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SWR2 Wort zum Tag

Ich sitze mit jungen Leuten, die sich in der kirchlichen Jugendarbeit engagieren, an einem Tisch. Wir reden über verschiedene christliche Persönlichkeiten. Eine davon ist Teresa von Avila. Als junge Frau entschließt sie sich ins Kloster zu gehen. Nach einer Zeit, in der Teresa zweifelt und sucht, entdeckt sie dann im Gebet eine besonders intensive Beziehung zu Gott. Sie sagt: „Das Gebet ist meiner Ansicht nach nichts anderes als ein Gespräch mit einem Freund, mit dem wir oft und gern allein zusammenkommen, um mit ihm zu reden, weil er uns liebt“.

Später schwärmen die Jugendlichen in alle möglichen Richtungen aus. Sie suchen nach Empfang für ihre Smartphones. Hier im Schwarzwald gibt’s den nur an ganz bestimmten Stellen. Ich grinse. Das passt super zu dem, worum es davor ging.

Wenn ich meine eigene Beziehung zu Gott anschaue, dann ist das so ähnlich wie die Netzsuche der Jugendlichen mit ihren Handys. Es gibt Zeiten, da habe ich das Gefühl ganz guten Empfang von Gott zu haben. Ich kann ihm erzählen, was mich beschäftigt und merke, wie es mich erleichtert. Oder ich setze mich an einen ruhigen Ort und mache mir bewusst: Gott ist da. Er kennt mich und sieht mich. Das tut mir gut. Anschließend fühle ich mich oft gestärkt. Ein anderes Mal lese ich während einer Gebetszeit in der Bibel und bekomme dadurch neue Gedanken. Sie inspirieren mich und helfen mir Dinge neu und anders zu sehen. Wenn das so ist, dann hat das Gebet für mich tatsächlich etwas von der Begegnung mit einem guten Freund.

Aber leider kenne ich auch andere Zeiten. Da kommt nichts zurück. Oder zumindest merke ich nichts davon. Kein Empfang. Gar nichts. Trotzdem bemühe ich mich weiterhin zu beten. Auch wenn es frustrierend ist. Wenn ich ehrlich bin, werde ich in solchen Zeiten nachlässig. Ich bete immer seltener. Irgendwann fehlt mir aber was. Ich sehne mich nach dem Kontakt mit Gott.

Dann versuche ich wieder mehr Zeit zum Beten zu finden, suche, wo ich Empfang haben könnte, und hoffe, dass dieser Freund sich bald mal wieder meldet.

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Ich treffe einen alten Freund. Wir sind früher gemeinsam bei den Ministranten gewesen. Heute hat er sich von der Kirche distanziert und meint zu mir: „Schau dir viele Kirchen an. Die sind doch so gebaut, dass der, der sie betritt sich klein und unbedeutend fühlt. Geht es der Kirche nicht darum, Menschen klein zu halten?“

Ich mag ihm noch nicht einmal widersprechen. Beim Bau vieler Kirchen ist es vermutlich nicht nur um die größere Ehre Gottes gegangen. Viele der Prachtbauten haben wohl auch den Zweck gehabt, zu zeigen, wie groß und mächtig die Kirche ist. Und um diese Macht zu zementieren, wurden Menschen klein gemacht. Und das nicht nur durch die Architektur der Kirchen, sondern auch durch die Worte, die darin gepredigt worden sind.

Ich kann daher die Kritik nachvollziehen. Der Protz so mancher Kirche schreckt mich ab. Aber ich kenne auch ein anderes Gefühl, das mich manchmal ergreift, wenn ich eine besonders eindrucksvolle Kirche betrete. Ich stehe da und staune. Das Gefühl ist so ähnlich, wie wenn ich einen Sternenhimmel in den Bergen anschaue. Ich fühle mich klein und bin ergriffen zugleich.

Einige Tage später lese ich in einem Buch diese Geschichte: Ein König malt eine schwarze Linie an die Wand seines Palasts. Dann versammelt er seine Weisen und fragt sie: „Seht ihr eine Möglichkeit, diese Linie zu verkleinern, ohne sie zu berühren?“ Eine Weile stehen die Weisen ratlos da und finden keine Lösung. Dann nimmt einer von ihnen den Pinsel in die Hand und zeichnet oberhalb der ersten Linie eine zweite. Diese ist um ein Vielfaches länger ist als die ursprüngliche. Betrachtet man jetzt die beiden Linien, dann wirkt die erste viel kleiner als zuvor, ohne dass sie auch nur um einen Millimeter gekürzt worden ist.

 

Für mich ist das eine zentrale Botschaft des christlichen Glaubens: jeder Mensch ist kostbar und wertvoll, weil er von Gott so geschaffen ist, wie er ist. Das zeigt die kleine Linie, von der in der Geschichte die Rede ist. Niemand hat das Recht, ihr die ursprüngliche Größe zu nehmen, die ihr immerhin der König selbst gegeben hat. Ich darf mir meiner eigenen Größe bewusst sein, in dem, was ich bin und was ich kann.

Die andere Linie ist aber genauso wichtig. Sie verweist mich auf etwas viel Größeres – auf Gott. Das macht mich nicht kleiner als ich bin, aber es relativiert einiges. Ich bin nicht das Zentrum des Universums. Nicht alles dreht sich nur um mich und meine Bedürfnisse. Und es weitet meinen Horizont. Wenn mir das bewusst ist, entlastet es mich: ich muss nicht immer möglichst groß rauskommen.

Die eigene Größe ins rechte Maß zu setzen, ist für mich eine große Kunst. Ja, ich bin unbedeutend, winzig und klein und doch zugleich wertvoll und kostbar.

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Schon mal was von Kleidertausch-Parties gehört? Oder von Gemeinschaftsgärten oder Tauschringen? All das sind relativ neue Arten zu wirtschaften. Meistens angestoßen von Leuten, die eine Alternative suchen zum normalen Kaufen und Verkaufen. Eine Umfrage der Bertelsmann-Stiftung hat herausgefunden, dass sich 88 % der Deutschen eine neue Wirtschaftsordnung wünschen. Auch Papst Franziskus hat es in einem Apostolischen Schreiben drastisch formuliert: „Diese Wirtschaft tötet, sie vergöttert das Geld, sie schließt viele arme Menschen aus und führt dazu, dass es ungerecht zugeht“ schreibt er.

Jetzt gibt es noch eine alternative Idee, wie die Wirtschaft funktionieren könnte: mit Hilfe der so genannten „Gemeinwohl-Ökonomie“, eine Wirtschaftsform, die sich daran misst, wie viel sie zum Gemeinwohl beiträgt. Erfunden hat sie der Österreicher Christian Felber. Er ist der Meinung, dass ein Unternehmen nicht nur daran gemessen werden sollte, wie viel es verdient, sondern wie zufrieden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind. Und wie fair es wirtschaftet. Der Clou an der Idee: Je besser die Gemeinwohlbilanz eines Unternehmens, desto mehr Vorteile werden gewährt. Z.B. muss es weniger Mehrwertsteuer und Zölle bezahlen. Außerdem bekommt es günstigere Kredite. Und öffentliche Aufträge sollen vorrangig an solche Unternehmen vergeben werden, die fair wirtschaften.

Christian Felber tingelt mit seiner Idee durch die Welt und versucht sie zu verbreiten. Immerhin: Über 400 Firmen von Skandinavien bis Lateinamerika unterstützen ihn schon und unterziehen sich einem frisch entwickelten „Gemeinwohl-Check“. Vom Naturkost-Lieferanten bis zur Bank, vom Outdoor-Ausrüster bis zur Fahrradwerkstatt. Bei diesem Check muss man seinen Betrieb in 17 Disziplinen bepunkten. Es soll zum Beispiel bewertet werden, wie ökologisch nachhaltig, wie solidarisch oder wie transparent man handelt. Es geht dabei nicht nur darum, wie die Produkte hergestellt werden. Sondern es werden auch Zulieferer und Geldgeber unter die Lupe genommen. Und wie die eigenen Mitarbeiter behandelt werden.

So eine Gemeinwohl-Bilanz ist für einen Betrieb wie eine kleine Bestandsaufnahme und daher auch anstrengend. Aber die Erfahrungen damit zeigen: Wenn die Mitarbeiter beteiligt werden, dann kann ein richtiger Ruck durch ein Unternehmen gehen. Ein Ruck in Richtung Gemeinwohl. Und Gemeinwohl heißt ja, den mitmenschlichen Zusammenhalt stärken und die Umwelt schonen. Ich finde, ein Ruck in die richtige Richtung.

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„Diner en blanc“ heißt übersetzt „Abendessen in weiß“. Das ist eine Art weiß gekleideter Flashmob. Es funktioniert so: viele Leute verabreden sich über soziale Netzwerke, per Telefon oder Mail zu einem gemeinsamen Massen-Abendessen. Alle sind eingeladen, je mehr, desto besser. Manchmal kommen über 1000 Menschen zusammen. Jeder sollte ganz in weiß angezogen sein und muss alles selbst mitbringen: Campingtisch und Klappstuhl, Teller und Besteck, am besten eine weiße Tischdecke und natürlich was zu Essen – das muss nicht unbedingt weiß sein. Erst in letzter Minute wird verraten, wo man sich zum Tafeln trifft: im Park, auf einer Brücke oder in der Fußgängerzone vor dem Rathaus.

Dann werden Tische und Stühle aufgeklappt, und es wird zwei Stunden gegessen und geplaudert. Man stellt sich vor, kommt ins Gespräch und probiert mal rechts und mal links, teilweise bei wildfremden Menschen. Aber die weiße Farbe, die witzige Idee und das Spontane -  das verbindet. Und dann, nach ca. zwei Stunden, ist der Spuk genauso schnell vorbei wie er gekommen ist. Ehrensache, dass jeder seinen Müll wieder mitnimmt, am besten in weißen Müllsäcken.

Das „Diner en blanc“ wurde in Paris erfunden, aber mittlerweile gibt’s das auch bei uns: zum Beispiel in Karlsruhe, Mannheim, Heidelberg oder Ludwigsburg. Die Idee kommt gut an, und ich frage mich warum. Ich dachte eher, die schnelle Mahlzeit zwischendurch sei im Trend: kurz an den Kühlschrank, Döner oder Currywurst im Stehen. Aber bei dieser Art zu essen geht der soziale Aspekt, also sich zu treffen und zu plaudern, ja eher unter.

Und jetzt das „Diner en blanc“. Da steht das Miteinander ja geradezu im Mittelpunkt. Wer ist das da auf dem Klappstuhl gegenüber? Oder was hat die Nachbarin da Feines, gibt´s davon vielleicht ein Rezept? Und so werden aus der Shopping-Meile oder aus dem Stadtpark plötzlich Räume, wo Gemeinschaft entsteht, wo man sich füreinander interessiert, wo man sich aus der Anonymität der Stadt herauslöst und erkennbar wird.

Es ist mir so sympathisch, dass im Zentrum meines Glaubens auch ein Essen steht – das letzte Abendmahl, woran in jeder Eucharistiefeier erinnert wird. Es scheint zwar in den letzten Jahren für viele an Kraft verloren zu haben, aber trotzdem: jeder ist willkommen, es stiftet Gemeinschaft und es tut der Seele einfach gut.

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In Südkorea gibt es einen kuriosen Wettbewerb. Er heißt „Relax your brain“ – also „Gönn deinem Gehirn eine Pause“. Es geht dabei darum, wer sich am besten entspannen kann. Aus 1.500 Bewerberinnen und Bewerbern, die sich übers Internet angemeldet haben, wurden 60 Finalisten ausgesiebt. Die treffen sich dann in einem Park in Seoul und entspannen um die Wette.

Die Teilnehmer sitzen oder lagern auf einer Decke, alle vorne mit einer Startnummer auf der Brust. Immer wieder messen Schiedsrichter den Pulsschlag der Kandidaten. Die meisten wirken dabei ziemlich teilnahmslos, denn Ziel ist es, einen gleichmäßigen und ruhigen Herzschlag zu haben. Und das geht am besten, wenn man an nichts denkt. Wer das schon einmal probiert hat weiß, wie schwierig das sein kann. Ablenkungen wie Essen, Smartphone oder Bücher sind für die Teilnehmer natürlich nicht erlaubt. Und sie dürfen weder sprechen oder schlafen noch auf die Uhr schauen. Wer das 90 Minuten durchhält und dabei die stabilste Herzfrequenz hat, der oder die ist Sieger.

Den Wettbewerb hat vor ein paar Jahren eine Künstlergruppe ins Leben gerufen. Sie wollte ein Zeichen setzen gegen Internetsucht. Viele Südkoreaner sind ständig online. Sie chatten, spielen und legen das Smartphone nicht mal mehr nachts aus der Hand - immer erreichbar, immer informiert. Die Künstlergruppe will ihre Landsleute anregen, ab und zu mal aufzuhören mit allem: aufhören zu kommunizieren, aufhören zu denken, aufhören sich abzulenken, aufhören erreichbar zu sein.

Das Wort „aufhören“ hat zwei Bedeutungen: einmal heißt es etwas beenden. Und dann, wenn man das Wort auseinander nimmt, dann heißt es auch auf – hören, also auf etwas hören. Und wenn ich aufhöre mich abzulenken, dann kann ich auf Dinge hören, die sonst im Alltagslärm untergehen, weil ich zu viel um die Ohren habe.

Ich zum Beispiel habe die besten Ideen im Halbschlaf. Sie kommen also dann, wenn ich aufhöre aktiv zu sein. Deshalb liegen auf meinem Nachttisch auch immer Notizzettel und Stift parat. Ich weiß auch von anderen, dass ihnen die besten Gedanken, die kreativsten Ideen kommen, wenn sie unter der warmen Dusche stehen, wenn sie im Garten liegen, auf dem Fahrrad oder auf der Toilette sitzen - also immer wenn sie entspannen. Das ist doch ein guter Grund, mal wieder richtig abzuschalten. Alles.

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