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SWR2 Wort zum Tag

Was wissen Sie über den Spaghetti-Baum? Die britische Rundfunkanstalt BBC zeigte an einem 1.April einen Dokumentarfilm, der den Spaghetti-Baum zum Thema hatte. Zahlreiche Zuschauer riefen anschließend bei der BBC an, um zu erfahren, wie man diesen Baum anpflanzen könne. Bis sie merkten: ein Aprilscherz!

Oder kennen Sie den heißköpfigen Nackteisbohrer, eine in der Antarktis verbreitete fleischfressende maulwurfähnliche Tierart? Sie wurde am 1. April 1995 im amerikanischen Discovermagazin vorgestellt. Die vorgebliche zoologische Sensation fand ein enormes Publikumsinteresse. Nur -  auch hier wieder: April, April!

Aprilscherze sind lustig. Sie spielen mit unseren Erwartungen und lassen uns über uns selber lachen. Sie führen uns - nach einem Überraschungsmoment - darauf zurück, was tatsächlich Fakt ist.  Auf die Realität.

Was aber, wenn der Vorhang zwischen Fakt und Fiktion bewusst eingerissen wird? Wenn erfundene Nachrichten als Wahrheit ausgegeben werden? Wenn Lügen präsentiert werden als sogenannte „alternative Fakten“?

Dann wird es gefährlich. Martin Luther hat einmal gesagt: „Die Lüge ist wie ein Schneeball. Je länger man ihn wälzt, desto größer wird er.“ Lügen entwickeln ein zähes und zerstörerisches Eigenleben. Und breiten sich unaufhaltsam aus.

Mir macht es Sorge, wie leicht über die sozialen Medien, aber auch über andere Kommunikationskanäle, sogenannte Fake-News, Lügenmärchen, verbreitet werden können. Wie mit falschen Informationen und gezielten Falschmeldungen Stimmung gemacht wird.

Dass es so etwas in einer Gesellschaft gibt, ist wohl nichts Neues. Beim Propheten Sacharja im Alten Testament lese ich:
"Das ist, was ihr tun sollt; rede einer mit dem anderen Wahrheit und richtet recht, schafft Frieden in euren Toren und keiner ersinne Ärger in seinem Herzen gegen seinen Nächsten“. 

Im Alten Testament waren es die Propheten, die ihre Stimme gegen die Lügengeister erhoben. Heute sind es Menschen, die gegen Lüge und Hass im Internet vorgehen. Menschen und Initiativen, die solide recherchieren und dem Wahrheitsgehalt von Behauptungen auf den Grund gehen.

Für mich folgt daraus: Aprilscherze sollen Aprilscherze bleiben. Aber sie sollten dann auch bald im Namen der Wahrheit aufgedeckt werden. Weil Spaghetti nicht auf Bäumen wachsen. Und ich mir den unverfälschten Blick auf die Realität bewahren will.

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Was ist Wahrheit? Alt, sehr alt ist diese Frage! Ich denke dabei sofort eine Geschichte, die im Neuen Testament überliefert ist. Wie Jesus verhaftet und zum Verhör vor den römischen Gouverneur Pilatus gebracht wird. 

Es entsteht ein kurzes Gespräch. Pilatus will sich ein Bild machen von den Vorwürfen gegen Jesus. Wer das ist, der da vor ihm steht? Jesus sagt: „Ich bin in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll.“  Pilatus reagiert voller Skepsis. Wahrheit? Was ist schon Wahrheit? Spielt nicht jeder von uns, je nach Bedarf, auf den schwarzen Tasten seiner Halbwahrheiten und Lügen?

Von Otto von Bismarck stammt der Satz: "Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd". Man könnte auch gleich sagen, es gibt ununterbrochen die Gelegenheit, die Wahrheit zu verbiegen.

Da sind die kleinen Lügen des Alltags, von denen Statistiker sagen, Menschen lügen über 200 mal am Tag. Aus Angst, aus Scham, aus Höflichkeit. Und die Lügen im Großen. Lügen, um die eigene Macht abzusichern oder um überhaupt erst an die Macht zu kommen. Oft sind Wahrheit und Lüge so eng ineinander verwoben, dass sie für Außenstehende nur schwer zu durchschauen sind.

Was also ist Wahrheit? Ich glaube, es gibt keine einfache Antwort. Sie zu finden, setzt allerdings voraus, dass ich Urteile prüfe, vor allem auch meine eigenen. Und Zweifel zulasse. 

Die Frage nach der Wahrheit spielte auch im Jüngerkreis Jesu eine große Rolle. Es gab damals römische Gottheiten, die angebetet werden mussten. Es gab den Kaiser, der göttliche Verehrung für sich beanspruchte. Was wollte da dieser einfache Zimmermannssohn aus Nazareth?

„Ich bin der Weg, und die Wahrheit und das Leben“, sagt Jesus seinen Jüngern. Ist das nicht reichlich anmaßend? Vielleicht erscheint das so auf den ersten Blick. Ich finde aber, es ist ein wahres und kluges Wort. Bei dem es auf die Reihenfolge ankommt!

Am Anfang steht der Weg. Steht mein Fragen und Suchen nach der Wahrheit. Dafür brauche ich Zeit. Manchmal sehr viel Zeit. An zweiter Stelle die Wahrheit selbst, die sich mir erschließt, indem ich sie mir vertraut mache. Indem ich ausprobiere, ob sie trägt und wieweit sie trägt. Und schließlich: das Leben. Das Gespür und die wachsende Gewissheit, dass ich auf diesem Weg und mit dieser Wahrheit mein Leben führen kann und will.

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„Die Wahrheit wird euch frei machen“. Dieses Wort aus der Bibel steht, eingemeißelt, über dem Haupteingang der Heidelberger Universität. Als junger Student der Theologie bin ich zu meinen Vorlesungen jahrelang darunter hindurchgegangen. Ohne ihm große Aufmerksamkeit zu schenken.

Heute denke ich oft über dieses Wort nach. In Zeiten, in denen die Wahrheit mit Methode aus dem öffentlichen Gespräch vertrieben wird, in Zeiten, wo die Kunst, falsche Nachrichten zu verbreiten, zu hoher Blüte kommt, gilt es, die Wahrheit - oder besser gesagt: die Suche nach der Wahrheit - entschieden zu verteidigen.

Allerdings mache ich mir keine Illusionen. Gelogen wurde schon immer. Und schon immer durfte man mit einiger Berechtigung fragen, ob es in der Politik tatsächlich um das behauptete „größte Wohl aller“ ging. Oder ob sich dahinter nicht, wie hinter einem grellen Plakat, partikulare Interessen versammelten von Einzelnen, Parteien, Staaten.

"In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt“, hat der Politiker Egon Bahr in einem Gespräch mit Schülern gesagt.

Dennoch sollte dabei nicht die Wahrheit unter die Räder kommen. Sie ist die Basis dafür, dass Interessen fair ausgehandelt werden. Dass Menschen, über alle politischen Gräben hinweg, Vertrauen und Respekt füreinander entwickeln können.

„Die Wahrheit wird euch frei machen“. Jesus sagt diesen Satz zu Menschen, die verunsichert sind. Und in Gefahr, die Orientierung zu verlieren. Er sagt nicht: Ihr müsst mir blind folgen. Er sagt: die Wahrheit wird euch frei machen.

Jesus weiß, Wahrheit ist der Anfang der Freiheit. Sie ist die Bedingung dafür, dass Menschen nicht unter dem Diktat der Lüge leben müssen. Klar, nicht immer schaffe ich es heutzutage, alle Behauptungen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Da hilft es mir, auf das zu vertrauen, was sich bisher als vertrauenswürdig erwiesen hat.

Darum übersetze ich das Wort Jesu so für mich: Wenn ihr euch meinem Wort anvertraut, werdet ihr unterscheiden lernen zwischen wahr und falsch. Dann werdet ihr manchen Wahrheitsanspruch als hohl entlarven. Und die befreiende Erfahrung machen, dass Wahrheit den Boden bereitet für einen menschlichen und respektvollen Umgang miteinander.

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Wenn ich mit Menschen die Beerdigung eines Angehörigen vorbereite, höre ich die unterschiedlichsten Geschichten. Gemeinsam ist allen: Es gibt keine Lebensgeschichte, auch nicht die schrecklichste, ohne dass es beim Erzählen ein Lächeln gibt, ja ein herzliches Lachen. Das ändert nichts daran, dass der Tod schmerzt. Aber es hilft, den Abschied zu ertragen. Und jedes Lächeln und Lachen ist wie ein Protest dagegen, dass der Tod das letzte Wort über das Leben haben will.

Nach solchen Beerdigungsgesprächen nehme ich die Sonnenstrahlen des Frühlings anders wahr, bewusster. Es ist nicht selbstverständlich, dass ich sie spüren darf, es ist nicht selbstverständlich, gesund zu sein. Es ist nicht selbstverständlich, zu leben. Weil ich das Leben liebe, gönne ich dem Tod nicht, dass er das letzte Wort hat, die Quintessenz zieht über meine Lebenszeit oder die eines anderen Menschen. Das Leben zu lieben bedeutet jedoch nicht, es krampfhaft festhalten zu wollen. Ich kann weder das Leben festhalten noch meine liebsten Menschen. Im Grunde habe ich keinen Tag meines Lebens in der Hand. „Was willst du machen, Mama, ich kann auch morgens lächelnd aus dem Haus gehen und dann von einem Auto überfahren werden“, hat mein Sohn einmal zu mir gesagt, als ich, typisch Mutter, zu besorgt war um sein Wohlergehen. Er hat ja Recht, das Leben ist nicht abzusichern. Wer seine Kraft darauf verschwendet, sich an das Leben zu krallen, dem zerrinnt es zwischen den Fingern. Wer sein Leben so liebt, der wird es womöglich verlieren.

In der Passionszeit erinnern Christen daran, dass Jesus den Weg zum Kreuz geht. Gott teilt den Tod seiner Menschen. Das hilft mir, auch im Blick auf mein Leben das Lachen nicht zu vergessen, selbst wenn mir der Tod zu schaffen macht. Ich weiß, nach der Passionszeit kommt Ostern und damit das Osterlachen über den Tod. Deshalb gibt es selbst bei tödlich ernsten Dingen einiges, worüber sich zumindest schmunzeln lässt. Auch bei Beerdigungsgesprächen. Ich wünsche mir persönlich, dass einmal bei meiner Beerdigung alle Menschen mindestens einmal herzhaft lachen. Tödlich ernst ist es nicht, unser Leben. Heute, mitten in der Passionszeit, ist so ein Lachen ein Vorgeschmack auf das Osterlachen. Ich glaube, der Tod beißt dann vor Wut in die Sense. Denn Lachen kann er nicht. Wir schon. Gott sei Dank!

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Wenn ich überlege, wann ich mich in meinem Leben am meisten gefreut habe, dann war das der Tag, an dem mein Sohn geboren wurde. Ich habe nie zuvor und nie danach eine so tiefe, umfassende, erfüllende Freude gespürt. Möglicherweise liegt das daran, dass einem bei der Geburt eines Menschenkindes ganz unmittelbar deutlich wird, dass man gerade etwas ganz Großes geschenkt bekommt und dies ein unfassbares Wunder ist, das man sich im tiefsten Sinn nicht erarbeiten kann. Auf Platz 2 meiner persönlichen Freudensliste steht daher auch der Tag, an dem ich festgestellt habe, dass ich einen Menschen gefunden habe, den ich liebe und der auch mich liebt. Auch das ist ein unglaubliches Geschenk und alles andere als selbstverständlich.

Sowohl Kinder als auch eine Lebensliebe kann man bekommen und erfahren, ohne dass man glaubt. Ich persönlich freue mich darüber, dass ich mich für beide Geschenke – wie auch für andere Freudentage – bei meinem Gott bedanken kann. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Dank meine Freude vertieft. Ich finde, mein Dank unterstreicht, dass ich Lebensgeschenke nicht selbstverständlich nehme, mein Dank ist für mich wie die Fassung eines Edelsteins. Insofern ist mein Dank nicht wie das berühmte „Was sagt man gefälligst?“, mit dem Kinder daran erinnert werden, der Patentante angemessen für das zugedachte Präsent zu danken. Es ist vielmehr eine Haltung, die für mich die Freude über ein Lebensgeschenk erst komplettiert. So wie ein Edelstein durch eine Fassung erst tragbar wird. Dies gilt übrigens auch für die Freude über Erfolge, für die ich hart gearbeitet habe. Letztlich kann kein Mensch ganz einsam Erfolg haben, immer sind es andere Menschen, die ihren Teil dazu beitragen. Dass dies geschieht und zum Gelingen führt, ist nicht selbstverständlich.

Manchmal kann ich mich im Rückblick sogar für Misserfolge bedanken und mich darüber freuen. Meistens nicht im Augenblick des Scheiterns selbst, so heilig und erlöst bin ich nun tatsächlich nicht. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich manche Türen im Leben gerade dadurch eröffnet haben, dass ich nicht das erreicht habe, was ich unbedingt für mich gewünscht habe. Umgekehrt war es nicht immer ein Segen, wenn ich das bekommen habe, was ich unbedingt haben wollte. Viele Menschen haben mir erzählt, dass es ihnen ähnlich ergangen ist. Das macht einen nicht unbedingt fröhlicher, wenn man im Leben auf die Nase fällt, aber doch etwas entspannter. Und neugierig darauf, wie es wohl weitergeht.

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Über zweihundert Mal kommt das Wort Freude in der Bibel vor. Ich vermute daher, dass es zwischen Glauben und Freude eine Beziehung gibt. In der Tat finde ich viele Gemeinsamkeiten. Sowohl Glauben als auch Freude kann man nicht erzwingen, beides ist Geschenk. Mir scheint, sowohl der Glaube als auch die Freude entspringen im Herzen, erfüllen dann aber schnell den ganzen Menschen, sie berühren auch den Verstand und lassen sich regelrecht leiblich erspüren.
Beide Empfindungen sind zudem altersresistent, auch ganz alte Menschen können sich noch freuen und finden Halt in ihrem Glauben, wenn man Glauben mit Vertrauen gleichsetzt gilt das auch für Säuglinge, die ihren Eltern vertrauen und sich von ganzem Herzen freuen können. Das weiß jeder, der sich schon einmal von dem strahlenden, zahnlosen Lachen eines solchen kleinen Wesens hat anrühren lassen. Was zu der weiteren Beobachtung führt, dass sowohl Freude als auch Glauben geteilt werden wollen und geteilt nicht weniger, sondern mehr werden. Geteilte Freude ist doppelte Freude, weiß das Sprichwort, und Glauben funktioniert sowieso nie allein, sondern ereignet sich immer in Beziehung.

Worüber man sich freut und wie man glaubt, das verändert sich allerdings mit den Jahren. Als Teenager konnte ich mich für Spaziergänge nun wirklich nicht begeistern, auch die Natur ließ mich ziemlich kalt. Heute erfreue ich mich an den Frühlingsblumen, die in meinem Garten sprießen und an dem frischen Grün der Blätter, die in der Morgensonne glitzern, wenn ich meine Joggingrunde durch den Wald drehe. Auf der anderen Seite bin ich meiner Schwester von Herzen dankbar, dass sie einmal mit meinem Sohn zu Rock am Ring gefahren ist. Meine Schwester hat mit meinem Sohn drei Tage im Regen gezeltet und sich lautstark beschallen lassen. Früher hätte mir das auch Spaß gemacht, heute jedoch eher weniger, nicht nur, weil ich seit Jahrzehnten nicht mehr gerne zelte. Von meinem Kinderglauben habe ich mir dagegen noch einige Facetten bewahrt, obwohl er sich insgesamt zu einem erwachsenen Glauben entwickelt hat.

Sowohl Glauben als auch Freude haben übrigens dunkle Geschwister. Beim Glauben ist es der Fanatismus, bei der Freude die Schadenfreude. Bei Fanatismus finde ich kaum Schnittmengen zur Freude, im Gegenteil ist er freudlos und macht mich und viele Menschen traurig. Was die Schadenfreude betrifft: Angeblich ist sie ja die beste Freude. Das glaube ich nicht. Langfristig macht Freude viel mehr Spaß. Und erhellt jeden Tag. Hoffentlich auch heute!

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