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SWR2 Wort zum Tag

Die schwedische Autorin Malin (gesprochen ‚Molin') Elmlid liebt gutes Brot. Vor allem mit Sauerteig. Aber sie hat nie welches gefunden, das ihr wirklich geschmeckt hat. Deshalb hat sie angefangen selbst zu backen. Leidenschaftlich hat sie nach dem idealen Rezept gesucht und es gefunden. Doch dabei ist es nicht geblieben. Ihre Brote hat sie nicht einfach selbst aufgegessen. Brot lädt einfach dazu ein, gemeinsam gegessen zu werden. Und so hat die Schwedin angefangen ihre Brote an Bekannte und Nachbarn zu verteilen. Am Anfang hatte sie gar nicht die Absicht selbst etwas zu bekommen. Aber es kam anders.

Es hat sich ein richtiges „Projekt“ entwickelt, das immer weitere Kreise gezogen hat: „The Bread Exchange“ auf deutsch etwa „Der Brotaustausch“ oder „Brot-Tausch“.

Nachbarn haben sich für die Brote bedankt, indem sie der Schwedin etwas Persönliches geschenkt haben. Zum Beispiel einen selbstgemachten Kuchen oder persönliche Fotos.

Diese Art von Tausch hat Malin Elmlid inspiriert. Ihr selbstgemachtes Brot bietet sie nun zum Tausch an.

Und es ist zu einer Tauschbewegung ganz eigener Art gekommen. Als Zahlungsmittel für das Brot ist mittlerweile alles möglich, außer Geld. Es geht darum, das zu tauschen, was einem am Herzen liegt: Geschichten, Zeit, Dinge. Und immer mehr Menschen tauschen mit ihr.

Malin Elmlid reist mit ihrem Sauerteig im Koffer quer durch die Welt und backt in den unterschiedlichsten Ländern Brot. Und dann bietet sie es zum Tausch an. Das hat sie mittlerweile schon über 1500 Mal weltweit gemacht.

Ich finde es faszinierend, wie es Malin Elmlid gelingt, durch einfaches Tauschen, Menschen zu begegnen und kennenzulernen. Geld und materiell wertvolle Dinge braucht es dabei überhaupt nicht. Sie bietet ihr Brot an. Und im Gegenzug bekommt sie etwas Persönliches, etwas das sie inspiriert.

Das Projekt „Brot-Tausch“ macht mir deutlich, durch was das Leben lebendig wird.

Ganz vorne in ihrem Buch hat Malin Elmlid ein kleines Gedicht geschrieben, das das Ganze auf den Punkt bringt:

„Erzähl mir eine Geschichte, die mich bewegt.

Zeig mir etwas, das ich noch nie gesehen habe.

Lehre mich etwas, das ich nicht weiß.

Hol etwas von dir Gemachtes, worauf du Stolz bist.

Teile mit mir.

Und ich werde mein Brot mit dir teilen.“

 

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Vor einigen Tagen habe ich sie gesehen. Die perfekte Rettungsgasse!

Die Feuerwehr fährt auf einer Bundesstraße zu einem dringenden Einsatz. Und alle Autos stehen am Rand und bilden in der Mitte einen breiten Weg für die Helfer. Die Autos auf der linken Spur warten ganz links und die Autos auf der rechten ganz rechts. Wow! Habe ich gedacht. Wirklich alle machen die Bahn frei für die Rettungsfahrzeuge.

Das Ganze ist auf einem Video dokumentiert, das im Internet zu sehen ist. Es wurde zu einem kleinen Internet-Hit. Über 2 Millionen Mal wurde das Video schon angeklickt. Es ist wunderbar, zu sehen, wie so viele Autofahrerinnen und -fahrer hier den Weg frei halten.

Dadurch konnten die Helfer schnell an die Unfallstelle gelangen. 

Der Blick in die Zeitungen zeigt mir allerdings, dass das eher die Ausnahme ist.

Viel zu oft kommen die Rettungsfahrzeuge, Feuerwehr und Co. nämlich nicht so einfach zur Unfallstelle durch. Zum Beispiel bei dem schrecklichen Unfall auf der A9 im Juli.

Zum einen, weil viele nicht wissen, wo die Rettungsgasse gebildet wird. Zum anderen, weil doch tatsächlich einige ausgestiegen sind um zu gaffen und sogar Fotos und Videos zu machen. Es ist auch schon vorgekommen, dass die Helfer beschimpft wurden. Das ist echt der Gipfel an Unverschämtheit. 

Wenn ich selbst in einen Unfall verwickelt bin, wünsche ich mir auch schnelle Hilfe. Und da kann jede Sekunde über Leben und Tod entscheiden. 

Wenn ich aber glücklicherweise nicht direkt an dem Unfall beteiligt bin, habe ich trotzdem die Möglichkeit zu helfen. Auch wenn ich nicht ganz vorne bin. Der Film zeigt es. Es ist ganz einfach: 

Ich helfe, indem ich Platz mache, für die Leute, die anpacken. Konkret: Ich bilde die Rettungsgasse. 

Es gibt einfach Situationen im Leben, da geht es nicht um mich. Da spielt es keine Rolle, ob ich schnell an meinem Ziel bin, selbst wenn ich es eilig habe. Da ist es egal, ob ich warten muss oder ob ich eine gute Aussicht habe. Dann heißt es nur: Bahn frei für die Retter! Eben besonders dann, wenn anderen Menschen geholfen werden muss.  

Wenn das gelingt, wird der Weg dann auch wieder frei für alle anderen und für mich.

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Man müsse in die Bibel einsteigen wie in die Badewanne, sagte einer meiner Lehrer. So wie der Wasserpegel um den Körperumfang steigt, so der  Pegel des Verstehens, wenn ich in die überlieferten Texte einsteige. Die Bibel ist eben nicht ein Buch wie andere, sie ist ein Erfahrungsschatz, in den man eintauchen, aus dem man frisch gebadet  auftauchen kann.  Und dann lebt sich bekanntlich leichter. Aber die Zeit zum Baden muß man sich halt nehmen, sonst weiß man nichts von seinen wohltuenden Effekten. Ganz so ist es z.B. beim Vaterunser, diesem christliche Lebensmantra.  Da gilt es, richtig einzusteigen – und zwar mit dem ganzen Gewicht des eigenen Lebens.  Zwischen den einzelnen Worten und Bitten des Vaterunsers ist  unendlich viel Raum, um den eigenen Alltag unterzubringen und ins Gebet zu nehmen. Schon die Anrede „Vater“  gibt dem Tag eine bestimme Adresse und Ausrichtung. Und bei Matthäus heißt es nicht zufällig: „Unser Vater“. Klar wird von Anfang an, in welchen Solidarzusammenhang man gerät, wenn man im Sinne Jesu betet – heraus aus der Fixierung auf sich selbst und die eigene kleine Welt. 

Und dann die einzelnen Bitten und ihre Reihenfolge: das ganze Leben kommt darin vor, für alles ist Platz, nichts muss verschwiegen werden. Betend  fällt einem immer etwas zu, was da eingefädelt werden kann: mein Gottesglaube, der Gedanke an liebe Menschen, die nächste Begegnung, der Nachbar im Straßenverkehr. Und immer die Anrede „Abba“, Vater. Alles gerät unter das Vorzeichen seiner Güte. 

Deshalb  zuerst die  drei Bitten, dass Gottes Wille überall zum Zuge kommt. Und dann drei Bitten, die uns Menschen betreffen. Natürlich Brot und Nahrung, also gerechte Verteilung der Lebensmittel auf der Erde. Und dann: Vergebung. Ohne die läuft nichts, weil faktisch zum Menschsein gehört, dass wir schuldig werden.  Fast alle wollen das Gute, und doch ist so viel Gewalt und Gier und Dummheit im Gange. Wie ein Smog lasten diese bösen Mächten und Gewalten auf allem, was geschieht, und verpesten das Klima. Wir atmen das ein und aus, ob wir wollen oder nicht, wir sind Opfer und Täter. Vergebung tut not.   Matthäus  formuliert noch herausfordernder: „Vater, vergib uns, wie auch wir vergeben haben unseren Schuldigern“. Dag Hammarskjöld hat  Recht: Wir können uns nicht selbst verzeihen, „uns muss verziehen werden. Aber wir können an Verzeihung nur glauben, wenn wir selbst verzeihen.“

(Ganz realistisch also  konfrontiert das Vaterunser mit der Welt, wie sie ist. Im Gebet Jesu kann sich jeder und jede wiederfinden – und nicht zuletzt: wir finden darin ihn wieder, den Unvergesslichen aus Nazaret. Sein Leben und Sterben sind der beste Kommentar  zu dieser Gebetsanleitung und Lebensschule, die das Vaterunser ist.)

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Wie gelingt es, dass jeder Mensch auf der Erde würdig leben kann, ohne dass wir den Planeten zerstören? Das sei  die zentralste Frage der Gegenwart, meinte jüngst  Horst Köhler, der ehemalige Bundespräsident. Wie gelingt es, die Güter der Erde so zu verteilen, dass  es die elende Ungleichheit im Elementarsten nicht mehr gibt? Und: wann hört der Raubbau auf, mit dem die Zukunft des Globus auf dem Spiel steht?  Genau für solch fundamentale Lebens-, ja Überlebensfragen  ist das Vaterunser eine kostbare Orientierungshilfe. Schon  mit der Anrede „Abba, Vater“ gerät alles unter ein verheißungsvolles Vorzeichen.  Da kommt ein unbedingtes Vertrauen ins Spiel, da werden die aktuellen Nöte und Herausforderungen adressierbar, sie werden ins Gebet genommen. 

Und dann die Reihenfolge der Bitten. Nicht die Not der Menschen steht zuerst im Mittelpunkt, das tägliche Brot, Schuld und Vergebung! Nein, betend hat der Christenmensch nur Eines im Sinn: Dass Gott Gott ist, dass er das Sagen hat;  sein Wirken möge unser Wirken bestimmen, seine Maßstäbe mögen uns Orientierung und Geländer sein. Also: „Vater, dein Reich komme, dein Wille geschehe, dein Name werde geheiligt“. So wie sich die Erde um die Sonne dreht, so soll sich menschliches Leben und Wirtschaften um Gott drehen. Je mehr wir uns allein um ihn kümmern, desto freier und phantasiereicher können  wir sehen, was nottut, und anpacken, was zu verändern ist. Das Vaterunser befreit davon , ständig um das goldene Kalb des Ego zu tanzen oder uns mit noch so guten Absichten zu übernehmen. „Suchet zuerst das Reich, die Weltherrschaft Gottes, und alles andere wird euch wie von selbst einfallen“, heißt es in der Bergpredigt, in die Matthäus auch das Vaterunser  hineinkomponiert hat. Das ist typisch Jesus, das ist typisch christlich. Gott an erster Stelle und sonst niemand. 

Aber wie viele haben bei der Bitte, dass Gottes Wille geschehe, nur Angst, entmündigt oder bevormundet zu werden. Autonom wie wir sind, wollen wir uns nicht einem anderen Willen beugen. Fatalerweise wird meistens ein Konkurrenzverhältnis zwischen Gott und Welt vorausgesetzt: Wenn der Mensch seiner Freiheit folge, gerate er in Konflikt mit Gott – als wäre dieser ein Konkurrent des Menschen. Aber das Gegenteil ist ja der Fall: Ausdrücklich richtet sich die Bitte, dass sein Wille geschehe, an jenen Gott, der mit „Abba“, Vater angesprochen wird, Inbegriff der  unbegrenzten Güte. Also: „es geschehe dein Wohlwollen“, gerade durch mich.

 

 

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Einmal am Tag solle man das Vaterunser beten, mit äußerster Aufmerksamkeit und tiefster Sammlung, dann sei alles in Ordnung. So rät die erfahrene Mystikerin und Philosophin Simone Weil. Und das durchaus auch mitten im ganz normalen Chaos des Alltags, nicht nur in besonderen Atempausen und Oasenzeiten.  So  nahrhaft  sei das Hineinschmecken  in dieses Gebet Jesu. Das Entscheidende dabei, so lehrt die erfahrene Frau: Immer dann, wenn wir uns beim Hineinhören in die Gebetsworte Jesu abgelenkt fühlen, sollen wir abbrechen und neu anfangen, bis wir einmal durch sind.   Schon die Anrede „Vater“ hat es ja in sich, und wie oft bin ich schon da nicht mehr ganz bei der Sache. Also üben üben üben – wie beim Schreibenlernen oder Klavierspielen:  achtsam, detailgenau und mit Hingabe. Die Menge der Worte machts nicht, aber die Treue, mit der wir dabei bleiben. Der Mystiker Nikolaus von der Flüe brauchte  ganze vier  Tage, um mit einem einzigen Vaterunser durchzukommen – so kostbar war ihm jedes einzelne Wort.

In seiner unnachahmlichen Art hat  Martin Luther dasselbe  von sich  gesagt, und er war ein treuer Beter:  „Ich sauge noch heutigen Tages am Vaterunser wie ein Kind, ich trinke und esse davon wie ein alter Mensch und kann sein nicht satt werden.“  Auch er findet hier das Grundnahrungsmittel des Christenmenschen; im Vaterunser ist alles gesagt, wenn wir nur treu genug darauf herumkauen und die wenigen Worte einspeicheln mit unserem Leben. Es ist wie Schwarzbrot, das beim  Kauen immer süsser wird und nahrhafter.

 

Schon die Anrede hat es in sich: Abba, Vater. Mit diesem einen Wort auf der Zunge, im Herzen und im Kopf schaue ich anders in die Welt, in mein Leben, in den heutigen Tag. Wem vertraue ich, worauf verlasse ich mich, wohin mit meinen Bedürfnissen, was trägt und orientiert mich? Was ist die Musik meines Lebens? Letztlich nichts als Güte, nichts als Vertrauen – so antwortet das Vaterunser.

Und dann  die erste Bitte: „Vater, dein Reich komme“. Auch da kommt der Geschmack erst beim Kauen. Zudem  wir Deutsche den Begriff „Reich“ nicht gut hören können, seit dem sog.dritten Reich der Nazis. Also übersetzen wir besser: „ Vater, es komme deine Weltherrschaft“. Zu unterstreichen ist: deine, nicht unsere. Die Betenden schreien  angesichts des Unrechts in der Welt, dass der bessere Zustand, der wahre, endlich sich durchsetzen möge:  wo Gott das Sagen hat,  verändert sich alles zum Guten. (Was das heißt, haben die Leute im Umgang mit Jesus erfahren. Die Vaterunser-Bitte  verspricht eine Alternative zum Bestehenden, sie spricht von einer Kontrastfolie zu den vorherrschenden Verhältnissen. Sie sich zu Herzen zu nehmen, schärft den Blick für das, was  der Veränderung bedarf.)

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Früher war es üblich, den Tag mit einem Morgengebet zu beginnen. Gewiss tun dies auch heute noch viele. Aber nicht wenige haben grundsätzliche Schwierigkeiten mit dem Beten und lassen es ganz. Besinnlichkeit ja, auch Meditieren,   – aber Beten?

Schon Paulus schrieb der Gemeinde von Rom: „Wir wissen nicht, wie oder was wir beten sollen“. Nach dem Matthäus-Evangelium sind es die Jünger selbst, die Jesus bitten: „Lehre uns beten“. Das Beten will also gelernt und geübt sein – wie das Leben und die Liebe. Dazu hat sich im O-Ton-Jesu  eine Gebetsanleitung erhalten, die immer noch höchst hilfreich ist und zu denken gibt: das Vater-Unser.  Es ist wie  ein Formular, in das wir unsere eigenen Lebensdaten eintragen können, Geschichten von gestern und heute. Die zweimal drei Bitten des Vater-Unsers sind so  etwas  wie  Haltepunkte, um die herum unser Leben spielt. Alle stehen  unter einer höchst erstaunlichen Anrede: Vater. Das war  den Christen von Anfang an so kostbar, dass sie es in der Muttersprache Jesu  überliefert haben: Abba, Papa, Väterchen. Für Jesus und seine Jüngerschaft ist offenkundig entscheidend: Wer Gott sagt und weiß, was er tut, meint eine  wohltuende  und verlässliche Wirklichkeit – uns zugewandt nicht nur wie Sonne und Mond,  nein: wie Vater und Mutter, wie Freund und Freundin. 

Natürlich sind die eigenen Erfahrungen mit Vater und Mutter in unseren Zeiten höchst unterschiedlich und gemischt, nicht selten auch gebrochen oder gar nicht mehr  vorhanden. Im Rückblick könnte man sagen, Jesus war reichlich naiv. Aber er überträgt ja nicht einfach menschliche Eigenschaften auf irgendeinen Gott. Er selbst hat durch sein Verhalten vielmehr gezeigt, wie Gottvertrauen das Leben verändert. Voller Phantasie und Einfühlungsvermögen ging er auf Mitmenschen zu. Er hat Kranke geheilt und Ausgegrenzte wieder an den runden Tisch gebracht. In der Geschichte vom sogenannten verlorenen Sohn zeigt sich der Vater gerade nicht als Pascha, der andere stramm stehen lässt. Voller Erbarmen steigt er vielmehr von seinem Thron herunter und läuft seinem Sohn entgegen, um mit ihm das Fest des Lebens zu feiern. Etwas davon haben die Menschen damals offenkundig bei Jesus erlebt, und seitdem bei vielen Glaubenden.  Gott als Vater anzusprechen oder als Mutter, ist  keine naive Projektion. Es beinhaltet einen neuen Lebensstil, mit überschießendem Vertrauen und mit dem Mut, füreinander da zu sein. Die Anrede ist ja bei Licht gesehen verrückt (Nicht ein blindes Schicksal, nicht eine gesichtslose Evolution, nicht ein Moloch oder Diktator steht in der Gottesanrede Jesu, nein: nichts als Güte. Jeder Morgen zeigt die Verlässlichkeit  dessen, der seine  Sonne aufgehen lässt über Gute und Böse.) Alles steht nun unter einem guten Stern, selbst das Schwere. Wäre da nicht jene schöpferische Liebe, wären wir nicht – deshalb die Anrede: Vater.

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