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SWR2 Wort zum Tag

Beim Eheseminar vor drei Jahren mussten mein Mann und ich folgende Übung machen. Jeder hat auf einem Blatt Papier geschrieben, was er oder sie am anderen besonders mag, was wir aneinander lieben. Ich weiß noch, dass mir viel eingefallen ist und der Zettel ziemlich voll war. Und dann mussten wir uns das gegenseitig vorlesen, und einander die schönen Dinge laut sagen. Das war gar nicht so einfache Übung. Aber es hat gut getan. Ich möchte das jetzt hier im Radio nicht wiederholen, denn die Komplimente waren ja für meinen Mann bestimmt. Aber eine Sache gibt es, die ich gerne weitersagen möchte:

„Was ich an dir besonders mag? Deinen Humor! Dass du es immer wieder schaffst, mich zum Lachen zu bringen oder wenigsten zum Lächeln.

Dass du mir so das Schwere nimmst, das mich im Alltag manchmal ganz unvermutet trifft. Wenn du es dann mit deinem Wortwitz schaffst, mich zum Aufschauen und zum Lächeln zu bringen, dann sehe ich die Situation in einem anderen Licht: Es wird leichter. Und manchmal kann ich einfach nicht anders: Ich muss richtig lachen. Und das tut so gut. Dann wird das Dunkle wieder etwas heller. Und das, was schwer ist, ein wenig leichter. Das heißt nicht, dass wir einander auslachen, wenn wir miteinander fröhlich sind. Aber so ein wenig Schmunzeln über sich selbst tut einfach gut. Es ist wichtig, über sich lachen zu können. Das tut auch unsere Beziehung gut. Dann nehme ich manches nicht mehr so wichtig und ernst und wir können wieder gemeinsam nach vorne schauen.“

Inzwischen weiß ich: Wenn ich lache, dann tut das meinem ganzen Körper und meiner Seele gut. Ich entspanne von Kopf bis Fuß. Dafür möchte ich meinem Mann heute Danke sagen. „Dass du es weißt: Das tut mir gut. Du tust mir gut. Das liebe ich an dir.“

So ein Dankeswort passt am Valentinstag natürlich gut. Und weil mein Mann und ich das im Alltag manchmal vergessen, einander Danke zu sagen oder an diese Übung zu denken, gehen wir am Valentinstag gerne in einen Segensgottesdienst für Liebende.

Weil wir nicht nur an unsere traute Zweisamkeit denken wollen, sondern auch an andere denken. Vielleicht gerade an die, die in ihrer Beziehung vielleicht nicht mehr so viel zu lachen haben. Wir beten für alle, die in einer unglücklichen Beziehung stecken oder in einer Beziehung, in der der Humor fehlt. Wir bitten aber auch für die, die um einen lieben Menschen trauern. Wir denken an die, die sich allein gelassen fühlen, die einsam sind und sich nach einer erfüllenden Partnerschaft sehnen.

Wir bitten Gott um seinen Segen für unsere Beziehung und für alle Paare, an die wir heute denken. Ja und ich wünsche mir, dass das Miteinander Lachen und Fröhlich sein, auch andere anstecken kann. Daher sage ich gerne nochmals: Danke für deinen guten Humor!

 

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„Versäume nicht dein Leben!“ So heißt der Titel des neuen Buches von Pater Anselm Grün. Der bekannte Benediktiner-Mönch und Buchautor ist vor kurzem 70 Jahre alt geworden. Ich hatte einmal die Gelegenheit, ein Interview mit ihm zu führen. Dabei habe ich ihn gefragt, ob er auch schon mal in seinem Leben das Gefühl hatte, etwas versäumt zu haben. Eine Segeltour rund um die Welt, vielleicht? „Nein“, hat er geantwortet, das Kloster hält ihn lebendig, weil er gerne dort lebt und sich wohl fühlt in der Gemeinschaft. Der Ablauf von Gebet und Arbeit tut ihm gut.  

Was hält mich lebendig, habe ich überlegt? Wie oft habe ich das Gefühl, mein Leben nicht bewusst genug zu leben und viel zu viel zu versäumen.

„Das Leben ist begrenzt“, sagt Pater Anselm. „Ich kann nicht alles erreichen und tun, was andere von mir wollen oder was ich will. Und es werden im Leben nie alle Bedürfnisse erfüllt.“

Aber, Pater Anselm meint auch, das was mir fehlt, kann für mich zum Segen werden, weil daraus etwas Neues wächst. Mir fällt da das Beispiel mit den Türen ein. Manchmal habe ich das Gefühl, eine Tür geht zu. Wenn eine Türe zugeht, dann frage ich nach dem Sinn. Wozu ist das jetzt gut? Ich überlege: „Wie kann ich durch diese Türe hindurch, was muss ich ändern? Oder will ich das überhaupt?“ Das sind dann meine sogenannten  „Tür-Erfahrungen“. Und die sind für mich wichtig. Auch wenn es manchmal weh tut, wenn eine Tür zugeht. Ich bin für jede dieser Türen dankbar. Sie zeigen mir die Richtung an, weil ich durch sie weiß, wo ich nicht hingehen kann. Und wo eine andere Tür offen steht. „Wenn immer alles glatt geht, dann bleibe ich innerlich stehen“, sagt Pater Anselm Grün.

Es ist viel wichtiger im Leben, sich zu entscheiden und nicht stehen zu bleiben, denke ich. Jammern bringt mich da auch nicht weiter. Wenn ich mich für etwas entscheide, dann entscheide ich mich auch gegen etwas.

Leben heißt sich wandeln. Ununterbrochen. Krisen und Brüche helfen mir, immer mehr der Mensch zu werden, der ich heute bin, sagt Pater Anselm.

Und er sagt auch: „Manche versäumen ihr Leben, weil sie sich ständig absichern wollen. Sie lassen sich nicht ein aufs Leben.“ Und Leben heißt für ihn sich hingeben, sich fallen lassen. „Leben geht nur, wenn ich hineinspringe ins Leben – egal, was kommt. Wenn ich Ja sage. Bedingungslos und jetzt in diesem Moment. Das ist ein bisschen wie beim Spielen. Ich gebe meinen Einsatz und weiß nicht, was dabei herauskommt. Nur immer zuschauen wollen, das ist nicht leben“, sagt Pater Anselm Grün.

Ich denke mir, ja ich bin bereit dazu. Ich will mein Leben dankbar annehmen. So wie es jetzt heute ist. Es ist ein Geschenk für mich, mein Leben. Und ich will jeden Tag bewusst sagen: Ja, ich wage es.   

 

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Ein Dreizeiler geht mir in diesen Tagen durch den Kopf:

Ich komm, weiß nit woher.

Ich geh, weiß nit wohin.

Mich wundert`s, dass ich fröhlich bin.

Da leben wir ohne klare Antwort auf die wichtigsten Fragen und sind doch fröhlich, viele Menschen zumindest sind es, zumindest in manchen Zeiten ihres Lebens.

Ist Freude selbstverständlich - oder ist sie etwas Überraschendes? Es muß doch etwas zu bedeuten haben, dass Menschen sich freuen, dass wir manchmal sogar unter Tränen lachen. Im Norwegischen heißt das Wort für Freude eigentlich Lebhaftigkeit, Lebenslust. Danach hat Freude etwas zu tun mit unseren Lebenskräften. Sich freuen hilft leben, könnte man also sagen. Und: In jedem Lachen steckt ein Ja zum Leben. Deshalb lohnt es sich, der Freude einmal nachzuforschen.

Aber darf ich über Freude sprechen, wenn Sie heute vielleicht traurig sind? Außerdem passt es nicht gut, über Freude zu reden. Freude muß man erleben. Also frage ich einfach: Wann haben Sie sich das letzte Mal gefreut?

In der Bibel hängt Freude sehr oft mit Gott zusammen. Auch wenn sie sich gar nicht immer auf Gott richtet. So z.B. beim „Prediger” Kohelet. Das ist an sich ein eher pessimistischer, melancholischer Mann. Er schreibt: Ich erkannte, daß es für den Menschen nichts Besseres gibt, als fröhlich zu sein und es sich gut gehen zu lassen im Leben. Denn, dass ein Mensch essen und trinken und Gutes erfahren kann in all seiner Mühsal, auch das ist eine Gabe Gottes (Koh. 3,12 f) Freude ist also ein Geschenk Gottes, und wir sollen und dürfen es annehmen. Noch einmal Kohelet: Geh, iß mit Freuden dein Brot und trink vergnügt deinen Wein, denn längst hat Gott dein Tun geheiligt. (Koh 9,7f)

Freude kommt von Gott. Freude verbindet mit Gott. So sieht es die Bibel, obwohl auch in ihr viele Fragen offen bleiben.

Ich wünsche Ihnen, daß Sie sich heute freuen können oder wenigstens unter Tränen lächeln.

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Wie religiöse Bilder wirken, darüber möchte ich heute morgen nachdenken. Die Bibel verbietet mehrfach, Bilder von Gott anzufertigen. Trotzdem gibt es unzählige Darstellungen Gottes. Wir können nicht ohne. Irgendwie muß ich mir Gott doch vorstellen. Bilder machen ja anschaulich; Bilder interpretieren auch, sie können festlegen, sogar verfälschen.

Bilder setzen Akzente, betonen, was dem Künstler, der Künstlerin wichtig ist. Ein sehr anschauliches Beispiel sind Darstellungen Jesu am Kreuz. In der Romanik wird Jesus meist nach überstandenem Todeskampf dargestellt, ruhig, gelöst, oft majestätisch, die Dornenkrone wirkt manchmal wie eine Königskrone. In der Gotik verändert sich die Gestalt. Es wird betont, daß Jesus den Menschen nahe ist, gerade auch im Leid. Jetzt hängt ein furchtbar leidender Jesus am Kreuz, verkrampft und gequält und oft blutig. In der Neuzeit finden sich die unterschiedlichsten Menschentypen: Jesus als Farbiger, als Asiate, als Indio, als Frau. Da wird betont, daß er Mensch war, identifiziert mit dem Schicksal jedes Menschen, nicht nur mit einer Rasse, einem Geschlecht.

Was ist aber, wenn Künstler die biblische Vorlage völlig außer Acht lassen? Wenn sie ein Motiv aus seinem religiösen Kontext lösen und frei neu komponieren? Ich kann keinen Künstler zur Ehrfurcht verpflichten, aber ein gekreuzigter Frosch mit Bierkrug beleidigt mein Empfinden. Oder ein Jesus, der zu Cola und Hamburger sagt: Das ist mein Blut, das ist mein Leib. In meinen Augen verhöhnen solche Bilder den Jesus, von dem die Bibel erzählt. Und sie können Menschen verletzen, die vor einem Kreuz beten.

Bilder sind nicht festgelegt. Und religiöse Motive gehören auch nicht nur der Kirche oder den Christen. Ich glaube auch nicht, daß Jesus durch ehrfurchtslose Bilder bloßgestellt oder beschädigt werden kann. Manchmal stoßen provozierende Bilder ja auch neue Gedanken an. Aber wenn ein Kunstwerk mein Empfinden beleidigt, will ich das auch laut sagen dürfen. Damit bin ich weder engstirnig noch intolerant.

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Du sollst den Namen Gottes nicht mißbrauchen, so heißt es in den 10 Geboten. Man kann auch übersetzen: Du sollst den Namen Gottes nicht unnütz im Munde führen, also den Namen Gottes nicht funktionalisieren, für irgend etwas benutzen. Denn ein Name ist mehr als irgendein Wort. Der Name steht für die Person, die ihn trägt. Hier liegt eine Wurzel des Verbots der Blasphemie. Das Wort Blasphemie heißt wörtlich übersetzt: den Ruf von jemandem schädigen. Seinen, ihren guten Namen verhöhnen oder lächerlich machen. Bei uns wird das Wort heute verwendet in bezug auf Gott, auf Personen, die für eine Religion bedeutsam sind wie z.B. Buddha und Mohammed, auf religiöse Aussagen, auch auf Symbole, Bilder und Bräuche. In Deutschland ist Blasphemie strafbar, wenn sie, so der entsprechende Paragraf 166 „geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören“. Seit den Attentaten von Paris wird bei uns wieder diskutiert, ob dieser Pragraf sinnvoll ist, nötig oder sogar schädlich. Eine der Fragen dabei lautet, ob wir Menschen Gott überhaupt beleidigen oder beschädigen können.

Ich glaube, daß wir zunächst uns selbst beschädigen. Denn Glaube und religiöse Suche gehören zum Wichtigsten und Intimsten im Leben. Gott zu ahnen ist ein wichtiger Teil meiner Würde. Deshalb trifft es mich ins Mark, wenn dieser Bereich lächerlich gemacht wird. Wenn eine Gesellschaft diese Sphäre schützt, schränkt das deshalb nicht schon die Meinungsfreiheit ein. Allerdings muß ich auch respektieren, daß es nicht möglich ist, die persönliche Religiosität jedes einzelnen gesetzlich zu schützen. Selbst innerhalb von Kirchen und Religionsgemeinschaften glauben und empfinden ja längst nicht alle gleich. Das macht es so schwer, diese Frage gesetzlich zu regeln.

Religionsfreiheit oder Meinungsfreiheit – mir scheint das der falsche Gegensatz. Der Bereich der Religion braucht Respekt. Aber er darf nicht völlig ausgespart werden von Kritik und Korrektur. Oft merken andere zuerst, wenn mit Religion indoktriniert wird, wenn eine Religion selber den Namen Gottes mißbraucht.

Und noch ein Gedanke ist mir wichtig. Die schlimmste Blasphemie geschieht nicht mit Worten oder Bildern. Gott wird vor allem da gelästert, wo jemand Menschen etwas antut, denn wir Menschen sind Gottes Ebenbild.

 

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Auf meinem Bücherregal stehen 3 Heiligenfiguren: Markus, Matthäus und Lukas. Vor einiger Zeit kam ein Gast auf die Idee, die drei zu verkleiden: Mütze auf den Kopf, Schal um den Hals, eine Spülbürste in die Hand. Einen kurzen Moment fand ich das auch witzig und habe dann immer mehr gemerkt, daß es mich verletzt hat. Weil es Heiligenfiguren waren und weil ich sie von jemand bekommen hatte, der mir sehr nahe stand. Jener kreative Gast war auch noch ein Kollege, war Christ, katholisch, Theologe.

Manchmal ahnt einer nicht, was dem andern heilig ist, obwohl er es sogar wissen könnte. Manchmal machen wir uns über etwas lustig, was zum eigenen Traditionsschatz gehört. Es ist wohl das Gefühl: das kenn ich so gut, da steh ich drüber. Ich bin ziemlich sicher, daß der Kollege, wenn er bei Buddhisten zu Besuch gewesen wäre, auf keinen Fall eine Buddhastatue verkleidet hätte.

Humor im eigenen System entlastet. In der Familie, bei der Arbeit, in der Politik, und auch in der Kirche und im Glauben. Es ist gut, einen Blick zu haben für die Komik, die auch da in vielem steckt. Es kann auch angemessen sein, Heilige und ihre Geschichten mal ein bißchen vom Sockel ihrer Vollkommenheit runterzuholen. Konventionen und Tabus zu brechen ist ja sogar ein wichtiges Element der Botschaft Jesu. Gleichzeitig brauchen wir Gespür für Heiliges. Für heilige Orte, Bilder, Texte, und Symbole. Wo wir nicht Hand anlegen, um etwas lächerlich zu machen. Im persönlichen Umgang entwickelt sich so ein Gespür erst allmählich. Nicht immer weiß ich im voraus, was dem andern heilig ist. Manchmal merke ich ja erst, wenn er protestiert, daß ich da eine Grenze überschritten habe. Denn vieles ist heute nicht mehr durch Konventionen geschützt, und vor allem empfinden wir nicht alle gleich.

Mir scheint, auch unsere Gesellschaft, auch die Christen tun sich schwer, die Balance zu finden: Der kreative Blick ist nötig, der auch ein bißchen respektlos ist und Scheinheiligkeit entlarvt. Gleichzeitig gehört ein Respekt vor Heiligem zu uns Menschen, noch weit vor jedem Bekenntnis zu einer Konfession.

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