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SWR2 Wort zum Tag

Will ich gesehen werden, wenn ich Schmerzen habe? Wahrgenommen von anderen?
Einerseits nein: Ich will nicht bemitleidet werden, weil es mir irgendwo weh tut. Irgendwas tut ja immer weh.
Aber andererseits: Dass meine Schmerzen nicht gesehen werden. Will ich das?  Dann übersieht und übergeht man ja auch mich.

Schmerzen von Menschen zu übersehen und zu übergehen, hat etwas Unmenschliches. Aber es geschieht, tausendfach. Privat. Wenn ein Partner um den Schmerz des anderen weiß, aber nichts mehr davon wissen mag.
Aber auch öffentlich geschieht das - wie vor ein paar Wochen: Da ist dieses Übersehen und Übergehen von Schmerzen vor unser aller Augen exerziert worden:
Beim Bombenanschlag auf die Spieler und Betreuer von Borussia Dortmund. Erinnern Sie sich? Auf dem Weg zum Spiel wurde ihr Bus mit drei Bomben angegriffen. Zwei Menschen wurden körperlich verletzt. Und die seelischen Schmerzen der anderen?
Sie wurden übersehen, jedenfalls übergangen. Fußballfunktionäre haben entschieden: Morgen spielt ihr.

Der Schock und der Schmerz der Spieler sie wurden vernachlässigt. Dabei hatte man ihnen nach dem Leben getrachtet. Stattdessen hat man sie veranlasst, gedrängt zu spielen. Zu funktionieren. Ihre Schmerzen auch selbst zu übergehen. Und ich habe als Teil der so genannten Fußballfamilie mitgespielt. Zugeschaut beim Spiel. Die Schmerzen der Spieler weg geschoben, klein geredet.

Dabei sollte normal sein, dass wir Schmerzen sehen. Normal, weil es menschlich ist. Und es ist auch menschlich, dass ich meine Schmerzen sehen lasse.
So wie es erzählt wird in der Geschichte einer Frau:
Allein schon jeden Morgen aufzustehen, war eine Qual. Ihr Rücken hatte sich über Jahre verkrümmt. Aufrecht gehen, unmöglich, und bewegen nur unter Schmerzen.
Sie konnte sich nicht daran gewöhnen, die anderen schon. Deshalb war es für diese Frau, von der die Bibel erzählt, allein schon eine Wende, als Jesus sie sieht. Er sieht ihren Schmerz und schenkt ihr Achtung. Er beachtet sie und Gott damit auch. Und er spricht sie auf ihre Schmerzen.

Ein Mensch sollte nicht schweigen müssen über das, was ihm weh tut.
Kann man es so sagen: Es ist unmenschlich, wenn wir Schmerzen übersehen und übergehen? Ich meine ja.
Körperliche, seelische Schmerzen verdienen Achtung. Es ist menschlich, wenn ich Schmerzen nicht unsichtbar mache und übergehe. Sondern wenn ich sie sehen lasse. Und es ist menschlich, Schmerzen zu zeigen. Schmerzen sollen sichtbar sein in dieser Welt. Wer Schmerzen hat, muss sie nicht verschämt verbergen. Wer Schmerzen hat, hat das Recht gesehen zu werden.

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„Wo hast Du denn Deine Augen?“ ruft mein Beifahrer. Ich hätte die Fußgängerin am Zebrastreifen sehen müssen: Ich habe in ihre Richtung geschaut, war nicht abgelenkt. Aber ich habe sie nicht gesehen. Gott sei Dank ist nichts passiert. Ich habe sie nicht gesehen.

Es passiert schnell Schlimmes, wenn man Menschen aus den Augen verliert. Egal ob unbewusst oder bewusst. Wie in dem bitterbösen Konflikt in den ersten Kapiteln der Bibel. Zwischen zwei Frauen und einem Mann:
Die Eheleute Sarah und Abraham können keine Kinder bekommen. Die altorientalische Sitte erlaubte in diesem Fall, dass die Leibmagd der Ehefrau an deren Stelle tritt. Hagar, die Magd, Ausländerin, Hagar also übernimmt für ihre Herrin Sarah die „Leihmutterschaft“. Und wird schwanger von Abraham, dem Ehemann.

Aber diese „Lösung“ hat nichts gelöst. Vielleicht hat man sich anfangs noch gefreut. Aber dann böse Blicke. Sarah sieht voll Neid, wie ihre Magd groß wird und stolz. So war das nicht gedacht. ‘Was bildet diese Ausländerin sich ein.’ Aber deren Selbstbewusstsein wächst. Die Blicke, mit der die Magd ihre Herrin Sarah bedenkt. Hämisch und brennend.
Und der Mann? Abraham spürt die Dramatik zwischen ihnen. Aber er will sich heraushalten. Er sieht Unheil kommen und sieht weg. Seine Frau will ihn zwingen, Position zu beziehen. ‘Deine Sache’ meint er. Und Sara zeigt, sie kann „Herrin“.
Und Abraham schaut zu, auch als die schwangere Hagar keinen anderen Ausweg mehr sieht, als zu flüchten.
Sarah mag triumphiert haben. Sie konnte die Andere nicht mehr sehen.

Und Abraham? Ob es seiner Feigheit zu Pass kam, als die junge Frau, die von ihm schwanger ist, flieht? Aus den Augen, aus dem Sinn? Aber er musste doch wissen, dass sie in der Wüste kaum überleben kann.
‘Wo hast Du Deine Augen,’ möchte man ihn fragen.
Oder: ‘Du Sarah, was für Augen hast Du, dass Du dem Leben so was antun kannst.’

Und mein Beinaheunfall mit der Fußgängerin fällt mir wieder ein:
‘Wo haben wir unsere Augen? Was für Augen haben wir?’
Bei uns, für uns? Immer noch, immer wieder diese Sarah- und Abrahamaugen?  Die sich vor Lebensinteressen von anderen verschließen.
Solche Augen schauen gott-los.

Das erzählt das Ende der Geschichte. Gott sei Dank ein gutes. Mitten in der Wüste findet ein Engel Hagar. Und hilft ihr ins Leben zurück. Ohne diese Engels Begegnung wäre sie gestorben.
Und dann folgt in der Bibel dieser Satz. Und Hagar nannte den Namen GOTTES, der zu ihr gesprochen hatte: El-Roi. Das heißt: Du bist ein Gott, der mich sieht.
Göttliche Augen sehen zu, dass Menschen leben können. Wo haben wir unsere Engels-Augen?

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Zwei Augen auf orangefarbenem Hintergrund – mehr ist vom Gesicht nicht zu sehen. „Du siehst mich.“ Die drei Worte sind nicht auf einer Linie geschrieben: Wie ein fröhlich lachender Mund biegen sie sich an den Seiten heiter nach oben. So sieht das Plakat für den diesjährigen Evangelischen Kirchentag aus. Es ist schon seit einigen Wochen zu sehen. An großen Plakatwänden. Oder in Bahnhöfen.

Der Kirchentag beginnt heute in Berlin. Mir gefällt sein Motto. Und mir geht vieles durch den Kopf, wenn ich über diesen Satz nachdenke. „Du siehst mich.“ Vielfach wird er wirklich werden in den nächsten Tagen in Berlin. Ich bin sicher: Auch in werde inmitten der mehr als Einhunderttausend Menschen entdecken, über die ich mich freue. „Schön, dass ich dich sehe!“, werde ich sagen. Und ich werde spüren: Gesehen werden heißt: Beachtung geschenkt bekommen. Ausgesondert werden aus der unüberschaubaren Masse. In meiner Besonderheit gewürdigt und eben entdeckt, gesehen. Mitten unter Tausenden.

 „Du siehst mich.“ Die Geschichte hinter dem Satz wird in der Bibel erzählt. Hagar, die schwangere Magd Abrahams flieht vor Sara, ihrer Herrin, in die Wüste. Dort begegnet ihr Gott. Und holt sie aus ihrer Isolation. Hagar gibt Gott einen Namen. Sie sagt zu ihm: „Du bist Gott, der mich sieht!“ (1. Mose 16.13) Ich finde: Schöner kann man von Gott nicht sprechen. Schöner kann ich nicht beschreiben, was Gott ausmacht. Gott sieht mich. Das macht mich einzigartig. Das hebt mich heraus aus der Masse von mehr als sieben Milliarden Menschen auf diesem Planeten Erde. Das gibt mir Gewicht, wenn ich über meinen eigenen Wert ins Grübeln gerate.

 „Du siehst mich.“ Dieser Satz an Hagar, die Magd Abrahams kann helfen, Menschen auch heute noch an-sehnlich zu machen. Am besten dadurch, dass ich ihn nicht nur als Name für Gott verstehe. Sondern als eigenes Lebensprogramm. Indem ich Menschen bewusst in den Blick nehme. Nicht indem ich sie anstarre, sondern indem ich sie wahrnehme. Den Musikanten, der jeden Tag an derselben Stelle sitzt und ein paar Münzen im Becher hat. Die Kollegin, die in der Pause immer allein in ihrem Zimmer bleibt. Den alten Cousin, von dem ich schon länger nichts mehr gehört habe. Die Menschen auf der Flucht, die plötzlich aus meinem direkten Umfeld verschwunden sind. „Du siehst mich.“ Das ist eine konkrete Handlungsanweisung, um die Welt ein bisschen menschlicher zu  machen. Dazu muss ich gar nicht zum Kirchentag fahren. Ich muss nicht einmal der Kirche angehören. Ich muss nur meine Augen auf einen Mitmenschen richten. Dann ist der Kirchentag schon ein Erfolg, bevor er überhaupt begonnen hat.

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Kein Wunder, dass der Roman von Karl-Heinz Ott den Titel „Die Auferstehung“ * trägt. Drei Brüder und ihre Schwester fragen sich, wie alt man ist, wenn man aufersteht. Ob „Blinde tatsächlich wieder sehen und Lahme wieder gehen können.“ Und ob, wie einer der Brüder sich fragt, „Idioten auf einmal gescheit sind“. Pfarrer Boshorch, der gefürchtete Pfarrer ihrer Kindheit, das wird ihnen wieder bewusst, der hatte „eine regelrechte Jenseits-Landkarte im Kopf“. Der wusste „wer zur Rechten Gottes sitzt, wo der Teufel wohnt und wie es im Fegefeuer aussieht.“

Während ich beim Lesen immer faszinierter den geschwisterlichen Auseinandersetzungen folge, wird mir klar: Die Welt der Auferstehung, die die vier im Kopf haben, ist nichts anderes als ein Spiegelbild der Welt, in der sie leben. Deshalb bietet diese himmlische Welt ihnen auch nichts wirklich aufregend Neues. Nichts, was sie für sich jenseits dieses Lebens noch zu hoffen haben. Dass die Welt, in die die Auferstehung uns führt, mehr zu bieten hat als die, in der sie jetzt leben - damit rechnen sie nicht wirklich. Und deshalb ist die Auferstehung für sie eigentliche keine Vorstellung, aus der sie einen Mehrwert für ihr Leben jetzt gewinnen. Die sie jetzt schon fröhlicher und bewusster leben lässt. Eigentlich schade, denke ich!

Einen ähnlichen Disput hat es auch schon zur Zeit Jesu gegeben. Kritiker des Glaubens an die Auferstehung erzählen Jesus die Geschichte von sieben Brüdern, die alle nacheinander sterben. Und der Reihe nach heiraten die noch lebenden Brüder die Frau des zuletzt verstorben Bruders. „Zu welchem der Brüder wird diese Frau nach der Auferstehung gehören?“, fragen sie Jesus. Seine Antwort: „In der Welt der Auferstehung geht es nicht mehr ums Heiraten oder Nicht-Heiraten.“ (Markus 12,24) Da geht es um Leben in ganz anderer Qualität. Da sind die Beziehungen ganz auf Gott hin ausgerichtet. Sie bedürfen nicht mehr der Regelungen, mit denen wir unser Leben gestalten. Im Himmel gibt es weder Standesämter noch Krankenhäuser.

Ich finde, es ist nicht leicht, sich vorzustellen, wie diese Welt aussieht. Aber ich bekomme eine Ahnung davon, wie sie auf jeden Fall nicht mehr aussieht. Weil mein Leben dann nicht mehr unter den Einschränkungen und Begrenzungen steht wie jetzt. Weil dann wirklich alles anders ist. Das reicht mir fürs Erste, um der Auferstehung zu vertrauen.

* Karl-Heinz Ott, Die Auferstehung, Carl Hanser München 2015

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„Sind sie religiös? Glauben sie an Himmel und Hölle?“ Die Frage lässt mich aufhorchen. Obwohl sie an den Mann vor mir in der Schlange vor dem Buffet gerichtet ist. Das war nicht nur beiläufig gefragt. Für den Fragesteller ging’s -  da bin ich sicher – um etwas für ihn ganz Zentrales. Dennoch hat mich diese Frage eher zum Widerspruch gereizt. Wenn religiös sein heißt, nicht nur an den Himmel, sondern auch an die Hölle zu glauben, bin ich dann wirklich religiös, frage ich mich. Religiös sein – das bedeutet für mich, mit Gott in meinem Leben zu rechnen. Aber zuallererst mit einem Gott, der es gut mit mir meint.

Ob es eine Hölle gibt, weiß ich nicht. Aber das ist für meinen Glauben ehrlich gesagt auch nicht so wichtig. Dass es Böses gibt im Leben. Im Kleinen. In zwischenmenschlichen Beziehungen. Aber auch im Großen. In abgrundtiefer kaum auszuhaltender Bösartigkeit und Menschenverachtung – daran habe ich keinerlei Zweifel. Da kann einem der Glaube an Gott schon auch einmal fraglich werden. Und womöglich auch ganz abhanden kommen. Die Vorstellung aber, dass es eine dem Himmel entgegengesetzte Welt des Bösen gibt – eine Art Gegenwelt zur Welt Gottes – das würde Gott für mich klein machen. Und seiner Einzigartigkeit berauben. In einem der jüngsten Briefe des Neuen Testaments heißt es: „Wir warten auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, voll von Gerechtigkeit!“ (2. Petrus 3,13) Die Wirklichkeit, auf die wir zugehen, die ist also geprägt vom Vorhandensein von Himmel und Erde. Nicht von Himmel und Hölle. Hier kann ich mit meinem Glauben gut mit. Nicht auf das Verhältnis von Himmel und Hölle kommt es an – nein, Himmel und Erde sind die entscheidenden Bezugspunkte, wenn es um Religion geht. Und um ein Leben in Gerechtigkeit.

Menschen machen sich manchmal das Leben selber zur Hölle. Aber die Vorstellung von einer Gegenwelt zur Welt Gottes erweist dem Bösen für mich zu viel an Ehre. Wenn ich Gott in mein Leben einbeziehe, dann hat die Hölle endgültig ausgedient. Auch in meiner Vorstellung von dem, was religiös ist. „Einmal ja. Und einmal nein!“ So hätte ich dem Fragesteller am Buffet wohl geantwortet: Religiös ja. Aber gerade darum glaube ich nicht wirklich an die Hölle! Sondern hoffe auf eine bessere Erde. Aber ich hatte vor meiner Antwort ja auch mehr Zeit zum Nachdenken als der Mann vor mir.

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