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SWR2 Wort zum Tag

Manchmal steht man auf der Leitung. Dann braucht man einen Ortswechsel, damit einem die Augen aufgehen oder sie einem geöffnet werden.
Ich habe das erlebt mit einer Erzählung aus der Bibel. Durch den Ortswechsel im Urlaub, ans Meer.

In dieser biblischen Geschichte verliert Petrus seinen Glauben, ertrinkt beinahe in seiner Angst und wird im letzten Moment von Jesus gerettet. Ich fand diese Geschichte immer schon lebensnah. Habe sie aber als Landmensch symbolisch verstanden. Am Meer wird diese Rettung auch sehr konkret.

Man begegnet dieser Geschichte in vielen Kirchen an deutschen und europäischen Küsten. Auf Bildern oder Fenstern. Meistens im Kirchenschiff.
Im Urlaub habe ich sie an ganz besonderer Stelle gesehen, hinten am Ausgang. Also als die Botschaft, die einem die Kirche mitgibt als Begleiterin ins Leben. Als Segen, in Form von zwei Bildern.

Auf dem ersten Bild sieht man Jesu Freunde dicht gedrängt in einem kleinen Boot, das vom Sturm hin- und hergeworfen wird. Nur noch Spielball der Natur. Die so lebensfeindlich sein kann. Einige im Boot kauern starr vor Angst, andere wehren sich. Ihre Gesichter, wütend und verzweifelt. So kämpfen sie gegen die Gewalten. In einiger Entfernung geht eine Gestalt auf dem Wasser. Die biblische Erzählung weiß, dass die Menschen im Boot anfangs nicht erkannt haben, dass Jesus ihnen in diesem Chaos entgegen kommt. Verständlich, ich glaube nicht, dass ich in Seenot noch klar sehen könnte - vor lauter Angst - ob da Hilfe kommt oder neue Gefahr.

Ein zweites Fenster über dem Ausgangsportal zeigt Petrus, wie er aufsteht. Er verlässt das Boot, geht auf dem aufgewühlten Wasser. Anfangs. Aber dann zersetzt die Angst vor dem Chaos sein Vertrauen und seinen Mut. Er säuft ab. Bis Jesus ihm die Hand reicht und ihn aus Seenot rettet.

Solche Erfahrungen prägen Menschen an den Küsten seit Jahrhunderten. Diejenigen die rausfahren und vielleicht noch mehr die, die warten, dass sie heil wieder kommen. Man kann den Segen für so ein gefährliches Leben gut gebrauchen. Und eine gut funktionierende Seenotrettung.

Zur Zeit gibt es Menschen in Europa, im „christlichen“ Abendland, Politiker und Bürger*innen, für die ist es nicht mehr unabdingbar, Menschen in Seenot zu retten. Für manche gibt es sogar Menschen, die man „ersaufen“ lassen soll. Oh Gott!

Christus hat doch selbst Petrus vorm Ertrinken gerettet. Seenotrettung ist zutiefst christlich. Vielleicht nennt man unsere Seefahrt ja auch deshalb „christlich“: Weil Ertrinkende zu retten für sie unabdingbar ist.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27013

„Wer als Christ um Sieg über andere betet, betet nicht Gott an, sondern einen Dämon.“ Diese Botschaft hat der Maler Willibald Krain Kirchen und Christen ins Gewissen geschrieben. In seinem Bilderzyklus „Krieg“.

Ich muss gestehen, dass ich von diesem Künstler noch nicht gehört hatte. Bis ich auf eine Ausstellung zum Thema „Frieden“ aufmerksam geworden bin.

1916, mitten im 1. Weltkrieg hat Krain einen Bilderzyklus gemalt: ein einziger Aufschrei gegen den Krieg. Und ein Manifest dafür, dass Christen nicht für den Sieg beten dürfen, sondern nur für Frieden. Krain stand damit 1916 ziemlich alleine. Auch viele Künstlerkollegen haben ihre Kriegserfahrungen erst nach 1918 öffentlich gemacht. Und Krieg dann auch radikal kritisiert und verurteilt. 1916 war Krain eine Einzelstimme. Als Künstler und erst recht als Bürger.

Frankreich, Deutschland, England, Russland, Italien, Österreich; alle europäischen Nationen waren christlich. Alle Nationen haben geglaubt, Gott sei „an ihrer Seite“. Und alle haben ihr eigenes Töten im 1. Weltkrieg als gerecht „geheiligt.“

Ein Bild aus Krains Zyklus bringt diese heillose Verirrung besonders scharf zum Ausdruck. Auch theologisch:
Da drängt sich eine große Menge Menschen um ein riesiges Kreuz, das hoch in den Himmel ragt. Die Menschen beten inbrünstig. „Um den Sieg“, macht der Titel des Gemäldes klar. Die Menschen glauben, am Kreuz hinge Christus. Ein furchtbarer Irrtum. Wer wirklich da hängt, das zeigt der Künstler nur mir als Betrachter. Den Menschen im Bild ist der Blick nach oben verstellt, durch eine finstere Wolkendecke. Über dieser sieht mich als Betrachter eine übergroße wütende Fratze an, vor blutrotem Himmel. Die Arme weit ausgebreitet. Aber diese Gestalt leidet nicht, sondern hat beide Hände zu Fäusten geballt: Der gewaltsame Dämon des Krieges. Ihn beten die Menschen an. Einen bösen Gott, der sie verderben wird.

„Wer als Christ um Sieg über andere betet, betet nicht zu Jesus, sondern zu einem Dämon.“ So verstehe ich dieses Bild von Willibald Krain. 1916 wollte niemand ihn hören.
Und damit haben Christen und Kirchen auch Jesus nicht gehört. Denn ein Wort, das Jesus in der Bergpredigt jedem mitgegeben hat, der in seinem Sinn leben will, heißt: „Selig sind die Frieden stiften, sie werden Söhne und Töchter Gottes genannt werden.“

Ich höre daraus: Auf Krieg liegt kein Segen. Und auch auf Nationalismus nicht, denn in ihm steckt der Hang zur Gewalt. Auch heute. Christen können nicht oft genug um Frieden beten. Stimme für ihn sein und Frieden mitgestalten. Wie Willibald Krain.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27012

„Die Hölle muss leer sein, denn alle Teufel sind hier in Münster.“
Soll ein Diplomat gesagt haben. Vor 4 Jahrhunderten, als der 30 jährige Krieg das ganze christliche Abendland in ein Totenhaus verwandelt hatte. So schwierig war es anscheinend, das Morden und Zerstören in Europa friedlich zu beenden.
„Die Hölle muss leer sein, denn alle Teufel sind hier in Münster.“ An die Hundert Gesandte waren damals in Münster in Westfalen zusammen: Franzosen, Spanier, Niederländer, Deutsche, Schweden und auch ein Schweizer. Katholiken und Evangelische.

Ich habe mich gefragt: Wie konnte das gehen? Wie schafft man es, mit Menschen zu reden, ja, um fairen Frieden zu ringen, wenn man in ihnen gleichzeitig „Teufel“ sieht? Wenn man ihnen misstraut, ihnen womöglich Lüge, Verrat, Unlauterkeit, Betrug unterstellt? All diese Teufeleien hatte man sich bis dahin jahrzehntelang angetan.

Aber sie haben weiter um den Frieden gerungen. Anscheinend muss man bereit sein, um des Friedens willen auch mit denen zu reden, denen man viel Böses zutraut und unterstellt. Warum um Himmels Willen schafft das die Weltgemeinschaft heute nicht?

Geschlagene 5 Jahre haben die Diplomaten damals im 17. Jahrhundert gebraucht, Friedensverträge zu schließen. Aber sie haben langen Atem gehabt. Sind nicht in der Verteufelung der anderen stecken geblieben. Um das zu können, muss man im Gegenüber Menschen sehen, muss schlechte Erfahrungen beiseite legen. Vertrauen riskieren. Und das ist den Gesandten in mehrfacher Hinsicht gelungen:

Politisch: Spanien hat zugestanden, dass die rebellischen Niederlande selbständig werden. Die Schweiz wurde rechtlich souverän. Territorial- und Nationalstaaten sind so eine Basis für ein friedlicheres Europa geworden.
Und es ist auch gelungen, die anderen religiös zu entdämonisieren. Von nun gab es Katholiken und zwei evangelische Konfessionen: Lutheraner und Calvinisten. Insofern wurde Religionsfreiheit in Europa geschriebenes Recht. Noch nicht für evangelische Freikirchen. Schon gar nicht für Juden und Muslime.
Aber es war dennoch ein großer Fortschritt:

Um des Glaubens Willen sollte kein Krieg mehr geführt werden. Christen, die anders glaubten als man selbst, sollten nicht mehr zu „Teufeln“ erklärt werden. Oder als „ungläubig“ oder zu „Zerstörern der universalen Kirche.“
Religionsfreiheit wurde so zu einer Grundfeste Europas. Und sie gilt heute Gott sei Dank für Christen, Juden, Muslime, Atheisten und Agnostiker gleichermaßen. Sie ist Bedingung für Frieden. Wir müssen die Saat von damals noch zur Reife bringen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27011

Wie kann es für alle gerecht zugehen? Das ist eine große Frage. Bei unserem Gemeindefest in diesem Jahr wollten wir das im Kleinen herausfinden und haben deshalb etwas Neues probiert: Es gab diesmal keine Preisliste. Kaffee, Kuchen und Getränke waren kostenlos zu haben – es wurde aber um eine Spende gebeten. Wir wollten damit erreichen, dass auch Menschen mit schmalem Geldbeutel unbesorgt mitfeiern können.

Nicht alle Festgäste waren allerdings mit dieser Regelung einverstanden. Manche sind aus Protest sogar erst gar nicht gekommen. „Das ist doch nicht fair“, haben die Kritiker gesagt. „Da bedienen sich dann manche einfach kostenlos, während ich mich verpflichtet fühle, etwas zu bezahlen – und oft sind es Leute, die genug Geld haben, die nichts geben!“ 

Ich kann diese Kritik nachvollziehen. Es kommt bestimmt vor, dass jemand, der rechnen muss, trotzdem etwas in die Spendenkasse wirft, während ein anderer, dem es eigentlich nichts ausmachen dürfte, aus Nachlässigkeit oder sogar aus Geiz nichts gibt. Das ist ärgerlich. Also doch lieber zurück zur Preisliste? 

Beim Nachdenken darüber ist mir eine Geschichte eingefallen, die Jesus erzählt. Es geht um Menschen, die als Aushilfe tageweise im Weinberg arbeiten. Einige fangen schon früh am Morgen an. Der ausgemachte Lohn ist fair, aber keineswegs üppig. Soviel etwa, wie man an einem Tag zum Leben braucht. Den Tag über werden weitere Arbeiter angeheuert. Manche fangen erst kurz vor Feierabend mit der Arbeit an. Am Abend bekommen alle den ausgemachten Lohn. Diejenigen, die früh begonnen und den ganzen Tag geschuftet haben, werden daraufhin ärgerlich: Wenn selbst diejenigen, die nur kurz gearbeitet haben, den vollen Betrag bekommen, dann hätten wir doch Zuschlag verdient, oder? Der Weinbergbesitzer allerdings sieht es anders: Was regt ihr Euch auf? Ihr habt bekommen, was vereinbart war! Oder habt ihr ein Problem damit, dass ich großzügig bin? 

Eigentlich, habe ich gemerkt, ist es beim Gemeindefest so ähnlich wie im Weinberg. Jeder bekommt Kaffee, Kuchen und Getränke für sich selbst zu einem fairen Preis und könnte zufrieden sein. Der Ärger entsteht erst beim Blick auf die anderen. Daran, dass sie eventuell einen Vorteil haben oder sich herausnehmen, den ich nicht habe. 

Im „Himmelreich“, bei Gott, geht es zu wie bei diesem Weinbergbesitzer – so leitet Jesus seine Geschichte ein. Jeder bekommt das, was er für sich braucht. Gerechtigkeit ist da nicht relativ. Es geht nicht darum, wie ich im Vergleich zu anderen dastehe. Wo es für mich gut ist, muss ich mir keine Gedanken machen, ob andere vielleicht noch besser wegkommen. 

Ich gebe zu: Diese „himmlische“ Art von Gerechtigkeit zu denken und zu leben, fällt mir immer wieder schwer. Aber ich glaube: Es lohnt sich. Und beim Gemeindefest ist ein guter Ort, es im Kleinen zu üben.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26996

Wenn ich jemanden betrachte, der schläft, berührt mich das jedes Mal. Bei Kindern kennt das wahrscheinlich fast jeder: Selbst die eben noch trotzigen und zornigen sehen, sobald sie eingeschlafen sind, fast engelsgleich aus, dass es einem ganz warm ums Herz wird.

Mir geht es allerdings auch mit Erwachsenen so – mit der Seniorin im Pflegebett oder dem Bauarbeiter, der in seinem Lieferwagen Siesta hält. Sie tragen zwar auch im Schlaf noch die herben Spuren eines Lebens im Gesicht, das vermutlich nicht immer einfach war. Trotzdem berührt mich ihr Anblick. 

Ich habe überlegt, woran das liegt. Ich glaube, es ist der Frieden, den Schlafende ausstrahlen – und gleichzeitig ihre Schutzbedürftigkeit. Wer schläft, von dem geht keine Gefahr aus. Wer schläft, der ruht in sich selbst – und er ist seiner Umgebung ganz und gar ausgeliefert. Egal ob Kind, Seniorin oder Mann in den besten Jahren.

Wenn ich schlafe, ist es egal, ob ich sonst stark bin oder schwach, ob ich viel kann oder wenig, ob ich reich bin oder arm. Im Schlaf bin ich hilflos, angewiesen auf Schutz – und ich muss darauf vertrauen, dass mir niemand etwas tut. In einem biblischen Psalmgebet ist das so ausgedrückt: Ich liege und schlafe ganz mit Frieden; denn allein du, HERR, hilfst mir, dass ich sicher wohne (Psalm 4,9). 

Wer wach ist und sich im Vollbesitz seiner Kräfte fühlt, kann schnell das Gefühl bekommen, das Leben im Griff zu haben, auf niemanden angewiesen zu sein. Deshalb tut es mir gut, mich daran zu erinnern, dass ich und alle anderen Menschen von Zeit zu Zeit schlafen müssen. So merke ich: Nein, ich habe nicht alles selbst in der Hand. Ich kann auch nicht ständig selbst handeln. Auch für mich gibt es Zeiten, in denen ich ganz passiv bin – und ganz schutzbedürftig. In denen ich bedingungsloses Vertrauen brauche. Im Schlaf – aber immer wieder auch dann, wenn ich wach bin. 

Vielleicht ist es das, was mich an schlafenden Menschen so berührt. Dass sie mich daran erinnern, wie verletzlich ein Menschenleben ist. Und wie gut es ist, dass ich trotzdem von Zeit zu Zeit die Verantwortung einfach abgeben kann. Ganz passiv sein. Friedlich einschlafen und mich anvertrauen – den Menschen und Gott. Ich liege und schlafe ganz mit Frieden; denn allein du, HERR, hilfst mir, dass ich sicher wohne (Psalm 4,9).

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26995

„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten,“ verkündete DDR-Staats- und Parteichef Walter Ulbricht im Juni 1961. Am 13. August, keine zwei Monate später, begann DDR-Führung die Grenze rings um West-Berlin abzuriegeln. Ein brutaler und auf lange Sicht hilfloser Versuch, den Strom derer einzudämmen, die im Westen ein besseres Leben suchten. 

57 Jahre ist das heute her – und diese Mauer ist Gott sei Dank Geschichte. Über die Bedeutung und die richtigen Wege der Grenzsicherung wird heute allerdings wieder viel diskutiert. Auch Mauern sind wieder im Gespräch. 

In der Gesellschaft, in der Jesus lebte, gab es viele Grenzen, mit denen man sich zu schützen versuchte, weil man keine andere Lösung sah. Eine solche Grenze betraf kranke Menschen. Gegen ansteckende Krankheiten wie Lepra gab es kein Heilmittel – der einzige Schutz, den man sich vorstellen konnte, war, die kranken Menschen fern zu halten vom Rest der Gesellschaft. Sie auszusperren. Eine Mauer um die Stadt, in die die Ungewollten nicht vordringen sollten. Jesus hat diese Grenze konsequent ignoriert. Er ist den Kranken nahegekommen. Hat sie eingeladen und berührt. Und, so wird erzählt, auch geheilt.

Im Laufe der Geschichte hat es immer wieder Menschen gegeben, die sich am Vorbild Jesu orientiert haben und sich nicht abgefunden haben mit dem Schicksal der Kranken und ihrer Ausgrenzung. Inzwischen ist Lepra heilbar. Eine Grenze ist überflüssig geworden. 

Heute treffe ich viele Leute, die auch andere Grenzen gerne überwinden würden. Die sich nicht damit abfinden, dass wir in Europa die Armen der Welt mit Mauern und Stacheldraht daran hindern müssen zu uns zu kommen. Diese Leute versuchen es auf andere Weise – indem sie mithelfen, die Not in den Ländern zu lindern, aus denen Menschen fliehen. Sie tun das, obwohl sie wissen, dass es nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Sie organisieren Benefizveranstaltungen für Hilfsorganisationen, sie arbeiten ehrenamtlich im Eine-Welt-Laden, sie starten Kampagnen gegen die Ausbeutung der Natur durch Ölfirmen an der westafrikanischen Küste, sie überweisen Geld für ein Patenkind oder eine Partnerschule in Pakistan. So wie viele zu DDR-Zeiten Päckchen gepackt haben und Briefe geschrieben als Zeichen der Verbundenheit mit den Menschen im anderen Teil Deutschlands. 

Solches Engagement wird oft belächelt. Die globale Armut zu besiegen scheint heute so unerreichbar wie ein Heilmittel gegen Lepra zur Zeit Jesu. Aber ich bin überzeugt: Langfristig ist es der einzige Weg. Und er fängt im Kleinen an. 

Mauern halten nur eine begrenzte Zeit. Daran erinnert uns in Deutschland heute der 13. August. Grenzen zu überwinden dagegen hat Zukunft – das zeigt mir Jesus.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26994