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SWR2 Wort zum Tag

In der Kultur des Orients ist Gastfreundschaft etwas Heiliges.
Hier in St. Georgen erfahren wir es, wenn wir von syrischen Flüchtlingen eingeladen werden.
Muslime, Kurden Yeziden – sie bitten uns zu Tisch. Aber nicht schriftlich oder telefonisch, sondern sie kommen selber. Und kurz vor dem Termin schicken sie noch einmal eines ihrer Kinder. Ihr müsst kommen, bitte, so sagen sie in ihrem frisch gelernten Deutsch, fast ein wenig bedrängend. Als wollten sie sicherstellen, dass nicht irgendwelche Gründe die Einladung zunichte machen.
Denn dies wäre schlimm, fast ein Sakrileg. Ein Syrer erklärt uns, dass für ihre Kultur eine Einladung absolut verpflichtend ist. Unmöglich, sie abzulehnen, ja kränkend.
Wie kann man auch? Ich werde als Gast praktisch zum König gekrönt. Den besten Platz bekomme ich als Mann. Es widerstrebt mir, aber – ich muss, ich bin als Gast „der king“. Völliges Unverständnis, wenn ich mich erhebe, als die Frau des Hauses den Raum betritt – aber da bestehe ich drauf. So ist das bei uns, wie ist es bei Euch? Und dann das Essen, Köstlichkeiten in großer Menge, und wir müssen alles probieren, Gebäck, Obstteller, arabischen Kaffee. Wir essen entschieden zu viel.
Ich fühlte mich wohl. Ich spürte durch manche Zwänge hindurch:
Diese Leute wollen dir Gutes tun, sie wollen es um jeden Preis.
Genauso stelle ich mir Freundschaft vor, ein gegenseitiges Sich-verwöhnen, einander Ehre erweisen. Und genauso wird in einem Buch des Alten Orient, der Bibel, die Gastfreundschaft Gottes beschrieben. Jesus zeigt ihn als einen Menschen in hoher Position. Der jedoch seinen Gästen in großer Demut die Aufwartung macht, sie zu Tisch bittet, sie bedient und verwöhnt. Ein Gast-Geber, der alles gibt, der es allerdings auch nicht versteht, wenn ich nein danke sage. Wenn ich mir von Ihm, von Gott, nicht alles geben lasse.
Menschen aus Syrien leben als Flüchtlinge in unserer Stadt.
Sie sind keine Christen, und doch lerne ich durch sie viel über den Gott der Bibel.
Neue Bilder entstehen in mir. Von Gott als einem Gast-Geber, der mich persönlich zu sich einlädt. Der seine Boten schickt, dass ich es auch ja nicht vergesse.
Der mich sprichwörtlich verwöhnt, der mich krönt mich Gnade und Barmherzigkeit.
Seinem Wesen nach steht er dem Orient und seiner Kultur sehr nahe.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19081

Religion ist ein Wahn, so hörte man es in den letzten Tagen in verschiedenen Medien.
Religion vertrage keine Kritik, keinen Spott.
Wer glaubt, habe keinen Verstand, sei intolerant und gefährlich.
Auch der christliche Glaube gerät in die Schusslinie, und mit ihm die Bibel, die Kirche.
Auftrieb haben solche Gedanken durch die jüngsten Ereignisse erhalten.
Es gab Terror im Namen einer Religion. Menschen fühlten sich provoziert, religiöse Gefühle wurden verletzt. Und sie antworteten mit Hass und furchtbarer Gewalt.
Ich meine: Jede Religion kann wahnhafte Züge annehmen, und auch die christliche hat hier ihre dunklen Flecken.
Aber einer generellen Verdächtigung will ich trotzdem widersprechen.
Religion heißt auf deutsch: Rückbindung.
Ich binde mein Leben an etwas, das mir Sinn und Halt gibt.
Jeder Mensch tut das. Auch der Nicht-Religiöse.
Selbst wer sich auf seinen Verstand verlässt, bindet sich, glaubt an etwas.
Das ist kein Wahn, es macht auch nicht wahnsinnig.
Es ist menschlich und vielleicht sogar klug, sich als Teil eines größeren Ganzen zu sehen.
Freilich gehen die Religionen dabei eigene Wege.
Ich selbst weiß mich gebunden an Jesus Christus. Sinn und Halt geben mir die Worte:
Dir sind deine Sünden vergeben. Du kannst nochmal neu beginnen.
Oder: nehmet einander an, gleichwie Christus euch angenommen hat.
Von diesem Zentrum her verstehe ich die ganze Bibel. Ich übe Kritik an Bibelstellen, die Gewalt und Vergeltung predigen. Schon Martin Luther hat das getan.
Jesus Christus ist Gottes endgültiges Wort.
Er wird selbst ein Opfer von Gewalt und Vergeltung, er überwindet den Hass durch seine göttliche Liebe. Das ist der kritische Maßstab, für die göttliche Offenbarung wie für das Denken und Handeln der Christen.
Das Böse überwinden, das Gute tun, ein großes Herz haben.
So wie eine christliche Gemeinde ihr Haus öffnet, um Flüchtlinge in Deutsch zu unterrichten. Oder Frauen und Männern das Gitarrespielen beizubringen. Interreligiös und interkulturell.
Das glaube ich:
Die Liebe Gottes bringt Menschen zur Vernunft.
Sie wirkt Liebe, mit der man Fremde aufnimmt, auch wenn sie anderes glauben.
Die wirkt Vergebung, die man von Christus empfängt und einander gewährt,
Trost für die Traurigen, das Füreinander Einstehen.
Auch die Bereitschaft, Unrecht auszuhalten, den Spott anderer (Karikatur).
Der christliche Glaube, meine Religion, ist kein Wahn, sondern menschlich und klug.
Zumindest das könnte alle verbinden.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19080

Leben ist toll. Das hat Franz Müntefering neulich zur Debatte um die Sterbehilfe gesagt.
Er wollte einen Impuls setzen. Wegsehen vom Sterben müssen, vom Sterben wollen.
Hinschauen auf das Leben und seine Möglichkeiten.
Er sprach nicht von Gott. Er sprach nicht von Krankheit und Tod, die einem das Leben schwermachen können. Einfach nur: Toll, hinreißend, herrlich und vor allem einmalig sei dieses Leben.
Ich gebe zu: Das weckt zunächst Widerstände in mir.
Kann man das so einfach sagen: Das Leben ist toll?
Muss man nicht erst die zahlreichen Wenn und Abers benennen, um dann zu einer ausgewogenen Einschätzung zu kommen?
Das Älter werden ist nicht toll. Das Leiden anderer Menschen, Trauer, Konflikte, Angst.
Manchen verdirbt schon das Wissen um den bevorstehenden Tod die Freude am Leben. -
Ein eigenes Erlebnis dazu.
Es war gutes Wetter angesagt: Ein Freund ruft mich an: Ob ich morgen mit ihm in die Alpen fahre? Es war mein letzter Urlaubstag, ich sagte ohne langes Nachdenken zu.
Es wurde ein Tag, der mich jetzt noch erfüllt. Früh morgens mit dem Auto durch die winterliche, mondbeschienene Landschaft. Dann mit der Bergbahn auf einen Dreitausender. Oben erwartete uns strahlender Sonnenschein, geblendet schauten wir auf schneebedeckte Gipfel und bizarre Gebilde aus Wind und Eis.
Es war fast zuviel des Guten.
Meine Frau fragte, wie es gewesen sei:
Ich sagte, ein wenig unbedacht: Toll, es war einfach nur toll.
Darf man das eigentlich so sagen: Dieser Tag war einfach nur toll?
Schließlich hatten wir uns auf dem Hinweg verfahren.
Und eine teure Autobahn-Vignette kaufen müssen. Und, und.
Trotzdem: für diesen und viele andere Tage muss ich es sagen:
Leben ist ein kostbares Geschenk.
Ich kenne wohl Tage, die nicht schön sind.
Ich weiß, dass viele Menschen nicht mehr aus dem Haus kommen, sich nicht frei bewegen können. Manche sehnen sich danach, zu sterben, weil sie nicht mehr können.
Und doch: kostbare Tage, gefüllt mit Freundschaft, Licht, Natur und Kultur.
Gibt es sie nicht in jedem Leben? Auch unter ganz anderen, eingeschränkten Bedingungen?
Vielleicht liegt der letzte schon lange zurück. Vielleicht kommt der nächste ganz bald.
Ich freue mich drauf, und wenns irgendwie geht: Freuen Sie sich auch!
Das Leben ist toll.
Für mich steckt dahinter ein liebender Gott, der es schenkt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19079

Er hat gerne gelebt. Aber er wusste auch, so schrieb er einmal, dass dieses Leben nicht zum Festhalten gemacht ist. Heute vor 200 Jahren, am 21. Januar 1815, ist Matthias Claudius in Hamburg im Alter von 75 Jahren im Kreis seiner großen Familie gestorben.
Matthias Claudius hat ein Leben lang über den Tod nachgedacht. Sein Gedicht „Der Tod und das Mädchen“ hat Franz Schubert zur Vorlage eines Kunstliedes genommen und später ein Streichquartett dazu komponiert. Darin begegnet der Tod einer jungen Frau, die abwehrend ihre Hände gegen ihn erhebt.
Der Tod aber nähert sich ihr wie ein Geliebter: „Gib deine Hand, du schön und zart Gebild! Bin Freund, und komme nicht, zu strafen: Sei gutes Muts! ich bin nicht wild, sollst sanft in meinen Armen schlafen.“
Claudius hat den Tod erlebt, als sein geliebter Bruder starb. Und drei seiner Kinder in jungen Jahren. Als seine geliebte Mutter stirbt, notiert er: „Wir sind nicht groß, und unser Glück ist, dass wir an etwas Größeres und Besseres glauben können.“
Dass er sich so mit der Vergänglichkeit beschäftigte, geschah nicht aus Lebensmüdigkeit. Er wollte die Dinge sehen, wie sie sind. Und hat sich bemüht, keine Realität zu verdrängen.
„Der Tod ist `n eigener Mann“, schreibt er einmal, „er streift den Dingen dieser Welt ihre Regenbogenhaut ab und schließt das Herz zur Nüchternheit auf... Und es ist ein großer Gewinn, alles, was man tut, wie vor seinem Katheder und unter seinen Augen zu tun.“
Bei Claudius kommt beides zusammen: Lebenslust und Freude am Dasein. Aber auch ein biblisches Bewusstsein von der Hinfälligkeit alles Irdischen. Er hat „eine Haltung entwickelt,“,  so sein Biograph Hans Jürgen Schultz, „ die sowohl aus Widerstand wie aus Ergebung, aus Trotz wie aus Trost bestand“.
Matthias Claudius wusste: Der Mensch ist hier nicht zu Hause. Das Leben als Ganzes ist uns verborgen –  wie der Mond, dessen runde Fülle sich hinter Wolken versteckt: „Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön. So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsere Augen sie nicht sehen.“
Wie man als Christ Realismus und Lebensfreude miteinander verbindet, das kann man von Matthias Claudius lernen. Und manche seiner Worte klingen in mir nach, wie dieses: „Wir sind nicht umsonst in diese Welt gesetzt, wir sollen hier reif für eine andere werden.“

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Kaum ein anderes Lied hat den Bekanntheitsgrad erreicht wie „Der Mond ist aufgegangen...“  
Matthias Claudius, der es gedichtet hat, ist im Januar 1815 in Hamburg gestorben. Wenn man sein Leben in wenigen Worten beschreiben wollte, müsste man sagen: ein Mensch, ein Dichter, ein Journalist, der in keine Schublade passt. Ihm kam es darauf an, das Leben zu leben, das Alltägliche zu beobachten und es geistreich zu kommentieren. Das verstand er als seinen Beruf.
Mir imponiert, wie er immer wieder zeigt, dass der Blick zum Himmel, zum Mond und den Sternen, keineswegs dazu führen muss, dass man auf Erden stolpert. Im Gegenteil – der Blick nach oben lässt ihn eine Lebenskunst entwickeln, die unterscheiden kann – zwischen dem, was groß ist. Und dem, was sich nur groß macht.
Dieser Blick zum Himmel findet sich noch in einem anderen Gedicht . Es ist der Sternseherin Lise gewidmet, die immer wieder aufs Neue verzaubert ist vom nächtlichen Sternenhimmel. Ihr leiht Claudius seine Stimme:

Ich sehe oft um Mitternacht,
Wenn ich mein Werk getan
Und niemand mehr im Hause wacht,
Die Stern' am Himmel an.
Sie gehn da, hin und her zerstreut
Als Lämmer auf der Flur;
In Rudeln auch, und aufgereih't
Wie Perlen an der Schnur;
Und funkeln alle weit und breit,
Und funkeln rein und schön;
Ich seh die große Herrlichkeit,
Und kann mich satt nicht sehn...
Dann saget, unterm Himmelszelt
Mein Herz mir in der Brust:
»Es gibt was Bessers in der Welt
Als all ihr Schmerz und Lust.«
Ich werf mich auf mein Lager hin,
Und liege lange wach,
Und suche es in meinem Sinn,
Und sehne mich darnach.

Der Blick an den nächtlichen Himmel vermittelt ihr eine Sehnsucht, die auf Erden kein Ziel findet. Eine Ahnung, dass es in der Welt noch etwas Anderes geben muss „als all ihr Schmerz und Lust“.
Was das sein könnte, dafür hat Matthias Claudius keine schnelle Antwort parat. Ihm liegt daran, dass es auf den Prozess des Suchens und Sehnens ankommt.  Sich nicht abfinden oder abspeisen lassen mit einer Gegenwart, wie sie ist. Sondern darüber hinaus denken. Im Fragemodus bleiben. Darauf kommt es ihm an.
Aus dem christlichen Glauben gespeist ist seine Sehnsucht. Sie hat Matthias Claudius nicht zu einem Traumtänzer werden lassen. Sondern zu jemandem, der mit wachen Sinnen und mit Augenmass sein Leben lebt. Und das anderer Menschen mit bleibenden Gedanken beschenkt hat.

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Ein Liebhaber des Lebens sei er gewesen, schreibt einer seiner Biographen. Einer, der die Betrachtung des alltäglichen Lebens zu  seiner Passion gemacht habe.
Gemeint ist Matthias Claudius, dessen Todestag vor 200 Jahren wir in diesen Tagen gedenken. Sein Lied „Der Mond ist aufgegangen“ gehört zu den bekanntesten Gedichten der deutschen Literatur.
Geboren wurde Claudius 1740 in dem Dorf Reinfeld in Holstein als viertes Kind eines Pfarrers. Er studiert zunächst Theologie. Die erscheint ihm aber bald zu abstrakt und lebensfern. Er wechselt zum Jurastudium, macht aber auch daraus keinen Beruf. Schließlich findet er Arbeit als Redakteur des „Wandsbeker Boten“, einer Zeitung, die in Wandsbek bei Hamburg erscheint. Die Arbeit als Journalist wird ihm zur Berufung.
Er heiratet seine Frau Rebekka. Eine große Liebe, die über vier Jahrzehnte Bestand hat. Zusammen haben sie zwölf Kinder. Nach einem erfülltem Leben stirbt er 75jährig im Kreis seiner großen Familie am 21. Januar 1815 in Hamburg.
Schreiben ist sein wahres Metier. Alles, was ihm begegnet, wird ihm zum Anstoß seines Denkens und Dichtens. Briefe und Gedichte finden sich in seinem Werk, politische Reflexionen, Naturbetrachtungen und humoristische Verse. Einfach und menschennah spricht er über seinen christlichen Glauben. Was er schreibt, ist in kein System einzuordnen. Aber ist heute noch gut zu hören und zu beherzigen. Wie etwa seine Betrachtung zum Neuen Jahr.
„’ fröhlichs Neujahr“ schreibt er da, „ für mein liebes Vaterland, für Freunde und Feinde, Christen und Türken, für alle Menschen, über die Gott seine Sonne aufgehen und regnen lässet! ich kann’s sonst wohl leiden, dass einer so’n bisschen patriotisch ist, aber Neujahrstag ist mein Patriotismus mausetot und ’s ist mir an dem Tage, als wenn wir alle Brüder wären und Einer unser Vater, der im Himmel ist, als wären alle Güter der Welt Wasser, das Gott für alle geschaffen hat.
Ich pflege mich denn wohl auf einen Stein am Weg hinzusetzen und an dies und jen’s zu denken ... daran, dass ich in dem vergangenen Jahr die Sonne so oft hab’ aufgehn sehen und den Mond, dass ich so viele Blumen und Regenbogen gesehn, und so oft aus der Luft Odem geschöpft und aus dem Bach getrunken habe...“
Ein Liebhaber des Lebens, dieser Matthias Claudius, mit einem weiten Herzen. Wert, dass ich mich näher mit ihm befasse.

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