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SWR2 Wort zum Tag

Mit einer Freundin oder einem guten Freund zusammen zu sein, offen über alles reden zu können, was mir durch den Sinn geht, einfach zu spüren: hier bin ich willkommen, das ist eine wunderbare Erfahrung.
Verweilen bei einem Freund  –für Teresa von Avila war das auch bei Jesus möglich.
Teresa ist eine bemerkenswerte Frau. Heute vor 500 Jahren wurde sie in Avila geboren. I
re Familie ist wohlhabend, und Teresa ist ein aufgewecktes, lebhaftes Kind. Sie hat Phantasie und Charme und will gern etwas besonderes sein. Als sie 12 Jahre alt ist, stirbt ihre Mutter im Kindbett. Die sorglose Kindheit ist jäh zu Ende. Für den Vater geht es bald um die Frage, sie angemessen zu verheiraten. Aber Teresa will nicht. Sie weiß zu genau, was es heißt, einem Mann untertan zu sein. Sie wählt also die einzig mögliche Alternative und wird Nonne. Aber es reicht ihr nicht, ihre Gebete und Frömmigkeitsübungen zu erfüllen.  Teresa ist ein Beziehungsmensch. Leidenschaftlich sucht sie nach mehr. Sie möchte Jesus wirklich begegnen. Aber wie geht das? Sie sucht und experimentiert und taucht dabei ganz in die Szenen der Evangelien ein, die von Jesus erzählen. Dabei macht Teresa eine Erfahrung, die eigentlich unfassbar ist: „Es widerfuhr mir – so schreibt sie in ihren Lebenserinnerungen - dass mich ganz unverhofft ein Gefühl der Gegenwart Gottes überkam, so dass ich in keiner Weise bezweifeln konnte, dass Er in meinem Innern weilte oder ich ganz in Ihm versenkt war“.

Teresa beschreibt daher das innere Beten als „Verweilen bei einem Freund, der uns liebt“. Diese Erfahrungen möchte Teresa auch anderen ermöglichen - allen voran ihren Mitschwestern. Sie reformiert ihren Orden und scheut dabei auch vor Konflikten nicht zurück. Religion war damals für viele ein frommes Regelwerk, das man erfüllen musste, um nicht von Gott bestraft zu werden. Für Teresa geht es aber um Freundschaft zu Gott, nicht um Angst. Obwohl sie als Frau über keine theologische Ausbildung verfügt, schreibt sie ein Buch: Die Seelenburg. Mit ganz eigenen, oft überraschenden Bildern beschreibt sie darin den Weg, der schließlich zur Gottesbegegnung in der eigenen Seele führt. Dieses Buch gehört zur großen Literatur, und bis heute hat es viele Gottessucher inspiriert.

Teresa ist 1970 von Papst Paul VI. zur Kirchenlehrerin erhoben worden. Für mich ist sie ein wunderbares Beispiel dafür, dass es ein Segen ist, wenn Frauen in der Kirche das Wort ergreifen.

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Zur Anteilnahme kommen nun neue Gefühle hinzu – Ratlosigkeit und Fassungslosigkeit. Dass ein Mensch, der nicht mehr leben will oder nicht mehr leben kann, andere mit in den Tod reißt, die doch noch leben wollen, das ist unvorstellbar erschreckend. Es kann für die Familien der Getöteten den Schmerz noch verschlimmern, für viele sicher auch den Zorn. Und auch der Copilot hat Angehörige, die trauern und jetzt vor quälenden Fragen stehen.

Noch etwas anderes geht mir durch den Kopf. Offenbar sind die Sicherheitssysteme im Cockpit zur tödlichen Falle geworden. Nach den Anschlägen vom 9. September sind die Cockpits in hohem Maß gesichert worden, damit niemand von außen eindringen kann. So konnte auch jetzt der Pilot nicht wieder hinein und den Kollegen von seinem Vorhaben abhalten. Und auch die regelmäßigen Gesundheitschecks für die Piloten konnten das Unglück nicht verhindern. Was sich im Cockpit ereignet hat, war nicht vorhersehbar.

Mich erschreckt es, so brutal damit konfrontiert zu werden, dass es keine Sicherheit gibt. Natürlich erstreben wir sie trotzdem, aber weder sorgfältige Personalauswahl, regelmäßige Checkups noch Technik können hundertprozentig sein. Mit all dem sind wir in diesen Tagen an eine Grenze gestoßen. Er trifft unsere Realität, der Satz „Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen“. Diese Realität kann auch kein Glaube und kein Gottvertrauen aus dem Weg räumen. Auch Jesus aus Nazareth hat auf eine Welt ohne Leid und Schuld gehofft, sich dafür eingesetzt und sie sogar erwartet. Erlebt hat er etwas anderes. Er selbst hat gelitten und ist getötet worden. Die Bibel sieht in ihm Gott nahe bei den leidenden Menschen. Im Vertrauen darauf finden immer wieder Menschen in großem Leid einen Halt. Aus diesem Vertrauen spricht auch der Salzburger Theologe Gottfried Bachl Gott an. Er hat dieses Gebet aufgeschrieben:

Im Tunnel

der Trauer

greifen wir nach dir,

und die Hände

sind zu kurz,

um dein Herz zu fassen,

das rund um uns

schlägt.                          

 

(Gottfried Bachl, Mailuft und Eisgang, Innsbruck 1998, 47)  

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Die heilige Teresa, von der ich heute  morgen erzählen möchte, wäre in diesen Tagen 500 Jahre alt. Sie  ist 1515 im spanischen Avila geboren und im Oktober 1582 in der Nähe von Salamanca gestorben. Die Kirche ist heute stolz auf sie, zu ihren Lebzeiten war Teresa dagegen eine umstrittene Frau. Der Vertreter des Papstes in Spanien sagte über sie: „Sie ist ein ungehorsames, widerspenstiges Weib, die unter der Maske der Frömmigkeit ihre schädlichen Lehren verbreitet; ... die voller Ehrgeiz ist und sich ... theologisch betätigt, in Missachtung der Lehre des heiligen Paulus, der den Frauen das Lehren untersagte..“ (zit.bei: Vita Sackville-West, Adler und Taube, Frankfurt 1982, 102). Teresa lässt sich nicht einschüchtern und entgegnet: „... sie sollten sich nicht bloß auf einen Ausspruch der Schrift berufen, sondern auch die andern Stellen einsehen, ob sie mir dann die Hand binden können“, (Zit. bei: Walter Nigg, Große Heilige, 211). So bleibt Teresa eine Frau, noch dazu eine Ordensfrau, die Anstoß erregt. Sie ist fromm, hat ein inniges Verhältnis zu Gott. Und sie schreibt theologische Bücher und bemüht sich, die Kirche zu verändern. Sie lebt zur selber Zeit wie Martin Luther und sieht, dass in der Kirche Reformen nötig sind. Teresa setzt bei den Klöstern ihres Ordens an und gibt ihnen einen neuen Lebensstil. Die Schwestern sollen vor Gott da sein, stellvertretend auch für andere Menschen. Sie sollen beten, sie sollen fasten und so auch zu ihrer persönlichen Entfaltung kommen.

Wir verdanken Teresa auch einige markante Aussprüche: „Tue deinem Leib Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen“ hat sie einmal gesagt. Und dann gibt es von ihr noch das herrlich selbstkritische Gebet: „Herr, bewahre mich vor der Einbildung, bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema etwas sagen zu müssen.“ Daraus spricht Lebensweisheit!

Besonders kostbar ist jenes Gebet, das mit den Worten beginnt: „Nichts verwirre dich.“ Man hat diese tröstlichen  Worte erst nach ihrem Tod gefunden. Teresa hatte sie wohl immer bei sich getragen:

„Nichts verwirre dich,
Nichts erschrecke dich,
Alles geht vorüber,
Gott ändert sich nicht.
Die Geduld erreicht alles.
Wer Gott besitzt, dem mangelt nichts;
Gott allein genügt.“                                                                     

 

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Die Bibel spricht öfter von den ‚Feinden Gottes‘. In Psalm 67 heißt es zum Beispiel: „Gott steht auf. Seine Feinde zerstieben und die ihn hassen, fliehen sein Angesicht. … Die Gerechten aber freuen sich, frohlocken vor Gott und jauchzen vor Freude.“

Wenn Gott der Schöpfer und Liebhaber des Lebens ist, dann sind seine Feinde all jene, die das Leben von Menschen unterdrücken, die anderen ihr Leben rauben durch Willkür und Gewalt. Wer das Leben missachtet, missachtet damit zugleich den, der das Leben will. Das sind – im Psalm - die Frevler, die Feinde Gottes.

Der Verfasser des Psalms hat die Vision eines Kampfes zwischen Gott und seinen Feinden, und er besingt den Sieg Gottes, der der Sieg des Lebens ist. So wird auch verständlich, dass er einige Zeilen später Gott nicht mehr als den siegenden Kriegsherrn vorstellt, sondern als „Vater der Waisen und Anwalt der Witwen, der den Einsamen ein Zuhause gibt, der die Gefangenen herausführt, der auch herausführen kann aus dem Tod.“

Den Psalm kann man also verstehen. Das ist die intellektuelle Ebene. Die Psalmen sind aber Gebete, die Juden und Christen heute noch beten. Und hier stellt die Rede von den Feinden Gottes ein ganz anderes Problem dar. Christen, die in einer vom Recht geschützten, friedlichen Situation leben, ohne besondere Nöte, und den Psalm beten, müssen sich damit schwer tun. Denn die Situation des Verfassers ist offensichtlich eine ganz andere, weil er um sein Leben, um seine Freiheit und seine Würde kämpfen muss. Wie auch heute ungezählte Menschen in anderen Teilen unserer Welt.

Wir können für sie beten, und wir tun es in den Gottesdiensten. Die Psalmen verlangen, dass wir auch mit ihnen beten; dass wir uns durch die gewaltigen Unterschiede in unseren Lebensumständen nicht davon abhalten lassen. Psalm 67 erinnert uns daran, dass wir zusammengehören, dass wir eine einzige Menschheit bilden, in der das Unglück und der Kampf der einen zugleich das Unglück und der Kampf der anderen sein muss. Das ist die Herausforderung der Psalmen, gerade wenn sie vom erhofften Sieg Gottes über seine Feinde sprechen. Wir beten die Psalmen mit denen, die so befremdlich sprechen, und das bedeutet, wir lassen uns im Gebet verändern durch Leid und Hoffnung anderer. So kann der Schrei unterdrückter und bedrohter Menschen in unseren eigenen Raum eindringen.

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„Warum gibt es Kinder, die von ihren Eltern allein gelassen werden? Warum werden Kinder Opfer von Gewalt, von Drogen und Prostitution? Wie kann Gott das zulassen?“ Ein zwölfjähriges Mädchen stellte Papst Franziskus diese Fragen, als er im Januar dieses Jahres die Philippinen besuchte. Die junge Frau konnte dann nicht mehr weitersprechen und brach in Tränen aus. Ein Jahr zuvor hatte sie bei einem Tropensturm ihre Familie und ihr Zuhause verloren.

„Sie stellt die einzige Frage, auf die es keine Antwort gibt“. Das war die erste Reaktion des Papstes, während er das Mädchen in seine Arme nahm. Kein Versuch also, das Geheimnis des Bösen zu enträtseln, auch keine Absage an solche Versuche, sondern eine Geste des Tröstens und das Eingeständnis: Auf diese Frage gibt es keine Antwort. Aber dann kommt doch ein Wort des Papstes, eines, das vom Leiden nichts erklärt, sondern eine andere Tür öffnet: Es lenkt den Blick auf die Nähe, die wir zum leidenden Menschen zulassen.

Das Mädchen, die junge Frau aus den Philippinen, war in Tränen ausgebrochen. Da fügt der Papst seiner öffentlich eingestandenen Ratlosigkeit den folgenden Satz hinzu: Nur wenn wir fähig sind zu weinen über Dinge, die wir erleben, nur dann können wir auch etwas verstehen und vielleicht eine Antwort geben. Nur wenn es unserem Herzen gelingt, sich von der Frage, warum Kinder leiden, zutiefst betreffen zu lassen und zu weinen, nur dann werden wir etwas verstehen. Und fähig sein zu helfen.

Papst Franziskus verweist auf Jesus von Nazareth, der Kranke heilte, der die Menschenmenge nicht hungrig weggehen ließ. Aber – so hebt er hervor – das erste, was die Evangelien von Jesus berichten, ist, dass ihm die Menschen nahegingen, dass er ergriffen wurde von Mitleid mit ihnen, ja, dass er weinte.

Selber bewegt von den Tränen der jungen Frau, erkennt Franziskus, dass es genau daran in unserer Welt fehlt. „Es fehlt die Trauer, das Weinen“, sagt er. „Nicht bei den Menschen am Rand unserer Gesellschaft: Sie weinen. Menschen, die wir abschieben, weinen, die Verachteten weinen. Wir jedoch, die keine große Not kennen, haben verlernt zu weinen, wenn es nicht um uns selber geht.“

Die Tränen eines Menschen zeigen, dass er sich von der Situation eines anderen angreifen lässt. Wer dann fragt, wie Gott das Leiden Unschuldiger zulassen kann, hält sich damit das Unglück nicht vom Leib, sondern begibt sich – wenn auch ratlos – in die Nähe dessen, der leidet. Und so verändert sich schon etwas.

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‚Gott ist ein Geheimnis‘. Diese Aussage klingt bisweilen wie eine Ausrede, wenn Menschen nicht sagen können, warum sie an Gott glauben; sie klingt  wie das Eingeständnis, mit dem eigenen Fragen und Suchen nicht weiterzukommen. Anders klingt der Satz ‚Gott ist ein Geheimnis‘ wo Menschen sagen: auch wenn wir Gott nicht kennen und für seine Existenz keine Beweise haben - es gibt da eine Wirklichkeit, die uns anzieht und bewegt, ohne dass wir verstehen, was mit uns geschieht.

In vielen Kulturen und Religionen bezeugen Menschen das Wirken einer solchen unnennbaren Kraft, die sie lockt und bewegt. Die einen sind ihr forschend auf der Spur. Andere schreiben Gedichte, komponieren Lieder, erzählen Geschichten. Der mittelalterliche Gelehrte Rabanus Maurus spricht das Geheimnis direkt als ein Du an.  Er sagt: „Was die Erde auch birgt, was Meer und Himmel umschließen und was immer atmet, begehrt und empfindet, all dies erhält deine Hand, sie gibt allem Leben und Kraft.“

Viele Forscher, Kunstschaffende, Mönche und Ordensfrauen machen ausdrücklich,  was vielleicht jeden Menschen bewegt. Wenn sie von dem sprechen, was sie anzieht, kann das in anderen  Widerhall finden. Wer  ihnen begegnet,  kann in sich selbst ahnen, wovon jene ausdrücklich sprechen. Das ist kein Beweis für Gott. Aber doch eine Erfahrung, die das Vertrauen stärkt.

Vertrauen in das menschliche Leben, so widersprüchlich es ist. Vertrauen in eine Zukunft, die sich durch das Dunkel dieser Widersprüche hindurch öffnet. Menschen, die sich nicht abfinden mit dem, was ist, leben aus diesem Vertrauen. Ganz so wie Jesus von Nazareth, der sich mit dem Leid der Menschen, die ihm begegneten, nicht abgefunden hat.

Auch Jesus spricht vom Geheimnis seines Lebens und redet es an. Er nennt dieses Geheimnis ‚Vater‘ und bezeugt, dass es dieser Vater ist, der ihn, Jesus, bewegt und anzieht. Der Vater führt Jesus über das hinaus, was seine Vorfahren und Geschwister im Glauben vom Geheimnis Gottes erfahren haben.

Durch sein Leben, durch Tod und Auferstehung ist Jesus Christus selbst anziehend geworden und geblieben. Bis in unsere Zeit hinein wollen Menschen besser verstehen, welches Geheimnis sich hinter seiner Person verbirgt, und lassen sich von ihm inspirieren – in den Kirchen und außerhalb, wegen der Kirchen und trotz ihrer. Ihre Wege sind unterschiedlich. So zeigt sich, dass Jesu Botschaft die Frage nach Gott und nach dem Menschen offenhält.

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