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SWR2 Wort zum Tag

mit Thomas, dem verkannten Apostel

Einer der verkanntesten Heiligen ist wohl der Apostel Thomas. Während die anderen Apostel kräftig an den Auferstandenen glauben, fordert er Beweise. Er kann nicht so einfach glauben, dass das wahr sein soll, Jesus sei von den Toten auferstanden. Sein Zweifel hat sich über die Jahrhunderte erhalten. Das sollen sie mal beweisen die Christen, das mit dem ewigen Leben…Wer zweifelt, sucht - und deshalb gehört das auch dazu. 

Im Freiburger Münster findet sich dazu ein anschaulicher Beweis. Wieder mal ist es die Kunst die dem Menschen am nächsten ist, die ihn kennt. Vorne in der Kirche gibt es Statuen an den Säulen. Sie stellen die Apostel dar. Der Jesusfigur am nächsten stehen nicht die Stars, nicht die großen Apostel Petrus oder Johannes, oder wie sie alle heißen mögen. Ihm am nächsten steht eben dieser Thomas, der Zweifler, der so genannte Ungläubige, der von den Frommen so oft geschmäht  wurde. Der Künstler und seine Auftrageber, sie wussten wohl warum einmal nur einmal nur einen Beweis mit den Händen greifen können sein Gesicht sehen dürfen ein einziges Mal nur Klarheit haben. Natürlich, selig sind die, die nicht  sehen und doch glauben. Aber die anderen gehören auch dazu. Sie ist bunt die Gesellschaft, die Jesu um sich schart. Nicht geklont, einzigartig, jede und jeder eine eigene Idee Gottes. Mit der Begabung zur Höhe und der Freiheit zum Fall. Mit dem eigenen Tempo, und der eigenen Beziehung zu Gott. In diese Gesellschaft werden morgen die Kinder geführt, wenn sie ihren „Weißen Sonntag“ begehen, den Tag ihrer Erstkommunion. Und die nach dem Fest irgendwann die eigene Suche beginnen, ihren eigenen Weg gehen werden. Die Erinnerung an das grosse Fest wird mit der Zeit verblassen, Photos und Film werden im Schrank verschwinden, die Geschenke ihren Reiz verlieren. Ich hoffe und wünsche ihnen dass das Band zwischen ihnen und Gott auch im Älterwerden nicht reisst, dass da mehr ist als der festliche Rahmen den sie morgen sicher geniessen werden. Ich wünsche ihnen, dass sie ihre ganz persönliche Geschichte mit Gott haben werden. Mit Nähe und Ferne, Zweifel und Zuversicht. So wie es jedem geht, der sich auf Gott einlässt, der mit ihm rechnet und mit ihm im Alltag lebt. So wie Gott mit uns.  

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Ostern ergreift den ganzen Menschen Die Begeisterung war ihr ins Gesicht geschrieben. Als die kleine Julia nach der Osternacht ihrer Oma erzählte, was sie alles erlebt hat, strahlte sie über beide Backen. „Das war ganz toll“, sagte sie,„dauernd haben alle gerufen: Hallo Julia!“ Na ja, klingt ja auch fast wie Halleluja. Fast.

Ich habe das natürlich am anderen Tag in der Messe erzählt, als Osterwitz und die Leute haben
sich ebenso amüsiert. Der Osterwitz ist eine schöne alte Tradition, das Lachen am Ostermorgen soll daran erinnern, dass Ostern wirklich ein Fest ist, über das man sich freuen kann. Und das nicht nur im Kopf stattfindet. Der ganze Mensch soll begreifen, was Ostern heißt:

Christus hat den Tod besiegt, jedenfalls den,  der uns endgültig vernichten könnte. Das Grab ist nicht die letzte Station des Menschen. Das kann gefeiert werden.Die strenge Fastenzeit ist vorbei, keine traurigen Lieder mehr, „Fürchtet euch nicht“, hieß es in der Osternacht, der Tod ist nicht die letzte Grenze. Er wird eine bleiben, klar, niemand weiß, wie das sein wird: Himmel, ewiges Leben. Selbst Jesus sagt uns nicht genau, wie das aussehen soll. Es bleibt die letzte
Überraschung Gottes mit uns. Aber es wird sie geben. Das glaube ich, das hoffe ich, auch wenn ich es mir selbst auch immer wieder von anderen sagen lassen muss. Der letzte Sprung ins Ungewisse, das Vertrauen in Gott ohne letzten Beweis, das ist das Risiko, das wir Glauben nennen. Wir haben durch Christus Gottes Versprechen, dass wir nicht ins Leere fallen.

Fürchtet euch nicht! Gott will unser Leben, unser ewiges Leben, aber eines, das in seinem Sinne schon jetzt beginnt. Indem wir leben, was wir glauben. Es zumindest versuchen. Gott hat eine Idee von uns, wie wir sein sollen, wir sein könnten.An uns und unserer Freiheit
liegt es, dieser Idee ähnlicher zu werden. Schaffen werden wir das hier eh nie. Heilige sind selten, aber die Chance menschlicher zu werden, die gibt es jeden Tag. Es ist nie ganz finster.
Manche Steine können so weggeräumt werden. Steine, die vor selbstgemauerten Gräbern liegen. Durch ein Wort, durch ein Lachen, durch ein Weinen. Es werden immer Bruchstücke sein. Anfänge. Gott selbst wird irgendwann vollenden. Bis dahin ist Zeit. Unsere Zeit.


 

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„Wir dachten, wir hätten noch mehr Zeit …“ steht auf der Todesanzeige. Der Satz springt mir ins Auge. Lässt mich nicht los. Über diesem Satz stehen ein Name, ein Geburtsdatum und der Todestag. Und darüber ein kleines Bild. Sechs flache, abgerundete Steine. Dunkel mit ein paar hellen Adern. Die Steine sind zu einer kleinen Pyramide aufgestapelt. Ich kenne solche Steinpyramiden aus den Bergen. Da habe ich sie auf dem Gipfel und am Rand von Bächen gefunden.

„Wir dachten, wir hätten noch mehr Zeit …“. Das Bild mit den kleinen Steinen passt gut zu dem Satz. Denn die Steinpyramide sieht alles andere als stabil aus. Wind, Schnee, ein Hochwasser oder auch ein Wanderer können sie einstürzen lassen. Die Balance der Steine ist gefährdet. So wie das Leben auch. So wie all die Pläne, die ich mache. Denn immer kann ganz plötzlich der Zeitpunkt kommen, an dem keine Zeit mehr ist. Keine Möglichkeit mehr, all das zu tun, was man so vorhatte.

Normalerweise denke ich nicht daran. Ich lebe mein Leben und plane. Für Morgen und Übermorgen. Letztlich tue ich im Alltag so, als wäre ich unsterblich. Sicher, ich weiß, dass ich sterben muss. Aber eigentlich rechne ich nicht damit, dass es heute sein wird. Oder morgen.

Die Pyramide aus ovalen Steinen ist ein Sinnbild für das menschliche Leben: Beides ist labil, kann schnell aus der Balance geraten – und beides ist wunderschön. Die Steine mit ihrem unregelmäßigen Muster, ihren runden, abgeschliffenen Formen. Sie liegen sicher angenehm in der Hand. Und auch das Leben ist wunderschön. Egal, wie lange es dauert. Es ist schön in den Momenten voll Liebe, in einem Wort, einem Satz, der hängenbleibt. In einem Lachen. Einem Tanz auf dem Rasen. In den Runzeln einer alten Hand. In guten Erinnerungen.

„Wir dachten, wir hätten noch mehr Zeit …“. Das ist ein trauriger Satz. Aber auch ein wunderbarer Satz. Er erzählt davon, dass der Tote Menschen hatte, die mit ihm zusammen Zeit verbringen wollten. Die ihm nahe sein wollten. Die ihn als wunderbaren aber auch endlichen Menschen erlebt haben. Das finde ich tröstlich. Über den Tod hinaus.

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Egal was passiert, ob zu Hause, auf der Straße, unter Freunden oder auf dem Sportplatz, irgendwer zückt immer sein Handy. Irgendwer macht ein Foto oder sogar einen Film. Und dann verbreiten sich die tatsächlichen oder vermeintlichen Sensationen rasend schnell übers Netz. Die Kamera draufzuhalten ist so wichtig, dass es kaum noch Grenzen gibt. Wenn etwa Gaffer auf der Autobahn eine Unfall filmen.

Wir leben in einer Kultur des Sichtbaren und des Sehens. Ostern erscheint da auf den ersten Blick als ziemlich altertümliches Fest. Denn von Ostern, von der Auferstehung Jesu gibt es eben kein Foto, kein Video. Und trotzdem hält sich die Geschichte vom leeren Grab bis heute.

Allerdings ging es auch schon vor zweitausend Jahren um das Sehen. Denn wirklich glauben können die Freunde Jesu die Auferstehung erst, als sie Jesus wieder sehen können. Und Jesus, das erzählt zumindest die Bibel, lässt sich sehen: Die Frauen treffen ihn am leeren Grab, reden mit ihm, zwei seiner Anhänger gehen mit ihm spazieren, er isst sogar mit seinen Freunden. Immer geht es um das Sehen. Einer der Jünger, Thomas, sagt sogar ganz ausdrücklich: Ich glaube die Auferstehung nur, wenn ich Jesus sehe.

Was heißt eigentlich: Sehen? Sehen die Autofahrer, die an einer Unfallstelle vorbeifahren und filmen eigentlich, was da passiert? Dass da Menschen verletzt sind, vielleicht sogar tot, dass da urplötzlich Leid über Menschen zusammenschlägt?

Wenn die biblischen Texte vom Sehen sprechen, dann meinen sie ein »Mehr-Sehen«. Mehr als nur die Oberfläche. Mehr als nur das Hingucken. Sie sprechen vom Sehen, bei dem der andere angesehen wird, wirklich wahrgenommen wird. Bei dem ich hinter die Fassade sehe. Sehen heißt hier: erkennen, verstehen, begreifen, was eigentlich wichtig und wesentlich ist.

Das kann ich nur selten, wenn ich ein Bild mache oder einen Film drehe. Dafür brauche ich Zeit, dafür muss ich mein Herz öffnen. Und dann sehe ich plötzlich mehr. Das ist ja auch in jeder guten und tiefen Begegnung so: Ich sehe nicht nur mein Gegenüber, sondern versuche ihn zu verstehen, versuche zu begreifen, was ihn bewegt.

An Ostern passiert genau das. Die Jünger sehen, das heißt, sie begreifen, was dieser Jesus eigentlich wollte: Von der Nähe Gottes zu den Menschen zu erzählen. Und so können die Jünger Jesus dann sehen. Noch nach seinem Tod. Ganz ohne Handy.

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Osterlämmer. Jetzt ist wieder ihre Zeit. Sie stehen beim Bäcker und warten auf Kunden. So ein Osterlamm aus Rührteig: lecker. Das gehört einfach zu Ostern dazu. Und es ist schon lange ein beliebter Osterbrauch, ein Lamm aus Butter, Mehl und Zucker zu essen.

Das Lamm steht für den auferstandenen Jesus. Warum? In der traditionellen Bildersprache wird das Lamm mit Sanftmut, Unschuld, Reinheit verbunden. Mit einer radikalen Wehrlosigkeit. Und so wie das Lamm ‚geschlachtet‘ wird, so wurde auch Jesus hingerichtet – wehrlos und unschuldig.

Aber noch ein anderer Zugang zum Lamm ist gerade heute denkbar. Es geht um das Lamm als Lamm, als Tier. Es geht um die Art und Weise, wie Tiere bei uns behandelt werden. Trotz aller ökologischen Ansätze, trotz Biofleisch und glücklichen Hühnern sind Tiere heute vor allem Produzenten. Produzenten von Fleisch, Eiern oder Milch. Sie sind ein Teil der globalen Wirtschaft und werden als Güter behandelt, als Dinge. Tiere werden in Massen gehalten, versorgt und geschlachtet. Die Folgen dieses industriellen Umgangs: Böden werden verseucht, Tierkrankheiten springen auf den Menschen über, mit Antibiotika verseuchtes Fleisch sorgt dafür, dass Medikamente nicht mehr so gut wirken. Kurz: Wir bezahlen einen hohen Preis für billiges Fleisch. Wir bezahlen mit katastrophalen Auswirkungen auf unsere Umwelt, auf unsere Gesundheit und das Wohlergehen der Tiere.

Wenn Jesus als Lamm dargestellt wird, dann kann ich das alles mitdenken. Dann sehe ich, dass dieser Jesus wie ein Tier seiner Würde beraubt wird, als Ding angesehen wird. Als etwas, mit dem man machen kann, was man will.

Allerdings gibt es einen Unterschied: Dieser Jesus lässt mit sich alles machen. Freiwillig. Ganz anders als das Tier, das nicht Ja oder Nein zu seinem Tod und seinem Leben sagen kann. Jesus hingegen weiß: Seine Botschaft ist anstößig, sein Leben kann Konsequenzen haben. Bis in den Tod. All das weiß ein Tier nicht und kann es sich selbst auch nicht aussuchen. Deshalb brauchen die Tiere uns Menschen, brauchen Menschen, die für alle Lebewesen einstehen, die sich selbst nicht wehren können, die selbst nicht Ja zu dem sagen können, was mit ihnen passiert. Auch daran erinnert das Osterlamm.

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