Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR2 Wort zum Tag

“Me-too verändert die Welt,” so hat eine Autorin auf den Punkt gebracht, was gerade passiert. “Me-too”, “ich-auch”. Sehr viele Frauen auf der Welt machen öffentlich, wie Männer sie ihre Macht haben spüren lassen. Anzüglich, übergriffig oder schlimmer.

Frauen wollen sich das nicht mehr gefallen lassen und sagen: ‘Männer. Verändert Euch! Übergriffe gehen gar nicht. Aber auch, jedwedes Ausspielen von Machtgefälle hat keinen Platz und keine Zukunft mehr.’

Ich frage mich. Geht der Ruf von “Me-too” an andere oder an “uns Männer”? Bin ich auch angesprochen. Sie? Muss ich mich verändern? Erneut?Ich habe das Gefühl, seit ich angefangen habe, ein Mann zu werden, habe ich mich immer wieder verändert. Und Frauen haben vieles dazu angestoßen.

Wenn ich bedenke, was für ein Bild vom Mann ich gehabt habe als Junge. Oder: Wie das Mann-Frau Verhältnis in der Kirche war vor 30 Jahren, auch in meiner evangelischen. Seither hat sich einiges verändert. Ich mich auch.

Und jetzt? Hat das Verändern kein Ende? Kommt man als Mann nie ans Ziel? Auch wenn man nicht macht-übergriffig war und ist? Ein Blick in die Bibel zeigt mir, dass wir Männer nie am Ziel sind. Zwei Bibelstellen legen mir das nahe.

Da ist zum einen dieser knappe große Satz von Paulus. “In Christus gibt es nichts Unversöhntes mehr zwischen Mann und Frau. In ihm seid ihr einig, vereint, eins.” 2000 Jahre ist dieser Satz alt und war trotzdem immer seiner Zeit weit voraus. Es ist noch nie erfüllend eingelöst worden. Ein gerechtes und versöhntes Verhältnis von Männern und Frauen, ist immer auch Utopie, Ziel. Für Christ*innen und in der Menschheit.

Sich daraufhin zu verändern, das gehört zum Mannsein. Das sieht man sogar an Jesus. In einer Geschichte, in der er er sich sehr irritierend verhält. Im Matthäusevangelium wird erzählt: Jesus hatte sein gewohntes jüdisches Wirkungsgebiet hinter sich gelassen, gleich fleht ihn eine Nichtjüdin verzweifelt um Hilfe an.

Er weist die Frau harsch, diskriminierend, zurück. „Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nimmt und wirft es vor die Hunde,“ sagt Jesus. Will sagen: Sein Wirkungskreis sind jüdische Menschen. Aber die Frau gibt nicht klein bei: „Trotzdem essen Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“ --

Sie erweicht ihn und Jesus, der Gottessohn, verändert sich und sagt: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst!

Auch Jesus wird Mensch, indem er sich als Mann verändern lässt. Dass Männer und Frauen leben können ohne Übergriffe und Machtspiele, dieses Ziel bleibt groß.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26459

Markus Söder hat mich ins Nachdenken gebracht. Nicht, ob es sinnvoll ist, in bayrischen Behörden Kreuze aufzuhängen. Das ist „Wahlkampf“. Was mir das Kreuz bedeutet, darüber habe ich erneut nachgedacht. Und warum ich selbst eines um den Hals trage.

Seit einem Urlaub in Danzig. In Sichtweite der Marienkirche habe ich es gekauft. Nicht weit von dort wo deutsche Vorfahren Polen überfallen hatten. Und den 2. Weltkrieg vom Zaun gebrochen.

Ich habe es gekauft, weil ich dankbar war: Danzig war wie weite Teile Europas völlig zerstört und jetzt blüht es wieder vor Leben. Danzig war tot und ist wieder lebendig.

Das drückt das Kreuz für mich aus. Dass dieses Wunder möglich ist. Jesus war tot und Gott hat ihn neu belebt. Daran soll es mich gern erinnern und daran dass Versöhnung zwischen Menschen das Wichtigste ist, wenn man so verfeindet war, wie Deutsche und Polen zB.

Jetzt könnten Sie einwenden: So mache ich das Kreuz auch zu einem „politischen“ Zeichen. Ähnlich wie die bayrische Landesregierung. Weil ich es als Zeichen verstehe, das Versöhnung stiftet auch zwischen Ländern, nicht nur zwischen Gott und Mensch. Ja, ich verstehe es auch politisch. Aber entscheidend finde ich, wofür es politisch steht: Für Versöhnung.

Das zeigt mir auch ein Blick 2000 Jahre zurück.
Für das Römische Weltreich was das Kreuz hochpolitisch. Jesus und viele andere wurden daran hingerichtet. Rom hat an ihnen seine Macht demonstriert.

Aber dann ist Erstaunliches geschehen: Zuerst haben die Christen das Kreuz vom Todes- zum Lebenssymbol umgedeutet: Jesus ist auferstanden. Und die Christen haben der Weltmacht Rom das Kreuz auch entwunden. Es wurde zu ihrem Zeichen und sagte: Gott steht auf der Seite der Schwachen und Ohnmächtigen, nicht auf der Seite der politischen Weltmacht. Leider haben sie es später auch wieder zum Machtzeichen werden lassen. Aber dazu taugt das Kreuz mE nicht. Man kann es nicht zur Monstranz von Macht tragen. Von staatlicher nicht, und von kirchlicher nicht.

Soll ich mein kleines Kreuz aus Danzig auch ablegen? Nein. Ich trage es weiter. Aber nicht als Identitätsmarker nach außen. Es soll auf einen selbst wirken, wenn man es trägt. Damit ich weiß, dass ich an Jesus glaube. Und mich an ihm orientiere. Er ist eingestanden für Menschen, die krank waren. Und auf der Suche nach neuem Leben. Er hat Frauen als seinesgleichen gesehen. Er hat geliebt, auch Feinde. Wer immer sich Jesu Kreuz anzieht oder aufhängt, muss versuchen, dass er oder sie in seiner Spur bleibt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26458

„Ich höre, also bin ich“. Ich lese gerade ein Buch mit diesem Titel. Joachim-Ernst Berendt hat es geschrieben, schon 1989. Vielleicht erinnern Sie sich an ihn. Er war Rundfunkjournalist, Musikkritiker, Essayist und bis zu seinem Tod im Jahr 2000 ein großer Förderer des Jazz und der Weltmusik in zahlreichen Sendungen und Veranstaltungen.

 „Ich höre, also bin ich“. Für Joachim-Ernst Berendt ist das Hören die Grundlage allen Seins, des ganzen Lebens: Denken, Reden, Handeln, Tun und Lassen, Wachen und Schlafen. Alles wurzelt im Hören. Vom Anfang bis zum Ende des Lebens.

Für mich ist Berendt ein Bruder im Geiste mit Paulus. Der schreibt: „Der Glaube kommt aus dem Hören“ (Röm 10,17). Für mich als Christ ist Glaube nichts „sekundäres“ sondern fundamentaler Teil meines Lebens. Ich weiß, dass ich als Mensch „angesprochen“ bin von Gott.

Berendt zeigt, das gilt anthropologisch von Beginn unserer Existenz. Wir Menschen werden Menschen, indem wir hören: bereits sieben oder acht Tage nach der Befruchtung, im ersten Zellbündel des menschlichen Embryos, sind mikroskopisch kleine Ansätze zur Bildung von Ohren erkennbar. Und schon viereinhalb Monate später, also bereits im Mutterleib, hat das daraus entstehende Innenohr seine endgültige Größe erreicht.

Und am Ende unseres Lebens, dann ist der Sinn, der bei der Mehrzahl der Menschen als letzter erlischt, der Hörsinn.

Keiner unserer Sinne deckt also die Strecke, auf der wir in diesem Leben verweilen, so vollständig ab, wie unser Hörsinn. Ja, unser ganzes Sein ist davon geprägt und bestimmt, dass wir hören.

Das Hören auf Gott kann dabei durchaus vielfältig geschehen: Im Lesen der Bibel. Durch die Begegnung mit Anderen. Beim Hören einer Andacht. Als Stimme des Gewissens. In aller Stille im Gebet. Aus einer Musik. Gott lässt auf mancherlei Weise von sich hören.

Ich als Mensch bin frei, hinzuhören oder wegzuhören. Manchmal ist das ja gar nicht so einfach.

Für mich habe ich gemerkt, dass mir das Hören für meinen Glauben wichtig ist. Es bestimmt in der Tat mein Sein. Mir persönlich ist es deshalb wichtig, z.B. eine Andacht oder Predigt zu hören. Aber auch hinabzuhören auf den Grund meiner Seele. Das mache ich meistens abends, bevor ich einschlafe. Ich höre darauf, was aus der Seele aufsteigt, was aus der Stille kommt. Und richte mich danach aus.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26423

Heute vor 190 Jahren, am 8. Mai 1828, wurde Henry Dunant geboren. Henry Dunant war der erste Friedensnobelpreisträger. Er hat das Internationale Rote Kreuz ins Leben gerufen. Und auf seinen Ideen und Vorschlägen beruht die Genfer Menschenrechts-Konvention.

Ich finde es beeindruckend, wie vorbehaltlos und konsequent Dunant sich für die Wahrung von Menschlichkeit und Frieden Zeit seines Lebens eingesetzt hat. Das Fundament dieses Einsatzes lag in seiner calvinistischen Erziehung und Frömmigkeit mit den damit verbundenen ethischen Maßstäben.

1859 wurde er Zeuge einer Schlacht zwischen Österreich und Italien/Frankreich bei Solferino in der Nähe des Gardasees. Diese Eindrücke und Erlebnisse waren dann der Auslöser für sein großes lebenslanges Engagement.

25.000 Verletzte blieben dort am Ende hilflos zurück. Viele waren schwer verwundet, grausam zugerichtet. Und niemand kümmerte sich um sie. Dunant zögerte nicht lange und organisierte mit den Einwohnern aus der Umgebung einen Hilfsdienst. „Tutti fratelli“ sagte er dabei den Helferinnen und Helfern. Wir sind alle Brüder! Macht keinen Unterschied wegen der Nationalität!

Tutti fratelli! Müsste man nicht sagen „alle Brüder“ – und heute „Geschwister“? Das war doch das Schlüsselwort. Für Dunant zuerst, für seine Helfer und dann für alle, die sich ihm und seiner Idee des Schutzes der Opfer und Verwundeten später anschlossen. Tutti fratelli, alle Brüder. Das Schlüsselwort für Mitmenschlichkeit und Wahrung der Menschenwürde. Auch im Krieg.

Dunants kompromissloser Einsatz hat viele überzeugt. Auch Generäle und Staatsmänner. So kam es zur Gründung des Roten Kreuzes und der Genfer Menschrechtskonvention. Im Internet lese ich: Heute gibt es weltweit 191 nationale Rotkreuz-Gesellschaften. Und 196 Staaten haben sich dem Genfer Abkommen verpflichtet. - Das finde ich richtig gut!

Dass Dunant als Protestant hier nicht nachgelassen hat in seinen Bemühungen um Mitmenschlichkeit im Krieg, wo einzig die Gewalt regiert, ist für mich ein Ansporn. Gerade heute am 8. Mai, dem Gedenktag zum Ende des 2. Weltkriegs.

Dunant erinnert mich daran, dass das bestimmende Schlüsselwort im Umgang miteinander, als Menschen und als Nationen, nicht Krieg, sondern tutti fratelli!, alle Brüder - und Schwestern! -, heißen sollte.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26422

Was vom Engel übrigblieb. So heißt eines meiner Lieblingsgedichte. Ich finde es ganz zauberhaft und möchte es Ihnen heute mit in den Tag geben. Es stammt von Jan Skácel, einem tschechischen Dichter. Er lebte von 1922-1989. Seine Werke wurden im Zuge der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 verboten. In Deutschland machte ihn besonders der deutsche Lyriker Reiner Kunze bekannt, der einige seiner Gedichtbände kongenial ins Deutsche übersetzte. Das Gedicht geht so:

Was vom engel übrigblieb

Frühmorgens,
alle bäume sind noch eingebunden
und die dinge unberührt,
erhebt sich zwischen zwei pappeln der engel,
schläft im fluge aus.

In den rissen des schlafes singt er.

Wer als erster die gasse betritt,
verwundet wird von diesem gesang,
vielleicht ahnt er etwas,
aber er sieht es nicht.

Es ist grün,
und das ist alles, was vom engel übrigblieb.

Dieses Gedicht von Jan Skácel berührt mich. Denn es bringt mit ganz wenigen Worten ein wunderbares Geschehen zum Ausdruck. Ein Hauch von Wunder, das die Welt in Gestalt eines Engels in der Dämmerung eines Morgens durchweht.

Obwohl ja eigentlich gar kein Wunder geschehen ist. Zumindest nicht in dem Sinn, dass da einer auf unerklärliche Weise geheilt wurde, oder übermächtige Mächte am Wirken waren, welche die Naturgesetze außer Kraft setzten.

Da ist nur die schlichte Unberührtheit der Natur, die in der Frühe eines Morgens manchmal noch erfahrbar ist. Im Noch-Halbdunklen oder Schon-Halbhellen der Morgendämmerung.

Ein Engel streift durch die Welt und schläft dabei im Fluge aus. Ein schönes Bild, finde ich: da tut einer etwas ganz mühelos, sanft und leise im Schlaf. Es erinnert mich an die Engel in den Gemälden von Marc Chagall, die mit ihren großen, stillen Gesichtern, oft mit geschlossenen Augen, über den Dingen dieser Welt schweben. Leise, in sich gekehrt und doch präsent.

Der Engel singt in den Rissen des Schlafes. Ich denke dabei an manche Momente von kurzem Aufwachen und wieder Weiterschlafen, an das sanfte Dahindämmern unter der leisen Melodie eines schönen Traumes – beim Aufstehen immer noch in meinem Ohr.

Wer nun als erster die Gasse betritt, sagt der Dichter, der wird verwundet von diesem Gesang. Ich glaube, er meint damit eine Verletzlichkeit, die zu neuem Sehen führt: Es ist grün, und das ist alles, was vom Engel übrigblieb.

Tatsächlich war ich schon manches Mal berührt, wenn ich in aller Frühe aus dem Haus in unseren Garten trat: Ich sah das viele Grün und verspürte einen Hauch von Wunder. Und Hoffnung für den Tag.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26421