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SWR2 Wort zum Tag

Ich hatte es gleich gemerkt: Der Mann in der letzten Reihe kannte sich überhaupt nicht aus im Gottesdienst. Irgendwie schien er immer unsicher, ob es alles richtig macht. Er konnte nicht mitsingen. Aber er war hochkonzentriert dabei.

Als ich mich an der Kirchentür von ihm verabschiedet habe, sagt er: „Sie werden es sicher bemerkt haben. Ich war noch nie in einem Gottesdienst. Ich bin Atheist. Aber heute Morgen habe ich erfahren, dass ich einen Enkel bekommen habe. Ich wusste nicht wohin mit meinem Glück. Und mit meiner Sorge, in was für eine Welt mein Enkel aufwächst. Da war plötzlich der Gedanke da: Heute gehe ich in die Kirche. Sie haben meinen Gefühlen Worte geliehen. Vielen Dank!“

Ehrlich gesagt, mich hat das richtig gefreut. Genau dafür ist eine Kirche doch da, habe ich gedacht. Ein Ort soll sie Kirche sein, an den es Menschen lockt, wenn sie irgendetwas loswerden wollen. Ein Ort, an dem zur Sprache kommt, was ihnen durch den Kopf und durch die Seele geht. Die Bibel spricht in einem alten Psalm von Orten, an denen Menschen „die schönen Gottesdienste des Herrn“ (Psalm 27,4) entdecken können. Eine Kirche kann ein solcher Ort sein. Nicht nur am Sonntag, wenn dort Gottesdienst gefeiert wird. Manchmal einfach dadurch, dass sie offen ist. Und Menschen dort etwas Ruhe finden. Und Zeit haben, über das nachzudenken, was ihr Leben ausmacht: Freude und Trauer. Glück und Sorge. Manchmal auch Orientierungslosigkeit und Überforderung. So verstanden ist eine Kirche einfach ein Ort, an dem ich sein kann, wie ich bin.  Und von dem ich womöglich anders weggehe als ich gekommen bin.

Ich muss nicht alle Regeln, alle Rituale und alle Texte kennen, um ein Recht zu haben, da zu sein und mitzufeiern. Wie der Mann, der sich über seinen Enkel freut. Wichtig, ist, dass ich dort eine Atmosphäre wahrnehme, in der ich mich willkommen fühle. Dass ich auf Worte treffe, die ich verstehe. Vor allem dann, wenn ich selber sprachlos bin. Manchmal kann auch die pure Stille in einer Kirche unglaublich beredt sein. Und mir Mut machen, mich neu auf das Leben einzulassen. Es ist gut, dass es solche Orte gibt. Meist nur wenige Minuten zu Fuß entfernt.

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Warum lachen junge Leute heute oft nicht mehr? In einer Bäckerei bin ich unlängst in eine heftige Debatte über diese Frag geraten. Ausgelöst hat die Diskussion ein junger Mann: Er steht vor mir an der Theke. Und sagt kein Wort. Er zeigt nur, welche Sorten Brötchen er haben will. Dann geht er wortlos davon. Die Verkäuferin spricht mich an. „Warum reden die jungen Leute nicht mehr? Und warum lachen sie nicht mehr?“ In mir meldet sich Widerspruch. Ich denke an das Lachen vieler junger Leute. Auch an das meiner Kinder. Da spricht die Verkäuferin schon weiter. „Das liegt an den Handys. Die sprechen ja gar nicht mehr miteinander. Und telefonieren nur noch.“

Ehe ich etwa sagen kann, mischt sich eine andere Kundin ein. „Das gilt doch nicht nur für die Jungen,“ sagt sie. „Das gibt es in jedem Alter. Wir haben alle zu viel. Das Leben ist einfach zu kompliziert.“ Und schon sind wir mitten in einem spannenden Gespräch. Das mit dem komplizierten Leben leuchtet mir ein. Sicher, früher war auch nicht alles einfach. Aber unser Leben heute ist irgendwie mehr verdichtet. Und das Tempo ist gefühlt immer schneller.

Ich weiß nicht sicher, worüber sich die Verkäuferin wirklich geärgert hat. Vermutlich vor allem darüber, dass der junge Mann mit ihr nicht geredet hat. Das muss aber nicht einfach nur daran liegen, dass er ein Morgenmuffel ist. Vieleicht steht er wirklich unter einem heftigen Druck. Studium. Examen. Keine Stelle. Das Leben ist ganz schön kompliziert. Und dass das Leben einfacher werden soll, diesen Wunsch höre ich in letzter Zeit tatsächlich verstärkt.

Eine Seligpreisung fällt mir ein. Keine die in der Bibel steht, sondern eine Liedzeile, die gut zu den biblischen Seligpreisungen passt: „Selig seid ihr, wenn ihr einfach lebt.“ Lange habe ich gedacht, beim einfachen Leben geht’s vor allem um weniger Energieverbrauch. Weniger Wasser. Und mehr Natur. Heute denke ich oft, beim einfachen Leben geht’s darum, das Leben überhaupt einfacher zu gestalten. Weniger in den Tag hineinzustopfen. Mir mehr Zeit zu nehmen für eine Beziehung, für ein Gespräch.

Als ich den Bäckerladen verlasse, kommt mir ein junger Mann entgegen. Ich lächle ihn an. Er lächelt freundlich zurück. Ganz so schlimme ist es also noch nicht, denke ich. Gottseidank! Und ich hoffe, er hat die Verkäuferin auch angelächelt. Und mit ihr gesprochen.

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Ich habe vor ein paar Wochen das Wunder einer Verwandlung erlebt. Beim Besuch einer Schule. Während einer Studienreise. Eine Lehrerin – sie ist schon länger im Ruhestand – ist unserer Ansprechpartnerin. Sie erzählt aus ihrem Leben. Sie tut das auf Englisch. „Ich hab schon Jahrzehnte kein Deutsch mehr gesprochen. Ich glaube, ich kann das gar nicht mehr“, sagt sie entschuldigend. Sie ist Jüdin. Hat Deutschland verlassen müssen. Und irgendwie auch die Sprache hinter sich gelassen. Es ist beeindruckend, was sie alles berichtet. Und dann, mittendrin, fällt sie plötzlich in die deutsche Sprache. Minutenlang. Bis sie es endlich selber merkt. Und innehält. Erst erschrocken, dann mit einem Leuchten in den Augen. „Hab ich jetzt deutsch geredet?“, fragt sie. „Das kann ich doch gar nicht mehr!“ Sie bleibt noch ein paar Minuten im Deutschen. Gegen Ende wechselt sie wieder ins Englische.

Sie spricht das Thema der Sprache nicht mehr an. Aber ich spüre, da ist etwas ganz Großes geschehen. Die Frau hat eine innere Brücke zu einer frühen Phase ihres Lebens schlagen können. Die Frau hat selber gar nicht damit gerechnet. Dieses Kapitel war für sie, wie es schien, abgeschlossen. Es war aber wohl nicht verarbeitet. Schließlich hat sie sich ja dafür entschuldigt, dass sie kein Deutsch mehr kann. Im Reden wird ihr Sprechen verwandelt. Sie findet zurück in ihre Muttersprache. Ich wage nicht, das eine Versöhnungsgeschichte zu nennen. Zumindest keine Versöhnung mit uns, zumal wir Zuhörenden alle aus einer späteren Generation kommen. Vielleicht ist es eher eine Verwandlungsgeschichte. Da hat sich der Blick auf eine verdrängte Phase ihres Lebens verwandelt. Und ein kleines Wunder ausgelöst.

Mich erinnert diese Geschichte an das Pfingstfest. Dort ist es der Geist Gottes, der Menschen eine Sprache finden lässt, die sie vorher nicht gesprochen haben. Natürlich ist das bei dieser Frau anders. Sie findet in eine Sprache zurück, die sie früher schon gesprochen hat. Aber wie ein Geistwunder hat diese Erfahrung auf mich dennoch gewirkt. Ein Mensch wird verwandelt, ohne dass er es darauf angelegt hat.

Für solche Verwandlungswunder braucht es am Ende keine Kirche und keine Schule. Der Geist weht, wo er will. Ich bin sicher: Mit einem Verwandlungswunder muss ich immer rechnen.

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Ganz offensichtlich bin ich nicht zur Außenministerin oder Handelsvertreterin geeignet, in diesen Berufsgruppen müssen Menschen das durchhalten können: Beruflich ständig unterwegs sein. Mein Leben ist das nicht!

Im letzten Monat hatte ich so viele auswärtige Verpflichtungen, dass ich zwischendurch richtig atemlos geworden bin. Ich habe stundenlang in Zügen gesessen und auch zwei Mal im Flugzeug, ich habe in den Städten, zu denen ich unterwegs war, meistens nur das Hotel und den Tagungsraum kennengelernt. Ich habe mich zu wenig bewegt und zu viel gesessen. Manchmal bin ich morgens aufgewacht ohne zu wissen, wo ich denn gerade bin. Einmal ist mir das sogar zu Hause passiert. So interessant auch die Aufgaben waren, die ich übernommen hatte – dies passiert mir so schnell nicht mehr. Jeder einzelne Programmpunkt hätte mir für sich genommen viel Freude bereitet – in der Häufung war es einfach zu viel. 

Wie gesagt: Ganz offensichtlich bin ich nicht zur Außenministerin oder Handelsvertreterin geeignet. Ich brauche etwas mehr Konstanz in meinem Leben. Vielleicht ist es ein Geheimnis persönlicher Zufriedenheit, wenn Menschen in einem Tempo leben und arbeiten können, das zu ihnen passt. Was für ein Glück auch, dass ich meinen Terminkalender auch mitgestalten kann, das geht nicht jedem Menschen so.

Allerdings gibt es auch die umgekehrte Erfahrung. Auch das habe ich in diesem September gelernt. Auf einer meiner Reisen habe ich mich mit einem jungen Mann unterhalten, der an Boreout leidet, also an Langeweile im Beruf. Er sitzt jeden Tag in seinem repräsentativen Büro, muss Präsenz zeigen, ohne ihn wirklich herausfordernde Aufgaben zugeteilt zu bekommen. Er langweilt sich und wird gerade richtig krank darüber. Boreout kann genauso krank machen wie ein Burnout, eine Existenz im Schlummermodus ist also auch keine wirklich zufriedenstellende Lösung.

Über meinem Schreibtisch hängt seit Jahren eine Nachdichtung von Psalm 23 mit einer Weisheit, die ich persönlich im September nicht beherzigt habe. Dort heißt es: Du, Herr, gibst mir für meine Arbeit das Tempo an. Eigentlich gibt es ein gutes Sensorium dafür: Mein Körper zeigt mir buchstäblich, ob ich atemlos bin oder Luft genug habe. Mein Herz schlägt auch sehr viel ruhiger, seitdem ich nicht mehr durch Deutschland hetze. Für diesen Oktober wünsche ich mir und Ihnen, dass Sie das Tempo Gottes für Ihr Leben und Ihre Arbeit herausfinden. Und dass sie es dann auch leben können!

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Ich glaube, es ist ein großes Geschenk, wenn Menschen etwas mit Leidenschaft tun können. Wenn sie ganz mit dem Herzen dabei sind. Manchmal zeigen einem das Menschen, von denen man das gar nicht erwartet hat. Mir hat es ein Mitarbeiter in einer Behindertenwerkstatt gezeigt. Der Mann ist dafür zuständig, die Kanten von Holzengeln abzuschmirgeln. Diese Engel werden später Eltern von neugeborenen Babys überreicht. Der Meister der Werkstatt erzählt, dass dieser Mitarbeiter nicht in der Lage ist, einen ganzen Holzengel eigenständig anzufertigen, aber das Schmirgeln der Kanten beherrscht er in einer Perfektion, die die des Meisters inzwischen weit übersteigt. Mit Hingabe widmet sich der Mann seiner Aufgabe, faszinierend, wie er mit Herz und Hand bei der Sache ist.

Ich habe durch den schmirgelnden Mitarbeiter gelernt, dass es letztlich für den persönlichen Glückspegel und Zufriedenheitsindex nicht wichtig ist, alles zu beherrschen, sondern dass es einen erfüllen und beglücken kann, einen Teil gerne und leidenschaftlich übernehmen zu können. Wie schön, dass es auch in meinem Beruf Aufgaben gibt, die ich sehr gerne und leidenschaftlich übernehme. Das tröstet mich über die anderen Verpflichtungen hinweg, auf die ich manchmal gerne verzichten könnte. Die geliebten Anteile meines Dienstes vergolden sozusagen das Gesamtpaket.

Ich finde es auch rührend, dass die Engel aus der Behindertenwerkstatt frischgebackenen Eltern überreicht werden. Eine gute Idee eines Bistums. So ein Engel ist Bestandteil eines Begrüßungspakets nach der Geburt. „Der HERR hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen“ ist der Top 1 - Hit unter den Taufsprüchen. Viele Eltern wünschen sich für ihr Kind einen Schutzengel. Sicher, da liegt so ein Geschenk nahe. Darüber hinaus mag ich mir aber vorstellen, wie die Kleinen den Holz-Engel in ihren Händchen halten, das weiche Holz erfühlen, wie ihr Tastsinn stimuliert wird und sie dank der sorgfältigen Schmirgelarbeit keinen Splitter in die Fingerchen bekommen.

Auch ich habe einen solchen Engel geschenkt bekommen, als Erinnerung an den Besuch, Ausschussware mit kleinen Fehlern, aber natürlich perfekt geschmirgelt. Ob mit oder ohne Engel: Ich glaube, es lohnt sich, auf Entdeckungsreise zu gehen. Was kann ich leidenschaftlich, gern und gut?  Ich weiß, das macht glücklich, auch mit und trotz aller Fehler, die man so hat.

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Ist es tatsächlich mein Kind, das mir jetzt Fotos von Sonnenauf- und untergängen zeigt und die Schönheit der Landschaft in Spanien in höchsten Tönen rühmt? Ich fasse es kaum. Er hat sich doch sehr verändert auf seiner Pilgerwanderung nach Santiago de Compostela. Diese ästhetische Sensibilität ist neu. Ganz im Gegenteil hatte mein Sprössling sich früher über meine romantischen Seiten eher lustig gemacht. Und jetzt kann er gar nicht genug Fotos zeigen, auf denen eine blutrote Sonne im Atlantik versinkt. „Ich habe auch die Musik wieder für mich entdeckt“, schwärmt er. Offenbar ist er mit Mahler und Brahms gepilgert und das hat ihn förmlich schweben lassen, erzählt er, auch wenn es einmal steil nach oben ging. Im Übrigen will er wieder anfangen, auf seinem Kontrabass zu spielen, das arme Instrument verstaubte in den letzten beiden Jahren in seiner Studentenbude, jetzt kommt es zu neuen Ehren. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus, als er mir enthusiastisch vom Guggenheim-Museum erzählt und davon, dass er in einem Saal auf Andy-Warhol gestoßen und sich sehr darüber gefreut hat. Ich erinnere mich noch genau, wie er vor einigen Jahren in einer Warhol-Ausstellung in Frankfurt eher gelangweilt von Raum zu Raum geschlichen ist und nur aus Höflichkeit meinen engagierten Erläuterungen gelauscht hat. Die Pizza im Anschluss an den Museumsbesuch war für ihn damals viel wichtiger als jedes Bild von Andy Warhol. Ob diese erstaunlichen Entwicklungen nun an der Heiligkeit des Weges liegen oder der Tatsache geschuldet sind, dass es einen Menschen verändert, wenn er fünf Wochen lang jeden Tag dreißig Kilometer zu Fuß wandert – wer weiß. Vielleicht ist es ja auch beides.

Natürlich freue ich mich darüber, dass offenbar manche Samenkörner der Erziehung Wurzeln geschlagen haben. Ich erkenne aber auch, dass ich mir ein viel zu festes Bild von meinem Kind gemacht habe. Dabei ist mir eigentlich ganz klar, dass kein Mensch, auch keine Mutter, den vollkommen Überblick hat. Das galt übrigens auch schon für meine eigenen Eltern. Ich erinnere mich an alle Kämpfe, die wir miteinander ausgefochten haben. Eigentlich ist es wunderbar entlastend, dass man sich überraschen lassen darf und nicht alles im Griff haben muss. Ganz abgesehen davon, dass Kinder nicht die Aufgabe haben, alle Anregungen ihrer Erziehungsberechtigten umzusetzen. Wir säßen noch auf Bäumen, wenn nicht die nächste Generation den Mut aufbringen würde, auch einmal etwas Neues zu wagen. „Prüfet alles, das Gute behaltet“ ist ein weiser biblischer Ratschlag. Wichtiger als der elterliche Überblick ist wohl, dass Kinder das Gefühl haben dürfen, dass sie sich auf ihre Eltern verlassen können – egal, wohin sie pilgern wollen.

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