbe es ja kein Irrtum. Die Freundschaft rät und warnt vorher, nachher liebt sie. Das nur ist die echte, die falsche macht es umgekehrt.“ Es gibt Situationen, da braucht man genau so einen Freund, so eine Freundin:  und nicht einen, der einem immer versichert, wie wichtig man ihm sei – um im entscheidenden Moment die kühle und sachliche Schulter zu zeigen. Ein echter Freund, eine echte Freundin, besser als ein Bruder und besser als eine Schwester, sagt dann einfach: „Hier ist mein Herz, daran ruhe aus.“

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„Glaubt ihr denn, dass der liebe Gott katholisch ist?“ Einer meiner Lieblingsgedanken von Georg Christoph Lichtenberg. Mein Lieblingsgedanke, denn man ergänzt ja im Stillen sofort: „Glaubt ihr denn, dass der liebe Gott evangelisch ist? Glaub ihr denn, dass der liebe Gott muslimisch oder jüdisch ist? Oder glaubt ihr etwa, dass er Atheist ist oder tot?“ Doch nicht wirklich. Denn all diese Zuschreibungen machen aus ihm etwas anderes als Gott.

Lichtenberg, von dem dieser Satz ist, wurde geboren als das 17. Kind eines protestantischen Pfarrers im Jahre 1742 in Darmstadt. Seine Zeitgenossen beschrieben ihn als einen „unansehnlichen Mann, klein, (nur 144 groß), höckericht, krumm an Füßen, mit einem sehr dicken Kopf.“ Er war auf Grund einer Krankheit von Kindheit an behindert. Doch Lichtenberg wurde der lebendige Beweis dafür, dass in einem kranken Körper ein Geist wohnen kann, der sehr viel gesünder und klarer ist als der von nichtbehinderten Zeitgenossen.

Er studierte Mathematik und Naturwissenschaften, war Professor für Experimentalphysik und Philosophie, ein Mann der Wissenschaft – und  immer wieder fasziniert von dem, was in Menschenseelen vor sich geht. Auch und gerade in Hinblick auf die Religion. “Ist es nicht sonderbar, dass die Menschen so gerne für die Religion fechten, und so ungern nach ihren Vorschriften leben?“ Klar, die Feinde lieben, ist schwer, sie totzuschlagen scheint dagegen oft nähliegender und einfacher. Lichtenberg ahnte, dass einmal eine Zeit kommt, in der viele von sich sagen, sie glauben eigentlich an nichts mehr. Und so schrieb er, der Mann der Wissenschaft: „Bei den meisten Menschen gründet sich der Unglaube in einer Sache auf blinden Glauben in einer andern.“ Darum wohl hat sich Lichtenberg Zeit seines Lebens einen Glauben bewahrt, den nämlich, „dass die Lehre Christi, gesäubert von dem verfluchten Pfaffengeschmier, und gehörig nach unserer Art sich auszudrücken verstanden, das vollkommenste System ist, Ruhe und Glückseligkeit in der Welt am schnellsten, kräftigsten, sichersten und allgemeinsten zu befördern.“  Ruhe, Friede und Glückseligkeit in der Welt – wenn Glaube darauf zielt, ist es wirklich egal, ob er evangelisch, katholisch oder irgendetwas anderes ist.

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Christel singt. Und Musik ist für sie eine Eintrittskarte in eine andere Welt, jenseits von Altenheim und Greisenalter, jenseits von Raum und Zeit. Singen geht, auch wenn sonst nichts mehr geht. Denn mit ihren 92 Jahren kann sie nicht mehr laufen. Sie weiß nicht genau, ob es Sommer ist oder Winter. Beim Essen braucht sie Hilfe. Alleine anziehen geht schon gar nicht. Und wenn ihr etwas aus der Hand fällt, kann sie es nicht mehr aufheben. Aber: Sie kann singen. Sehr schön singen mit ihrer tiefen, wohlklingenden Stimme. Vor zwei Wochen als wir sie in ihrem Rollstuhl durch den Park geschoben haben, schmetterte sie den Schlager ihrer Jugend: „Kann denn Liebe Sünde sein? Darf es niemand wissen, wenn man sich küsst, wenn man einmal alles vergisst, vor Glück?“

Musik war schon immer ihr Ding. Natürlich kann sie, Jahrgang 1925, auch Kirchenlieder. „Geh aus mein Herz“, „Großer Gott, wir loben dich“, „Nun danket alle Gott.“ Aber an diesem Nachmittag war ihr eben doch mehr nach Zarah Leander. Und beim Singen vergaß sie, dass ihr der Rücken wehtat, dass sie eigentlich auf die Toilette wollte und dass sie nicht mehr 25 Jahre alt war.

Musik – eine Eintrittsklarte in eine andere Welt. Kein Wunder, dass sich viele Musiker als Medium für transzendente Klänge verstanden haben. Gustav Mahler nannte sich "ein Instrument, auf dem das Universum spielt“. Musik macht nicht satt, und doch lässt sie überleben. Sie schenkt das Gefühl: da ist etwas Wunderbares außer und über unserem Erdenleben, da ist ein Sinn, den wir nicht anders fassen können als mit Tönen, als mit Musik.

Mich haben schon Mozart und alte Neil Young, Beethoven und die Beatles, die Scorpions und Schostakowitsch geradezu überirdisch ergriffen. Augenblicke geschenkt, in denen ich fühlte: genau so ist es, genau das ist es, was ich jetzt höre. Ich fühlte meinen eigenen Seelenton getroffen.

Auch für mich ist die Musik die wunderbarste Art, abwesend anwesend zu sein. Und umgekehrt. Ich sitze da auf meinem Klavierstuhl und bin ganz woanders.  So wie die Schwiegermutter: wenn sie singt. Sie sitzt sie nicht mehr in ihrem Rollstuhl. Sie ist in einer anderen Zeit, in einem anderen Raum – und für die Dauer eines Liedes entspannt und glücklich. Wie im Frühling ihres Lebens. Und das ist: eine Gottesgabe.

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Hineni! Dieses Wort hat mich aufhorchen lassen, als ich kürzlich das Lied von Leonard Cohen gehört habe. Mehr gesprochen als gesungen. Mit seiner rauchigen Stimme. Hineni! Dieses Wort kenne ich aus der Bibel. Aus dem Alten Testament. Von Abraham, als Gott ihn prüfen will. Von Mose, als Gott ihn aus dem brennenden Dornbusch anspricht. Von Jesaja, dem Propheten, als Gott ihm seine Aufgabe überträgt. Alle drei antworten Gott, der nach ihnen fragt, mit diesem Wort: „Hineni“. „Hier bin ich!“ lässt es sich sinngemäß übersetzen.

Hineni meint kein beiläufiges „Einen Moment noch! Ich hab‘ gleich Zeit für dich!“ Wer Hineni sagt, weiß, dass es jetzt ums Ganze geht. Um Gott und Mensch. Um Leben und Tod.

Für Leonard Cohen war es sein letztes Lied, aufgenommen wenige Wochen vor seinem Tod, vor zwei Jahren. „I am ready, my Lord!“ – „Ich bin bereit, mein Gott!“ - geht das Lied weiter. Hier macht sich einer auf den Weg. Wie die Urahnen unseres Glaubens im Alten Testament. „Wenn du die Karten austeilst, bin ich aus dem Spiel“, singt er weiter. Und da klingt die Musik im Hintergrund schon recht düster.

Hineni! Leonard Cohen kannte dieses Wort aus der religiösen Tradition seiner jüdischen Vorfahren. Hineni hat für ihn eine Lebenshaltung zum Ausdruck gebracht, die auch in vielen anderen seiner Lieder immer wieder angeklungen ist: „Sei wach und bereit! Lebe so, dass andere dir abspüren: Jetzt kommt’s drauf an! In diesem Moment!

Diese wache „Ich bin jetzt ganz da!“, dieses Hineni, ist viel mehr als religiöse Tradition. Es beschreibt eine Art, mich dem Leben zu stellen. Bewusst meine Begegnungen zu gestalten. Bewusst meine Schritte zu setzen. Nicht aus Angst vor dem Tod. Sondern aus Ehrfurcht vor dem Leben. Hineni bedeutet darum: Ich bin ganz aufmerksam für das, was ich gerade tue. Für den Menschen, der mir gerade begegnet.

Es ist schwer, diese Haltung immer durchzuhalten. Ich über das selber auch immer wieder neu. Aber es lohnt sich, es immer wieder zu probieren. Ich mache mir dann klar: Mit der Haltung des „Ich bin jetzt ganz da“ beginne ich einen Weg, die Wachheit einzuüben. Ich entdecke Bedeutung und Größe auch in den kleinen Schritten meines Lebens. Gerade auch, indem ich das mache, was mir vor die Füße fällt. So gewinnt mein Leben Tiefe.

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Diese email ging mir irgendwie zu Herzen. Sie hat mich gefreut und sie hat mir gezeigt: Es lohnt sich, einen langen Atem zu haben, wenn man in die Erziehung und in die Lebensbegleitung, von anderen Menschen investiert. „Ich weiß nicht, ob sie sich noch an mich erinnern können“, stand in der email. „Sie haben mich konfirmiert. Vor 20 Jahren war das. Jetzt wird meine Tochter konfirmiert. Da wollte ich wissen, was aus meinem Konfirmator geworden ist.“

Natürlich habe ich mich erinnert. Sie war wirklich keine einfache Konfirmandin. Mir ist vor allem in Erinnerung geblieben, dass sie stets heftig widersprochen hat. Und dass immer wieder alles ganz grundsätzlich in Frage gestellt hat. Sie hat sich daran wohl auch erinnert. Denn in der email stand dann auch noch der Satz: „Es wird sie wundern, dass ich meine Tochter dennoch im christlichen Glauben erzogen habe.“

Dennoch stand da. Die Auseinandersetzungen waren auch meiner ehemaligen Konfirmandin wohl noch in Erinnerung. Natürlich hat es mich zunächst gewundert, dass sie so schreibt. Aber dann doch auch beruhigt. Und gefreut. Wer seine Kräfte zugunsten anderer Menschen einsetzt, in die Förderung ihrer Gaben, braucht manchmal schon ordentlich Geduld und einen langen Atem. Wer in einen Menschen sät, bekommt vom Wachsen oder vom Ernten am Ende selber vielleicht gar nichts mehr mit. Da ist eine email wie die meiner Konfirmandin eher die Ausnahme.

Dabei weiß ich das eigentlich ja auch von mir selbst. Vieles, von dem ich heute zehre, manches, das heute in mir aufkeimt, verdanke ich Menschen, die mich gefördert und begleitet haben – oft schon vor Jahrzehnten: Eltern. Paten. Menschen, die mir einfach wohlgesonnen waren.

 „Gedenkt eurer Lehrer“, heißt es in einem Brief in der Bibel (Hebräer 13,7). Da tauchen bei der Erinnerung an die Schulzeit sicher auch Erfahrungen auf, die alles andere als hilfreich gewesen sind. Aber ich bin sicher: Es gibt auch die anderen Erfahrungen. Und „Lehrer“ steht ohnedies für alle, die geholfen haben, dass ich mit dem Leben gut zurechtkomme. Wenn ich ehrlich bin, müsste ich jetzt selbst auch eine ganze Reihe emails schreiben. Aber vielleicht ist es besser, wenn ich mich geduldig und liebevoll den Menschen zuwende, für deren Zukunft ich heute mitverantwortlich bin. Ob in der Familie. In der Schule. Oder da, wo ich mich ehrenamtlich engagiere. Ich freue mich, wenn etwas aufgeht. Und sei’s erst nach Jahrzehnten.

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Was ist jetzt für mich dran in meinem Leben? Worauf muss ich mich einstellen? Wie entscheide ich mich recht? Manchmal wünsche ich mir, es gäbe so etwas wie ein Lebensradar. Eine eindeutige Sehhilfe, um zu wissen, was jetzt zu tun ist. Und was nicht.

Für das Wetter gibt es solche kleinen Programme. Sehr hilfreich ist für mich das sogenannte Regenradar. Das zeigt mir ziemlich genau an, ob und wann es regnet. Und vor allem auch, wann der Regen wieder aufhört. Erst vor kurzem konnte ich mit Hilfe dieses Programms eine Braut beruhigen. Es hatte schon den ganzen Vormittag geregnet. Und die Trauung sollte im Freien stattfinden. Ein schneller Blick auf das Regenradar, und ich habe gewusst: Der Regen wird eine halbe Stunde vor Beginn des Traugottesdienstes aufhören. Und so kam es dann auch.

Schön wäre es, wenn es doch auch ein Lebensradar geben würde. Es geht mir nicht darum, mein Leben immer selber zu steuern. Das möchte ich gar nicht. Es geht mir darum, mich einzustellen auf das, was auf mich zukommt. Mein Lebensradar müsste mir sagen, ob ich mich für die bevorstehende Begegnung doch besser innerlich wappne. Oder ob ich ihr aus dem Weg gehe. Ob ich mich für den einen oder den anderen Weg entscheiden soll. Auf alle Fälle wüsste im Voraus: Jetzt kommt‘s drauf an. Oder eben gerade nicht.

So etwas wie ein Lebensradar gibt es sehr wohl. Ich weiß doch, dass ich im Leben immer wieder auf Regen eingestellt sein muss. Dass ich damit rechnen muss, dass das Leben das eine Mal heftig daherkommt. Und dass ich das andere Mal ganz gelassen bleiben kann. Und ich weiß auch, dass auch die stürmischen Zeiten nicht ewig andauern.

In den seltensten Fällen kann ich das steuern. Aber ich kann mich darauf einstellen. Ich kann zu Hause bleiben. Oder eine Regenjacke oder einen Schirm mitnehmen. Ich kann mich in Sicherheit bringen. Oder ich wage den Gang durch den Regen. Ich muss mich also entscheiden, was ich tue. „Gut und Böse, Tod und Leben habe ich dir vorgelegt“, sagt Gott in der Bibel einmal zu den Menschen. „Wählt das Leben, damit ihr am Leben bleibt.“ (5. Mose 30,15) Ich finde, das ist ein gutes Kriterium. Das Leben wählen. Auf meine innere Stimme hören. Für mich heißt das auch. Auf meinen Glauben an Gott setzen. Mit dieser Entscheidungshilfe mache ich mich auf den Weg. Und wenn ich innerlich eingestellt bin, brauche ich auch Sturm und Regen nicht zu fürchten.

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