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SWR2 Wort zum Tag

„Loslassen lernen!“, hieß es vor kurzem gebieterisch in der Schlagzeile einer Tageszeitung. An dieser Stelle der Zeitung geht es normalerweise darum, was kluge Köpfe gerade entdeckt oder entwickelt haben - im Bereich Technik und Naturwissenschaft.

 „Loslassen lernen!“ klingt für mich nach Lebenshilfe und Psycho-Ratgeber. In dem Zeitungsartikel ging es allerdings um ganz anderes: Wir sollen lernen, das Lenkrad im Auto loszulassen.

In den Automobilkonzernen dieser Welt arbeitet man derzeit mit Hochdruck am selbstlenkenden Auto. In spektakulären Tests rasen heute schon führerlose Autos durch die Wüste oder lenken ihre Fahrgäste zielsicher durch belebten Stadtverkehr.

Das Versprechen dieser technischen Innovation ist gewaltig: mit selbststeuernden Autos wird Autofahren nicht nur komfortabler, der Straßenverkehr wird auch viel sicherer. Ein Computer ist weder unaufmerksam, noch kennt er eine Schrecksekunde. Und umweltbewusster fährt das autonome Auto auch noch. Der Straßenverkehr wird berechenbarer. 

Für manche ist das eine wundervolle Zukunftsvision, ein Kindheitstraum. Anderen graut es: Nie und nimmer werden sie freiwillig das Lenkrad loslassen! Das Schreckensszenario schlechthin: Eine Maschine übernimmt die Kontrolle, eine Maschine lenkt und steuert mein Schicksal. 

Loslassen zu können, ist Grundvoraussetzung für ein glückliches Leben, so mahnen die Lebenshilfe-Ratgeber: Eltern sollen zum rechten Zeitpunkt ihre Kinder loslassen, Rentner und Pensionäre ihre Arbeit. Nach dem Scheitern einer Beziehung müssen sich die Partner gegenseitig loslassen. Auch Trauernden rät man, ihre verstorbenen Lieben bei Zeiten loszulassen Denn wer nicht loslassen kann, bleibt in der Vergangenheit verhaftet, betrügt sich um die eigene Zukunft. 

Welche Gewohnheiten, Befürchtungen und Ängste aber sind im Spiel, wenn ich nicht loslassen kann, wo es um diese wirklich wichtigen Dinge im Leben geht? Habe ich Angst, die Kontrolle zu verlieren, fehlt es mir an Vertrauen in andere? Kann ich mir eingestehen, dass Geschehenes nicht rückgängig zu machen ist? 

Dieses Loslassen kann so schwer sein! Vermutlich ist es da die deutliche leichtere Übung, das Lenkrad im Auto loszulassen!

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Noch die meisten Deutschen dürften ein Gebet gelernt haben und kennen, das für Christen ganz zentral ist. Im Kern stammt es von Jesus selbst und will seinen Anhängern helfen, die Orientierung nicht zu verlieren. Voll Vertrauen richtet sich alles auf den Gott, der uns wie Vater und Mutter ist. Alle Energie des Betens wendet sich an ihn, dass er hier und jetzt gegenwärtig sei – in unserem Leben, in unserer Welt von heute. Nach Matthäus, dem ersten Evangelisten, lautet die letzte Bitte des Gebetes: „Erlöse uns von dem Bösen,“ wörtlicher übersetzt: „Reiße uns heraus aus dem Bösen“.  Ein  zentrales Wort für das Böse heißt Gewalt – und was das bedeutet, bekommen wir fast täglich  schockierend aus dem nahen Osten gezeigt, und nicht nur von dort. Mord und Totschlag sind zweifellos ein manifestes Zeichen  jenes Bösen, das aus der Angst kommt, aus der Angst, ins Nichts zu fallen und zu kurz zu kommen, aus entsprechend brutalem Machtwillen, der sich auf Kosten anderer durchsetzt. Also beten wir: „Hole uns heraus aus dem Schlamassel“ oder „Lass uns nicht hineinfallen und infiziert werden von diesem schrecklichen Gewalt-Denken. Verhindere, dass so viele junge Leute aus West-Europa sich verführen und anstiften lassen und bei diesem blutigen Geschäft mitmachen.“ Aber Gewalt ist ja nicht nur  dort brutal manifest , sie geht bis ins eigene Alltagsverhalten  auch hier. „Gesetzt den Fall, Sie haben noch keinen umgebracht, womit erklären Sie sich das?“ fragt ernst und hintersinnig der Schweizer Dichter Max Fisch. Gesetzt den Fall, mir ging es an den Kragen, wie würde ich mich verhalten? Ich brauche mir nur über die Schulter zu sehen, wie ich bei Stress Auto fahre, und schon weiß ich, wie viel gewalttätige Energien in mir sind.  Deshalb haben unsere christlichen Vorfahren die letzte Bitte des Vater-unsers sehr schnell erweitert, und bis heute wird sie oft im Gottesdienst gebetet: „Befreie uns, Herr, von allen bösen Wirklichkeiten. Gib huldvoll Frieden in unseren Tagen, damit wir, getragen vom Wirken deiner Barmherzigkeit, für immer befreit seien von der Sünde und gesichert seien vor aller Verwirrung – wir, die wir österlich warten auf die selige Hoffnung, die Ankunft unseres Retters Jesus Christus.“ Höchste Dringlichkeitsstufe spricht aus solchen Worten. Unsereiner kann nur ahnen, wie sie im Munde von aramäischen und syrischen Christen klingen, die Tag für Tag in ihrem Leben bedroht sind. Aber schieben wir das Thema nicht nur in  weite, so schrecklich besetzte Länder. Kehren wir vor der eigenen Haustür. Täglich das Vater-unser langsam und nüchtern zu beten, ist eine kostbare Übung. Nur auf diesem Wege kommt mehr Frieden in die Welt – und ins eigene Leben.

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„Führe uns nicht in die Untersuchung“, „Suche uns nicht in der Unterführung“ - das witzelnde Spiel mit der letzten Vater-unser-Bitte ist durchaus verbreitet, und das nicht ohne Grund. „Führe uns nicht in Versuchung“ - für die einen ist das eine ärgerliche Bitte, denn wieso soll Gott uns Schwierigkeiten machen? Für die andern ist schon das Wort „Versuchung“ ein Fremdwort geworden. Wir lassen uns zwar verführen – z.B. von Süßigkeiten oder anderem, was bei näherem Hinsehen gar nicht gut tut. Auch beim Shoppen und Einkaufen gibt es verführerische Angebote genug. Aber „Versuchung“ im alten Sinn des Wortes? Irgendwie ist doch alles erlaubt, und alles ist möglich – jedenfalls in unserer liberalen Mentalität. Nur an den Bankschaltern steht noch: „Diskretion bitte“, „Abstand halten“. Und für schlimmere Sachen gibt es gesetzliche Regelungen, wo der Spaß aufhört.
Warum also beten wir Christen dann doch immer noch und immer wieder das Vater-unser mit dieser letzten Bitte: „Führe uns nicht in Versuchung, sondern reiße uns heraus aus dem Bösen“? Sind wir ängstliche Miesmacher des Lebens oder moralinsaure Schwarzseher? Nichts davon, aber vielleicht muss man ja erst als Christ in Syrien oder im Irak leben, um neu die Brisanz des Vater-unsers zu verstehen. Jesus lehrt seine Jüngerschaft beten: „Führe uns nicht in Versuchung, den Glauben zu verlieren; bringe uns nicht in Situationen, wo wir ihn verleugnen wie Petrus oder verraten wie Judas und das Evangelium ein bloßes Wort sein lassen.“ Realistisch wird also damit gerechnet, dass unser Bekenntnis brüchig ist und höchst fragil, absolut nicht selbstverständlich und einem Härtetest  womöglich nicht gewachsen.. Warum Christ werden, warum Christ bleiben? Warum nicht Gewalt mit Gegengewalt beantworten? Warum  nicht die Ellbogen ausfahren ?  Warum nicht mit den Wölfen heulen oder den Schafen blöken? Es sei eine der größten Irrlehren der Gegenwart, dass Glaubensbekenntnis und Lebensalltag getrennt sind und sich nicht durchdringen – meinte das 2. Vatikanische Konzil mit Recht. Hier liegt die größte Versuchung, dass das Beten ein bloßes Gerede bleibt oder eine nur  noch verwohnte Übung. Im Vater-unser aber geht es um Gottesleidenschaft, sein Reich und seine Gerechtigkeit. Da ist die Gefahr verdammt groß, dass wir hier nicht mitspielen und Gott einen alten Mann sein lassen. Jeden Tag einmal mit äußerster Aufmerksamkeit das Vater-unser beten – das würde alles zum Guten verändern, meinte Simone Weil.  „Führe uns nicht in Versuchung, im  Alltag  abzustumpfen  und sich nicht mehr vom Leben überraschen zu lassen, von Gott.

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Aufregend finde ich, wie viele Mitmenschen sich für spirituelle Fragen interessieren. Sie machen sich auf den Weg der Selbstfindung und Gottsuche. Viele suchen Beratungsstellen auf, viele lassen sich auf einen therapeutischen Prozess ein und fragen nach dem wahren Selbst. Viele suchen Vertiefung ihres spirituellen Lebens durch geistliche Begleitung, durch das regelmäßige Gespräch mit Gott und erfahrenen Mitmenschen. Ob nicht das die entscheidende Stelle ist, von der her sich authentischer Glaube und menschliches Leben erneuern? Mit sich selbst ins Reine kommen heißt ja, sich von Gott finden zu lassen und ihn zu  finden – mitten in der eigenen Biographie, mitten im alltäglichen Leben. 

Wie wichtig ist es dabei, sich  auch mit den Schattenseiten des eigenen Daseins zu befassen und sich mit all dem versöhnen zu lassen, was bisher nicht gelebt wurde und war wir uns und anderen schuldig blieben. Wie gut tut es da, Menschen zu haben, bei denen wir uns offen aussprechen können. Da können wir uns ungeschützt  und angstfreier  als die zeigen , die wir geworden sind – mit Licht und Schatten, mit Gutem und Bösem, mit Gelingen und Scheitern. Sehr oft kommen Menschen in der geistlichen Begleitung an den Punkt, wo sie in diesem Sinne beichten. Sie lassen sich die Versöhnung ausdrücklich  von Gott her zusagen und sammeln dadurch alle Kräfte zum Neuanfang. Oft frage ich mich dann, was ich als Priester tue, wenn ich solchen Mitmenschen die Vergebung Gottes zusprechen darf. Die Beichtformel hat es ja  in sich: „Gott, der allmächtige Vater, hat durch das Leben, den Tod und die Auferstehung seines Sohnes die ganze Welt mit sich versöhnt und den heiligen Geist gesandt zur Vergebung der Sünden. Durch den Dienst der Kirche schenke er dir Verzeihung und Frieden. Ich spreche dich los von deinen Sünden im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Und nun hat niemand mehr ein Recht, dich anzuklagen  – andere Leute nicht und auch du selbst hast kein Recht mehr, dich fertig zu machen oder mit Ereignissen deines Lebens zu hadern. Schluss damit, das ist Vergangenheit und das Leben liegt vor dir. Solche Höhepunkte der Versöhnung  fördern das positive Lebensgefühl, die Freude und Zustimmung zum Dasein, so verwirrend oder verwirrt es auch sein mag. Es ist schon ein guter Brauch, gerade in der Zeit vor Ostern dieses wunderbare Ostergeschenk der Beichte und des Glaubensgespräches wahr zu nehmen. Wer diese Chance nicht nutzt, verpasst etwas. Es ist eine großartige Sache, mit sich und allem so ins Reine zu kommen und alle Lebensenergien neu fließen zu lassen. Das wünsche ich Ihnen und mir.

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