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SWR2 Wort zum Tag

Gott ist mein Brunnen, aus dem ich Wasser schöpfe zum Leben. Tag für Tag. Ohne ihn könnte ich nicht wirklich leben. Ich bin angewiesen auf ihn. Auf sein Wasser.

So wie ich nach einer langen Wanderung endlich müde und erschöpft zu einem Brunnen komme, das kühle und frische Wasser mit hohlen Händen schöpfe und dann meine durstige Kehle hinunter rinnen lasse. Wie das gut tut! Und erfrischt! Und mir wieder Kraft gibt und Energie! Ja, Gott ist mein Brunnen.

Sein Wasser erfrischt mich in meinem Alltag und auch an den Tagen meines Lebens, an denen ich besonders glücklich oder, im Gegenteil, besonders traurig und verzweifelt bin.

Ich trinke immer dann von diesem Wasser, wenn mir ein anderer ein gutes Wort sagt, mich aufmuntert, vielleicht sogar zum Lachen bringt oder einfach meine Hand nimmt,und mich spüren lässt, dass ich nicht alleine bin.Dann löscht es meinen Durst nach Trost und Geborgenheit, und gibt mir neue Kraft und Energie.

Psalm 23, ein altes Gebet, drückt es so aus:
Gott erquickt meine Seele.

Für mich ist das Gebet eine wichtige Energiequelle im Alltag. Oft spreche ich so ein Alltagsgebet gar nicht einmal aus. Es ist eher ein Vorgang, bei dem ich kurz innehalte, mich sammle und meine Gedanken neu konzentriere. Manchmal ist es auch einfach nur ein tiefer Seufzer, der all das zum Ausdruck bringt, was mich gerade umtreibt und bewegt.

Ich versuche, das Flirren von Gedanken und Gefühlen in mir zu sortieren, indem ich mich vergewissere, was der Grund meines Lebens ist, was mich trägt und hält.
Oder was meine Überzeugung ist, und wie ich sie vertreten kann, auch gegen anderslautende Meinungen und Widerstände.
So schöpfe ich neue Kraft und kann das eine mutiger angehen und das andere gelassener sehen.

Zum Beispiel auch im Blick auf die Herausforderungen unserer Zeit. Ich habe den Eindruck, dass wesentliche Grundwerte, die bisher gesellschaftlicher Konsens waren, in Frage gestellt sind. Grundwerte die den Umgang miteinander bestimmt haben wie Respekt, Toleranz, Ehrlichkeit, Beständigkeit. Stattdessen lese ich gezielte Falschmeldungen und höre unverhohlene Aufrufe zu Hetze, Hass und Gewalt.

Manchmal kann ich es kaum mehr ertragen. Mein Brunnen gibt mir dann die Kraft, manche Nachricht auszuhalten und menschenverachtenden Parolen, da wo ich kann, entschieden entgegenzutreten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23607

„Sie ist sehr dankbar, dass sie einen Platz im Hospiz für ihren Mann bekommen hat.“ Das hat mir eine Frau erzählt. Sie geht jeden Tag hin, setzt sich an sein Bett und hält seine Hand. Sie sagt, es ist das einzige, was sie noch tun kann: Da sein, ihm zur Seite sein, jetzt, auf der Grenze zwischen Leben und Tod.

Vieles geht ihr dabei durch den Kopf, hat sie mir anvertraut, Gedanken, Empfindungen, Erinnerungen. Wie er jeden Morgen am Tisch die Zeitung las, sein verschmitzter Humor, und auch seine manchmal umständliche Art. Über 40 Jahre waren sie verheiratet, hatten Höhen und Tiefen durchlebt.

Es war nicht immer einfach gewesen. Auch wegen seiner Arbeit, die ihn oft an die Grenze der Belastbarkeit brachte. Und sie mit den Kindern auch. Sie fragt sich, ob dieses Leben für ihn so gut gewesen war. Sie weiß es nicht wirklich. Aber sie wünscht es ihm.

Ihr ist bewusst geworden, hat sie mir erzählt, auf der Grenze des Lebens bekommt vieles einen anderen Sinn. Sie würde viel darum geben, noch einmal mit ihm, Arm in Arm, auf der kleinen Bank in ihrem Garten hinter dem Haus zu sitzen, der untergehenden Sonne zuzusehen und dabei über Gott und die Welt zu reden.

Sie glaubt, alles Leben dieser Welt ist ein Werden und wieder Vergehen. Im Großen und im Kleinen. So wie bei ihr jetzt auch.
Ich habe sie gefragt: Und Gott?

Sie weiß nicht, sagt sie. Sie hat viel über ihn nachgedacht in letzter Zeit. Ihr Mann war kein Kirchgänger gewesen. Noch nie. Und sie auch nicht. Trotzdem war immer das Gefühl da, dass es Gott gibt. Irgendwie. Einer, der letztlich Welt und Menschen in der Hand hält. Unsichtbar, aber dennoch da.

Auch im Hospiz hält Jemand die Hand ihres Mannes, ist da für ihn. Und auch für sie.
Das zu wissen beruhigt sie. Sie fühlt sich gut aufgehoben, weil man hier weiß worauf es ankommt, was ein Sterbender braucht. Und was sie braucht, als seine Frau. Da reicht oft ein verstehender Blick, ein gutes Wort, eine fürsorgende Geste.

Ich war sehr beeindruckt von dieser Begegnung. Von dieser Frau. Von dem, was sie mir erzählt hat. Und wie sie es erzählt hat.
Ihre ganze Trauer war zu spüren, aber auch viel Trost. Auch in Bezug auf das Hospiz.

Ich finde es bewundernswert, wie sie damit umgegangen ist, dass ihr Mann bald sterben muss. Und dass es Hospize gibt, die ermöglichen, dass Menschen an der Grenze des Lebens nicht allein gelassen sind.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23606

Ganz oben auf dem Berg steht eine kleine Kapelle. Einsam, in aller Abgeschiedenheit der Höhe. Sie ist nur durch einen schmalen Fußweg zu erreichen. Ein kleines, einfaches Kirchlein aus Holz.
Das liegt sicher daran, dass es nicht einfach war, das Baumaterial hinauf zu schaffen. Zum anderen ist ein besonderer Bau da oben auch gar nicht nötig. Berg und Landschaft sprechen für sich.

Hier oben ist alle Kunst und alles Können nichts. Nichts anderes als purer Schnickschnack, kaum einer Rede wert im Angesicht von Himmel, Berg und Welt.

Ich komme gern zu dieser Kapelle auf dem Berg. Hier oben weht ein anderer Wind. Es herrscht auch eine andere Stille. Hier oben, direkt unterhalb des Himmels, äußern sich Mächte und Gewalten noch einmal ganz anders. In Wetter und Sturm, aber ebenso auch in der Schönheit und Weite der Natur.

Wie groß und weit, wie schön und still ist diese Welt. Wie intensiv der Duft der Blumen, Kräuter, Tannen. Wie rein die Luft. Wie klar und weit der Blick.

Man kann es sehen und spüren: All die Dinge, von denen ich sonst meine, dass ich auf sie angewiesen wäre in meinem Leben da unten im Tal, all die Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten, und besonders auch die vermeintlichen Sicherheiten, all das verblasst hier oben. Hier werden sie klein und nichtig.

Wie ich selbst, wenn ich langsam, Schritt für Schritt, diesen Berg besteige, und mir mit jedem Schritt bewusster wird, dass dessen Zeiten und Gezeiten, die Dauer meines Menschenlebens in einer Weise überragen, dass ich es kaum fassen kann.

Ich finde diese Erfahrungen und Gedanken wichtig. Sie bringen mich immer wieder dazu, Kapellen auf einem Berg aufzusuchen und einzutreten, um in der Stille und Abgeschiedenheit dieses Ortes nachzudenken über das Woher und Wohin meines Lebens, im trauten Zwiegespräch mit Gott.

Wenn ich dort oben Passagen meines Lebens noch einmal bedenke, dann passiert es immer wieder, dass ich sie anders sehe. Auf einmal kommt mir mancher Weg, gar nicht mehr so steinig und schwer vor als damals, da ich ihn gegangen bin.

Und andere, von denen ich dachte, sie wären leicht und schnell zu gehen, kosteten mich viel mehr Mühe und Kraft als gedacht. Auch mancher Irrweg steht mir nun deutlich vor Augen. Aber auch jene Wegstrecken meines Lebens, in denen Gott mich getragen und geführt hat.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23605

La Bohème - heute vor 121 Jahren wurde diese Oper in Turin uraufgeführt, Toscanini stand am Pult. Der heutige 1. Februar, ist kirchlich gesehen der vorletzte Tag des Weihnachtsfestkreises, und das passt auch zu dieser Oper, denn sie spielt an einem Heiligen Abend. La Bohème ist sicher eine der beliebtesten und meistaufgeführten Opern der Welt. Ich glaube, dass liegt daran, dass sie eine Oper für die kleinen Leute ist. Sie erzählt von einfachen Menschen, von einer armen, kranken Näherin, von verkannten Künstlern, die sich nur knapp über Wasser halten können. Es sind keine großen tragischen Helden, die hier auf die Bühne treten. Puccini lässt seine betörenden Melodien von den kleinen tragischen Helden des Alltags singen. Man muss nicht Shakespeare gelesen haben, um zu verstehen, worum es in dieser Oper geht. Es sind keine Königskinder, die sich ineinander verlieben oder sich zu Tode bringen, bei Puccini kommen die Dramen vor, die sich auch um die Ecke ereignen könnten. Das konnten und können noch die ganz kleinen Leute nachvollziehen. Es ist ein bisschen wie in der Lindenstraße, die auch seit Jahrzehnten erfolgreich die Alltagsdramen erzählt, die sich in der Nachbarschaft ereignen - nur dass Mutter Beimer nicht so schön singt wie Mimi.

Ein Drama mit kleinen Leuten passt nun ebenfalls zum Weihnachtsfestkreis. Denn auch Jesus wurde nicht in einem Palast geboren, sondern in ärmlichen Verhältnissen, und es sind - jedenfalls nach dem Lukasevangelium - einfache Hirten, die als erste zur Geburt gratulieren. Bei Lukas werden die Hauptrollen nicht nach Rang verteilt - im Gegenteil. Das Kind, das die Hirten anbeten, wird später sein Leben hingeben für alle Menschen und dabei keine sozialen Unterschiede machen. Auch bei Puccini findet sich das Motiv des Opfers. Als Mimi todkrank ist, opfern die Freunde ihre kostbarsten Besitztümer, um Mimis letzten Wunsch zu erfüllen und ihr einen Muff zu kaufen. Dass kleine Leute so groß handeln können, dass einfache Menschen mehr schenken können als reiche Leute - auch diese revolutionäre Botschaft lässt La Bohème erklingen, verbunden mit der Kritik an einer Gesellschaft, die soziale Ungerechtigkeiten produziert, die Menschen krank machen und sterben lassen. Wie singt die Jungfrau Maria nach der Verkündigung des Engels: Gott stößt die Gewaltigen vom Thron und lässt die Reichen leer ausgehen. Auch Kritik an ungerechten Verhältnissen gehört zu Weihnachten. Bei aller melodischen Harmonie sind das durchaus Motive, die La Bohème langfristig aktuell wirken lassen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23582

Eine Freundin von mir ist in Sachen Weihnachten ganz traditionell eingestellt. Ihr Weihnachtsbaum wird gerade erst langsam abgeschmückt und übermorgen aus dem Wohnzimmer geräumt. In der Tat galt lange Zeit dieser Tag, im kirchlichen Kalender Mariä Lichtmeß, als letzter Tag der Weihnachtszeit. Die Kirche dachte daran, dass Maria und Josef das Jesuskind nach Jerusalem brachten, vierzig Tage nach der Geburt war es für eine Frau nach den rituellen Waschungen wieder möglich, den Tempel zu betreten. Die Darstellung Jesu im Tempel ist also der letzte Akt der Weihnachtsgeschichte, die von der Geburt des Gotteskindes erzählt, und deshalb behält meine Freundin ihren Baum bis zum letzten Tag. Dann muss sie sehen, wie sie ihn zur Entsorgungsstelle bringt, die Müllmänner haben alle anderen Bäume bereits in der zweiten Januarwoche eingesammelt.

Mir persönlich gehen Weihnachtsbäume schon in der ersten Januarwoche auf die Nerven. Möglicherweise liegt es daran, dass sie mir mit ihren immer trockener werdenden Ästen und den rieselnden Nadeln eher die Vergänglichkeit alles Irdischen als das lebensspendende Licht der Welt vor Augen halten. Ich singe auch nach dem Jahreswechsel nicht mehr „O du fröhliche“. Insofern käme ich niemals auf die Idee, bis Februar Weihnachten zu feiern. Dennoch hat die Haltung meiner Freundin auch etwas für sich. Sie ist ein gutes Beispiel für Entschleunigung. Während ich schon vor Silvester Engel und Fenstersterne wieder in die Kiste für den Dachboden räume, lässt sie sich Zeit. Meine Freundin geht tatsächlich den ganzen Weg des Weihnachtsfests - von der Krippe bis zum Tempel im Jerusalem. Dadurch erlebt sie jede Etappe des Fests intensiver. Mag sein, sie hat so letztlich mehr davon als ich.

Es ist ja doch eine Illusion, dass man durch immer neue Aktivitäten und Tempo mehr vom Leben hat oder auch nur besser arbeiten kann. Mariä Lichtmeß wird mich zwar nicht davon überzeugen, länger Weihnachten zu feiern. Aber es wäre nicht schlecht, darüber nachzudenken, was ich wirklich vom ersten bis zum letzten Schritt erleben und auskosten möchte und wie ich Tempo aus dem Alltag nehmen kann. Mein Pfarrerkollege hat letzte Woche zu mir gesagt: „Vergiss nicht, morgen ist wieder Weihachten.“ Wir haben zwar gelacht, aber richtig witzig ist es nicht, dass das Jahr schon jetzt viel zu viel Hektik entwickelt hat. Früher wurden an Mariä Lichtmeß die Kerzen für das ganze Jahr gesegnet. Vielleicht geht mir ja in Sachen Entschleunigung ein gesegnetes Licht auf.

 

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„Nur Mut, irgendwann klappt es“. So und ähnlich haben mir nach einer Sendung im Advent sehr viele Menschen geschrieben. Ich hatte in einem Wort zum Tag erzählt, dass ich seit Jahren vergeblich versuche, meine Barbarazweige zum Blühen zu bringen.

Barbarazweige sind Zweige von Obstbäumen oder Forsythien, man schneidet sie am 4. Dezember und stellt sie in die Vase. An Heiligabend entfalten sich dann Blüten am Zweig - wenn man alles richtig macht. Oder: Wenn man einfach Glück hat.

Ich bekam Kalenderblätter zugesandt, auf denen Tipps zur Pflege der Barbarazweige standen, handgeschriebene Anleitungen, Mails mit tröstenden Worten, Briefe die mir Mut machten, es doch noch einmal zu versuchen. Es war wirklich berührend! So viel freundliche Zuwendung!

Ich habe es daraufhin tatsächlich noch einmal probiert mit meinen Barbarazweigen. Ich habe sie einen ganzen Tag lang in meiner Badewanne in lauwarmem Wasser gewässert und sie dann anschließend an einem hellen Platz im Zimmer täglich mit ebenfalls lauwarmem Wasser besprüht.

Vielleicht liegt es daran, dass bin ich keine Heilige bin, vielleicht ist mein Birnbaum auch ungeeignet für das Experiment: Es hat jedenfalls auch diesmal nicht funktioniert. Ein bisschen traurig war ich schon, als ich die kahlen Zweige auf den Komposthaufen gelegt habe. Trotzdem hat sich für mich die Angelegenheit mit den Barbarazweigen gelohnt. Ich habe von vielen netten Menschen Briefe und Mails bekommen.

Es war eine Blütenlese der besonderen Art. Die Leute haben sich Mühe gemacht, Briefe geschrieben und frankiert, Kalenderblätter ausgeschnitten, sich Gedanken gemacht, wie sie mich beraten können. Wie schön, dass Menschen gerne helfen. Vielleicht hat manche auch angesprochen, dass ich ganz offen zugegeben habe, etwas nicht geschafft zu haben.

Ich bin nicht perfekt - und das ist menschlich! Die Leute wissen, wie sich das anfühlt, und sie haben daraufhin den erfreulichen Impuls, zu trösten und wertvolle Tipps zu geben. Mag sein, wir sind keine Heiligen. Meistens reicht es, Mensch zu sein. Ich habe mich gefragt, ob ich es nächstes Jahr noch mal versuche mit meinen Barbarazweigen. Eigentlich habe ich keine Lust mehr, mich frustrieren zu lassen. Dann habe ich an die vielen Menschen gedacht, die mir geschrieben haben und was sie wohl darüber denken, wenn ich aufgebe. Deshalb: soweit es an mir liegt: Am 4. Dezember 2017 bin ich wieder dabei und starte einen neuen Versuch!

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