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SWR2 Wort zum Tag

Wenn ich mich morgens an den Schreibtisch setze, ist die erste Aktion meistens, den Computer hochzufahren und  ins Netz zu gehen. Dazu brauche ich ein Passwort. Ohne dieses gibt es keinen Zugang.

Manchmal versuche ich auch, mich noch mit einem  ganz anderen Netz zu verbinden: einem besonderen worldwideweb – dem weltumspannenden Netz des Heiligen Geistes. Ich könnte es auch altmodisch sagen: manchmal versuche ich morgens zu beten und alles, was gerade auf mich einströmt – die Aufgaben des Tages, meine Hoffnungen und Sorgen mit dem Geist Gottes zu verbinden. Das stärkt und gibt Kraft, denn ich bin dann nicht nur auf mich allein gestellt.

Aber das ist gar nicht so einfach. Es gibt ja immer so viel zu erledigen, dass dafür keine Zeit übrig scheint. Und selbst wenn ich mir die Zeit nehme, gelingt es mir nicht immer, mit Gott in Verbindung zu kommen. Ich fühle mich weit weg, isoliert, abgeschnitten - so als fehlte mir das Passwort, meine persönliche Zugangsberechtigung….

In der Bibel wird von Menschen erzählt, die ständig dieses Lebensgefühl haben: sie fühlen sich getrennt von Gott und auch ausgeschlossen aus der menschlichen Gemeinschaft. Da ist eine Frau. Sie schafft es nicht mehr, aus dem Haus zu gehen, liegt nur noch erschöpft, ausgelaugt und entkräftet im Bett. Oder ein Mann mit einer verkrüppelten Hand. Er kann nichts mehr anpacken und sein Leben nicht mehr kraftvoll in die Hand nehmen. Er fühlt sich unnütz und überflüssig. Beide haben sie ihr Passwort, ihren Zugangscode zum Leben längst verloren.

Jesus geht auf diese Außenseiter zu. Er wartet nicht, bis sie zu ihm kommen. Er berührt die Frau und richtet sie auf. Er sagt zu dem Mann: Streck deine Hand aus. Er gibt ihnen ein neues Passwort: Du sollst leben. Du gehörst dazu. Du bist von Gott gesehen und geliebt. Dass Jesus so mit ihnen umgeht und spricht, ermöglicht ihnen ein neues Lebensgefühl. Nicht mehr isoliert sondern verbunden zu sein mit Gott und dem Leben, das von ihm ausgeht. Dadurch werden sie geheilt.

Du bist von Gott gesehen und geliebt - das sagt Jesus auch in meine Lebenssituation hinein. Gerade dort, wo etwas bei mir verkrüppelt oder leblos ist. Er gibt mir immer wieder ein Passwort zum Leben. Das will ich nicht vergessen.

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Meine Tochter war für einige Wochen im Ausland, und während dieser Zeit waren wir häufiger über Skype in Verbindung. Wir konnten uns auf dem Computerbildschirm sehen und miteinander sprechen –  und ich habe  ihre Gegenwart gespürt, obwohl sie in Wirklichkeit tausend Kilometer entfernt war.

Längst haben sich viele an diese Art der digitalen Kommunikation gewöhnt, die Menschen über die Grenzen von Raum und Zeit hinweg verbindet. Das Internet als gemeinsames Medium macht es möglich. Aber wirklich nahe komme ich einem anderen erst, wenn es um mehr als einen Austausch von Informationen und Daten geht. Wenn ich nachfrage: was beschäftigt dich gerade? Wie erlebst du diese oder jene Situation? Wenn ich auf die feinen Signale des Mienenspiels achte und auf den Klang der Stimme höre… Mit anderen Worten: wenn die seelische Dimension ins Spiel kommt.

Die Seele ist für mich so etwas wie der innere Kern einer Person. Was ich denke und fühle. Wer ich bin. Wenn wir miteinander kommunizieren, können wir nicht nur etwas sondern auch uns selbst mitteilen. Aber dafür brauchen wir jemanden, der sich für uns interessiert und sich in uns einfühlt. Der nicht nur hört, was wir sagen, sondern zuhört und hinhört. Dadurch kann eine Verbindung, ein gemeinsames Netz entstehen – eine Art seelisches Internet…

Die Seele ermöglicht es uns, mit anderen Menschen in Beziehung zu sein – auch über die Grenzen von Raum und Zeit hinweg. Darüber kann man ins Staunen geraten. Was ist das eigentlich: die Seele - woher kommt sie?

In der Bibel wird ganz anschaulich erzählt, dass Gott es ist, der dem Menschen die Seele einhaucht. Nachdem er den Adam aus der Erde geformt hat, haucht er ihm seinen Atem ein und macht ihn so lebendig. Das hebräische Wort für Lebensatem – näfäsch – bedeutet zugleich „Seele“. Unsere Seele kommt also von Gott, diese Sehnsucht, über uns hinauszutreten und in Beziehung zu kommen. Unsere Seele muss atmen, um nicht zu verkümmern. Wir brauchen Beziehungen um lebendig zu sein. Und in unseren Beziehungen können wir auch Gott erfahren - wenn wir uns untereinander verbunden fühlen, erfahren wir Gottes beziehungsstiftenden Geist. Heiliger Geist wird er in der Bibel genannt.  Er ist das Medium, in dem wir untereinander und mit Gott verbunden sein können. Eine Art worldwideweb für unsere Seelen.

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„Ein Fremder“, so sagt die jüdische Lyrikerin Nelly Sachs in einem erschütternden Gedicht, „ein Fremder hat immer / seine Heimat im Arm / wie eine Waise / für die er vielleicht nichts / als ein Grab sucht.“

Nelly Sachs, die sich und ihre Mutter selbst gerade noch rechtzeitig vor den nationalsozialistischen Verfolgern ins schwedische Exil retten konnte, weiß, wovon sie spricht. Sie kennt die Sprache der Sehnsucht; sie weiß um die Not, fremd, vertrieben, heimatlos zu sein.

Dieses Gedicht hat mich immer schon bewegt. Jetzt ist es neu für mich konkret geworden, als ich vor kurzem in der nordirakischen Provinz Kurdistan gewesen bin. Dorthin ist vor wenigen Wochen fast eine Million Menschen vor dem Terror der IS-Milizen geflohen: Christen, Angehörige der aus vorchristlicher Zeit kommenden yezidischen Religionsgemeinschaft, schiitische Muslime und auch Sunniten, die ihren christlichen Nachbarn geholfen und sich selbst in Lebensgefahr gebracht hatten. Diese Menschen sind Fremde im eigenen Land. Sie leben in provisorischen Zeltstädten, in Rohbauten, in leer geräumten Schulen, Kirchen und Moscheen; sie kampieren unter Brücken und in Verschlägen entlang den Straßen und fürchten den nahen Winter.

Allein 40.000 Vertriebene sind in der kurdischen Hauptstadt Erbil notdürftig untergebracht. Dort werde ich in einem völlig überfüllten Rohbau von einer erregten Menschenmenge umringt. „Unsere Kinder und wir haben keine Zukunft mehr“, sagt ein Mann, der seit seiner Flucht aus einem christlichen Dorf vor vielen Wochen dasselbe Gewand auf dem Leib trägt. „Wohin sollen wir gehen?“ Und ein yezidischer Greis, dessen Gemeinschaft vom Völkermord bedroht ist, sagt: „Man will uns hier nicht mehr, und niemand hilft uns.“

Sie haben alles verloren. Aber das Schlimmste ist vielleicht: Sie haben mit ihrer Heimat auch die Hoffnung verloren. Was einem Menschen äußeren und inneren Halt und Geborgenheit geben kann, wurde zunichte gemacht. „Ein Fremder hat immer / seine Heimat im Arm / wie eine Waise / für die er vielleicht nichts / als ein Grab sucht.“

Ich habe mich bei solchen Begegnungen sehr hilflos gefühlt. Diese Menschen haben mich gebeten, dass ich zuhause von ihnen berichte, damit sie nicht vergessen werden. Das war das einzige, was ich ihnen versprechen konnte.

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„Und Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen“, so lautet einer der tröstlichsten Sätze der Bibel. Er steht im letzten Buch des Neuen Testaments, der Geheimen Offenbarung des Johannes, sie wird auch Apokalypse genannt. Ein unbekannter Verfasser hat dieses Buch geschrieben, um das Jahr 100 nach Christus. Hintergrund sind wohl schwere Christenverfolgungen unter dem römischen Kaiser Domitian. Domitian verlangte, daß alle seine Untertanen ihn als Gott verehrten. Viele, die sich geweigert haben, diesen Kaiserkult zu vollziehen, wurden gefoltert und umgebracht.

„Und Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen“, dieser Satz, den ich heute als sehr persönlich empfinde, war damals auch ein politischer Satz. Er bedeutete nämlich: Nicht der Kaiser hat das letzte Wort und die größte Macht, sondern Gott. Und Gott nimmt alles wahr, was Ihr jetzt leidet, und er will und kann die geschundenen Menschen trösten.

Ob er auch die Opfer in unsern heutigen Kriegen und Bürgerkriegen trösten wird, auf der ganzen Welt? Die Opfer von Herrschern, Terrorgruppen und Wirtschaftskartellen, die Opfer all derer, die sich um ihrer eigenen Macht willen zum Schicksal anderer machen? Ich finde, dieser Satz aus der Bibel verspricht genau das. Daß Gott im massenhaften Leid das persönliche Leid sieht, die Tränen im Gesicht jedes und jeder einzelnen. Immer wieder versuchen Menschen, sich an die Stelle Gottes zu setzen. Heute nicht mehr, indem sie religiöse Verehrung für sich fordern. Aber indem sie sich zu Herren machen über das Schicksal anderer, über ihre Lebensumstände und auch über ihr Leben überhaupt. Daß die Macht von Menschen über Menschen nicht grenzenlos ist – davon spricht jener unbekannte Verfasser um 100 nach Christus.

 

Immer wieder haben Menschen diesen tröstlichen Satz aber auch in andern Situationen auf sich bezogen, bei Krankheit, schmerzhaftem Abschied, Verlust. Es steckt nicht das Versprechen darin, verschont zu sein. Die Tränen werden geweint. Aber es gibt einen, der sie sieht und der sie abwischt, irgendwann oder auch bald.

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Allerseelen und Allerheiligen – das ist Ostern im November. Diese Tage, die wir heute vor allem mit Tod und Trauer verbinden, haben im Grunde einen sehr hoffnungsvollen Inhalt. Allerheiligen zum Beispiel geht schon zurück ins 4. Jahrhundert und wurde ursprünglich in der Osterzeit gefeiert, ein Fest voller Freude und Zuversicht, daß die Heiligen in Gemeinschaft mit Gott leben.

Um 800 ist das Fest auf den 1. November gewandert. Allerheiligen war jetzt wie ein Lichtschimmer in der dunklen Jahreszeit. In unseren Breiten erleben wir in dieser Zeit ja vor allem das Sterben und Vergehen in der Natur, der Blick auf die Heiligen sollte die Hoffnung auf neues Leben stärken.

Heilige – das sind Modelle eines geglückten Lebens. Menschen, die auf der Erde gelebt, gelitten, geliebt, gezweifelt und gehofft haben, und von denen die Kirche glaubt, daß sie in der unverlierbaren Gemeinschaft mit Gott leben. Daß sie erreicht haben, was Gott sich für jeden Menschen wünscht. Das ist ja Ostern. Das ist es, was die Auferstehung Christi uns ermöglicht. Menschen können erreichen, was Gott sich gedacht hat, als er sie ins Leben rief. Viele hat die Kirche im Lauf der Jahrhunderte für heilig erklärt, bis heute. Aber nicht nur ihnen gilt das Fest Allerheiligen, sondern auch denen, die heilig sind, ohne von der Kirche heiliggesprochen zu sein. Alle diejenigen, die unauffällig und unspektakulär etwas vom Evangelium verwirklicht haben, im Sinne von Roger Schutz, dem Prior der ökumenischen Gemeinschaft in Taizé. Der hat einmal einem suchenden Menschen gesagt: „Lebe das wenige, das du vom Evangelium verstanden hast.“

In einem der liturgischen Gebete an diesem Tag heißt es: „Gott, im Himmlischen Jerusalem loben dich auf ewig... unsere Brüder und Schwestern, die schon zur Vollendung gelangt sind.“

Allerheiligen ist also ein Fest, das Vergangenheit und Zukunft umfasst. Es verbindet uns mit den Menschen, die vor uns gelebt haben, und schenkt uns einen Ausblick auf die Zukunft: Glaube an das Ostern für Dich, habe Vertrauen, dass dein Leben sich in Gott vollendet.

Auch wenn viel Scheitern darin ist, auch wenn vieles Angefangene nicht fertig wird. Leben kann glücken.

 

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Vielleicht träumen Sie auch manchmal, es gäbe keinen Tod. Das ist ein so faszinierender Gedanke, verlockend und erschreckend. Nicht nur, weil die Welt bald überfüllt wäre. Die Lebenszeit wäre dann nicht mehr kostbar. Und es könnte nichts vergehen, auch nichts Schlimmes. Ich träume trotzdem immer wieder vom Leben ohne Tod. Der christliche Glaube und die Bibel sind da allerdings nüchterner. Sie benennen die Tatsache, daß wir sterben müssen, und sie fordern dazu auf, die Toten nicht zu vergessen. Der Mensch stirbt unweigerlich, aber nichts und niemand kann ein Leben ungeschehen machen. Und jeder ist es wert, dass man sich seiner weiter erinnert und sich weiter mit ihm verbunden fühlt.

Gerade gestern am Allerseelentag haben sich wieder viele Menschen an ihre Toten erinnert und damit gezeigt: Wer tot ist, ist nicht vergessen, nicht von den Lebenden und nicht von Gott.

Jedes Jahr am Allerseelentag nennen viele Gemeinden im Gottesdienst die Namen derer, die im vergangenen Jahr gestorben sind. Vorher wird ein Abschnitt aus dem Johannesevangelium gelesen. Da heißt es: „Jesus sagte zu seinen Jüngern: Euer Herz sei ohne Angst. Glaubt an Gott und glaubt an mich.... Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen ... Wenn ich hingegangen bin und euch einen Platz bereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen.“ (Joh14)

Allerseelen – an die Verstorbenen denken, daran denken, was sie uns bedeutet haben. Glauben und hoffen, dass Gott ihr Leben würdigt – mit dem Guten und dem Schlechten, glauben und hoffen, dass auch ich im Tod nicht vergessen bin, nicht von Gott und nicht von den Menschen.

Ein weiterer Gedanke gehört zu diesem Tag: Indem wir für unsere Toten beten, können wir sie bewusst Gott anvertrauen. Vielleicht ist inzwischen Zeit vergangen, so dass wir jetzt das Leben ohne sie in die Hand nehmen können. An sie denken können wir dabei weiterhin.

Manche und mancher darf sich endlich auch von einem Menschen lösen, mit dem es schwer war im Leben.

Denn Allerseelen ist ein Tag, der den Verstorbenen gilt und den Lebenden dient.

 

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