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SWR2 Wort zum Tag

Heute endet die ökumenische Woche für das Leben in der die Kirchen jedes Jahr  darauf aufmerksam machen, wie gefährdet menschliches Leben heute ist. Dies bezieht sich vor allem auf den Beginn und das Ende, denn hier wird besonders deutlich, wie wir das Leben schätzen und schützen können.

In diesem Jahr hat die Woche für das Leben den Anfang des Lebens besonders im Blick: Sie widmet sich unter dem Motto “Kinderwunsch. Wunschkind. Unser Kind“ den Themen Schwangerschaft und Pränataldiagnostik. Es ist ja heute unglaublich vieles möglich dadurch, dass biologisches Leben auch ohne Geschlechtsakt „erzeugt“ werden kann, also außerhalb des Körpers. Eizellen können künstlich befruchtet werden und in die Gebärmutter jeder beliebigen Frau eingepflanzt werden oder sie können befruchtet oder unbefruchtet für lange Zeit eingefroren werden. Samenzellen und Eizellen können von unbekannten Menschen stammen und zur Befruchtung verwendet werden und es ergeben sich Konstellationen, die wir in ihrer Tragweite selten erfassen und durchdenken. Die Wissenschaft, dies liegt in ihrer Natur, möchte immer weiter gehen und lässt sich ungern von ethischen Bedenken bremsen. Und Eltern, die sich Kinder wünschen, sind bereit, vieles zu versuchen, damit sie am Ende des Prozesses ihr „Wunschkind“ in den Armen halten können. Wenn also die biologischen oder sozialen Eltern vorrangig ihren Wunsch und ihre eigene Not sehen und die Wissenschaftler vorrangig ihre Möglichkeiten, wer kümmert sich dann darum, dass die Kinder, die dabei entstehen, zu ihrem Recht kommen und dass ihre Würde gewahrt wird?

Es ist keineswegs falsch, über künstliche Befruchtung Kinder zu bekommen. Und es ist auch nicht falsch, den medizinischen Fortschritt voranzutreiben. Ich weiß aus meinem eigenen Umfeld, wie bedrängend es für Menschen sein kann, wenn sie sich Kinder wünschen und keine bekommen können. Aber es braucht auch Anwälte für die, die in diesem Prozess das schwächste Glied sind und die unser Grundgesetz eigentlich dadurch schützt, dass es die Menschenwürde für unantastbar erklärt. Für mich als gläubigen Christen ergibt sich diese Würde daraus, dass der Mensch nach dem Ebenbild Gottes geschaffen ist und deshalb darf er nie zum Objekt für wen auch immer werden.

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Diese Woche begehen die Kirchen in Deutschland die ökumenische Woche für das Leben. Zwei Aspekte beschäftigen mich dazu: der eine dreht sich um die Sorge um das biologische Menschsein vor allem am Beginn und am Ende. Hier gibt es unzählige komplizierte Herausforderungen. Der andere Aspekt ist der des guten Lebens für alle. Oder anders gesagt: Wie können wir, wenn wir am Leben sind, auch gut und erfüllt durch dieses Leben gehen, wie können wir unser Leben feiern? Letzteres scheint Kirchen und Religionen eher misstrauisch zu machen. Viele Menschen haben, ich meine zu Recht, das Gefühl, dass es den Kirchen eher darum geht, wie man die Freude am Leben eindämmen kann. Uns Lebenden, so der Verdacht, wird dabei zu wenig zugetraut, unser Leben verantwortlich führen zu können, aufeinander zu achten und gut zu handeln.

Dabei muss gar kein Widerspruch bestehen zwischen intensivem Leben, feiern und genießen auf der einen und gläubig sein auf der anderen Seite. Es ist sogar Gottes Wille, dass wir „das Leben in Fülle“ haben, wie Jesus im zehnten Kapitel des Johannesevangeliums sagt. In der Woche für das Leben bei unseren österreichischen Nachbarn hieß vor ein paar Jahren das Motto explizit „Das Leben feiern!“, weil jedes Leben ein Grund zur Dankbarkeit und zur Freude ist und weil jedes Leben kostbar und wertvoll vor Gott ist – vom Anfang bis zum Ende. In unseren politischen Diskussionen dieser Tage spüre ich hingegen oft das Gegenteil: ängstliches Abgrenzen und eine negative Haltung zur Zukunft. Das Leben zu feiern und positiv anzugehen ist eine Alternative dazu. Das klingt sehr vereinfachend angesichts der riesigen Herausforderungen, die wir sehen. Aber: hat nicht jede Generation für sich gesehen, dass ihre Zeit eine besonders schwierige Umbruchzeit war? Das Leben zu feiern ist die beste Medizin gegen Angst und Misstrauen.

Wenn wir auf Deutsch „zum Wohl“ sagen, also beim gemeinsamen erheben des Glases, sagen die Juden „l’chaim“, das bedeutet: auf das Leben!

Letztlich ist auch unser Osterfest nichts anderes als eine Feier des Lebens und „l’chaim“ könnte auch ein Oster-Wunsch sein. Wir feiern den Sieg des Lebens über den Tod und um uns herum erwacht die Natur und nimmt uns mit wenn alles aufbricht und blüht und bunt wird. Dieses Jahr, nach einer langen Winterzeit, spüre ich das noch intensiver.

In diesem Sinne: Auf das Leben!

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Es ist ein hässliches Wort, aber ein Fachausdruck für eine Modeerscheinung: „Wrongful Life“ – übersetzt heißt das in etwa „fehlerhaftes Leben“. Inzwischen verklagen überall auf der Welt Eltern, deren Kind krank auf die Welt gekommen ist, die Ärzte. Die Eltern werfen den Ärzten vor, sie hätten vor der Geburt erkennen müssen, dass das Kind krank sein wird. Und dann hätte man das Kind abtreiben können. So aber muss das Kind ein Leben leben, das mit einem Fehler behaftet ist - „wrongful Life“.

Wenn es erlaubt ist, gerichtlich gegen die Ärzte vorzugehen, dann hat das zur Folge, dass immer mehr Ärzte auf Nummer sicher gehen. Im Zweifel raten sie abzutreiben, denn tote Kinder sind kein Klagegrund, kranke hingegen schon. Eine zynische Logik!

In Deutschland sind diese Klagen nur in ganz engen Grenzen möglich. Aber auch hier setzt sich der Trend durch, dass in der Schwangerschaft immer mehr untersucht wird: Es werden Proben von Fruchtwasser oder Nabelschnur entnommen, die Nackentransparenz wird untersucht und auch das Blut der Mutter. Letztlich läuft alles auf die Frage zu, was ich als werdende Eltern wissen möchte und was nicht. Und wenn ich etwas erfahre, wie gehe ich damit um?

Die meisten Eltern fühlen bei diesem Thema in zwei Richtungen: einerseits haben sie eine große Verantwortung für das Kind und für sich. Andererseits merken sie, wie wenig in ihrer eigenen Macht steht, wie wenig Kontrolle sie über das werdende Leben haben.

Ich finde, der Begriff „wrongful Life“ ist irreführend. Er spielt damit, dass alles Leben, was nicht perfekt ist, gleichzeitig fehlerhaft ist. Aber welches Leben ist schon perfekt? Das entscheidet sich doch immer erst an demjenigen, der es lebt. Und da hat sich mir mittlerweile gezeigt: Fehler sind menschlich.

Diese Woche feiern die großen Kirchen im Deutschland die „Woche für das Leben“. Das Motto dieses Jahr heißt „Kinderwunsch – Wunschkind – Unser Kind“.

Aus religiöser Perspektive sind Kinder Leben, und Leben ist immer von Gott geschenkt. Ich kenne einige Kinder mit Behinderung. Wenn ich sehe wie sie lachen, sich freuen, weinen oder kuscheln, dann würde mir nie einfallen, sie als fehlerhaft zu bezeichnen. Und auch die Eltern würden sie um nichts in der Welt eintauschen wollen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26294

Eine verrückte Idee macht in den USA von sich reden: es geht darum, richtig viel Schulden zu erlassen - mit ganz geringem Aufwand. Die Idee dazu hatte die Initiative „Strike Dept“, auf Deutsch „Schuldenerlass“.
Diese Idee ist entstanden, weil viele US-Bürger durch die Immobilienkrise ihr ganzes Geld verloren haben und Schulden machen mussten. Irgendwann haben die Gläubiger die Hoffnung aufgegeben, das Geld jemals wieder zu bekommen. Deshalb haben sie die Schuldscheine zu Spottpreisen an professionelle Geldeintreiber verkauft. Diese versuchen, bei den Schuldnern noch wenigstens einen Bruchteil des ursprünglichen Wertes rauszuschlagen. Das hat zur Folge, dass mittlerweile einer von sieben Amerikanern ein Inkasso-Unternehmen am Hals hat: düstere Typen, die klingeln und Geld fordern.

Nicht angenehm. Und deshalb tritt hier die Bewegung „Strike Dept - Schuldenerlass“ auf den Plan. Thomas Gokey ist Künstler und Lehrer, und gleichzeitig engagiert er sich für diese Bewegung. Sie kauft bei den Gläubigern mit Hilfe von Spendengeldern günstig die Schuldscheine auf. Aber dann kommt´s. Thomas Gokey erklärt: „Was wir tun, ist bis zu diesem Punkt dasselbe wie Inkasso-Unternehmen. Doch anstatt die Schulden einzutreiben, radieren wir sie einfach aus. Wir werfen sie weg – auch wenn uns das Geld kostet.“

Die Aktivisten haben die Idee zuerst einmal mit 500 Dollar getestet. Damit konnten sie sage und schreibe 14.000 Dollar an Schulden tilgen. Mittlerweile hat die Gruppe fast 300.000 Dollar an Spenden gesammelt und damit über fünfeinhalb Millionen Dollar Schulden in Luft aufgelöst.

Was für eine Idee! Die Schuldenerlass-Aktivisten haben damit eigentlich einen alten biblischen Gedanken wieder belebt: Im Alten Testament ist die Rede von einem „Jubeljahr“. Es sollte in Israel alle 50 Jahre ausgerufen werden. In diesem „Jubeljahr“ sollten alle Grundstücke, die aus Not verkauft worden waren, an ihre ursprünglichen Besitzer zurückgegeben werden. Ebenso sollten alle Sklaven frei gelassen werden – einfach so. Das klingt heute hochaktuell.

Die biblische Überzeugung dahinter ist, dass Land und Menschen unverkäuflich sind. Sie sind von Gott geschenkt. Wenn jemand frei kommt oder wenn er Schulden erlassen bekommt, dann wird diese Idee ganz praktisch greifbar. Für diese Menschen ist das wie eine Erlösung oder ein Wunder oder ein Neuanfang. Das war damals für die alten Israeliten so, aber auch heute noch: für frei gekaufte Schuldner in den USA.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26293

Es gibt ein Musikstück, das heißt „4´33“. Schön an der Komposition ist, dass jeder sie spielen kann. Man braucht dazu nur irgendein Musikinstrument und eine Stoppuhr.  Das Stück dauert nämlich genau 4´33´´ - also 4 Minuten und 33 Sekunden - und besteht aus nichts weiter als aus Stille. 4 Minuten und 33 Sekunden lang passiert gar nichts. Obwohl – so kann man das nicht sagen, denn während viereinhalb Minuten Stille kann sehr viel passieren.

Das Stück stammt von einem ziemlich exzentrischen Künstler aus den USA, John Cage. Er ist 1992 gestorben und hat nicht nur komponiert, sondern er war auch Aktionskünstler, hat Häuser entworfen, gemalt und war Pilzkenner.

Das Stück „4´33“ wurde schon oft aufgeführt, erstmals 1952. Die Uraufführung war ein Skandal, weil sich das Premierenpublikum verschaukelt gefühlt hat. Später wurde es in Flughafenhallen und sogar im Radio gespielt. Allerdings mussten zuvor die Notfallsysteme abgeschaltet werden, die nach ein paar Sekunden ohne Signal automatisierte Störmitteilungen senden. Auch Harald Schmidt und Helge Schneider haben die Komposition schon zum Besten gegeben: vierhändig am Flügel. Aber wie gesagt: ohne einen Ton zu spielen.

Der Reiz bei der Komposition liegt darin, auf die Stille zu hören. John Cage hat dazu gesagt: „Das Stück hört sich jedes Mal anders an, weil es andere Räume mit anderen Hintergrundgeräuschen gibt.“ Die Idee zu der Komposition hatte John Cage als er einmal in einen schalltoten Raum kam. Dort hat er zwei Töne wahrgenommen, einen ganz hohen und einen brummenden tiefen. Der Tontechniker hat ihm erklärt: „Der hohe – das ist ihr Nervensystem, Herr Cage. Der tiefe ist das Blut, das in den Adern fließt.“ Deshalb hat John Cage „4´33“ komponiert. Ein Stück, das die Zuhörer auf sich selbst zurückwirft.

Viele Menschen versuchen, Stille zu übertönen, weil sie nicht gerne mit sich alleine sind. Andere suchen die Stille geradezu, um besser auf sich und auch auf Gott hören zu können. Stille hilft ihnen dabei, Entscheidungen zu treffen. Und wer gut mit sich selbst in Kontakt ist, der ist es oft auch mit anderen Menschen.

Stille ist eine Herausforderung, weil ich auf mich selbst zurückgeworfen werde: Nur ich, mein Blutkreislauf, mein Nervensystem, meine Gedanken. Sonst nichts - nichts als Stille.

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Vor 75 Jahren, im April 1943, wird ein politischer Häftling ins Militärgefängnis Berlin-Tegel eingeliefert. Warum genau, das erfährt er nicht. Jeden Morgen schieben die Wachen ein Stück Brot und einen dünnen Kaffee durch die Türluke. Es ist kalt und es gibt weder Seife noch frische Wäsche. Nach einigen Tagen schreibt der Häftling auf einen Zettel, wie er sich fühlt. Auf dem Zettel steht: „Selbstmord, nicht aus Schuldbewusstsein, sondern weil ich im Grunde schon tot bin.“

Der Häftling heißt Dietrich Bonhoeffer, er ist evangelischer Pfarrer und Widerständler. Bereits zwei Tage nachdem Hitler die Macht ergriffen hat protestiert er übers Radio. Er spricht über Hitler und seinen Apparat von einem „sich selbst vergottenden Führeramt“. Aber nach kurzer Zeit schon wird ihm das Mikro abgedreht.

Als weitere Protestaktion schlägt er seinen Pfarrerskollegen einen Beerdigungsstreik vor. Keiner soll mehr beerdigen, so dass die Menschen merken, dass etwas nicht stimmt im Land.

Bonhoeffer schleust bedrohte Juden über die Grenze und knüpft Kontakte zum Widerstand im Ausland. Irgendwann fliegen all die Aktivitäten auf, und so landet er in seiner Gefängniszelle in Berlin-Tegel.

Zum Glück wird Dietrich Bonhoeffer später in einen anderen Trakt verlegt und bekommt dort wenigstens Bücher und Schreibpapier zugestanden. Alle zehn Tage darf er einen Brief abschicken. Seine Gedanken darin kreisen um einen Gott, der die Menschen scheinbar verlassen hat. Bonhoeffer schwankt zwischen Hoffnung und Todesangst und kommt doch zum Schluss, dass Gott, so fern er manchmal scheint, ganz nah sein muss. Nicht als einer der herrscht, sondern als einer der still und ohnmächtig mitleidet.

Mich beeindruckt es, dass Bonhoeffer in dieser Situation bei so einer Schlussfolgerung landet: Gott ist nicht fern, sondern er leidet still und ohnmächtig mit. Immer wieder haben Menschen in größter Not diese Erfahrung gemacht und weiter gegeben. Zwei Jahre später am 9. April wird Bonhoeffer erhängt. Ganz am Ende sagt er noch: „Das ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens.“

Bonhoeffers wohl bekanntestes Werk ist ein Liedtext, der auch in der Haft entstanden ist. Da heißt es: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

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