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SWR2 Wort zum Tag

„Ich will das, was du willst, ohne mich zu fragen, ob ich es kann. Ohne mich zu fragen, ob ich Lust darauf habe. Ohne mich zu fragen, ob ich es will.“  

Diese Sätze von der französischen Schriftstellerin Madeleine Delbrél bedeuten mir viel. „Ich will das, was du willst“, schreibt Delbrél. Da ist jemand, der offen sagt: ,Ich bin bereit, den Willen eines anderen ganz zu meinem eigenen zu machen. Ohne Wenn und Aber. Aber mit der größten Freiheit.“

Dieses Du, von dem Delbrel spricht, ist für mich Gott. Dadurch bekommt ihr Satz einen besonderen Klang:

Ich will, was Du willst, Gott, ohne mich zu fragen, ob ich es kann, ob ich Lust dazu habe und egal ob ich es will oder nicht. Aber du Gott, willst es, und deshalb lasse ich mich darauf ein.

Man braucht viel Mut dazu, weil es heißt, anzupacken, loszugehen, etwas Neues zu beginnen. Ich verlasse mich dabei  ganz auf Gott. Mich fasziniert, wenn Menschen diesen Mut, dieses Gottvertrauen aufbringen und zum Beispiel alles hinter sich zu lassen und komplett neu anfangen.

Auch die Flüchtlinge, die zu uns kommen, sind für mich solche Menschen. Sie bringen den Mut auf, aufzubrechen und von Terror und Gewalt wegzugehen, weil sie sich um ihr Leben und das ihrer Lieben sorgen. Es gehört Mut dazu, seine Heimat zu verlassen und loszugehen, ohne zu wissen, ob man einen guten Ort, eine neue Heimat findet oder nicht. Auch wenn das manche in Deutschland so nicht sehen können oder wollen.

Ich gebe zu: Es gehört auch Mut dazu, diese Menschen mit offenen Ohren und offenem Herzen aufzunehmen, auf sie zuzugehen und ihnen etwas zuzutrauen. Es ist mutig, wenn Menschen helfen, Vorurteile und Ängste abzubauen.

Und es gehört auch Mut dazu, sich für fremde Menschen aus anderen Ländern und ihren Glauben zu interessieren und nachzufragen. „Wie feiert ihr Feste, was verbindet uns, wie können wir gemeinsam gut miteinander leben.“ Das Aufeinander zugehen ist für mich der Beginn von Frieden. Es ist an der Zeit, gerade jetzt, wo Gewalt und Terror kein Ende zu nehmen scheinen, noch mehr Liebe zu säen. Dann haben Vorurteile, Ängste und Fremdenfeindlichkeit vielleicht irgendwann keinen Nährboden mehr.  

Damit Krieg endlich ein Ende hat. Aber wird das jemals so sein?

Ich wünsche mir noch viel mehr mutige Menschen, die aufstehen, wenn Menschen Kritik am Fremden und an den Fremden üben. Mehr Anerkennung und Dankbarkeit wünsche ich mir für die vielen ehrenamtlichen Mutigen, die sich trauen beherzt anzupacken, wo ihre Hilfe gebraucht wird. Danke dafür und weiter so!

 

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Das Schild an der Wand leuchtet hell und ich kann deutlich lesen: Chaldäisch-katholische Kirche in Stuttgart. Der Pfarrer der Gemeinde begrüßt mich und erzählt: „Das Schild ist noch ganz neu und hängt auch ein wenig schief, aber es ist jetzt unsere Kirche“, und er strahlt dabei genauso hell wie das Schild an der Kirchenmauer. Er heißt Sizar Happe und kommt aus dem Irak. Er  leitet seit acht Jahren die chaldäisch-katholische Kirchengemeinde in Stuttgart.  „Wir hatten bisher keine eigene Kirche. Vor einem Jahr hat uns der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart diese hier geschenkt“, erzählt er strahlend.

Viele der Gemeindemitglieder sind aus dem Irak geflohen und es werden täglich mehr. „Wir werden als Christen brutal verfolgt im Irak“, erzählt er mir. „Aber hier ist es anders. Hier fühlen wir uns sicher und geborgen. Und wir sind so dankbar, dass wir hier sein können.“

Wir gehen in die Kirche und er zeigt mir stolz den großen Gebetsraum. „Das ist wie der Himmel auf Erden für uns. Wir feiern hier jeden Sonntag Gottesdienst auf Aramäisch, in der Sprache Jesu, erzählt er. Wir beten für den Frieden im Irak und für die Opfer und Angehörigen der Terror-Anschläge in Paris. Die Kirche ist immer bis auf den letzten Platz besetzt.“

Viele der Gemeindemitglieder sind erst vor kurzem angekommen. Er kennt sie alle und ist für sie da, egal wo sie ankommen oder wo sie untergebracht sind.  „Ich will ihnen hier eine neue Heimat schenken“, erklärt er mir. Und er meint es ernst. Wir gehen in die Sakristei. Er zeigt mir das große Holzkreuz auf dem Tisch. „Das ist ein orientalisches Kreuz aus unserer alten Heimat im Irak“, sagt er wehmütig. „Uns ist es wichtig, so ein Kreuz hier zu haben. Das schenkt uns Hoffnung und macht uns Mut“. Das Kreuz kann man in der Mitte auseinanderklappen. Dort steht der Name Gottes in aramäischer Sprache mit drei roten Punkten: „Die stehen für Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist“, erklärt er mir. 

„Wir haben das Kreuz erst letzte Woche hierher gebracht. Und das war nicht einfach.“ Religiöse Symbole sind im Irak verboten und im Flugzeug sowieso. Aber er lächelt verschmitzt, „Wir haben es irgendwie geschafft. Dann erzählt er mir auch von dem Sparschwein, das jetzt im Advent an den Gottesdiensten vor dem Ausgang aufgestellt wird. „Jeder gibt, was er kann und wir freuen uns über jede Gabe“, sagt er. Er selbst bringt die Spenden in den Irak, zu den   Familien und Freunden dort. Mit dem Geld werden Schulen und Bildungscamps vor Ort im Irak gebaut.

Wir gehen aus der Kirche, draußen ist es schon dunkel. Nur das Schild auf der Kirchenmauer strahlt besonders hell.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20943

Im September habe ich in einem Flüchtlingslager in Jordanien Gaith getroffen. Der junge Mann hatte in Mossul im Nordirak Pharmazie studiert, bis er – wie hunderttausende andere Christen auch – von den Mörderbanden des Islamischen Staats vertrieben worden war. „Ich bin jetzt  21 Jahre alt, ich habe weder eine Studienmöglichkeit noch Arbeit. Keine Aussicht und keine Zukunft. Ich habe ganz einfach meine Zukunft verloren“, so hat er bei unserem Besuch im Camp gesagt. Und dann hat er eine Bitte hinzugefügt, die ich nicht mehr vergessen kann: „Helfen Sie mir, meine verlorene Zukunft wiederzufinden.“

Ich habe in einem Wort zum Tag schon einmal von ihm erzählt. Und mein Beitrag blieb nicht ohne Folgen. Der Präsident der baden-württembergischen Apothekerkammer nahm mit mir Kontakt auf und sagte mir zu, dem jungen Mann zu helfen. Das ist so schön, dass ich es nicht verschweigen kann. Noch ist die Geschichte nicht zu einem glücklichen Ende gekommen. Es wird nicht einfach sein, all die rechtlichen und organisatorischen Hürden zu bewältigen und den Weg hierher zu ebnen. Er muss ein Visum erhalten, eine Wohnung muss gefunden, der Studienplatz bereitgestellt werden. Ich bin zuversichtlich, dass wir es gemeinsam schaffen und Gaith  in Tübingen sein Studium fortsetzen kann.

Warum erzähle ich das? Es ist für mich ein Beispiel dafür, dass Menschen in unserer Gesellschaft nicht nur die anonymen Zahlen der Flüchtlinge sehen, das scheinbar kaum mehr zu lösende Problem, das sie darstellen. Sondern dass sie die Menschen sehen – jeden einzelnen mit seinem ganz persönlichen Schicksal, verwundet und verstört, darauf hoffend, dass sich irgendwie sein Leben doch noch zum Guten wendet. Sie lassen sich als Mensch in ihrem Herzen von einem anderen Menschen berühren – und helfen. Das ist wunderbar. Und es sind Gottseidank sehr, sehr viele, die so denken, fühlen und handeln.

Wie oft höre ich, solche Hilfe sei ein Tropfen auf den heißen Stein? Was bedeutet es, einem oder wenigen zu helfen, während ungezählte andere vergebens auf Hilfe warten? Das stimmt einerseits und zeigt, wie ohnmächtig wir angesichts des ungeheuren Leids sind. Und doch: Diesem einen Menschen zu helfen, bedeutet, wenigstens ihm zu helfen. Sonst wäre nicht einmal das getan. Es ist ein Beispiel dafür, dass die Menschlichkeit die Resignation durchbrechen kann. Menschlichkeit braucht konkrete Zeichen, die wahrgenommen werden – und die vielleicht auch ausstrahlen und etwas bewegen.

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Auch heute morgen ist etwas Erstaunliches passiert: Die Sonne ist aufgegangen, und wir sehen Himmel und Erde unterschieden. Auch wenn wir noch so viel naturwissenschaftlich über Kosmos und Alltag wissen, dieses Phänomen bleibt elementar: Die Unterscheidung zwischen Himmel und Erde, und dazwischen die Weite des Lebensraumes, ja des Weltraumes, in dem wir sind. Weiter und größer geht’s nicht, wortwörtlich. Umso erstaunlicher ist folgendes Glaubensbild aus den Psalmen Alt-Israels. „Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch ist seine Huld über denen, die ihn lieben und fürchten. So weit der Sonnenaufgang entfernt ist vom Sonnenuntergang, so weit entfernt er die Schuld von uns.“ (Ps 1o3,11f) Ein faszinerendes Bild für die Großzügigkeit Gottes. Wo biblisch und christlich von ihm die Rede ist, da ist von Vergebung die Rede. Schluss endlich damit, sich und andere fertig zu machen; Schluss mit den dauernden Selbstvorwürfen oder den Anklagen an andere; Schluss mit dem negativen Denken, mit dem scheelen Blick und dem geizigen Verhalten!  Mit diesem Tag beginnt alles neu; was bedrückt und einengt,  wird so weit weg geworfen, wie es weiter nicht geht. Die Leute, die dieses Loblied auf den vergebenden Gott gefunden haben, waren offenkundig überwältigt vom Geschenk des Sonnenaufgangs, von der Weite zwischen Himmel und Erde, von der Weitherzigkeit Gottes. Geht man nicht viel lockerer und leichter in den beginnenden Tag hinein mit dieser Hoffnungsperspektive? Ist es nicht ein erlösendes Geschenk ohnegleichen, so an Gott glauben zu dürfen?

Dieser biblische Psalm  ist  von tiefstem  Schöpfungsvertrauen geprägt. Mehr noch : da ist von  einem schlechterdings wohlwollenden Gott die Rede.  „Er weiß, dass wir Staub sind“ – also seiner Sorge bedürftig  und seiner Vergebung. Aber eben auch fähig, ihn als treu und verlässlich zu erkennen, z.B. in der Ordnung der Schöpfung. Alles, was schlecht ist, böse und kaputt, das wird  von ihm hinweg geschafft –  eine Art wunderbare Müllentsorgung, und das sozusagen mit links. So jedenfalls erfahren es jene, die glauben dürfen. Sie leben aus der Vergebung Gottes. Sie nehmen weder Himmel und Erde selbstverständlich noch diesen  neuen  Tag. Glauben heißt, die Welt so schön zu sehen , wie sie noch nicht ist. Glauben heißt, aus Gottes verschwenderischer Großzügigkeit zu lebenn. Ob unsereiner heute daran denkt, wenn er in den Himmel schaut, oder auf dass Irdische, das Alltägliche.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20892

Das neugeborene Kind kann genau bis zur  Brust seiner Mutter sehen, die ist ihm ja die Quelle des Lebens. Erst mit der Zeit erweitert sich der Horizont, bis ins Unendliche. Aber prägend für immer bleibt die Erfahrung, angeblickt worden zu sein, hoffentlich mit dem Blick der Liebe und des Wohlwollens. Nichts ist deshalb wichtiger im Leben als das Schauen von Angesicht zu Angesicht. „Mein Herz denkt an Dein Wort: 'Sucht mein Angesicht!' Den Angesicht, Gott, will ich suchen. Verbirg nicht Dein Gesicht vor mir;... Du wurdest meine Hilfe.“ So heißt es in dem wunderbaren Gebetbuch Israels, im Psalm 27 (8f). Alles beginnt damit, dass hier der betende Mensch sich an eine Einladung tief in seinem Herzen erinnert. Aus seinem Denken und Fühlen taucht die Gewissheit auf, dass da jemand, uns immer schon zuvor, angesprochen hat: „Sucht mein Angesicht!“ Diese Einladung aber war offensichtlich überwuchert von allen möglichen Alltagserfahrungen. Jetzt aber denkt der vergessliche Mensch daran und erinnert sich.

Entsprechend unterstreicht der Beter im zweiten Halbvers: Ja, Gott, „dein  Angesicht will ich suchen.“ Ausdrücklich und entschieden nimmt er sich der Einladung seines Herzens an und hört auf die göttliche Lebensstimme in ihm. Ausdrücklich und entschieden macht er sich Gottes Lockruf zu eigen und antwortet.  Betend weiß er: Gott hat mich wohlwollend im Auge,  ich stehe in seinem Ansehen. Aber das ist weiß Gott nicht selbstverständlich, es ist ein Geschenk. Auch  Beten bedarf  der Beziehungsgflege.

 Ausdrücklich deshalb die Bitte.. „Verbirg Dein Angesicht nicht vor mir; weise Deinen Knecht im Zorn nicht ab.“ Schrecklich ist  ja die Erfahrung, wenn eine  Vertrauensbeziehung einen Riss bekommt oder gar zerbricht. Und man kann sich nicht mehr in die Augen schauen. Offenkundig  kennt der betende Mensch die Erfahrung, dass Gott sich abwenden kann und förmlich sauer ist. Die Metapher von seinem Zorn zeigt: dieser Gott ist keine Projektion, er kann auf dem Schachbrett unserer Bedürfnisse und Wünsche nicht nach Belieben hin und hergeschoben werden. Beten heisst, Gott als  im Gegen-Über  ernst zu  nehmen. Jede echte Bitte setzt voraus, dass sie auch abgelehnt werden kann.  Wir können der Liebe der anderen nicht einfach sicher sein; immer neu ist es ein  Geschenk, wenn sie uns noch mögen und wir ihnen lieb sind, absolut nicht selbstverständlich. Aber Vertrauen hat dieser Beter schon, er weiß sich seinerseits  ernst genommen. Da ist nicht nur Zuversicht, sondern sogar Gewissheit. „ Du bist ja meine Hilfe“.

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Ich bin am Freitag von einem Kneipenabend heimgekommen und habe noch die letzten Spielminuten des Fußballspiels Frankreich gegen Deutschland angesehen. So langsam hat es mir und anderen gedämmert, dass da etwas ziemlich Schreckliches in Paris geschehen sein muss. Und es war wie so oft mit schrecklichen Nachrichten: Es fängt an mit einem mulmigen Gefühl – das war für viele der Moment, als eine laute Detonation im Stadion zu hören war. Dann einige nicht bestätigte Hinweise des Fußballkommentators. Und schließlich die Ticker-Meldungen und Sondersendungen durch die ganze Nacht.

Bei mir hat das einen Gefühlsmix ausgelöst. Vom eher ängstlichen „das wird doch nicht…“ bis zur Wut auf die Terroristen. Von der Neugierde, wie es sich weiter entwickeln wird bis dahin, wo ich mich absolut traurig und machtlos gefühlt habe.

Und irgendwann stellt sich dann die Frage: Was kann ich tun, wie kann ich mich engagieren? Aber eine Antwort hatte ich nicht parat. Ich habe später einige Bekannte gefragt, wie sie mit solchen Ereignissen umgehen. Die meisten sind erstmal genauso ratlos wie ich. Einer aber hatte eine gute Idee. Er hat gesagt: „Außer Beten fällt mir da nicht viel ein.“ Diese Idee hatte zum Glück nicht nur einer, sondern ganz viele an diesem Abend. Es ist eine richtige Bewegung daraus entstanden: „Pray for Paris“, also „Betet für Paris“. Ein Gebet kann das Geschehene zwar nicht rückgängig machen, aber es zeigt, dass viele solidarisch sind mit den Opfern und deren Angehörigen. Beten – das ist oft die letzte Rettung in ausweglosen Situationen. Und es kann Menschen richtig gut tun zu beten.

In der Bibel gibt es ein ganzes Buch voller Gebete, das Buch der Psalmen. Sie wurden geschrieben, um Gott zu loben, um ihn um etwas zu bitten, um Danke zu sagen, oder auch einfach nur, um sich zu beklagen. Da heißt es z.B. im Ps 6:

Ich bin so müde vom Seufzen;
ich schwemme mein Bett die ganze Nacht /
und netze mit meinen Tränen mein Lager.
Mein Auge ist trübe geworden vor Gram /
und matt, weil meiner Bedränger so viele sind.

Auf die Klage folgt aber auch oft ganz unvermittelt eine Zuversicht. Und das beeindruckt mich so an den Psalmen. Sie nehmen kein Blatt vor den Mund, es sind Gebete aus ganz unterschiedlichen Anlässen. Aber es strahlt Zuversicht aus ihnen. In Psalm 6 hört sich das so an:

Weichet von mir, alle Übeltäter; /
denn der HERR hört mein Weinen.
Der HERR hört mein Flehen; /
mein Gebet nimmt der HERR an.

Es ist heute vielleicht noch ein bisschen früh für Zuversicht nach den schrecklichen Ereignissen vom Freitag. Aber ich hoffe, dass nach der Machtlosigkeit und Trauer irgendwann auch dafür wieder Platz sein wird.

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