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SWR2 Wort zum Tag

„Ich bin schön!“ Das sollte ich mir eigentlich jeden Morgen nach dem Aufstehen als erstes sagen. Ein Blick in den Spiegel, lächeln und dann: Ja, ich bin schön. 

Das ist aber gar nicht so leicht. Nicht jeder Tag ist gleich und ich bin auch nicht mit allen Stellen an meinem Körper zufrieden. Und älter werde ich natürlich auch. 

Deshalb hat mich ein Fotoprojekt angesprochen, dass sich genau damit auseinandersetzt. Wir sind alle schön! Wir sind sehr unterschiedlich aber eben schön. 

Die Fotografin Silvana Denker hat das Projekt „Bodylove“ gestartet. 

Sie hat beobachtet, dass es kaum möglich ist, dem Schönheitsideal aus dem Fernsehen zu entsprechen. Deshalb haben es auch immer mehr Menschen schwer, ein positives Verhältnis zum eigenen Körper zu bekommen. Und hier setzt die Kampagne an. Bodylove meint ganz einfach „Liebe zum eigenen Körper“. 

Was beim Fotografieren passiert, ist recht einfach:

Silvana Denker fotografiert Menschen ohne Schminke und nur mit wenig Kleidung, eben genau so wie sie sind. 

In über 30 europäischen Städten hat sie mittlerweile Gruppenbilder von jeweils 8 Personen in schlichter schwarzer Unterwäsche gemacht. Alle Models hatten je einen Buchstaben des Wortes Bodylove auf dem Bauch. Für Silvana Denker ist klar: „Es gibt nicht den einen perfekten Körper, sondern ganz viele verschiedene perfekte Körper.“

Sie wirbt dafür, sich selbst zu lieben wie man ist. Und das gelingt. Dadurch dass sie entspannt auf die Models schaut bekommen die Models eine neue Perspektive und schauen selbst gelassener auf ihren Körper. Und sie können Unterschiede akzeptieren und sich selbst und anderen gegenüber toleranter sein.  

Ich finde es super, wenn es klappt, dass man sich selbst glücklicher im Spiegel anschauen kann. Die Models, aber auch ich als Betrachter der Bilder entdecke, dass wir alle schön sind.

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„Wenn du eine Mutter brauchst, die zu deiner gleichgeschlechtlichen Hochzeit kommt, weil deine biologische Mutter nicht kommen will, dann melde dich bei mir. Ich bin da. Ich werde dein größter Fan sein.“ 

Dieses ungewöhnliche Angebot kommt von Sara Cunningham aus Oklahoma in den USA.

Sie hat selbst einen homosexuellen Sohn. Und jahrelang hatte sie massive Probleme zu akzeptieren, dass er schwul ist. Und dass ihr Sohn gut ist, so wie er ist. Außerdem war sie in einer christlichen Freikirche engagiert. Dort wurde gepredigt, dass Homosexualität Gott beleidigt. Das hat es ihr noch schwerer gemacht, ihren Sohn so anzunehmen wie er ist. 

Aber irgendwann kommt der Punkt, als ihr klar wird ist, dass sie ihr Kind so akzeptieren muss, wie es ist. Und sie hört auf das Thema zu verdrängen und packt es an. Sie setzt sich mit Homosexualität auseinander. Sie liest Bücher und studiert auch, was in der Bibel steht. Und sie tauscht sich mit anderen aus.

So entwickelt sie sich letztlich selbst weiter. Sie sagt: „Ich habe angefangen hinter meinen eigenen Ängsten mein Kind zu sehen.“ 

Sie entdeckt mehr und mehr, dass es falsch ist, Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung zu bewerten und zu verurteilen. Und dann entscheidet sie sich: Sie will sich für homosexuelle Menschen einsetzen. Besonders für diejenigen in schwierigen Familiensituationen. 

Sara Cunninghams Angebot für homosexuelle Paare hat eine Welle der Solidarität ausgelöst. Viele weitere Mütter machen das jetzt auch. Sie bieten sich an, als Ersatz-Eltern zu gleichgeschlechtlichen Trauungen zu kommen. Wichtig ist dabei allen: sie wollen die leiblichen Eltern nicht an den Pranger stellen. Sie sind für die homosexuellen Kinder da. Und sie wollen, dass beide Seiten, also Eltern und Kinder wieder zusammenfinden. Deshalb treffen sie auch die Familien um miteinander zu sprechen. 

Ich finde es beachtlich, dass Sara Cunningham sich aktiv mit ihrem persönlichen Tabuthema Homosexualität auseinandergesetzt hat. Und es beeindruckt mich, dass sie ihre eigenen Vorurteile überwinden konnte. Und auch die aus ihrer Gemeinde. Sie hat sich frei gemacht. 

Richtig klasse finde ich auch, dass sie Menschen in schwierigen Situationen hilft. Nicht nur mit Worten, sondern dadurch, dass sie direkt vor Ort hinter den Menschen steht.

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Niemand entschuldigt sich gerne. Mir fällt das schwer. Und auch anderen geht ein „Es tut mir leid“ oder „Ich habe Mist gebaut“ nicht so leicht über die Lippen.

Zumal die Frage bleibt: Was bewirkt überhaupt eine Entschuldigung? Wenn sich der Zugführer entschuldigt, dass die Bahn eine halbe Stunde Verspätung hat? Dann kriege ich meinen Anschluss trotzdem nicht. Wenn ich mich für eine blöde Bemerkung entschuldige? Dann ist meine Aussage trotzdem in der Welt. Eine Entschuldigung macht nichts ungeschehen.

Vor wenigen Tagen hat sich Papst Franziskus öffentlich entschuldigt. Nachdem bekannt wurde, dass katholische Priester in den USA über 70 Jahre lang mehr als 1000 Kinder missbrauchten. Franziskus fand für die Taten nur ein Wort: „Abscheulich“ – und verurteilte sie scharf. Aber vor allem wandte sich der Papst an die Opfer. Franziskus schrieb: „Wenn wir auf die Vergangenheit blicken, ist es nie genug, was wir tun, wenn wir um Verzeihung bitten und versuchen, den entstandenen Schaden wiedergutzumachen.“

In diesen und anderen Missbrauchsfällen wird der Katholischen Kirche vorgeworfen, nicht früh genug gehandelt zu haben. Den Missbrauch gedeckt zu haben. Dass die Kirche vertuscht und verschwiegen hat, was alles passiert ist. Deshalb ging der Papst auch über eine Bitte um Vergebung weit hinaus. Ein „Es tut mir leid“ reicht nicht. So rief Franziskus zur Solidarität mit den Opfern auf. Und er kündigte an, dass die Kirche „harte Lehren“ aus der Vergangenheit ziehen müsse. Dass die Täter und alle die, die den Missbrauch zugelassen hatten, zur Rechenschaft gezogen werden müssen.

Eine bloße Entschuldigung klingt da billig. Sie heilt ja keine der Verletzungen, die der Missbrauch den Opfern zugefügt hat. Aber ich glaube, sie ist trotzdem wichtig. Sich entschuldigen, das ist der erste Schritt, sich ohne Wenn und Aber der Vergangenheit zu stellen. Und eben nicht bei der Entschuldigung stehen zu bleiben. Denn es muss aufgedeckt und gehandelt werden. Damit so etwas nicht wieder passiert. Dann erst ist eine Entschuldigung glaubhaft.

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Eine Studie behauptet: Jeder Mensch lügt etwa 200 Mal pro Tag. Auf die Zahl kommt man allerdings nur, wenn alles, was man sagt, auf dem Prüfstand steht. Wenn all die vielen kleinen Lügen des Alltags zählen. Als Lüge gilt, wenn ich auf die Frage „Wie geht’s?“ höflich antworte „Gut“ – obwohl ich schlecht geschlafen habe und dementsprechend gelaunt bin. Als Lüge gilt auch, wenn ich einkaufe und ironisch sage: „Toll, dass die Milch ausverkauft ist“ – obwohl ich dringend einen Liter brauche. Zu den Lügen zählt auch, wenn ich ein kleines Erlebnis beim Zugfahren so ausschmücke, als wäre es eine große Angelegenheit gewesen. 

Wenn das alles Lügen sind, kommt man leicht auf 200 Lügen am Tag. Für mich aber sind das nicht alles Lügen. Warum? Wenn wir sprechen, dann befolgen wir bestimmte Regeln. Die Regeln sind allen Beteiligten bekannt sind. Wenn ich höflich bin, ironisch werde, übertreibe, dann ist das keine Lüge. Denn jeder, der mich kennt, weiß ja wie ich spreche und wie ich es meine.

Ein Beispiel aus der Welt der Religionen macht das deutlich. Nach naturwissenschaftlichen Maßstäben erzählen die biblischen Schöpfungsgeschichten etwas Falsches. Das Universum wurde nicht in sechs Tagen geschaffen. Leben auf der Erde hat sich vielmehr in Millionen von Jahren entwickelt. Allerdings: Die biblischen Texte wollen gar keine naturwissenschaftlichen Abhandlungen sein. Sie wollen etwas über den Sinn des Lebens erzählen, bezeugen, dass diese Welt nicht sinnloser Zufall ist. Sie lügen also nicht, sondern transportieren eine Wahrheit, die sich von der Wahrheit der Naturwissenschaft unterscheidet.

Gibt’s dann überhaupt noch Lügen? Klar. Lüge ist es, wenn jemand etwas Unwahres behauptet, um einen anderen zu täuschen. Um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen. Um jemanden fertig zu machen.

Das macht die wohl bekannteste Lüge der Weltgeschichte deutlich: Im Garten Eden werden Adam und Eva von der Schlage angelogen. Sie behauptet: Wenn ihr vom Baum der Erkenntnis esst, dann werdet ihr „wie Gott“ (Gen 3,4). „Wie Gott sein“, das weist auf das eigentliche Problem der Lüge hin. Lügen heißt, dass ich mehr sein will, als ich bin, dass ich mir die Wirklichkeit so zurechtbiege, dass sie mir passt. Und: Dass ich gut und böse, wahr und falsch eigenmächtig und zu meinen Gunsten festlegen kann. Diese Lüge ist ein Mittel vor allem für meine Zwecke – und fügt dem anderen und auch oft genug mir selbst Schaden zu. In diesem Sinne lügen wir dann doch nicht so oft am Tag, wie das manche behaupten.

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Wie gehe ich mit meiner Wut um? Die Frage stellt der Film »Three Billboards outside Ebbing, Missouri«, auf Deutsch: »Drei Reklametafeln bei Ebbing in Missouri«. Der Film erzählt von Mildred. Ihre Tochter ist vergewaltigt und ermordet worden. Monate ist das her und der Verbrecher immer noch nicht gefasst. Mildred weiß nicht wohin mit ihrer Trauer und ihrer Wut. Kurzerhand mietet sie drei große Reklametafeln am Ortseingang und schreibt darauf ihre Anklage an die Polizei: „Vergewaltigt im Sterben. Niemand wurde verhaftet? Wie kommt das, Chief Willoughby?“ Die Tafeln setzen einen Kreislauf der Gewalt in Gang. Im Städtchen Ebbing. Ohne Happy End. Der Mörder wird nicht gefasst. Aber Ebbing hat sich verändert, seit Mildred ihre Wut auf die Plakate geschrieben hat.

Ein zentrales Thema des Films: Wut. Mildred ist wütend auf die Polizei, die in ihren Augen nichts tut. Ihr Sohn ist wütend auf die Mutter, die sich mit allen anlegt. Chief Willoughby ist wütend, weil er Krebs hat. Der Polizist Dixon ist wütend auf sich und die ganze Welt. Wie aber mit der Wut umgehen? Mildred plakatiert nicht nur, sie zündet sogar die Polizeiwache an. Ihr Sohn Robbie schämt sich und will sich am liebsten verkriechen. Chief Willoughby bringt sich um. Dixon wird gewalttätig, wirft einen Mann aus einem Fenster.

Der Film erzählt allerdings auch, dass Wut gar nichts löst. Egal, was die Menschen in »Three Billboards« auch tun: Wut befreit nicht und bringt auch nichts voran. Wut ist nur zerstörerisch. Sie führt in Tod und Verderben.

Mir ist der Film »Three Billboards outside Ebbing, Missouri« nachgegangen. Weil ich Wut auch kenne. Es gibt schließlich viele gute Gründe wütend zu sein.

»Three Billboards« kennt aber mehr als nur die zerstörerische Wut. Der Film erzählt von der Freundschaft zwischen Mildred und ihrer Kollegin. Er zeigt, wie die zerstrittenen Eheleute Mildred und Charlie ein gutes Gespräch führen. In einer Szene kümmert sich der schwerkranke Polizeichef rührend um seine Kinder. Es sind kurze Episoden, die deutlich machen, dass das Leben viel reicher ist, wenn die Wut nicht alles im Griff hat.

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Hildegard von Bingen. Die Frau überragt viele. Ist bis heute bekannt. Wird auch von denen verehrt, die mit Glaube und Kirche nichts am Hut haben. Kein Wunder, Hildegard, die vor gut neunhundert Jahren in Bingen am Rhein lebte, gilt als Expertin für Kräuter und Hausmittel aller Art. Sie kannte sich in Pflanzenheilkunde aus und stellte Regeln für eine gesunde Ernährung auf. Wissen, das wir heute erst nach und nach wieder entdeckt haben. Hildegard erkannte, dass eine maßvolle und ausgewogene Ernährung für Körper und Seele wichtig ist. Sie wusste aber auch, dass zu einem guten und gesunden Leben der Wechsel von Ruhe und Aktivität sinnvoll ist. Und ihr war klar, dass gesund Essen und Leben auf mehr beruht, als nur auf guten Lebensmitteln. Andere lieben, hoffen auch in schwierigen Lagen, singen und Musik machen, beten und meditieren – all das gehörte für Hildegard zu einem gelingenden Leben dazu.

Ironie der Geschichte: Hildegard war selbst immer wieder krank. Teilweise konnte sie kaum einen Schritt vor den anderen setzen. Sie hatte häufig so starke Sehstörungen, dass sie kaum etwas sehen konnte. Doch sie ergab sich nicht ihrem Schicksal. Forschte über Heilpflanzen und schrieb theologische Bücher. Obwohl sie zurückgezogen auf dem Rupertsberg bei Bingen lebte, hatte sie offene Ohren und Augen für die Welt. Täglich pilgerten Menschen zu ihr, wollten ihren Rat. Täglich erreichten sie Briefe aus aller Welt. Sogar Kaiser Friedrich Barbarossa suchte das Gespräch mit ihr.

Warum? Ich glaube, weil Hildegard groß vom Menschen dachte. Ihr Credo: Der Mensch ist als Gottes Ebenbild geschaffen. Er ist frei. Und jeden Tag hat er die Möglichkeit sein Leben so zu gestalten, dass seine Gottesebenbildlichkeit zu Tage tritt.

Und so tritt Hildegard auch immer wieder für andere Menschen ein. Unterschiede zwischen Mann und Frau kennt sie nicht. Und als ihr der Bischof von Mainz verbietet, einen Adeligen, der mit der Kirche im Clinch lag, zu beerdigen, da setzt sie sich einfach darüber hinweg. Sie schreibt dem Bischof: Jeder Mensch hat das Recht auf Gerechtigkeit.

Ihre Suche nach äußerer und innerer Heilung ist auch von diesem unbedingten Glauben an den Menschen getragen. An einen Menschen, der gesund werden soll: An Körper, Geist und Seele. Daran denke ich heute, an Hildegards Gedenktag.

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