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SWR2 Wort zum Tag

IMich beschäftigt zur Zeit das Lied „Von guten Mächten“. Es hat mit dem Jahreswechsel zu tun und macht mir Mut, wenn ich auf das kommende Jahr schaue. Manches von dem, was da auf mich zukommt, weiß ich vielleicht schon. Schöne Momente, wie Reisen oder Feste in der Familie und mit Freunden, aber mit Sicherheit auch Ereignisse, die ich nicht vorausahnen kann. Ich bin da nicht nur voller Zuversicht, mir fallen auch Dinge ein, die mir eher Angst machen und ich wünschte, ich wäre „wunderbar geborgen“ wie es in dem Lied „Von guten Mächten“ heißt.

Der Theologe Dietrich Bonhoeffer hat den Text dazu im Gefängnis verfasst. Er ist am Widerstand gegen die Nazis beteiligt gewesen, wurde verhaftet und im Frühjahr 1945 hingerichtet. Dass es mit ihm so ausgehen würde, war ihm vielleicht schon klar, als er zu Weihnachten dieses Lied gedichtet hat. Zumindest stand die Todesstrafe schon als eine Möglichkeit im Raum. In dieser Situation schreibt er an seine Verlobte und seine Familie: Von guten Mächten wunderbar geborgen, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Ich habe das bisher so verstanden, dass mit diesem „Ich“ Gott gemeint ist. Also, dass Gott bei mir ist, wenn ich in das neue Jahr gehe. Erst vor kurzem habe ich begriffen, dass Bonhoeffer sich selbst meint. Er macht damit seinen Angehörigen aus dem Gefängnis heraus Mut und tröstet sie. Er sagt ihnen, dass er mit ihnen ist, auch wenn sie räumlich getrennt in das neue Jahr gehen. 

Das finde ich unglaublich. Denn er ist doch derjenige, der vermutlich von den anderen getröstet werden müsste. Er ist ja alleine und muss das Schlimmste für sein Leben befürchten. Und da gelingt es ihm, an andere zu denken und sich um sie zu sorgen.

Ich kann mir das nur so erklären: Er vertraut, dass das, was er seinen Angehörigen verspricht, auch für ihn gilt. Dass Gott auch ihm verspricht: Ich bin bei Dir. Ich lasse Dich nicht im Stich. Dass Bonhoeffer in dieser kritischen Zeit so getrost ist, steckt an. Für mich ist der Kern meines Glaubens auch dieser Trost: Gott begleitet und trägt mich.

Ich weiß heute nicht, ob mich das noch tröstet, wenn ich in eine Krise komme. Aber für heute und für das kommende Jahr gibt es mir Zutrauen. Weil ich ja sehe, dass es Leute gibt, die selbst im größten Leid noch so getrost sind, dass sie andere trösten können.

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Die Feiertage sind vorbei, aber es ist trotzdem kein richtiger Alltag. Der Jahreswechsel steht noch bevor. Diese Tage zwischen den Jahren sind eine Zeit im Dazwischen, in der mir manche Seiten des Lebens anders bewusst werden als sonst. In der Arbeit bedeutet das für die einen Inventur, Jahresabschlussrechnung und -rückblick, für die anderen ein paar freie Tage. Bei mir ist es eine Zeit, in der ich mich erhole, mich mit Freunden treffe, die ich nur einmal im Jahr sehe. Auch eine Zeit, in der ich mir Gedanken mache über das, was im neuen Jahr auf mich zukommt. Da gibt es einiges, auf das ich mich freue, aber auch Aufgaben im Beruf, von denen ich noch nicht weiß, ob ich sie schaffe. Und natürlich weiß ich nicht, ob ich und die Menschen, die mir am Herzen liegen, das kommende Jahr gesund erleben. Deshalb wünsche ich mir dafür den Segen Gottes und seinen besonderen Schutz.

Diese Tage zwischen dem Alten und dem Neuen waren schon in vorchristlicher Zeit besonders geprägt. Das zeigt der Brauch der Rauhnächte, der älter ist als das Christentum. Gemeint sind die Nächte zwischen Weihnachten und dem 6. Januar. Diese zwölf Nächte hatten eine besondere Bedeutung, zum Beispiel als Wetterorakel für das kommende Jahr.

Bei den Forschern gibt es verschiedene Erklärungen, woher die Bezeichnung „Rauhnächte“ kommt. Manche vermuten, dass das alte Wort „ruch“ für Haare und Pelz darin steckt und auf die Vorstellung anspielt, dass in diesen Nächten haarige Dämonen umherziehen. Menschen haben oft durch magische Riten Schutz und Sicherheit vor dieser Bedrohung gesucht. Manche sagen, dass man dieses Brauchtum später christlich erweitert hat. Vermutlich ist man in Erinnerung an die Geschenke der drei Weisen mit Weihrauch durch die Wohnräume des Hauses und die Ställe gezogen und hat so den Segen Gottes für das kommende Jahr ins Haus geholt. Die Bezeichnung „Rauhnacht“ käme dann vom Ausräuchern.

Diesen Wunsch nach Schutz habe ich auch. Auch wenn ich nicht daran glaube, dass ich ihn durch Magie erzeugen kann. 

Aber ich wünsche mir den Schutz Gottes dafür, dass ich mich in diesen Tagen keinen Angstphantasien hingebe, sondern dass er mir hilft, mein Lebensvertrauen zu stärken.  Dass ich mich darauf verlasse, dass er im kommenden Jahr bei mir ist.

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Von ihm kennen wir kein einziges Wort. Und doch gehört er zu den bekanntesten Heiligen: Josef von Nazareth. Zu jeder weihnachtlichen Krippe gehört eine Josefsfigur. Maria, Josef, das Kind in der Krippe. Die Evangelien erwähnen ihn, aber überliefern keinen einzigen Satz von ihm. Dabei war Josef sicher nicht stumm, hatte sicher auch seine Meinung zu allem was mit ihm und Maria geschah. Und das war ja nicht gerade alltägllch. Ich wüsste gern was er selbst zu der Situation gesagt, hat in die er sich plötzlich gestellt sah: seine Braut, Maria, wurde schwanger. Sie waren noch nicht verheiratet und noch nicht "zusammengekommen", wie es der Evangelist Matthäus vornehm formuliert. 

Es ist wahrscheinlich, dass Josef zuerst auch den Gedanken im Kopf hatte, der auf der Hand zu liegen schien: Maria musste ihn betrogen haben. Für einen liebenden Menschen wohl mit das Schlimmste, was geschehen kann. Wahrscheinlich war die Hochzeit schon in Planung und jetzt diese Nachricht. Eine Hiobsbotschaft. Josef hätte toben, ausrasten, Maria wild beschimpfen können, aber dies macht er nicht. Er beschließt sich in Stille von Maria zu trennen um sie nicht bloßzustellen, wie es im Evangelium heißt. Seine Liebe ist auch da noch stärker als die Traurigkeit und die Verwundung, die er sicher gespürt hat. Mehr kann er nicht tun. In diese Gedanken erscheint ihm im Traum ein Engel. Engel sind für mich Aussagen von Gott her, die Gestalt angenommen haben. Oder noch einfacher: gute Gedanken Gottes, die wirken. Wenn das so ist dann erfährt Josef durch Gott selbst die Nachricht, die alle seine Sorgen und Zweifel gegenüber Maria ausräumt. Und mehr noch: Gott vertraut ihm etwas an, was sicher sein Begreifen völlig übersteigt: Gott will Mensch werden. Es verschlägt Josef die Sprache könnte man meinen.

Wie immer das auch geschehen sein mag, Josef hat klar reagiert und Maria zu sich genommen. Aber damit waren für ihn alltägliche Probleme und Irritationen sicher nicht vom Tisch.  Leicht wird es nicht gewesen sein. Menschen deren Familien ähnlich konstruiert sind, alleinerziehende Väter oder Mütter, gleichgeschlechtliche Paare die ein Kind adoptieren, können das sicher nachvollziehen. Die Familie von Nazareth war auch damals keine im klassischen Sinne.

Das Schweigen des Josef ist also sehr gefüllt. Für mich ein Symbol für das Staunen über das, was wir gerade an Weihnachten wieder gefeiert haben: dass Gott damals wie heute mit uns sein will - so wir sind - auch mit unseren Ecken und Kanten. Der Name des Kindes in der Krippe bekräftigt es: Immanuel, heißt Gott ist mit uns. Er war es und er bleibt es. Daran glaube ich.

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Pralle Sonne, kein Wölkchen am Himmel, das Thermometer zeigte 27 Grad und aus den Lautsprechern eines kleinen Restaurants erklang "O Tannenbaum“. Weihnachtslieder bei diesen Temperaturen waren für mich wirklich äußerst ungewohnt. Für die Menschen in Südafrika nicht. Vor drei Jahren habe ich dort Freunde besucht. In Südafrika sind die Jahreszeiten quasi "umgekehrt". Wenn hier Herbst ist, beginnt in Südafrika der Frühling. Und wenn es bei uns Winter wird, ist dort der Sommer angesagt. Weihnachten also im Sommer, salopp ausgedrückt: "Heiße Weihnacht statt weiße Weihnacht". Aber: egal ob das Fest mit Grillparties und Tänzen am Strand oder wie bei uns mit Lametta, Schnee und Lebkuchen gefeiert wird - das Wichtigste bleibt überall gleich: die Weihnachtsbotschaft. Sie wird weltweit in allen Sprachen und bei allen Temperaturen verkündet. Und diese Botschaft heißt: Gott wird Mensch. Der Schriftsteller Wilhelm Bruners nennt das Kind in der Krippe den „heruntergekommenen Gott“. Im doppelten Sinne.

An dieses Wort musste ich denken, als ich zum ersten Mal in den Townships vor Kapstadt unterwegs war. Die ärmlichen Behausungen, in denen Menschen dort leben, sind so was wie moderne Krippen. Wie damals in Bethlehem. Auch Maria und Josef waren Unerwünschte und suchten eine richtige, ordentliche Unterkunft. Was sie bekamen war ein armseliger Stall. In den Townships gibt es diese zu tausenden. Mich haben damals Menschen beeindruckt, die sich davon nicht abschrecken ließen und ihr Möglichstes getan haben , um dort zu helfen. Und sie tun es auch heute noch. Sie tun alles dafür, das Leben dort ein bisschen erträglicher zu machen. Eine Gruppe kümmert sich besonders um die Kinder, vor allem um HIV-infizierte Kinder.  Das Hilfsprojekt hat den schönen und programmatischen Namen "Hope", also: Hoffnung. Hoffnung hat auch ein Touristenführer auf Robben Island ausgestrahlt. Politische Gefangene wie zum Beispiel Nelson Mandela wurden auf dieser Gefängnisinsel jahrelang, manche jahrzehntelang, in winzigen Zellen festgehalten. Auch der Guide.Sieben Jahre lang. Bei allem was ihm angetan wurde, ist er trotzdem zurückgekehrt. Ganz bewusst. Er versteht seine Aufgabe dort als Friedensdienst, er möchte damit mahnen, dass so etwas nie wieder geschieht. Als Hoffnungszeichen. Das Hilfsprojekt „Hope“ in den Townships und dieser beeindruckende Guide auf Robben Island sind für mich zwei Beispiele, dass es gelingen kann, das zu leben wozu Weihnachten gerade wieder ermuntert hat: mehr Mensch zu werden. In jedem Land und bei jeder Temperatur. Nach dem Beispiel Jesu, des Kindes in der Krippe, des im wahrsten Sinne herunter-gekommenen, menschgewordenen Gottes.

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Der Dichter Arnold Stadler beschreibt in seinem Roman „Der Tod und ich, wir zwei“, wie in einem eleganten deutschen Seniorenheim Weihnachten gefeiert werden soll. Da das Haus „weltanschaulich neutral“ ist, das heißt also keine Kapelle hat - dafür aber eine Filiale einer großen deutschen Bank - kann man sich nicht auf ein gemeinsames Weihnachtslied verständigen. Nicht einmal „Leise rieselt der Schnee“ ist möglich, da ja bekanntlich in der dritten Strophe das „Christkind“ auftaucht. Schließlich einigt man sich auf „Oh Tannenbaum“. Das ist weltanschaulich neutral und allgemein bekannt, also können es alle mitsingen.

 „O Tannenbaum“, dieses Lied singen Christen auch. Zuhause oder bei Weihnachtsfeiern.In den großen Weihnachtsgottesdiensten wird das Lied aber nicht gesungen, denn da wird Größeres gefeiert. Nichts gegen diese alten Lieder, gar nichts, Weihnachten ist ein Fest der Stimmungen, der Gefühle, der Romantik, all dessen, was im Alltag so schnell untergeht. Menschen sehnen sich danach, und das zeigt sich immer wieder an Weihnachten. Auch bei den Menschen, die das Wort Liebe oder Gefühl ungern oder überhaupt nicht in den Mund nehmen. Und wenn Verhärtungen aufgebrochen werden und sei es nur für Stunden oder Tage ... gut so!  Aber das ist nicht das Ziel. Das sind Voraussetzungen um das hören und tiefer verstehen zu können, was uns im Evangelium der Christnacht verkündet wurde: „Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude. Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren. Er ist der Messias, der Herr.“

Das ist die Mitte. Das ist die Botschaft von Weihnachten. Gott sucht den Menschen und wird selbst Mensch unter Menschen. Das predigt uns das Bild der Krippe. Seit 2000 Jahren. Gott, der Allmächtige, hat sich klein und verwundbar gemacht. Er, der Herr des Kosmos, ist Mensch geworden auf eine Weise, die niemand erwartet hätte. Das Bild vom Stall und der Krippe ist kein Zufall, sondern ein Symbol dafür, dass Gott auf so überraschende Weise Mensch wird. Mit Leidenschaft sagt er uns damit: Nichts und niemand ist zu klein oder zu unbedeutend, um von Gott nicht gekannt zu sein. In einem alten katholischen Lied hieß es einmal: „Hier liegt vor deiner Majestät im Staub die Christenschar“. Die Kirche hat es schon lange aus ihrem Gesangbuch gestrichen. Es sollte zum Ausdruck bringen, welche Ehrfurcht Gott, dem Allmächtigen, gebührt. Aber Gott die Ehre zu geben, das hat nichts damit zu tun, sich unterdrücken oder erniedrigen zu lassen. Gott hat sich selbst in den Staub gelegt, ist Mensch geworden, mit allem, was dazu gehört. Er rettet von unten.

In einer Inschrift in Kleinasien, heute auf dem Gebiet der Türkei,

wurde der Satz gefunden: „Gott von Gott, wahrer Gott vom wahren Gott.“ Diesen Satz sprechen wir Christen auch im großen Glaubensbekenntnis. Mittlerweile. Denn diese ursprüngliche Inschrift beschreibt etwas ganz anderes, etwas was vor Christi Geburt stattgefunden hat. Gemeint ist nämlich der römische Kaiser Augustus. Er wird vergöttlicht, seine Macht und unumschränkte Herrschaft wird damit verabsolutiert. Ein göttlicher Augustus. „Gott von Gott, wahrer Gott vom wahren Gott.“

Viel später wurde exakt die gleiche Formel auf Jesus von Nazaret, den Zimmermann, den Sohn Gottes, übertragen und ins Credo der Kirche, ins Glaubensbekenntnis, aufgenommen. Das war explosiv und ist es bis heute. Denn: Damit werden die Positionen endgültig klargestellt. Für immer. Niemand ist Gott außer Gott selbst.

Und zu dessen Volk gehöre ich. Grenzüberschreitend, sprachverbindend, mit kultureller Vielfalt. Mir verleiht das eine Würde und gleichzeitig fordert es mich heraus. Verbunden und gestärkt durch diese weltweite Gemeinschaft haben Christen den Auftrag, den Mund aufzumachen wenn es auf sie ankommt. Christ-Sein heißt nicht: keinen Fehler machen, um ohne Anzuecken in den Himmel zu kommen, sondern zu leben was man glaubt. Es zumindest zu versuchen.

„Der Retter ist geboren, der Messias, der Herr.“ So heißt es im weihnachtlichen Evangelium. Der Retter ist für alle geboren. Die ganze Welt ist gemeint. Niemand ist ausgegrenzt. Gott wird Mensch unter Menschen so wie die nun mal sind. Unter Unauffälligen und Schrillen, unter Musterfamilien und Beziehungschaoten, Frommen und Gaunern, unter herzlich Fröhlichen und abgrundtief Traurigen, unter Glaubenden und Zweiflern. Ihnen allen ist der Retter geboren „der Messias, der Herr.“ Und ich, und wir, sind mittendrin.

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