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SWR2 Wort zum Tag

Ich bin richtig gut im Mir-Sorgen-Machen. Das liegt bei uns in der Familie. Vielleicht kennen Sie das auch? Wenn die eine Sorge überwunden ist, kommt schon die nächste.

Es ist ja auch so: Man ist fortwährend in Sorge darüber, ob man es richtig macht, wenn man für Andere sorgt, für Kinder, für Kranke, für Ältere, für Notleidende. Das Sich-Sorgen-Machen ist so etwas wie eine Signatur menschlicher Existenz.

Die Sorge kann bisweilen Herz und Verstand in Beschlag nehmen und damit den ganzen Menschen. Sie ist überall zuhause, wo der Mensch wohnt. Sie gibt auch schon den kleinen Dingen Bedeutung und einen großen Schatten. Sorge ist Wirklichkeit, aber zugleich schafft sie auch Wirklichkeit.

Es fällt mir nicht leicht, Sorgen hinter mir zu lassen. Denn dazu gehört auch ein Verzicht: Ich muss auf die Sorgen verzichten. Viele Sorgen sind uns aber zur Gewohnheit geworden. Seien wir ehrlich: Oft genug machen wir uns unsere Sorgen selbst.

Dabei ist es schon nicht wenig, wenn man es schafft, seine Sorgen zu sortieren, sie in eine neue Ordnung zu bringen und die nötigen Sorgen von den unnötigen unterscheiden lernt. Es ist schon etwas, wenn man das Sich-Sorgen und das Sich-Kümmern auseinanderhält, das Hinnehmen und Ertragen vom Aktivwerden und Sich-Einmischen gedanklich trennt.

Denn: Das Sich um Andere und um die Welt Sorgen und dann Kümmern ist eine Haltung, die wir in unserer Gesellschaft brauchen. Ältere und Kranke pflegen, Kinder erziehen, etwas zur guten Nachbarschaft im Stadtteil beitragen, sich um ein Umfeld kümmern, in dem Menschen gerne leben: Mit all dem trage ich Sorge ich für Andere und damit auch für mein Leben. Das ist richtig und wichtig und eine Voraussetzung für das Zusammenleben.

Für diese Haltung muss man kein frommer Mensch sein. Die „Kümmerer“, die gebraucht werden, begründen ihr Engagement ganz unterschiedlich. Für mich persönlich ist es wichtig, mich dabei an der Bibel zu orientieren. Nicht nur im Blick auf darauf, was zu tun nötig ist, sondern auch im Blick darauf, wie ich damit zurechtkomme.

In einem Brief in der Bibel heißt es, nach einer langen Aufzählung der Pflichten des Einzelnen für das Zusammenleben: Werft alle eure Sorgen auf Gott, den er sorgt für euch (1Petr 5,7). Gebt dem ganzen Sorgen-Bündel einen neuen Platz. Tragt eure Sorgen nicht allein. Lasst auch für euch sorgen. Habt Vertrauen, dass Gott euch die Kraft gibt, euch so zu kümmern, wie ihr es könnt, nach euren Kräften und Möglichkeiten.

Das finde ich tröstlich und ermutigend, gerade wenn ich für Andere sorge: Dass der Glaube sagt - Gott sorgt für mich.

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Glauben ist eine Herzensangelegenheit. Für die Menschen und für Gott. Diese Behauptung und Erfahrung finde ich in der Bibel, und sie leuchtet mir ein. Da steht: Gott verbündet sich mit seinen Menschenkindern und schreibt seinen Bund in ihr Herz und in ihren Sinn ein (Jer.31,33).

Wir kennen uns aus in Herzensdingen. Unser Herz klopft und schmerzt in Aufregungen und besonderen Momenten. Wer verliebt ist, weiß das, aber auch, wer Kummer hat. Es zittert und zagt, wenn ich spüre: Darauf kommt es jetzt an. Es flattert, wenn ich unsicher bin und Angst habe. Das Herz kann auch mitleiden und überströmen von Mitgefühl.

Aber auch so: Ich erlebe, wie viel Kraft ich habe, wenn ich mir ein Herz fasse und etwas anpacke, was ich mir zunächst nicht zugetraut habe. Das muss man doch manchmal: Sich ein Herz fassen. Etwas tun, etwas sagen, sich einmischen. Wenn es Streit gibt. Wenn jemand zu Unrecht beschuldigt wird. Wenn schlecht über Andere geredet wird. Wenn Menschen Hilfe brauchen, ganz konkret. Manche Menschen sind mit der besonderen Begabung gesegnet, unerschrocken und beherzt zu handeln. Sie erkennen, was nötig ist, und tun das dann auch. Allerdings machen wir auch die Erfahrung, wie sehr einem das Herz „in die Hose“ rutschen kann.

Für die biblische Menschenkunde sitzt im Herzen die Lebenskraft, das Wesen des Menschen. Dort sitzt die Lebensenergie, die treibende Kraft, der Mut und der Tatendrang, den Menschen brauchen, um ihr Leben in die Hand zu nehmen.

Im Herzen, da, wo ich als Mensch mein Zentrum habe, ist der Bund mit Gott eingeschrieben, sagt der Prophet. Er ist nicht nur in Stein gemeißelt oder mit Brief und Siegel bekräftigt. Das sind Äußerlichkeiten, die vergehen können. Doch was im Herzen ist, das kann nicht verloren gehen. Das Herz erinnert sich. Erinnert sich selbst und auch Gott daran: Der Bund mit Gott ist ein ewiges Versprechen.

Denn könnte es nicht sein, dass Menschen auch von sich aus den Bund mit Gott immer wieder erneuern müssen? Wenn Gott einem dunkel und verstörend begegnet, muss man sich dann nicht überwinden, an diesem Bund festzuhalten? In einem Psalm hat einer gebetet: „Dennoch bleibe ich fest an dir ... “ (Ps.73).  Vielleicht hat Gott selbst ihn auch nötig, diesen Bund mit den Menschen? Wenn Menschen in tiefen Verzweiflungserfahrungen erneut nach der Hand Gottes greifen, dann ist das doch vielleicht so etwas Ähnliches wie: Menschen halten fest am Bund mit Gott, weil sie sich in ihrem Herzen daran erinnern.

Glauben ist eine Herzensangelegenheit. Fassen wir uns ein Herz.

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An manchen Tagen denke ich, es gibt nur zwei Sorten von Leuten: Die mit dem Fehlersuch-Blick und die mit der rosaroten Brille.
Die Menschen mit dem Fehlersuch-Blick sehen sofort, was nicht gelingt, wer nicht das tut, was er soll, was falsch ist. Sie entdecken mit scharfem Auge jeden Tippfehler und jeden Fleck auf der Hose. Ihnen entgeht nichts, was schlampig gemacht ist. Aber sie übersehen dabei den Witz im verdrehten Buchstaben, und wie die Staubflocken im Licht tanzen.

Doch auch die anderen, die mit der rosaroten Brille, sehen nur, was sie wollen. Sie meinen zu wissen, dass eine heile Familie zum Beispiel so aussieht wie das Paar mit dem süßen Jungen. Sie sehen nicht die Anspannung der Eltern, die um die labile Gesundheit ihres Kindes fürchten. Mit dieser Brille auf der Nase gibt es keine Krankheit und kein Elend, keinen Trübsinn und keine Traurigkeit.
Ich kenne, ehrlich gesagt, beides: Tage, an denen ich mit meinem Fehlersuch-Blick herumlaufe. Und genauso Zeiten, in denen ich eine rosarote Brille aufsetze und alles ein bisschen weichgezeichnet wahrnehme. Wie geht das: Sehen. Richtig sehen.

Der Apostel Paulus schreibt der Gemeinde in Korinth: Es stimmt, wir reiben uns an unserem Alltag auf. Doch der innere Mensch kann sich Tag für Tag erneuern. Wenn wir unseren Blick auf das Unsichtbare richten. Denn das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare aber ist ewig. (2.Kor.4,16-18)

Was ist das, das Unsichtbare? Paulus antwortet: Es ist das, was der Glaube sieht.
Ich stelle mir das so ähnlich vor wie in der Redewendung: Vor meinem „inneren Auge“ sehe ich, was ich nur ahne, mir wünsche und erhoffe. Ich sehe es und lasse mich davon inspirieren. So zum Beispiel:

Wenn wir unser „inneres Auge“ öffnen, sehen wir, wie kraftvoll und lebensfroh und verschmitzt ein Mensch einst war, den Krankheit und ein schwächer werdender Körper im Alter gezeichnet haben.
Wenn wir unser „inneres Auge“ öffnen, sehen wir die Zufriedenheit, die eine Aufgabe schenkt, auch wenn wir uns gerade mühsam durch die Anforderungen kämpfen.
Wenn wir unser „inneres Auge“ öffnen, sehen wir, wo wir hinwollen, auch wenn wir meinen, in der Mühsal des KleinKlein stecken zu bleiben.

Unser „inneres Auge“ sieht hinter das Offensichtliche. Es blendet Fehler nicht aus. Aber es sieht, wie es anders sein könnte. Es übermalt nichts mit Rosarot. Aber es erkennt, welche Möglichkeiten sich in einem Menschen wecken lassen. Der Glaube ist so etwas Ähnliches: Der Glaube ist eine Kunst des Sehens, die hinter dem Sichtbaren das Unsichtbare wahrnimmt.

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Genau hinsehen. Geduld üben. Und erst dann urteilen. Wie man das lernen kann, davon erzählt die Geschichte von einem Mann, der vier Söhne hatte.

Alle vier sollten dieselbe Aufgabe lösen: einen Birnbaum draußen auf dem Feld zu beschreiben.
Der erste Sohn ging im Winter aufs Feld. Anschließend sagte er: “Kahl, krumm und gebeugt stand er da.“ Der zweite Sohn ging im Frühling hin. Und berichtete: „O, nein, er war bedeckt mit grünen Blättern. Und trug vielversprechende Knospen.“
Der dritte Sohn fand den Baum im Sommer voller Blüten. Und im Herbst meinte der vierte Sohn: „Voll beladen mit reifen Früchten, war er, und die Leute kamen, um sie zu ernten.“

Da sagte der Vater: “Ihr habet alle etwas Richtiges gesehen. Aber ihr dürft niemanden nur aufgrund eines einzigen Eindrucks beurteilen. Denn was und wie jemand ist, kann man erst am Ende ermessen“. Mich erinnert diese Geschichte an ein Gleichnis, das Jesus erzählt:

Es hatte einer einen Feigenbaum, der war gepflanzt in seinem Weinberg. Und er kam und suchte Frucht darauf und fand keine. Da sprach er zu dem Weingärtner: Siehe, drei Jahre komme ich und suche Frucht an diesem Feigenbaum und finde keine. So hau ihn ab! Was nimmt er dem Boden die Kraft?

Der Gärtner aber antwortete und sprach zu ihm: Herr, lass ihn noch dies Jahr, bis ich um ihn herum grabe und ihn dünge; vielleicht bringt er doch noch Frucht; wenn aber nicht, so hau ihn ab!

Beide Geschichten warnen vor vorschnellem Urteilen und Handeln. Sie sagen, es braucht genaues Hinsehen und Geduld, bevor ich ein Urteil fälle. Denn Menschen können sich genauso entwickeln und wachsen. Ich darf sie nicht festlegen auf eine einzige Momentaufnahme.

Das biblische Gleichnis gibt dem Ganzen aber noch eine weitere Wendung. Denn Jesus selbst ist der Gärtner, der mit brennender Geduld dem Wachsen seines Gartens zuschaut. Er nimmt Anteil an dem, was da geschieht. Er will den Weinstock, der auf den ersten Blick so fruchtlos erscheint, nicht aufgeben.

Das heißt für ihn: graben und düngen! Hand anlegen, damit die Hoffnung am Leben bleibt. Die Hoffnung, dass ein Mensch umkehren und sich ändern kann.

Ich finde, von diesem Gärtner lässt sich viel lernen. Nicht vorschnell zu urteilen. Aber auch mit Leidenschaft geduldig zu sein. Und die Hoffnung tatkräftig zu pflegen wie einen Baum oder Weinstock. Mit brennender Geduld.

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Deus und dies. Zwei Worte aus dem Lateinischen. Deus steht für Gott, dies für Tag. Beide haben, darauf verweist der Schriftsteller Peter Handke in einem seiner Notizbücher, eine gemeinsame Sprachwurzel. Deus und Dies: Gott und Tag.
Ich frage mich, woher kommt diese sprachliche Verwandtschaft: was hat der unermessliche Gott mit dem messbaren Zeitintervall eines Tages zu tun?

Ich verstehe das so: jeder Tag ist ein Gottesgeschenk. Jeder Morgen die Erinnerung an einen neuen Schöpfungsmorgen, an dem ich mich vom Gestern löse und Neues planen und gestalten kann. Jeder Tag eine Chance, meinem Leben eine neue Richtung zu geben.  Helle und  dunkle Stunden, in denen ich etwas vom Weltgeheimnis berühren darf.

„Jeder Morgen ist ein neuer Anfang unseres Lebens“, schreibt Dietrich Bonhoeffer, „jeder Tag ist ein abgeschlossenes Ganzes. Der heutige Tag ist die Grenze unseres Sorgens und Mühens. Er ist lang genug, um Gott zu finden oder zu verlieren... Darum schuf Gott Tag und Nacht, damit wir nicht im Grenzenlosen wanderten, sondern am Morgen schon das Ziel des Abends vor uns sähen.“

Deus und dies. Da klingt für mich etwas durch vom Geheimnis der Weihnachtsgeschichte: vom unermesslichen Gott, der Mensch wird und eingeht in die engen Grenzen unserer Zeit. Der mir in meiner Lebenszeit begegnen will. In meinen hellen und meinen dunklen Stunden. Damit ich mich nicht im Grenzenlosen verliere.  

Ich denke, heute besteht die Gefahr, im Grenzenlosen verloren zu gehen, in besonderer Weise. Verglichen mit früheren Generationen erscheinen unsere Möglichkeiten tatsächlich grenzenlos.

Wir reisen wohin wir wollen. Wir empfangen unsere Informationen aus unzähligen Quellen. Wir sind weltweit vernetzt. Und über allem schwebt das Versprechen, alles sei möglich, wenn man nur wolle. Dabei geht viel von dem verloren, was Menschen früher Halt und Orientierung gegeben hat. 

Deus und dies. Das heißt für mich:  Gott im Begrenzten, im Kleinen, im Unscheinbaren zu finden. Den konkreten Tag, der vor mir liegt nicht gering zu schätzen. Und schon gar nicht die Aufgaben, die vor mir liegen, zu fürchten. Weil mich darin etwas Neues ansprechen und berühren will. Weil vielleicht gerade heute etwas anders werden will in meinem Leben.

Darum ist jeder Tag etwas ganz Einmaliges. Ein Zeitraum, voller himmlischer Möglichkeiten. Deus und dies.

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Aufhören können zur rechten Zeit. Innehalten. Abstand gewinnen. Wie wichtig das für Jesus war, davon erzählt eine Episode aus dem Neuen Testament.
Die letzten Tage waren anstrengend gewesen. Für Jesus wie für seine Jünger. Unglaublich viele Menschen waren zu ihm gekommen! Mit ihren Bitten um Heilung, ihren Fragen um Rat. Ein Riesenprogramm. 

„Wo bleibst du denn?“ so hatten die Jünger Jesus immer wieder gefragt. „Wo bleibst du denn? Alle suchen dich!“ Einerseits bewundern sie Jesus für das, was er tut. Aber es klingt auch ein deutlicher Vorwurf durch, dass alles sei nicht genug. Es reiche nicht aus angesichts des Ansturms von Hilfesuchenden.

Jesus hatte sich den Menschen zugewandt, die zu ihm gekommen waren. Mit ganzer Kraft. Selbst als die Sonne untergegangen war, hatten sie noch ihre Kranken, Verstörten, Verängstigten zu ihm gebracht. In seiner Nähe waren sie ruhig geworden. In seinem Kraftfeld waren die Dämonen verstummt.  
Wie Jesus geholfen hat, davon lese ich im Matthäusevangelium. Aber auch davon, dass er weiß, wann es genug ist. Für ihn selbst wie für die Menschen, die ihn umgeben.

Darum zieht er sich am Morgen des nächsten Tages zurück. Er braucht die Ruhe und den Abstand. „Und am Morgen“, so heißt es bei Matthäus, „stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort.“
Zur rechten Zeit aufhören zu können, ist für Jesus wichtig. Sich Zeit lassen, um auf das zu hören, was dem Leben Richtung und neue Kraft gibt.  
Und so setzt Jesus dem Stress, den seine Jünger verbreiten, eine heilige Gelassenheit entgegen. Den eiligen Zeiten, in denen die Jünger gefangen sind, heilige Zeiten der Ruhe.

Jesus lässt sich nicht treiben von der Angst, zu wenig auszurichten. Von der Angst, nicht bestehen zu können vor den eigenen Ansprüchen oder denen anderer.
Immer wieder sucht er die Zurückgezogenheit, um aus der Quelle des Lebens zu schöpfen. Und so der Erschöpfung zu entgehen.

Ich kenne das auch von mir. Dass ich Zeiten brauche, wo ich verweile, innehalte, meine Hände öffne. In solchen Zeiten der Ruhe kann eine heilige Gelassenheit entstehen. Die Prioritäten des Lebens verändern sich, gewinnen eine andere Wertigkeit.
Es wird – wie in einem Wasserspiegel - klarer, was meine nächsten Schritte sein könnten. In diesem Fall: Abstand gewinnen, um gestärkt weiterzugehen. 

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